Die Ḥāzimīya (, auch als ḥāzimītische Strömung, arabisch , bezeichnet) ist eine ultraextremistische salafistisch-dschihadistische ideologische Strömung, die sich innerhalb dschihadistischer Milieus herausbildete und insbesondere unter tunesischen Anhängern des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) an Einfluss gewann. Sie stellte keine formell organisierte Bewegung dar, sondern eine doktrinäre Ausrichtung, deren theologische Positionen innerhalb des IS erhebliche innerorganisatorische Spannungen hervorriefen.Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020. Die ideologischen Grundlagen gehen auf den in Saudi-Arabien geborenen Prediger Aḥmad ibn ʿUmar al-Ḥāzimī () zurück.Hamming: Al-Hazimiyya. 2021

Die Ḥāzimiyya erlangte besondere Bekanntheit durch ihre radikale Auslegung der Praxis, andere Muslime für ungläubig zu erklären (Takfīr), die innerhalb des IS zu tiefgreifenden ideologischen Konflikten führte. In deren Verlauf wurde die Strömung schließlich von der IS-Führung selbst als extremistisch eingestuft; ihre Anhänger wurden systematisch verfolgt, inhaftiert oder hingerichtet.Bunzel: Ideological Infighting in the Islamic State. 2019, S. 14; Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 6–7

Geschichte

Al-Ḥāzimī in Tunesien

Zwischen Dezember 2011 und Mai 2012 hielt al-Ḥāzimī vier Vorträge in Tunesien. Unterstützung erhielt er unter anderem vom Verein „al-Ḫayr al-Islāmiyya“ (arabisch: ) sowie vom Moscheekomitee des Viertels al-Ḫaḍrāʾ. Während Mitglieder der erstgenannten Organisation später wegen Terrorismusfinanzierung verhaftet wurden, unterhielt das Moscheekomitee Verbindungen zur salafistischen Bewegung Anṣār aš-Šarīʿa fī Tūnis. Mit Hilfe dieses Netzwerks gründete al-Ḥāzimī das Institut „Ibn Abī Zayd al-Qayrawānī für islamische Wissenschaften“, das eine zentrale Rolle bei der Verbreitung seiner Lehren spielte. Die frühe Rezeption seiner Positionen trug dazu bei, dass insbesondere unter tunesischen Dschihadisten eine ausgeprägte Sensibilität für Fragen religiöser Ausgrenzung entstand, die später innerhalb des IS eine überproportional sichtbare Rolle spielte.Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020.

Die Ḥāzimiyya im „Islamischen Staat“

In den folgenden Jahren schlossen sich zahlreiche tunesische Anhänger der ḥāzimītischen Lehre dem IS an. Während des Konflikts mit der al-Nusra-Front blieben sie der IS-Führung loyal und erhielten administrative sowie religiöse Schlüsselpositionen.Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020.

Mit wachsendem Einfluss entwickelte sich ihre Ideologie jedoch zu einem Problem für die interne Kohärenz des IS. Der bahrainische Gelehrte Turki al-Binʿalī, Leiter des IS-Büros für Forschung und Studien, wandte sich in Vorträgen und Schriften gegen die ḥāzimītische Doktrin und kritisierte sie als theologisch illegitim. Im März 2014 wurden Audioaufnahmen bekannt, in denen führende ḥāzimītische Kader – darunter der IS-Gouverneur von al-Ḥasaka – die Taliban und Osama bin Laden als Ungläubige einstuften. Weitere Leaks belegten entsprechende Urteile über al-Qaida im Maghreb.Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020

Ende 2014 flohen etwa 50 Anhänger der Ḥāzimiyya in die Türkei, während rund 70 weitere vom IS inhaftiert und hingerichtet wurden, nachdem sie Teile der IS-Führung selbst als ungläubig eingestuft hatten. In Reaktion darauf veröffentlichten Unterstützer eine Erklärung, in der der IS als „Staat der Ungläubigen und der Dschahmīya“ bezeichnet wurde.Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020; Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 4–7; Lounnas: The Failed Ideological Hybridization of the Islamic State. 2020, S. 295 Trotz umfangreicher Sicherheitsmaßnahmen bestanden weiterhin mehrere ḥāzimītische Zellen. Die Repressionsmaßnahmen richteten sich weniger gegen einzelne Personen als vielmehr gegen die zugrunde liegende doktrinäre Logik, die aus Sicht der IS-Führung die religiöse Legitimität und organisatorische Stabilität der Gruppe bedrohte.

