Die Riesenzwerge. Ein Beitrag ist der Titel des 1964 publizierten Debütromans von Gisela Elsner, durch den die Autorin in der Literaturszene bekannt wurde. In einer satirischen, ins Surreale oszillierenden Szenenfolge wird das kleinbürgerliche Alltagsleben mit seinen schematischen Abläufen, Regeln und Sprachschablonen im Nachkriegsdeutschlands persifliert.

Inhalt In zehn Kapiteln erzählt Lothar in Realität-Phantasie-Überblendungen von seiner Familie und den Menschen in der Stadt: Sein Vater wurde, in der traumatischen Erinnerung des Kindes, von den mit der Bewirtung eines überfüllten Restaurants unzufriedenen hungrigen Gästen kannibalisch aufgegessen. Der sich dafür verantwortlich fühlende Oberlehrer Leinlein heiratet darauf Luise, die Witwe seines ihm untergeordneten Kollegen, und adoptiert deren Sohn Lothar. Von seinem Stiefvater und seiner Großmutter (Kap. Der Achte) in gegenseitigem Unverständnis hin- und hergeschoben („Wer bist du denn?“),Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 181. sieht Lothar seine Umwelt als kafkaeske Szenerie, die er mit endlosen Gedankenspiralen zu enträtseln sucht.

Die Mahlzeit Einmal jährlich, am Todestag, besucht die Familie das Grab von Lothars Vater. Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem der Oberlehrer hungernd beobachten muss, wie sich Frau und Sohn einmal satt essen können, wogegen er täglich zum Mittagessen drei Portionen – Lothar erhält weniger als eine und Luise eine halbe – und die Reste der anderen verschlingt: „Mein Vater ist ein guter Esser. […] Meine Mutter ist eine gute Köchin“.Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 7, 33.

Der Wirt Die über ihren abgemagerten Sohn beunruhigte Mutter bringt Lothar zu Doktor Trautbert, der zwischen den Untersuchungen seine vier bissigen, die Patienten, die dem Arzt Knochen und Fleischstücke mitbringen, verbellenden Hunde füttert. Nach langem Aufenthalt im Wartezimmer und kurzer oberflächlicher Untersuchung erkennt Trautbert offenbar nicht die psychische Erkrankung und hält einen detaillierten Vortrag über Bandwürmer, deren Wirt der Junge sei. Nach Praxisschluss führt der Tierfreund seine Hunde aus, verliert die Gewalt über sie und kann nicht verhindern, dass die Hündin Susi einen Passanten beißt: „Susi ist besonders wählerisch. Meinen Sie nur nicht, sie bisse den Erstbesten, der ihr über den Weg läuft. Blutet es sehr? […] Sie haben Glück, ich bin nämlich Arzt.“Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 62. Im Kapitel „Der Achte“ beobachtet Lothar vom Fenster seiner Großmutter aus Doktor Trautberts vergebliche Dressurbemühungen und weitere Hundebegegnungen und widersprüchliche Hundehalter-Ratschläge: „Bleiben Sie stehen, dann tut sie nichts! […] Rennen Sie weiter, sonst werden Sie in Stücke gerissen!“Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 245.

Der Knopf Beim Anziehen reißt Leinleins Kragenknopf ab und seine Frau versucht ihn anzunähen. Da ihr Mann das Hemd anbehält und während der Reparatur frühstückt, gelingt ihr dies nicht und die Nachbarin muss helfen. Anschließend übt der Oberlehrer mit seinen Schülern in einem langwierigen Frage-Antwort-Unterricht, bei dem labyrinthisch alle möglichen und unmöglichen Schwierigkeiten beim Nadel-Faden-Finden, Einfädeln usw. thematisiert werden, das selbständige Anhängen eines Knopfes ohne Hilfe der Mutter. Inzwischen übt die über ihr Ungeschick verzweifelte Luise das Annähen von Knöpfen am Tischtuch.

