mini|Titelblatt der Meggendorfer-Blätter von Franziska Schlopsnies in der Ausstellung, 1927 Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne war eine Sonderausstellung im Jüdischen Museum Berlin (JMB). Sie lief vom 11. Juli bis 23. November 2025. Gezeigt wurden Kreationen jüdischer Designerinnen in Textilkunst, Keramik, Grafik, Mode- und Schmuckdesign.

Die Ausstellung Der Ausstellung vorausgegangen ist eine 20 Jahre dauernde Recherche zu deutsch-jüdischen Designerinnen. Die Kulturhistorikerin Michal S. Friedlander baut seit 2001 als Kuratorin für Judaica und Angewandte Kunst im Jüdischen Museum die Sammlung Angewandte Kunst auf, mit einem bedeutenden Bestand an Arbeiten deutsch-jüdischer Kunsthandwerkerinnen und Designerinnen der Moderne. Sie recherchierte die Biografien der Gestalterinnen und forschte in Deutschland, England, Israel und den USA in Firmenarchiven, auf Flohmärkten, in Privathäusern bis hin zu Onlineauktionen nach Designobjekten und ihren Schöpferinnen.

mini|Stollwerck-Sammelbild von Elli Hirsch in der Ausstellung, 1900 Neben den Arbeiten der Frauen, die vor dem wachsenden Antisemitismus und dem Holocaust ins Ausland flüchten konnten, werden auch Werke von Gestalterinnen präsentiert, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurden oder Suizid begingen. Zu den ausgestellten Künstlerinnen gehörten unter anderem Illustratorinnen, Mode-, Produkt- oder Schmuckdesignerinnen und Modistinnen, für die das Jahr 1933 eine Zäsur mit Ausgrenzung, Berufsverbot und Verfolgung bedeutete und von denen nach der Emigration nur wenige an ihren Erfolg in Deutschland anknüpfen konnten. Der Schwerpunkt liegt auf dem Beitrag, den sie „für die ästhetische Modernisierung der angewandten Künste im frühen 20. Jahrhundert geleistet haben“, und zeichnet ihren Werdegang und die Verdrängung aus der deutschen Kunst- und Kulturgeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus nach. Hetty Berg, Direktorin des JMB, schrieb dazu: „Indem die Schau nicht nur die ästhetische Qualität der Exponate betont, sondern auch die Geschichte der individuellen Produktionsbedingungen und ihr oft abruptes Ende erzählt, hebt sie den spezifischen Anteil deutsch-jüdischer Frauen an der Geschichte der angewandten Künste hervor.“

mini|Werbung für die Frühlings-Schau von Franziska Bruck im Hohenzollern-Kunstgewerbehaus in der Ausstellung, 1914 Die Ausstellung präsentierte rund 400 Exponate und die untrennbar damit verbundenen Biografien von mehr als sechzig jüdischen Gestalterinnen, die ab den 1860er bis Anfang der 1920er Jahre geboren wurden. Unter anderem zeigt die Ausstellung auch Briefe, Zeitungsartikel, Ausstellungsplakate und viele Fotos. „Zu sehen ist ein breites Spektrum an Design und handwerklichen Techniken, wie Silberschmuck, Goldschmiede- und Textilkunst, Keramik und Holzschnitzerei bis zu Modedesign und Grafik“, „funktionale Alltagsgegenstände, aber auch wunderschöne Zeremonialobjekte in innovativ-modernem Judaica-Design“. Unter den Exponaten sind Holzschnitte, abstrakte Web- und Stickarbeiten, Taschen, Hüte, Uhren, Schmuckstücke, Perlenstickereien, Geschirr, Sederteller, Plakate, Entwürfe, Druckgrafiken, Illustrationen, Teeservice, aber auch Masken, Handpuppen, Marionetten, Kinderbücher, Spielkarten und Lernspiele für Kinder.

Etwa die Hälfte der Objekte stammen aus den Depots des Jüdischen Museums Berlin, ergänzt um Leihgaben aus dem In- und Ausland. Die Realisierung der von Michal S. Friedlander kuratierten Ausstellung wurde aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds ermöglicht. Begleitend zur Ausstellung erschien 2025 ein von ihr und der Stiftung Jüdisches Museum Berlin herausgegebener Katalog. Neben einem Vorwort von Hetty Berg und Begleittexten und Abbildungen zu den in der Ausstellung vorgestellten Designerinnen und ihren Werken enthält er das Essay Wege deutsch-jüdischer Designerinnen von Michal S. Friedlander.

Gliederungskonzept In der Ausstellung wurden Werke und Lebensläufe von 62 Künstlerinnen von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart gezeigt, gruppiert nach Themen.

Das Einführungskapitel „Widerstände“ beschreibt anhand ausgewählter Biografien die strukturelle Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern in Deutschland um 1900. Auch jüdische Frauen hatten im Ehe- und Familienleben nur eingeschränkte Rechte und konnten Ausbildung und Beruf nicht frei wählen. Ausgewählt wurden: Ida Dehmel (1870–1942), Dorothea Kuttner (1902–1967), Else Oppler-Legband (1875–1965), Käthe Wolff (1882–1968), Elly Frank (1877–1941), Käte Spanier (1891–1970).

Das Kapitel „Vorreiterinnen“ beleuchtet Frauen, die die innerhalb der jüdischen Lebenswelt vorherrschenden Werte als auch die gesamtgesellschaftlichen konservativen Werte in Frage stellten. Ausgewählt wurden: Franziska Bruck (1866–1942), Emma Trietsch (1876–1933).

