Helmut Jaro Jaretzki (geboren als Hellmut Adolf Jarecki, Pseudonym: Fred A. Colman; * 28. Dezember 1905 in Berlin; † 12. Januar 1988 in Washington, D.C.) war ein einflussreicher deutscher Kulturjournalist, Rundfunkreporter, Autor, Herausgeber, Redakteur, Verleger, Werbefachmann, Kurator und Manager. Er selbst bezeichnete sich in erster Linie als „Kunstwissenschaftler“. In den 1930er Jahren ging er wegen der nationalsozialistischen Judenverfolgung ins Exil in die USA, wo er unter dem Namen H. J. Anatole Jaro eine neue Karriere begann.
Werdegang Jarecki wurde in Berlin als Sohn von Isidor Jarecki und dessen Ehefrau Margarete geboren. Erst 1921 wurde die Führung des Familiennamens Jaretzki durch das preußische Justizministerium gestattet. Ab 1939 musste er den zusätzlichen Vornamen Israel führen.Landesarchiv Berlin, Standesamt Berlin Iv B Geburtsregister Nr. 7/1906. Nach dem Besuch des Fichte-Gymnasiums und des Helmholtz-Realgymnasiums erlangte er 1923 die allgemeine Hochschulreife und studierte Kunstgeschichte und Philosophie in Paris und an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin.
Karriere in der Weimarer Republik Neben dem Studium wirkte er ab 1924 ein Jahr als UFA-Bildpresseassistent an frühen Werbekampagnen für den Tonfilm mit und begann gleichzeitig eine Karriere als Journalist für verschiedene Berliner Verlage (Ullstein, Mosse, Scherl) bzw. Zeitungen (8-Uhr-Abendblatt). Sein journalistischer Schwerpunkt auf Kunst und Literatur fand alsbald ebenso in einer Reihe von Buch- und Zeitschriftenartikeln Niederschlag, so in Kulturzeitschriften wie Die Schönheit oder Der Querschnitt, aber auch in der Weltbühne.
Besonders prägend war seine Rolle als Kunst- und Kulturvermittler während der folgenden Tätigkeit als Hörfunkjournalist bzw. Radioreporter von 1927 bis 1933 für den Berliner Rundfunk sowie die Sender in Köln, Hamburg und Münster. Er begründete die Sendereihe In der Werkstatt der Lebenden und moderierte ab 1931 die Reihe Von der bildenden Kunst. In seinen Sendungen porträtierte und interviewte er zahlreiche Größen der zeitgenössischen Kunst, darunter Max Liebermann, Heinrich Zille und die Architekten des Bauhauses, und trug maßgeblich zu deren Popularisierung bei. Jaretzki gehörte auch zu den ersten Berichterstattern überhaupt, die das Hörfunkstudio verließen und vor Ort berichteten. Trotz eines Schwerpunkts auf der bildenden Kunst, deckte Jaretzkis kulturjournalistisches Spektrum auch Film, Mode, Literatur und Kulturgeschichte ab. Bezüglich des Rundfunks forderte er eine Abkehr vom trockenen Vortragswesen hin zu einer lebendigen Berichterstattung, die den Alltag widerspiegelt. Obwohl heute nur noch wenige schriftliche Unterlagen zu den Sendungen existieren, belegen die Titel der Beiträge seine innovativen, magazinartigen Ansätze. https://dokumen.pub/radiokunstgeschichte-bildende-kunst-und-kunstvermittlung-im-frhen-rundfunk-der-1920er-bis-1940er-jahre-1nbsped-9783412512224-9783412509798.html
Dabei war Jaretzki selbst kurzzeitig im Kunstbetrieb tätig: Von Ende 1929 bis Mitte 1930 organisierte er die Geschäfte der Comedian Harmonists. Bei ihrem ersten eigenen abendfüllenden Programm Tempo-Varieté (1930) trat er außerdem als ihr Conférencier auf und fungierte bei dem legendären endgültigen Durchbruch der Gruppe somit unmittelbar als Ansager.Peter Czada, Günter Grosse: Comedian Harmonists. Ein Vokalensemble erobert die Welt. Edition Hentrich, Berlin 1993, S. 46. Mit Robert Biberti und Erich Collin blieb er zeitlebens in sporadischem Briefkontakt.
