mini|"Verhindert den WAAHNSINN""Freie Republik Wackerland" mini|Dorfkreuz, WAAldbühne, Baumhäuser, Gemeinschaftshaus und weitere Hütten Die Freie Republik Wackerland (auch Freies Wackerland oder Wackerland) war ein Hüttendorf auf dem Baugelände der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAA) in Bayern. Die Erbauer wollten durch die Bauplatzbesetzung den Bau der kerntechnischen Anlage und die Wald-Rodung behindern. Das Protest-Dorf im Taxöldener Forst bestand 18 Tage vom 21. Dezember 1985 bis zum 7. Januar 1986 und wurde von starken Einsatzkräften der Polizei und des Bundesgrenzschutzes geräumt.

Vorgeschichte Am 4. Februar 1985 entschied sich die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) für den WAA-Standort Wackersdorf. Der Schwandorfer Landrat Hans Schuierer verweigerte jedoch die wasser- und baurechtliche Genehmigung, woraufhin am 23. Juli 1985 vom Bayerischen Landtag die "Lex Schuierer" erlassen wurde. Das Bayerische Umweltministerium erteilte dann am 27. September 1985 die erste Teilerrichtungsgenehmigung. Auch die Regierung der Oberpfalz konnte durch das neue Selbsteintrittsrecht am 11. November 1985 anstelle des Schwandorfer Landratsamtes die erforderlichen Genehmigungen erteilen. Am 10. Dezember 1985 genehmigte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Rodung des Taxölderner Forstes und am 11. Dezember 1985 begann die DWK sogleich mit den Rodungsarbeiten.Oskar Duschinger, Bernhard von Zech-Kleber: Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in: Historisches Lexikon Bayerns, 7. Dezember 2021. Schon im August 1985 versuchten Demonstranten eine erste Bauplatzbesetzung, die aber von der Polizei innerhalb weniger Stunden geräumt wurde.Janine Gaumer: Vom Hüttendorf zur Eskalation. Protestdynamik am Bauzaun. In: Janine Gaumer: Wackersdorf. Atomkraft und Demokratie in der Bundesrepublik 1980–1989. S. 155. Der Bau eines "Freundschaftshauses" sollte ein Test für den Rodungsbeginn sein.Erna Wellnhofer: Das "Freundschaftshaus" wird geräumt. In: Werner Grassl, Klaus Kaschel: Kein Friede den Hütten... Die Tage der freien Republik Wackerland. Burglengenfeld 1986, S. 11.

Freie Oberpfalz Am 14. Dezember 1985 errichteten Demonstranten das Hüttendorf „Freie Oberpfalz“ aus den gerodeten Bäumen und besetzten so einen Teil des Baugeländes. In den Hütten übernachteten etwa 1000 Menschen bei klirrender Kälte. In: Mittelbayerische Zeitung. 20. Mai 2014. Nach zwei Tagen wurde das Hüttendorf am 16. Dezember durch 3.700 Polizisten geräumt. 1.500 WAA-Gegner wurden vom Platz entfernt und 869 Demonstranten wurden festgenommen.18 Tage Freies Wackerland. Film der Medienwerkstatt Franken 1986, YouTube 4 Min Auch Innenminister Karl Hillermeier beobachtete das Geschehen.Bernd Siegler: "Mir san die Chaoten" - Der Widerstand in Wackersdorf. Eine Chronologie des Widerstandes gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz bis zu dem gestern von der DWK verkündeten Baustopp. in: die tageszeitung, 31. Mai 1989, S. 9. in: Mittelbayerische Zeitung, 22. Dezember 2005. Die Freie Oberpfalz gab es nach 60 Stunden nicht mehr, allerdings hatte Hillermeier seinen Rücktritt versprochen, falls in Bayern eine Besetzung länger als 24 Stunden andauern sollte.Frei statt Bayern - Wackerland im Widerstand (PDF; 19 MB), Radi Aktiv 6/1986, S. 16.18 Tage Freies Wackerland 2-3, YouTube ab Min 6

Freie Republik Wackerland Am 21. Dezember 1985 (vier Tage vor Weihnachten) wurden die Rodungsarbeiten eingestellt und es herrschte „Weihnachtsfriede“.Jakob Felsberger: Die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf (PDF) in: Tschernobyl in Erlangen - Reaktionen und Dynamiken im lokalen Umfeld 1986–1989. Hrsg. Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 2020, S. 57 f. in: Oberpfalznetz, 30. Dezember 2005. Kaum waren die Polizisten abgezogen, besetzen wieder ca. 400 WAA-Gegner den Bauplatz und begannen bei eisigen Temperaturen mit dem Hüttenbau. So entstand die „Freie Republik Wackerland“ (in Anlehnung an die 1980 bestandene Freie Republik Wendland)Werner Grassl, Klaus Kaschel: Kein Friede den Hütten... Die Tage der "Freien Republik Wackerland". Burglengenfeld 1986, ISBN 3-925603-02-6.. reisefoto.net, abgerufen am 29. Juli 2014. mit vielen Hütten, in: Die Zeit, 10. Januar 1986. Zelten, Baumhäusern, Blockhütten, Beobachtungstürmen und mehr.Frei statt Bayern - Wackerland im Widerstand (PDF; 19 MB), Radi Aktiv 6/1986, S. 19. Das Baumaterial lag im gerodeten Wald überall herum und tausende Einheimische unterstützten die Hüttenbewohner mit Baumaterialien, Werkzeugen, Lebensmittel, Wasser und allem Lebensnotwendigen und boten auch Dusch- und Wasch-Möglichkeiten an oder halfen selbst beim Hüttenbau mit.Oskar Duschinger: Unbestechlich - Hans Schuierer. Ein Leben für die Bürger und gegen die WAA. Burglengenfeld 1986, S. 136–138.18 Tage Freies Wackerland (3/3), Film der Medienwerkstatt Franken 1986, YouTube 11 Min

