Schwarzer Harlekin (Originaltitel: Pantaloon in black) ist eine Kurzgeschichte des US-Schriftstellers und späteren Literaturnobelpreisträgers William Faulkner, die erstmals im Oktober 1940 im Harper’s Magazine abgedrucktJohn Lennard: Pantaloon in black. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 71–74. Hier S. 71.A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Go Down, Moses. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts On File, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 97–113. Hier S. 98. und später in einer überarbeiteten Version in Faulkners Go Down Moses (deutsch: Das verworfene Erbe) veröffentlicht wurde. Aufgrund seines nach den Worten des Literaturwissenschaftlers David H. Evans (Dalhousie University) „mürrischen Widerstands gegen die Assimilation“„sullen resistance to assimilation“ – David H. Evans: A great story. Pathfinding and providence in „Go Down, Moses“. David H. Evans: William Faulkner, William James, and the American pragmatic tradition. Louisiana State University Press, Baton Rouge LA 2008. ISBN 0-8071-3315-9. S. 193–234. Hier S. 228. an die restlichen Episoden des teilweise als Roman firmierenden Werkes Go Down Moses wurde Schwarzer Harlekin nicht in die deutschsprachigen Übersetzung mit aufgenommen, sondern erschien in der Übersetzung von Hermann Stresau separat. Kurzbeschreibung Der Sägewerks-Vorarbeiter Rider ist vom Tod seiner Frau tief betroffen. Nach deren Beerdigung glaubt er, ihren Geist zu sehen, kehrt zur Arbeit ins Sägewerk zurück, verlässt sie vorzeitig, kauft sich einen Krug Whisky, den er in großen Mengen trinkt. Nach einer weiteren gespenstischen Erscheinung geht er zu einem nächtlichen Würfelspiel und stellt einen Weißen namens Birdsong, der seit vielen Jahren die Schwarzen beim Würfeln betrügt. Rider schneidet Birdsong die Kehle durch, ehe Birdsong ihn erschießen kann. Am Folgetag wird Rider verhaftet, in der Folgenacht aus der Zelle geholt und gelyncht. Inhalt Der farbige Sägewerks-Vorarbeiter Rider nimmt nach sechs Monaten Ehe während einer Bestattung Abschied von seiner Frau Mannie, „die er von Kind an gekannt hatte“.William Faulkner: Schwarzer Harlekin. In: William Faulkner: Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach. Schwarzer Harlekin. (=Reclams Universal-Bibliothek, Band 8221.) Reclam, Stuttgart 1958. S. 49–79. Hier S. 53. Schon immer ist er „eitel auf seine eigene Kraft“,Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 52. scheint nun im Alleingang die Erde auf Mannies Sarg werfen zu wollen, was gegen Ende der Kurzgeschichte den missgünstigen weißen Deputy Sheriff dazu veranlasst zu sagen: „Es ist ja keinem verboten, wenn er seine Frau so schnell wie möglich einbuddeln will, solang er keinen Grund hatte, sie auch so schnell wie möglich auf den Friedhof zu bringen.“Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 74. Trost und moralische Unterstützung durch Verwandte oder Freunde lehnt der schmerzzerfressene Rider ab, geht allein nach Hause zu seinem Hund, erblickt Mannie – ein Geist oder eine Halluzination? „Dann wich der Hund von seiner Seite. […] Er blieb jedoch dicht vor der Haustür stehen, wo er ihn gewahren konnte, wie er den Kopf hochwarf und zu heulen begann“, während Mannie scheinbar in der Küchentür steht und Rider ansieht.Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 55–56. Rider „rührte sich nicht, sprachlos den Atem anhaltend, bis er glaubte, daß seine Stimme, sein Gesicht beherrscht genug sei, um sie nicht zu verscheuchen“, und dennoch verscheucht seine zweite Bewegung auf sie hin sie, und er ruft ihr hinterher: „Dann laß mich doch mit dir gehn, Liebling.“Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 56. Er begibt sich zum Verzehr einer erkalteten Mahlzeit zu Tisch, „zog zwei Stühle heran“, fordert „Nu komm schon her, hier ’s dein Abendessen. Ich werd schon kein“, bricht dann seine Aufforderung an die auch als Geist verschwundene Tote ab, springt auf, „sein Stuhl fuhr krachend zurück, und er stand aufrecht, mit einem Gefühl, als zerrten die Kinnmuskeln seine Kiefer auseinander, als risse etwas den oberen Teil seines Schädels aufwärts.“Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 57.