Bücher veröffentlichte er wie auch seine Zeitschriftenartikel meist unter dem Pseudonym Fred A. Colman: Sein 1928 veröffentlichter Band Artisten. Ernstes und heiteres Varieté entstand in Zusammenarbeit mit dem Grafiker Walter Trier als Ergänzung zur Funkreihe Rund um die Arena – Episoden aus Zirkus und Varieté. Für diese Sendereihe der WERAG konzipierte Jaretzki auch das am 2. Oktober 1928 live aus Münster übertragene „heitere Hörbild“ O... Varieté, das Stegreifspiele und Lautbilder von Künstlern wie Grock, dem Trio Fratellini, Whispering Jack Smith, The Revelers und Jack Hylton akustisch verband. Die medienübergreifende Kooperation mit Trier setzte er noch im selben Jahr fort, indem er ihn in der Sendung Im Reiche der Karikatur porträtierte. Weitere Buchveröffentlichungen von Jaretzki befassten sich mit so unterschiedlichen Themen wie Das Gift als Mordwaffe (1928) und Die verliebte Mode (1930). Daneben trat Jaretzki unter dem Pseudonym Fred A. Colman auch als literarischer Übersetzer beispielsweise der Erzählung Trilby von Huges Floret aufhttps://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/revudemo_35971417X-19310300/revudemo_35971417X-19310300_tif/jpegs/00000021.tif.pdf, wobei bis heute ungeklärt ist, ob es sich bei Huges Floret möglicherweise nur um ein weiteres Pseudonym Jaretzkis handelt.
In den letzten Jahren der Weimarer Republik wirkte Jaretzki zudem als zentrales Mitglied der Redaktionskommission der internationalen Künstlervereinigung Porza.https://www.rotes-antiquariat.de/_pdf/KLH2016Web.pdf Teilweise unter deren Schirmherrschaft trat er auch als profilierter Kurator und Organisator von thematischen Kunstausstellungen hervor.https://cbh.pan.pl/sites/default/files/contents/MAQ2_0.pdf Im Jahr 1928 konzipierte er beispielsweise die Schau Ererbtes Talent, die sich mit der Weitergabe künstlerischer Begabung innerhalb von Familien befasste, sowie eine Ausstellung der Sezession Graz (1928), die zeitgenössische österreichische Positionen in Berlin vorstellte. Seine 1930 im Berliner Künstlerhaus gezeigte Ausstellung Lustiges Theater gilt als Pionierarbeit der Theaterwissenschaft; sie würdigte erstmals die Bühnenbildentwürfe der sogenannten „leichten Muse“ wie Operette und Revue als eigenständige Kunstform und präsentierte Werke von Künstlern wie Ernst Stern, Cesar Klein und Caspar Neher.Helmut Jaro Jaretzki (Hrsg.): Lustiges Theater. Berliner Bühnenbilder aus den Jahren 1920–1930. Berlin 1930Die Weltbühne, Jahrgang 26, 1930, Heft 11, S. 415 Ein Jahr später kuratierte er die Wanderausstellung Fahrende Leute (1931), die mit Arbeiten von Jankel Adler, Otto Dix, Erich Heckel, Pablo Picasso und George Grosz die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Zirkusmilieu und gesellschaftlichen Randgruppen dokumentierte.
Zuletzt leitete Jaretzki die Reklameabteilung der seit 1925 in Dresden ansässigen „Haus Bergmann“ Zigarettenfabrik AG; für Bergmanns bunte Bücher arbeitete er wiederum mit Walter Trier zusammen.
Zeit des Nationalsozialismus und Emigration Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Jaretzki, der aus einer jüdischen Familie stammte, aus rassistischen Gründen entlassen und erhielt Berufsverbot. 1935 wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Er verlor seine Wohnung und lebte zeitweise von der jüdischen Wohlfahrt.
1939 emigrierte Jaretzki mit dem Dampfschiff Westernland über Antwerpen nach New York. In den USA nahm er den Namen Anatole Jaro an. Nachdem er 1952 eine US-Bürgerin geheiratet hatte, wurde er im darauffolgenden Jahr in den Vereinigten Staaten eingebürgert.
