La légende de Rudel ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Poème lyrique“) in drei Episoden von Ricardo Castro Herrera (Musik) mit einem Libretto von Henry Brody. Die Uraufführung war am 1. November 1906 im Teatro Arbeu in Mexiko-Stadt in Gegenwart des mexikanischen Präsidenten Porfirio Díaz. Gespielt wurde eine italienische Fassung der französischsprachigen Oper.

Handlung

Erste Episode

mini|Bühnenbild der ersten Episode, Mexiko 1906

In Frankreich; ländliche Gegend; ein Weg führt zu einer Stadt, von der die ersten Häuser zu sehen sind

Szene 1. Die Oper beginnt mit einem Orchestervorspiel (Prélude). Der Troubadour Geoffroy Rudel hat soeben einer Gruppe von Pilgern ein Lied vorgetragen, und sie bitten ihn um eine Zugabe. Er singt nun das „Lied des Veilchens“, in dem er „seine Venus“ als einfache Frau schildert, deren Schmuck aus dem Veilchen und der Kirsche bestehe – ein Lobpreis auf die unschuldige Liebe und zugleich ein Hinweis auf den Frühling (Rudel: „Dès que les beaux jours sont venues“). Die Pilger danken ihm. Rudel fordert nun die Anwesenden auf, ihrerseits eine Geschichte zu erzählen (Rudel: „Laissez encore vos besaces“). Daraufhin berichtet ein Pilger voller Begeisterung vom Kampf gegen die Ungläubigen während des Kreuzzugs (Pilger: „Nous vîmes le ciel rose“). Rudel hat dafür wenig Verständnis, denn sein Interesse gilt der Liebe. Er fragt den Pilger, ob ihm im Orient eine schöne Frau begegnet sei. Als Antwort besingen die Pilger die Schönheit und die klangvolle Stimme der jungen Gräfin von Tripolis. Letztere vereint sich mit dem Chor und erklärt, dass ihre Liebe nicht einem kriegerischen Mann gelte, sondern jemandem, der reimen könne (Chor der Pilger, Stimme der Gräfin: „Il est à Tripoli“). Die Pilger ziehen sich zurück, und Rudel verharrt tief gerührt in seinen Gedanken (Rudel: „Amis, ce récit admirable“).

Szene 2. Rudels Verlobte Ségolaine erscheint (Ségolaine: „Pour te voir sans craindre qu’il pleuve“). Er nimmt sie jedoch kaum wahr, weil er über ein neues Gedicht nachdenkt, dessen Verse ihm wie ein Vogel zu entfliegen scheinen (Rudel: „La rime est und bête ailée“). Die einfach gestrickte Ségolaine versteht nichts von der Dichtkunst, spürt aber, dass er ihre Liebe nicht mehr erwidert (Ségolaine: „Je ne sais pourquoi je vais pleurer“). Rudel versichert ihr, dass ihr „Antlitz einer Lilie gleiche“ und sie ein „Herz aus Gold“ habe (Rudel: „Ségolaine envers moi ton dépit est injuste“). Dann verabschiedet er sich von ihr mit der Erklärung, dass Gott ihn zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land berufen habe (Rudel: „A des grands projets je suis résolu“).

Zweite Episode

mini|Bühnenbild der zweiten Episode, Mexiko 1906

Das Schiff, mit dem Rudel einige Zeit später abgereist ist, befindet sich auf hoher See; heftiger Sturm

Szene 1. Die Matrosen flehen Gott verzweifelt um Beistand an (Chor: „Pité! Seigneur!“). Der Kapitän hat die Kontrolle über sein Schiff verloren und kann nur noch auf Gott hoffen (Kapitän: „J’abandonne la barre“).