Die Prozession Herr Kecker hat im Krieg ein Bein verloren und humpelt auf zwei Krücken gestützt durch die Stadt zu seinem Arbeitsplatz. Im Laufe der Zeit verändert sich sein Verhalten. Er wirkt launisch, ist mit nichts zufrieden und die Menschen sind unsicher, wie sie ihn behandeln sollen. Im Büro will man es ihm so bequem wie möglich machen und ihn unterstützen und er gibt immer mehr Aufgaben ab, lässt sich schließlich stöhnend auf einer Bahre durch das Haus und die Stadt tragen und gibt den Trägern immer neue Anweisungen. Die Bewohner reagieren unterschiedlich, die einen sind mitleidig hilfsbereit und gehorchen seinen Launen, die anderen fühlen sich ausgenutzt: „Was der aus seinem Invalidentum herausholt […] Der versteht es, Vorteile aus seinem Nachteil zu zieht!“Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 99. Am Tag der Prozession lässt er sich genau vor dem Stadtpfarrer unter dem Baldachin über die Straße tragen, stoppt mit entblößtem Beinstumpf und dem Ruf „Ich habe den Krieg nicht gewollt!“Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 119. den zweiten Teil des Zuges, bringt die Ordnung und die Andacht durcheinander und schreit: „Frömmlinge die! Inquisitorengesocks […] Mich ausquetschen wollen! Mich! Kein Sterbenswörtchen werden sie erfahren! […] Auch nicht mit solchen Methoden!“Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 121.

Die Schafe An einem Sonntag fährt Familie Leinlein mit der Straßenbahn bis zur Endstation und wandert dann durch die Landschaft. Ein Heer von Ausflügler lagert und picknickt halbnackt in den Wäldern, liebt sich in den Büschen und streitet sich um die Plätze für ihre Hängematten zwischen den Bäumen.

Die Szenerie wandelt sich, vielleicht im Schwindelanfall Lothars, ins Surreale, als ein bärtiger Mann mit Tropenhelm auf einen Baum steigt und eine apokalyptische Rede vom Ende hält: „Wir haben jede Orientierung verloren! Keiner hat sie gezählt die Tage […] da wir uns durch dieses Dickicht schleppten und schlugen, da wir suchten nach einem Ausweg […] Was soll der Irrwitz, sich einzureden, dass es hieraus eine Rettung gäbe? […] Ich sehe meine Gefährten auf ihre entblößten Leiber einschlagen! Darüber hinweg, ihren verzerrten Gesichtern zu […] kriechen sie, rote riesige Ameisenkolonnen! […] Sie machen ihre Opfer blind, ehe sie ihre Kiefer in die Haut hauen, ehe sie sich festhaken, hineinfressen, Gänge graben und verschwinden […] Sie schaffen aus den Gängen Fleischstücke ins Freie […] stückweise, meine Gefährten, und entfernen sich, so lautlos sie sich genähert haben.“Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag: Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 141 ff., 143 ff.

Während ihrer weiteren Wanderung fühlt sich Lothar vom langen Laufen schwindlig und muss sich hinlegen. Er sieht Doktor Trautbert auf eine in der Nähe weidende Schafherde zugehen, um sie während der Abwesenheit des Schäfers zu beschützen, aber einige Tiere laufen auf ihn zu, stoßen ihn um, legen sich auf ihn und drohen ihn zu erdrücken. Der hinzukommende Schäfer rettet ihn. Während der Arzt im Weggehen „Sie sollten sich ihrer Tiere schämen“ ruft, bedeckt der Schäfer mit beiden Händen sein Gesicht und kichert.Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 156.