Neubeginn in den USA Bevor ihm 1942 in Chicago ein Neuanfang als Verlagsredakteur gelang, bestritt Jaro seinen Lebensunterhalt mit einer Reihe von Gelegenheitsjobs, u. a. als Skilehrer. Von 1950 bis 1956 war er für die Encyclopaedia Britannica tätig, später als hochangesehener politischer Analyst unter anderem für den offiziellen staatlichen Auslandssender der USA Voice of AmericaThe DePauw, September 22, 1967, S. 1 & 4. Für das International College of Surgeons und das International Museums of Surgical Science kuratierte er auch wieder Ausstellungen, die zum Teil als Wanderausstellungen ebenso in Deutschland und Österreich gezeigt wurden, und war zeitweise Direktor des Museums.https://www.furche.at/feuilleton/architektur/hospitaeler-der-zukunft-6679914Chicago Medicine. (1961). USA: Chicago Medical Society., S. 37 In den 1970er Jahren arbeitete er in Wien für das Amerika-Institut und die American Medical Society.
Darüber hinaus wirkte Jaro als Korrespondent für deutschsprachige, vornehmlich österreichische Medien wie den ORF und die Wochenzeitung Die Furche. In dieser Rolle erlangte er als ‚Unser Mann in Amerika‘ besondere Bekanntheit, indem er dem österreichischen Publikum den American Way of Life näherbrachte. Sein weiterhin vorhandenes ausgeprägtes Talent als Kulturvermittler manifestierte sich außerdem in Hörfunksendungen wie Die charmante Florence Nightingale (1963) für den WDRAnatole Jaro: Die charmante Florence Nightingale, Sendung WDR vom 18. Februar 1963 und Kafka persönlich (1983) für den ORFhttps://www.mediathek.at/atom/01782C1C-03B-00FFD-00000BEC-01772EE2. Auch für die Deutsche Welle war er bisweilen tätig.
Obgleich er seit 1939 in den Vereinigten Staaten ansässig war, unterhielt er ab den 1960er Jahren zeitweilig auch Wohnsitze in München und Wien, wo seine Ehefrau 1984 verstarb. Vier Jahre darauf, im Jahr 1988, ging Jaros Lebensweg in Washington zu Ende.
Posthume Auflösung der Doppelbiografie Obschon Anatole Jaro bereits in den 1950er und 1960er Jahren durch seine Teilnahme am Wiedergutmachungsverfahren gegen das Deutsche Reich aktenkundig geworden warhttps://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/YUXNKQJBF676OP3GT6DD3A2GZB42VTDV, blieb seine Biografie lange fragmentiert und in der Forschung schemenhaft. Sein Wirken war in Deutschland weitgehend in Vergessenheit geraten; zudem gelang es der Wissenschaft lange nicht, seine vielfältigen Tätigkeiten einer eindeutigen Person zuzuordnen und selbst Organisationen wie der Bund der Verfolgten des Naziregimes verfügten um die Jahrtausendwende über keine gesicherten Informationen zu seinem Verbleib oder seinem Exil in den USA.
Noch 2019 führte ihn die kritische Ernst-Barlach-Briefausgabe (Suhrkamp) mit „unbekannten“ Lebensdaten (vgl. Band III und IV). Zwar hatte die mediengeschichtliche Forschung bereits 2018 Jaretzkis Pionierarbeit im Rundfunk der Weimarer Republik ausführlicher gewürdigt, die Namensformen „Anatol Jaro“ und „Helmut Jaretzki“ dabei jedoch lediglich additiv nebeneinandergestellt, ohne dabei Rückschlüsse auf seinen weiteren Lebensweg zu ziehen.
Die endgültige Auflösung seiner Doppelbiografie ist bemerkenswerterweise nicht der akademischen Forschung, sondern der akribischen Recherche einer privaten Initiative im Umfeld der Comedian Harmonists zu verdanken. Erst durch diesen Abgleich der verstreuten Spuren konnte zweifelsfrei belegt werden, dass der deutsche Rundfunkpionier Helmut Jaretzki und sein amerikanisches Alter Ego Anatole Jaro ein und dieselbe Person verkörperten.
Zitat „Einzig und allein darauf kommt es an: nicht das Nebensächliche, sondern das Wissenswerte zu bieten, und in einer Form, die nicht der Sprecher allein, sondern das Leben um ihn herum prägt, dessen Mittler er wird.“ Helmut Jaro Jaretzki 1928
Weblinks https://dajab.de/personen/helmut-jaretzki/
Anmerkungen
Einzelnachweise
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