Szene 2. Rudel versucht vergeblich, den Männern Mut zu machen (Rudel: „A vos rames marins!“). Der Kapitän erklärt, dass er noch nie einen derartigen Sturm erlebt habe und ihre einzige Hoffnung im Gebet liege (Kapitän: „Puisque ta voix plus forte“). Rudel glaubt jedoch nicht, dass Gott sich mit derartigen Kleinigkeiten abgebe. Zudem gibt es für ihn nur noch einen Gott: seine Gräfin und deren Schönheit (Rudel: „Dieu ne se mê pas de notre petitesse“). In diesem Moment lässt der Sturm nach.

Szene 3. Ségolaines Stimme warnt davor, Gottes Macht zu verleugnen. Man werde sonst seinen ewigen Fluch auf sich ziehen (Ségolaines Stimme: „Impie, est-ce toi qui prétends“). Auch die Pilger konnten die Stimme hören und fragen verwundert nach ihrer Herkunft. Ségolaine antwortet: „Euer Gewissen“.

Dritte Episode

mini|Bühnenbild der dritten Episode, Mexiko 1906

Tripolis (Syrien); im Zelt der Gräfin; orientalischer Luxus mit Teppichen, Kissen und Divanen; ein Baldachin

Szene 1. Nache einem Orchesterzwischenspiel mit orientalischem Charakter folgen ein Ballett und ein Chor der Hofdamen („Faisont résonner nos luths“).

Szene 2. Als die Gräfin eintritt, stimmen die Frauen ihr zu Ehren einen Lobpreis an (Chor der Frauen: „Déroulons nos souples rangées“). Sie ist jedoch erschöpft und bittet um ein Ende der Feierlichkeiten (Gräfin: „Pour moi n’agitez“). Die Damen ziehen sich zurück.

Szene 3. Kurz darauf erscheint ein Bote mit der Nachricht, dass ein fremdes Schiff im Hafen eingetroffen sei (Bote: „Les yeux vigilants de nos gardes“). Die Gräfin befiehlt, dem Gesetz Folge zu leisten, die Seefahrer festzunehmen und ihren Besitz zu konfiszieren. Als der Bote darauf hinweist, dass die Fremden aus Frankreich gekommen seien, beschließt die Gräfin, sie persönlich zu verhören.

Szene 4. Die Erwähnung Frankreichs erinnert die Gräfin an die Verse des französischen Troubadours, die eine geradezu magische Wirkung auf sie hatten (Gräfin: „O toi, comtesse qu’on encense!“). Obwohl sie ihm noch nie persönlich begegnet war, betrachtet sie ihn als ihren Geliebten. Dass seine Brief seit einiger Zeit ausblieben, hat sie schwermütig gemacht.

Szene 5. Gestützt von zwei Seeleuten trifft Rudel im Zimmer der Gräfin ein. Er ist auf der Reise schwer erkrankt und erklärt zitternd, dass seine ersten Liebesworte zugleich seine letzten Atemzüge seien (Rudel: „Tel on voit le jour pur“). Doch könne er nun, da sein größter Wunsch erfüllt sei, sterben.

Szene 6. Die Gräfin gibt dem Sterbenden zu trinken, nennt ihn ihren Gatten und Geliebten (Gräfin: „O mon époux, ô mon amant“). Für einen Moment gewinnt er genug Kraft, um sich etwas zu erheben. Die Gräfin beginnt damit, die ersten Verse zu rezitieren, die er ihr geschickt hatte (Gräfin: „Un beau bijou d’or poli“). Rudel setzt sie fort, kann sie aber nicht mehr ganz vervollständigen (Rudel: „Mon rêve est accompli“). Mit den Worten des Chores, der zu Beginn der Oper von der Gräfin erzählte, stirbt er in ihren Armen. Ihr bleiben nur noch Trauer und Schuldgefühle (Gräfin: „Cruelle destinée“).

Szene 7. Frauen, Soldaten, Matrosen und Volk treffen ein, und die Gräfin bittet sie, dem toten Dichter ihre Ehre zu erweisen. Sie kommentieren: „So endet die traurige Legende dessen, der das unwirkliche Glück suchte“ (Chor: „Cy finit la triste légende“).