Im Jahr 2016 kam es in den Regionen um al-Bāb und Dscharābulus zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ḥāzimītischen Gruppen und dem IS. Im April 2017 untersagte das zentrale Scharia-Aufsichtsbüro des IS in der Zeitschrift an-Nabaʾ jede öffentliche Diskussion über Fragen der Entschuldigung aus Unwissenheit, warnte jedoch zugleich vor Zurückhaltung bei religiöser Abgrenzung. Kurz darauf bekräftigte die sogenannte Beauftragte Kommission die zentrale Bedeutung religiöser Ausgrenzung als grundlegendes Prinzip, wandte sich jedoch gegen deren unbegrenzte Anwendung.

Am 31. Mai 2017 wurde Turkī al-Binʿalī bei einem Luftangriff der internationalen Koalition getötet.Lounnas: The Failed Ideological Hybridization of the Islamic State. 2020, S. 289 Im September 2017 soll Abū Bakr al-Baghdādī zahlreiche ḥāzimītische Akteure festgesetzt und die interne Führungsstruktur des IS neu organisiert haben. Auch nach dem militärischen Zusammenbruch des IS bestanden ḥāzimītische Netzwerke fort, vor allem in Form lose verbundener ideologischer Milieus, die sich überwiegend auf theologische Debatten konzentrierten und keine einheitliche organisatorische Struktur mehr aufwiesen. Für das Jahr 2017 wurde die Zahl ihrer Anhänger in den Niederlanden auf etwa 100 Personen geschätzt.Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 16–17

Ideologie

Kern der ḥāzimītischen Ideologie ist die Auffassung, dass nicht nur Personen, die als Ungläubige gelten, aus der religiösen Gemeinschaft ausgeschlossen seien, sondern auch jene, die es unterlassen, solche Personen eindeutig als Ungläubige einzustufen (arabisch: ).Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 4 Diese Position gilt in dschihadistischen Debatten als Grundlage eines sich ausweitenden Prozesses religiöser Ausgrenzung (arabisch: ), in dessen Verlauf immer weitere Personen oder Gruppen als Ungläubige betrachtet werden.Bunzel: Ideological Infighting in the Islamic State. 2019, S. 3

Aus Sicht der Ḥāzimīya handelt es sich bei diesem Mechanismus nicht um eine willkürliche Eskalation religiöser Ausgrenzung, sondern um die konsequente Anwendung einer strikt verstandenen Glaubensabgrenzung. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass bestimmte Handlungen – insbesondere solche, die als schwerer Polytheismus oder offenkundiger Unglauben gelten – objektiv den Ausschluss aus dem Islam begründen.Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 4–5 Wer eine solche Handlung begeht, gilt demnach als Ungläubiger, unabhängig von subjektiven Faktoren wie Unwissenheit oder individueller Auslegung.Poljarevic: The Theology of Violence-Oriented Takfirism. 2021, S. 488–490

Auf dieser Grundlage wird argumentiert, dass auch jene Personen aus der religiösen Gemeinschaft ausgeschlossen seien, die es unterlassen, diesen als eindeutig betrachteten Unglauben klar zu benennen. Die Weigerung, einen solchen Unglauben zu exkommunizieren (Takfīr), wird innerhalb dieser Ideologie selbst als religiöse Verfehlung verstanden. Daraus ergibt sich eine Logik, bei der sich der Takfīr nicht nur auf den ursprünglichen Akteur, sondern auch auf dessen Verteidiger oder Entschuldiger erstreckt.

Zur Verdeutlichung dieser Logik wird innerhalb der ḥāzimītischen Argumentation ein mehrstufiger Prozess religiöser Ausgrenzung beschrieben:

Zunächst gilt eine Person (A) aufgrund einer als eindeutig betrachteten Handlung als Ungläubiger. Als Ungläubiger gilt anschließend auch jene Person (B), die an der Ungläubigkeit von A zweifelt oder es unterlässt, diese eindeutig zu benennen. In einem weiteren Schritt wird auch eine Person (C) als Ungläubiger eingestuft, sofern sie die Ungläubigkeit von B infrage stellt oder relativiert. Dieser Mechanismus setzt sich potentiell fort, da jede Zurückhaltung bei der religiösen Abgrenzung selbst als Beleg für Unglauben interpretiert wird. Auf diese Weise entsteht eine fortschreitende Kettenlogik religiöser Ausgrenzung.

