Horst Biesold (* 7. September 1939; † 24. Oktober 2000Todesanzeige (pdf)) war ein deutscher Gehörlosenpädagoge und Autor. Seine Forschung deckte auf, was tauben Menschen im NS-Staat angetan wurde. Er begründete das nach ihm benannte Biesold-Archiv, eine umfangreiche Sammlung von Forschungsdaten, die er dem Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser der Universität Hamburg überlassen hat.

Ausbildung Horst Biesold holte auf dem zweiten Bildungsweg nach seiner Tätigkeit bei der Post und Marine sein Abitur nach. Er studierte dann musisch-technische Fächer, um als Fachlehrer an einer Gehörlosenschule in Homberg tätig zu sein. Nach seiner Versetzung nach Bremen bildete er sich zum Grund-, Haupt- und Realschullehrer weiter. Anschließend studierte er Gehörlosen-, Schwerhörigen- und Sprachheilpädagogik in Hamburg und schloss das Studium mit einer Promotion ab.

Wirken Horst Biesold arbeitete einige Jahre als Lehrer an der Gehörlosenschule in Bremen. Nach dieser Zeit hatte er Lehraufträge an den Universitäten in Bremen sowie Hamburg, erstellte Beiträge für den Rundfunk und die Fernsehsendung Sehen statt Hören des Bayerischen Rundfunks, hielt Vorträge und organisierte Ausstellungen.

Aufgrund der persönlichen Feststellung, dass gleichaltrige Gehörlose selten Kinder hatten, beschäftigte er sich verstärkt mit dem Schicksal der Gehörlosen im Zweiten Weltkrieg durch Sterilisation „erblich Kranker“, „Euthanasie“ und der Verfolgung jüdischer Gehörloser. Seine Promotion setzte sich mit dem rassehygienischen Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 und dessen Auswirkungen auf die Gehörlosengemeinschaft in Deutschland auseinander. Sie erschien 1988 unter dem Titel Klagende Hände. Betroffenheit und Spätfolgen in Bezug auf das Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses, dargestellt am Beispiel der „Taubstummen“. Das Buch gilt als wegweisende Studie und Referenz für alle weiteren ForschungsarbeitenJens Gründler: Reformorientierung nach der Katastrophe? Ambivalenzen, Kontinuitäten und Brüche an westfälischen »Blinden- und Taubstummenanstalten« zwischen 1933 und 1965. In: Anja Werner, Marion Schmidt (Hrsg.): Unsichtbare Geschichte(n) sichtbar machen: Gehörlose und schwerhörige Menschen im deutschsprachigen Raum vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart (Reihe=Disability History), Campus Verlag, Frankfurt am Main 2024, ISBN 978-3-593-51774-2, S. 356. sowie als „Klassiker“ der „vergleichweise viele[n] Publikationen zur Zwangssterilisation tauber Menschen im Nationalsozialismus“.

Er stieß am Anfang seiner Recherche auf großen Widerstand und Schweigen, da manche Kollegen meinten, das Thema solle man lieber ruhen lassen. Das tat Biesold nicht und interviewte 1215 Betroffene mit Gebärdensprache. Das von ihm erstellte umfangreiche Archiv ist heute an die Universität Hamburg angegliedert. Durch seine Recherchen zeigte er viele Schicksale auf und entdeckte den gehörlosen jüdischen Maler David Ludwig Bloch. Die gehörlosen Opfer erhielten auf sein Bestreben auch eine symbolische Entschädigung. Viele Pädagogen betrachteten diese Arbeit zunächst mit Skepsis. Der Berufs- und Fachverband Hören und Kommunikation (BDH) gab aber schließlich eine Erklärung ab, in der man sich ausdrücklich vom Verhalten dieser Kollegen distanzierte und die Opfer um Verzeihung bat. In den USA nahm Biesold 1998 zusammen mit Jochen Muhs an einem Kongress zu den gehörlosen Opfern des Zweiten Weltkriegs teil.

Horst Biesold setzte sich auch Zeit seines Lebens für die Gebärdensprache und seine gehörlosen Kollegen ein.

Rezeption Die Gedenk- und Bildungsstätte des Hauses der Wannsee-Konferenz bezieht sich in Bezug auf die Mitwirkung der Lehrer bei der Stigmatisierung und Verfolgung ihrer Schüler auf Biesold und hebt ihn als einen der wenigen Ausnahmen zu den „nach der NS-Zeit weiter wirksamen diskriminierenden Stigmata“ hervor.

Über die englischsprachige Version von Biesolds Buch Klagende Hände äußerte Donald Moores, Professor an der University of North Florida:

Basierend auf Klagende Hände und eigenen Recherchen entwickelte das norwegische Zeichensprachetheater Teater Manu in Oslo im Jahr 2018 das Theaterstück Gråtende hender („Klagende Hände“), mit dem es in Norwegen, Deutschland, andernorts in Europa und weltweit auftrat.

Publikationen Klagende Hände: Betroffenheit und Spätfolgen in bezug auf das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, dargestellt am Beispiel der „Taubstummen“ (zugleich: Diss. der Univ. Bremen, 1986). Jarick Oberbiel Verlag, Solms-Oberbiel 1988, ISBN 3-920224-31-0. Englische Ausgabe: Crying Hands: Eugenics and Deaf People in Nazi Germany. Gallaudet Univ Press, Washington, DC 1999, ISBN 1-56368-077-7. Jüdische Taubstummenerziehung in Deutschland – dargestellt an der Geschichte der „Israelitischen Taubstummenanstalt für Deutschland zu Berlin-Weißensee“. In: Sieglind Ellger-Rüttgardt (Hrsg.): Verloren und Un-Vergessen: jüdische Heilpädagogik in Deutschland. Deutscher Studien-Verlag, Weinheim 1996, ISBN 3-89271-685-4, S. 239–259. Zur Situation der Gehörlosen im Nationalsozialismus. In: Vera Bendt (Hrsg.): „Öffne deine Hand für die Stummen“: Die Geschichte der Israelitischen Taubstummen-Anstalt Berlin-Weissensee 1873 bis 1942. Ausstellungskatalog. Transit Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-88747-090-7, S. 133–158.

Weblinks

Du musst schweigen | Du darfst mit keinem anderen Menschen über diesen Eingriff reden. (PDF) Vortragsankündigung zur Einführung in das Biesold-Archiv. 2025.

Einzelnachweise

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