Hütten und Einrichtungen Nach und nach entstanden in den 18 Tagen über 150 Hütten und Zelte und die Infrastruktur des Dorfes wurde immer weiter ausgebaut. Baumhäuser, Waaldbühne, dreibeiniges Info-Center, Gemeinschaftshaus (Günter-Sare-Haus), Haus der Begegnung, Amberger Hütte, Landshuter Turm, Versorgungshaus, Teeküche, Schwitzhütte (Sauna), Hexenhaus, Villa Kunterbunt, Aussichtstürme, Dorfkreuz, Marien-Bildstock, Weihnachtskrippe usw. machten das Dorf zu einer Wohn- und Begegnungsstätte. Jung und Alt, Einheimische und Auswärtige, brave Bürger und gewaltbereite Autonome arbeiteten und feierten zusammen. Es gab sogar eine eigene Hüttendorf-Zeitung "Tax News" in Anlehnung an den Taxöldener Forst.Janine Gaumer: Vom Hüttendorf zur Eskalation. Protestdynamik am Bauzaun. In: Janine Gaumer: Wackersdorf. Atomkraft und Demokratie in der Bundesrepublik 1980–1989. S. 162 f. Sowohl das "Günter-Sare-Haus"-Transparent als auch das Transparent mit einem Zitat und dem Bildnis der damals schon verstorbenen Links-Terroristin Ulrike Meinhof wurden 1986 nach der Hüttendorfräumung im Bayerischen Landtag lebhaft und kontrovers diskutiert.Bericht des Herrn Staatsministers des Innern zu Vorgängen auf dem WAA-Gelände (PDF; 3,9 MB) Bayerischer Landtag, 20. Februar 1986, Plenarprotokoll (S. 6135-6191), S. 6146 ff.

Dorfkreuz mit Marien-Bildstock Der Holzbildhauer Stefan Preisl aus Burglengenfeld beteiligte sich früh an den Widerstandsaktionen gegen die WAA und schnitzte aus einem gerodeten Baumstamm im Hüttendorf eine Christusfigur (das Gestohlene Kreuz von Wackersdorf). Der Korpus wurde an einem Kreuz aus Baumstämmen angebracht, aufgestellt und am 31. Dezember 1985 von Pfarrer Andreas Schlagenhaufer"Widerstand - zäh und hartnäckig" - Interview mit Pfarrer Andreas Schlagenhaufer (PDF; 19 MB) in: Radi Aktiv 6/1986, S. 65 f. gesegnet. Dorfkreuz und Segnung wurden von Politik und Kirche stark kritisiert.Frei statt Bayern - Wackerland im Widerstand - Auseinandersetzungen im Zeichen des Kreuzes (PDF; 19 MB), Radi Aktiv, 6/1986, S. 78. Am Fuße des Kreuzes wurde ein Marien-Bildstock angebracht.Stefan Preisl - Interview 2015, Stefan Preisl berichtet über die Errichtung des Holzkreuzes mit der von ihm geschnitzten Christusfigur im Hüttendorf und die Abnahme durch die Polizei bei der Räumung. Haus der Bayerischen Geschichte, 3 MinDas Kreuz von Wackersdorf - Zigtausende Menschen demonstrierten 1986 gegen die atomare Aufbereitungsanlage Wackersdorf, unter ihnen sehr viele Christen: Ihr Kruzifix im Hüttendorf wurde zu einem umstrittenen Symbol. in: Chrismon, August 2011. Ein Modell der Christus-Figur, die am 20. Februar 1986 neben dem Franziskus-Marterl gestohlen wurde, ist heute im Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) in Regensburg zu sehen.