Die Ḥāzimīya lehnt das in der sunnitischen Theologie verbreitete Prinzip ab, nach dem Unwissenheit () als Entschuldigung für Glaubensabweichungen gelten könne (arabisch: ), insbesondere bei Handlungen, die sie als schweren Polytheismus oder schweren Unglauben einstuft. Dazu zählen unter anderem: die Teilnahme an demokratischen Wahlen die Anerkennung oder Unterstützung bestehender politischer Systeme das Anrufen Verstorbener

Nach ḥāzimītischer Auffassung gilt auch derjenige als Ungläubiger, der Personen, die solche Handlungen begehen, aufgrund angeblicher Unwissenheit nicht aus der religiösen Gemeinschaft ausschließt.Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 2–4

Innerhalb dschihadistischer Organisationsstrukturen wurde diese Lehre als besonders konfliktträchtig wahrgenommen, da sie das Potenzial besaß, die religiöse Legitimität ganzer Führungsstrukturen infrage zu stellen.Bunzel: Ideological Infighting in the Islamic State. 2019, S. 3–4

Theologische Bezüge

Wie andere salafistisch-dschihadistische Strömungen beruft sich auch die Ḥāzimīya auf klassische islamische Gelehrte wie Ibn Taymiyya und Muḥammad ibn ʿAbd al-Wahhāb. Aḥmad ibn ʿUmar al-Ḥāzimī betonte jedoch, dass deren Lehren nicht unkritisch übernommen werden dürften, womit er vor allem die moderne salafistisch-dschihadistische Rezeption dieser Gelehrten relativierte, ohne deren klassische Stellung grundsätzlich infrage zu stellen.Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 10–11

Darüber hinaus zeigen seine Positionen deutliche Einflüsse des ägyptischen islamistischen Ideologen Sayyid Quṭb, insbesondere hinsichtlich der Ablehnung moderner politischer Ordnungen. Im Unterschied zur dominierenden Auslegung des Wahhabismus verwirft die Ḥāzimīya jede Form der Entschuldigung religiöser Verfehlungen durch Unwissenheit und betrachtet diese als unzulässige Einschränkung religiöser Abgrenzung.Lounnas: The Failed Ideological Hybridization of the Islamic State. 2020, S. 281–282.

Politische Haltung

Al-Ḥāzimī selbst vermied weitgehend explizite politische Stellungnahmen. Dies führte innerhalb der Strömung zu uneinheitlichen politischen Positionen, weshalb einige Beobachter argumentieren, die Ḥāzimīya stelle weniger ein geschlossenes ideologisches System als vielmehr eine radikale doktrinäre Ausrichtung dar.Lounnas: The Failed Ideological Hybridization of the Islamic State. 2020, S. 281–282. Das Spektrum der Anhänger reicht von offen salafistisch-dschihadistischen Akteuren – teils mit Verbindungen zu Gruppen wie Boko Haram oder dem IS – bis hin zu Predigern, die eine offene Konfrontation mit der saudischen Monarchie vermeiden. Gemeinsamer Nenner ist die kategorische Ablehnung demokratischer Prozesse, die als Götzendienst und Abfall vom Islam interpretiert werden.Poljarevic: The Theology of Violence-Oriented Takfirism. 2021, S. 503–505

Literatur Bunzel, Cole. “Caliphate in Disarray: Theological Turmoil in the Islamic State.” Jihadica, 3 Oct. 2017. Bunzel, Cole. “The Islamic State’s Mufti on Trial: The Saga of the ‘Silsila ‘Ilmiyya’.” CTC Sentinel, vol. 11, no. 9, Oct. 2018, https://ctc.westpoint.edu/islamic-states-mufti-trial-saga-silsila-ilmiyya/. Bunzel, Cole. “Ideological Infighting in the Islamic State.” Perspectives on Terrorism, vol. 13, no. 1, 2019, pp. 12–21. JSTOR, https://www.jstor.org/stable/26590504. Accessed 1 Oct. 2026. Hamming, Tore. “Ahmad Ibn Umar Al-Hazimi.” Al-Hazimiyya: The Ideological Conflict Destroying the Islamic State from Within, International Centre for Counter-Terrorism, 2021, pp. 3–15. JSTOR, URL: https://www.jstor.org/stable/resrep31910.5. Hamming, Tore. Al-Hazimiyya: The Ideological Conflict Destroying the Islamic State from Within. International Centre for Counter-Terrorism, 2021, URL: https://icct.nl/publication/al-hazimiyya-ideological-conflict-destroying-islamic-state-within. al-Hāšimī, Abū Muḥammad al-Ḥusainī. an-Naṣīḥa al-hāšimiyya li-amīr ad-daula al-islāmiyya. ʿalā al-Baṣīra, 5 July 2017 [11.10.1438 h.], https://alabasirah.com/node/731. Arabisch.