Die Ruderer In einer traumartigen Szene suchen Leinlein und Lothar in der Stadt nach seiner Mutter. Sie kommen an einer Metzgerei vorbei, wo die Kunden an diesem Tag kostenlos verköstigt werden und sich mit Würsten vollstopfen. Lothar meint in der Menge seine Mutter entdeckt zu haben und folgt der Frau zum Fluss. Dort sieht er Ruderer, die für eine Regatta trainieren, und die sie ebenfalls beobachtenden Passanten am Ufer. Er spekuliert über deren Beziehungen und reflektiert in langen kafkaesken „vielleicht-möglicherweise-Gedankenspiralen“ über sich und die anderen: „‚Was werfen sie ins Wasser?‘ rufe ich einem Ruderer zu […] und weise, damit dem Ruderer meine Frage verständlicher wird, den Arm hebend und senkend auf die Brücke, auf das Wasser, ich sehe den am gegenüberliegenden Ufer den Arm heben und senken und auf die Brücke und auf das Wasser weisen, als wolle er wie ich wissen, was sie ins Wasser werfen, als wolle er wie ich, indem er den Arm hebt und senkt, dem Ruderer seine Frage verständlicher machen […] ‚Was? Was?‘ ruft der Ruderer. Er dreht dem gegenüber, mir den Kopf zu […] ohne eine Antwort auf meine Frage, auf die Frage dessen gegenüber, ohne eine zweite Frage nach meiner Frage, nach der Frage dessen gegenüber, falls der gegenüber überhaupt etwas gefragt hat, denn ich habe nichts gehört und der Ruderer hat nichts verstanden, lässt sich weiter nach links treiben, der Ruderer, vielleicht, weil er glaubt, dass der gegenüber und ich nicht ihm, sondern dass wir einander eine Frage gestellt hätten. […] Ich wende mich im Gehen nach dem gegenüber um, um zu sehen, ob er sich im Gehen nach mir umwendet, sehe ihn im Gehen sich nach mir umwenden, um zu sehen vielleicht, ob ich mich im Gehen nach ihm umwende. Und wir sehen uns im Gehen nacheinander umwenden. Und wir drehen hastig die Köpfe den Bänken zu, das heißt ich wende mich nicht mehr um und kann nicht wissen, ob er sich umwendet, so wie er, falls er sich nicht mehr umwendet, nicht wissen kann, ob ich mich umwende, so wie er, falls er sich umwendet, weiß, dass ich mich nicht mehr umgewendet habe. Ich setzte mich auf die Bank. Ich sehe den gegenüber auf der Bank sitzen, wie er mich sich gegenüber auf der Bank sitzen sehen müsste…“Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 170 ff.

Sein Vater taucht auf, macht ihm Vorwürfe, dass er weggelaufen ist, und nimmt ihn mit nach Hause, wo „eine Frau“ auf ihn wartet und verfremdet das gewohnte Mittagessenritual abläuft: „‘Iss jetzt‘, sagt[-] die Frau in ihr Essen hinein, ‚und sieh dem Vater nicht beim Essen zu, das verdirbt ihm den Appetit‘“. Dann schaut sie ihn verwundert an und fragt: „Wer bist du denn?“Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 181.

Der Herr Während seines Aufenthaltes bei der Großmutter hat Lothar traumartige Erlebnisse. Zuerst beschreibt er mit Goldrahmen verzierte Buchstabenbilder, deren Schrift „vielleicht nicht nur für [ihn], sondern auch für einen, der lesen kann, schwierig“ zu erkennen ist. Seine Versuche scheitern, einen Satz zu finden, „der etwas besagt, etwas vielleicht, das zu wissen [ihm] nützlich wäre“.Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 185, 192.

Am Nachmittag kommen, wie an jedem Sonntag, die drei Schwestern der Großmutter, Martha, Maria und Minna, um mit „dem Herrn“ Kaffee zu trinken. „Der Herr“ ist eine mit dem Festanzug von Lothars Großvater bekleidete Christusfigur, welche die Frauen an einer Landstraße, wo sie von den Passanten nicht beachtet wurde, von seinem Kreuz befreit und in die Wohnung der Großmutter gebracht haben. Sie wurden wegen Diebstahls angeklagt, aber als geistig verwirrt freigesprochen, und da niemand das Kruzifix haben wollte, blieb es bei ihnen. Jetzt erwarten die Damen wegen ihrer von der Bevölkerung erlittenen Verspottung und Ausgrenzung eine Würdigung und stellen dem Gast die Frage: „Wer seid Ihr denn, Herr?“ Da er jedoch weiterhin schweigt, nageln sie ihn wieder ans Kreuz. „‚Was sein muss‘, singen die vier Schwestern, ‚das muss sein!‘ Sie fallen auf die Knie. Sie falten die Hände.“Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 185, 213.

Die Insassen Lothar begleitet seine Großmutter zu einer Alkoholiker-Entwöhnungsanstalt, um ihren Sohn, seinen Onkel, abzuholen. Sie laufen durch ein als Mülldeponie genutztes ehemaliges Flughafengelände mit Ruinengebäuden. Scharen von alten, humpelnden Leuten durchsuchen die Schutthalde nach zum Verkauf oder Tauschhandel brauchbaren Materialien.