Das Kapitel „Ausbildung und Gestaltung“ zeigt die Begrenztheit der Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten von Frauen im Bereich Design, denen bis 1919 der Zugang zu den meisten Kunstakademien in Deutschland verwehrt wurde. Es gab nur wenige gleichwertige Einrichtungen, an denen der Anteil jüdischer Frauen überproportional hoch war. Ausgewählt wurden: Marianne Ahlfeld-Heymann (1905–2003), Friedl Dicker-Brandeis (1898–1944), Dodo (1907–1998), Marguerite Friedlaender (1896–1985), Rose Leon (1909–2010), Annie Rosenblüth (1890–1966), Paula Straus (1894–1943), Pia Turgel (1912–1988).

Das Kapitel „Warenwelten“ zeichnet den Werdegang jüdischer Frauen in der Weimarer Republik nach, die für Produktdesignerinnen neue Möglichkeiten als Kunsthandwerkerinnen und Besitzerinnen kleiner Haushaltsgeschäfte eröffnete. Sie schufen, entwarfen und verkauften jüdische Ritualgegenstände und moderne Alltagsprodukte. Ausgewählt wurden: Margarete Heymann (1899–1990), Emmy Roth (1885–1942), Rahel Ruth Sinasohn (1891–1968).

Das Kapitel „Identitäten entwerfen“ beleuchtet die wachsenden Arbeitsmöglichkeiten für Designerinnen und Illustratorinnen im Bereich Plakatgestaltung, Buchdesign und Typografie durch die wachsende Werbebranche. Jüdische Modedesignerinnen und Inhaberinnen von Boutiquen prägten neue Modetrends für den aufkommende Typus der alleinstehenden, berufstätigen, emanzipierten „neuen Frau“. Ausgewählt wurden: Regina Friedlaender (1866–1932), Johanna Marbach (1872–1945), Steffie Schäfer-Nathan (1895–1972), Alice Neumann (1901–2008), Franziska Schlopsnies (1884–1944), Paula Schwarz (1872–1943).

Im Kapitel „Lebensunterhalt“ wird nachvollzogen, wie es den nach Unabhängigkeit strebenden Frauen trotz ihrer Arbeit im Handwerk oder in der Selbständigkeit oft kaum möglich war, ihren Lebensunterhalt komplett allein zu bestreiten. Sie blieben teils weiter auf die Unterstützung von Verwandten oder des Ehemannes angewiesen. Ausgewählt wurden: Franziska Baruch (1901–1989), Emma Dessau-Goitein (1877–1968), Elizabeth Friedländer (1903–1984), Elli Hirsch (1873–1943), Agnes Meyerhof (1856–1942), Lotte Pritzel (1887–1952), Hanna Stern (1885–1942), Rahel Szalit (1888–1942), Charlotte Bud (1899–1981), Rose Eisner-Marquart (1883–1940).

Das Kapitel „Das jüdische Kinderzimmer“ zeigt den Wandel im Zuge der Reformpädagogik in Deutschland. Auch jüdische Lehrmaterialien wurden stärker an kindliche Bedürfnisse angepasst, um bei Kindern ein starkes jüdisches Selbstbewusstsein zu fördern. Vor allem Frauen entwickelten kindgerechte Unterrichtsmaterialien, illustrierten Kinderbücher und warben für ihre Produkte. Ausgewählt wurden: Käte Baer-Freyer (1885–1988), Nina Brodsky (1892–1979), Rosa Freudenthal (1870–1951), Adele Sandler (1883–1946), Tom Seidmann-Freud (1892–1930), Lilli Szkolny (1906–1942), Jenny Westheim (1894–1934).

Das Kapitel Einschränkung, Ausschluss, Umbruch stellt die Entwicklung in Deutschland ab 1933 dar und die existenziellen Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerung bis zu den Massendeportationen und Massenmorden ab Herbst 1941. Es beschreibt den vielfältigen Widerstand jüdischer Kunsthandwerkerinnen gegen Ausgrenzung, Verfolgung und Inhaftierung. Ausgewählt wurden: Lotte Engel Hecker (1888–1973), Elisabet Alexandra Levy (1910–1990), Hanna Litten (1920–1942), Maria Luiko (1904–1941), Edith Samuel (1907–1964).

Das Kapitel „Neue Realitäten“ beleuchtet den Werdegang jüdischer Designerinnen, die nach Kriegsende in Deutschland lebten oder die ins Ausland geflüchtet waren. Sie mussten sich mit ihrer jüdischen Identität unter den neuen Voraussetzungen auseinandersetzen und im Ausland neue Erwerbsquellen erschließen. Diese Brüche und Abbrüche künstlerischer Entwicklungen trugen dazu bei, dass ihre Namen und Werke keinen Platz in der Kunstgeschichte fanden. Ausgewählt wurden: Anni Albers (1899–1994), Paula Aronsohn (1908–1998), Esther Berli-Joel (1895–1972), Livia Cohen (1872–1957), Elsbeth Cohen-Silberschmidt (1921–1993), Hedwig Grossmann-Lehmann (1902–1998), Trude Guermonprez (1910–1976), Irene Saltern (1911–2005), Eva Samuel (1904–1989), Gertrude Sandmann (1893–1981), Elisabeth Tomalin (1912–2012), Alice Bloch (1913–2005).

Gestalterisch tätige Frauen in der Ausstellung