Weihnachtskrippe Zu Weihnachten kamen ca. 1500 Bürger aus nah und fern und feierten Heilig Abend im Hüttendorf. in: Oberpfalznetz, 30. Dezember 2005. Die offizielle Weihnachtsfeier zelebrierten zwei katholische und drei evangelische Priester außerhalb des Hüttendorfs am Roten Kreuz, ohne Wissen ihrer Kirchenleitungen.Ansprache von Pfarrer Leo Feichtmeier am Roten Kreuz: Heiligabend im Taxöldener Forst. In: Werner Grassl, Klaus Kaschel: Kein Friede den Hütten... Die Tage der freien Republik Wackerland. Burglengenfeld 1986, S. 36 f. Die Bereitschaftspolizisten feierten ihn ihren Unterkünften am Ortsrand von Wackersdorf.Oskar Duschinger: Unbestechlich - Hans Schuierer. Ein Leben für die Bürger und gegen die WAA / WAAldweihnacht, Burglengenfeld 1986, S. 136–138. Christbäume wurden geschmückt und eine Weihnachtskrippe aus Tonfiguren angefertigt und unter dem "Kufiya-Kreuz"Christliches-Kreuz mit Palästinensischer Kufiya vgl. Vatikan-Krippe zeigt Jesus auf Palästinensertuch – Rabbiner empört, katholisch.de, 10. Dezember 2024. aufgebaut.WAAihnacht in Wackersdorf: Das Christkind im Hüttendorf - Männer und Frauen haben die Krippe in den Wald geholt. Für die Staatsregierung sind es Chaoten, doch es geht fröhlich zu im Taxöldener Forst. An Heiligabend 1985, vor 33 Jahren, wird im Hüttendorf bei Wackersdorf ein Zeichen gesetzt: Ein atomares Großprojekt ist in der Oberpfalz unerwünscht. in: Onetz. 26. Dezember 2018. Die Original-Krippenfiguren Maria mit dem Jesuskind und Josef (ohne Hut) sind im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg ausgestellt.

Waaldbühne Wackerland wurde zu einem „Kulturzentrum der Oberpfalz“Janine Gaumer: Vom Hüttendorf zur Eskalation. Protestdynamik am Bauzaun. In: Janine Gaumer: Wackersdorf. Atomkraft und Demokratie in der Bundesrepublik 1980–1989. S. 162 f. und die WAAldbühne zum kulturellen Mittelpunkt des Hüttendorfes.Kulturelle Aktivitäten während der Platzbesetzungen und im Hüttendorf "Wackerland" 1985 und 1986, Uli Otto, Kultur gegen die WAA, Regensburg o. J. Vor allem an den Feiertagen (Weihnachten, Sylvester, Neujahr, Heilig Drei König) und an den Wochenenden strömten Scharen von Menschen aus Schwandorf und den umliegenden Dörfern herbei und bevölkerten den Dorfplatz, der dann einem riesigen Jahrmarkt glich.Frei statt Bayern - Wackerland im Widerstand (PDF; 19 MB), Radi Aktiv 6/1986, S. 19. Am 29. Dezember kamen rund 3000 Menschen zum Bürgerfest und zu den Sylvester-Feierlichkeiten kamen ca. 2000 Besucher ins Hüttendorf. Auch zu den Auftritten verschiedenster Künstler kamen tausende Zuschauer. Höhepunkt war das Bürger- und Kulturfest am 5./6. Januar 1986 u. a. mit Gerhard Polt und der Biermösl Blosn zu dem über 10.000 Besucher in das Hüttendorf strömten. Die Biermösl Blosn (Christoph Well, Hans Well, Michael Well) und Gerhard Polt demonstrierten musizierend auf der WAAldbühne gegen die WAA.18 Tage Freies Wackerland (Biermösl Blosn ab Min 2), Film der Medienwerkstatt Franken 1986, YouTube 11 Min WAA Wackersdorf Biermösl Blosn im Hüttendorf, YouTube ab Min 38 Auf der Wackerland-Bühne waren zuvor auch die MehlprimelnMehlprimeln (offizielle Seite) und d' NussgacklNussgackl auf Kultur gegen die WAA aufgetreten. Christoph Well (Biermösl Blosn) traf sich 2018 im Rahmen seiner BR-Fernseh-Sendung "Stofferl Wells Bayern" wieder mit den damaligen Mitstreitern und WAA-Gegnern Hans Schuierer und Irmgard Gietl am Franziskus-Marterl.Strawanzen im Oberpfälzer Jura. Als Teil der Anti-WAA-Bewegung trifft Christoph Well die damaligen Symbolfiguren des WAA-Widerstands Hans Schuierer und Irmgard Gietl, BR 2018 ab Min 29

Räumung durch die Polizei Nach dem eingehaltenen Weihnachtsfrieden in: Oberpfalznetz, 30. Dezember 2005. begannen am 7. Januar 1986 frühmorgens 2000 Polizisten das Hüttendorf zu räumen. In: Mittelbayerische Zeitung. 5. Januar 2006.. In: Mittelbayerische Zeitung. 10. Januar 2006. Bei der Räumung, die bis in die Nacht andauerte, wurden über 1000 Menschen (meist Auswärtige) zur erkennungsdienstlichen Erfassung festgenommen. in: Oberpfalznetz, 11. Januar 2006. Einige Baumhäuser wurden vom Hubschrauber aus eingenommen und SEK-Polizisten seilten sich vom Polizeihubschrauber auf die hohen Baumhäuser ab.