Rider begibt sich zur Arbeit, „verhielt sich diesen Morgen überhaupt nicht viel anders als sonst“,Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 60. abgesehen davon, dass er noch eifriger arbeitet als üblich, risikoreicher, Todesgefahr verachtend, Arbeitslärm genießend: „Da konnte er wieder aufhören, sich Gründe dafür auszudenken, daß er noch atmete“, er, der kurz zuvor noch einen ihm Gottglauben und -vertrauen predigenden Onkel angefahren hatte: „Glauben und vertrauen, wozu? […] Was hatte Mannie Ihm denn getan? Was hat Er sich in meine Sachen zu mengen“.Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 61. Auch Riders risiko- und todesverachtende Arbeitswut wird ihm der missgünstigen weiße Deputy rassistisch auslegen, „denn selbst ’n Nigger kann sich ’nen besseren Vorwand für einen freien Tag nicht wünschen, als seine Frau begraben zu haben, wo ein Weißer den Tag Urlaub schon deswegen genommen hätte, weil sich’s so gehört, ganz egal wie er mit seiner Frau stand“.Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 75. Nicht zu Tode gekommen, verlässt Rider unabgemeldet seinen Arbeitsplatz, kauf sich eine „ganze Gallone von dem Fuselwhisky, so ’nem Schädelsprenger“, betrinkt sich im Herumstreifen, hat eine weiter Halluzination oder Vision: „Dann, im Trinken, bemerkte er plötzlich, daß er nichts mehr von dem Getränk in den Mund bekam. Er schluckte, aber es rann ihm nicht mehr die Kehle herunter, da Kehle und Mund nun ausgefüllt waren von einer festen unbeweglichen Säule, die ohne Reflex oder irgendeinen Stoß ins Freie sprang, zylindrisch und unversehrt die Form seiner Gurgel bewahrend, draußen im Mondlicht blank schimmerte und zersprang, splitternd verschwand im millionenfachen Geflüster des betauten Grases.“Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 66. Zwei weitere Male probiert Rider zu trinken, zwei weitere Male wiederholt sich die Halluzination oder Vision, und Rider meint zu erkennen: „Ich hab ’s Zeichen bloß falsch verstanden.“ Der Whisky „hat mir soviel geholfen, wie’s mir nötig war. Jetzt brauch‘ ich nischt mehr davon.“Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 67.

„Rider beabsichtigt, die Vorurteile, die Scheinheiligkeit und das Beharren auf Blutvergießen der Südstaaten-Gesellschaft als Reaktion auf afroafrikanische Verbrechen an Weißen zu seinem Vorteil zu nutzen, um zu sterben und nach Hause zu Mannie zurückzukehren.“„Rider intends to use southern society's prejudice, bigotry, and insistence upon bloodshed when responding to crimes committed by African Americans against white people to his advantage, in order to die and return home to Mannie“ – Ahmed Honeini: Ah’m goan home. Narration, homegoing, and whiteness in „Go Down, Moses“. In: Ahmed Honeini: William Faulkner and mortality. A fine dead sound. Taylor & Francis, London 2022. ISBN 978-0-367-50132-7. S. 144–173. Hier S. 164. Er begibt sich zur nächtlichen Sägemühle, wo sich sechs bis sieben farbige Arbeiter mit dem mit einer Pistole bewaffneten Nachtwächter Birdsong treffen „zu dem Glücksspiel, bei dem Birdsong seit fünfzehn Jahren die Nigger von der Mühle mit falschen Würfeln betrügt“, so der rassistische Deputy später: Rider geht „direkt zu dem Spiel, bei dem er immer ganz friedlich im Durchschnitt so an die neunundneunzig Prozent von seinem Lohn verloren hat“, nimmt nun aber Birdsongs Falschspiel zum Anlass, Birdsong mit einem Rasiermesser „die Kehle durch bis zum Halswirbel“ zu schneiden, „in der Sekunde vor dem Abschuß der halb gehobenen Pistole“ Birdsongs.Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 72. Als es Tag wird, finden der Sheriff und der Deputy den gesuchten Rider bei seinem Haus, „er liegt im Hinterhof und schläft in praller Sonne“, gibt die Tat zu, will jedoch nicht eingesperrt werden.Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 76. Der Wunsch ist vergeblich, das Einsperren in einer Gefängniszelle allerdings auch: Rider „geht her und kriegt die mit Stahl beschlagne Tür zu fassen und reißt sie aus der Wand mit Ziegeln und Angeln und was nich noch und marschiert aus der Zelle raus und trägt dabei die Tür überm Kopf, als wenn’s ’n Fliegenfenster wär“,Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 78. wird von einer Sträflingskolonne überwältigt, die in dem Gebäude ihren Schlafraum hat, und „wie er da unter ihnen lag, da lag und lachte, mit Tränen so dick wie Glasmurmeln, die ihm übers Gesicht und hinter den Ohren runterlaufen und auf den Boden tropfen mit so ‘nem klatschenden Geräusch, wie wenn einer Vogeleier fallen läßt, und lacht und lacht“, da entfährt es dem lachenden Rider: „Hach, ich kann scheint’s das Denken nich los wer’n. Ich kann’s einfach nich los wer’n!“Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 79. Los aber wird der Sheriff, dem „die Birdsongs mit ihrem Anhang“ die „Wahl im vorigen Sommer durchgedrückt haben“,Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 77. alsbald seinen unwillfährigen Häftling: Man findet das kurz vor Mitternacht aus dem Gefängnis entfernte Lynch-Opfer Rider „aufgehängt am Glockenstrang eines Neger-Schulhauses ungefähr zwei Meilen von der Sägemühle“. Textanalyse Bei Schwarzer Harlekin handelt es sich um eine auktorial erzählte Kurzgeschichte, deren Erzählperspektive im zweiten Teil, der fast ein Viertel des Textes ausmacht, „plötzlich zum weißen Deputy Sheriff wechselt, der die Verfolgung leitet“.„in the second section of the story, the narrative perspective suddenly switches to the white Deputy Sheriff in charge of the chase“ – André Bleikasten: Legacies. Go down, Moses. In: André Bleikasten: William Faulkner. A life through novels. Indiana University Press, Bloomington IN 2017. ISBN 978-0-253-02284-4. S. 308–323. Hier S. 312. Ort der „konzentrierten Tragödie“„concentrated tragedy“ – Lennard, Pantaloon in black, S. 73. ist der fiktive Yoknapatawpha County. Die Handlung spielt in einem AugustFaulkner, Schwarzer Harlekin, S. 51. des Jahres 1941.Im Text heißt es, er spiele 45 Jahre, nachdem Lucas Beauchamp das eheliche Herdfeuer entzündet hat (Faulkner, Schwarzer Harlekin, S. 53). Lucas Beauchamp ist 1874 geboren (William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626.) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 314). Bei der Rahmenhandlung von Das Herdfeuer ist er „siebenundsechzig Jahre alt“, so dass sie etwa 1941 stattfindet (William Faulkner: Das Herdfeuer. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626.) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 35–122. Hier S. 35). Gleichzeitig ist Roth Edmonds in jener Rahmenhandlung „letzten März […] dreiundvierzig Jahre alt geworden“ (Das Herdfeuer, S. 46), also etwa 1898 geboren. In der eingebetteten Handlung rund um Roth Edmonds Geburt heißt es, das Herdfeuer von Lucas und Molly Beauchamp sei „vor zwei Jahren“ entzündet worden (Das Herdfeuer, S. 50), somit etwa 1896. Themen