Gestaltung

Orchester

Die Orchesterbesetzung der Oper umfasst die folgenden Instrumente:

Holzbläser: Piccoloflöte, zwei Flöten, Oboe, Englischhorn, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba Harfe zwei Pauken, Schlagwerk Streicher

Musiknummern

Die Oper enthält die folgenden Musiknummern:

Prélude

Erste Episode

Rudel: „Dès que les beaux jours sont venues“ (Szene 1) Rudel: „Laissez encore vos besaces“ (Szene 1) Pilger: „Nous vîmes le ciel rose“ (Szene 1) Chor der Pilger, Stimme der Gräfin: „Il est à Tripoli“ (Szene 1) Rudel: „Amis, ce récit admirable“ (Szene 1) Ségolaine: „Pour te voir sans craindre qu’il pleuve“ (Szene 2) Rudel: „La rime est und bête ailée“ (Szene 2) Ségolaine: „Je ne sais pourquoi je vais pleurer“ (Szene 2) Rudel: „Ségolaine envers moi ton dépit est injuste“ (Szene 2) Rudel: „A des grands projets je suis résolu“ (Szene 2)

Zweite Episode

Chor der Matrosen: „Pité! Seigneur!“ (Szene 1) Kapitän: „J’abandonne la barre“ (Szene 1) Rudel: „A vos rames marins!“ (Szene 2) Kapitän: „Puisque ta voix plus forte“ (Szene 2) Rudel: „Dieu ne se mê pas de notre petitesse“ (Szene 2) Ségolaines Stimme: „Impie, est-ce toi qui prétends“ (Szene 3)

Dritte Episode

Tänze, dann Chor der Frauen: „Faisont résonner nos luths“ (Szene 1) Chor der Frauen: „Déroulons nos souples rangées“ (Szene 2) Gräfin: „Pour moi n’agitez“ (Szene 2) Bote: „Les yeux vigilants de nos gardes“ (Szene 3) Gräfin: „O toi, comtesse qu’on encense!“ (Szene 4) Rudel: „Tel on voit le jour pur“ (Szene 5) Gräfin: „O mon époux, ô mon amant“ (Szene 6) Gräfin: „Un beau bijou d’or poli“ (Szene 6) Rudel: „Mon rêve est accompli“ (Szene 6) Gräfin: „Cruelle destinée“ (Szene 6) Chor: „Cy finit la triste légende“ (Szene 7)

Musik

Die in Europa entstandene Oper zeigt in den melodischen Wendungen, der Orchesterbegleitung und der Harmonik deutliche Einflüsse französischer Komponisten, besonders von Jules Massenet, aber auch von Georges Bizet, Camille Saint-Saëns oder Hector Berlioz. Rudels Auftrittsarie „Dès que les beaux jours sont venus“ wurde mit „En fermant les yeux“ aus Massenets Manon verglichen. Die harmonische Entwicklung und die Verwendung von Leitmotiven verweisen auf Richard Wagner. Der Kritiker Pedro Henríquez Ureña erkannte trotz dieser offensichtlichen Anlehnung an andere Komponisten einen klar definierten persönlichen Stil Castros.

Das Rudel zugeordnete Hauptmotiv taucht bereits im Vorspiel auf, wo es zuerst von den Celli und Kontrabässen vorgetragen und anschließend geschickt variiert wird. Erst am Ende des Vorspiels erscheint zusätzlich das Thema Ségolaines. Während Rudels Thema kurz, prägnant und diatonisch ist, handelt es sich bei letzterem um eine längere Melodie voller Chromatik.

Werkgeschichte

La légende de Rudel ist nach der spanischsprachigen Zarzuela Atzimba (1899; überarbeitet 1900) die zweite Oper des mexikanischen Komponisten Ricardo Castro Herrera. Das Libretto verfasste Henry Brody in französischer Sprache. Es basiert auf der provenzalischen Legende des historischen Troubadours und Dichters Jaufré Rudel, der sich aufgrund von Pilgerberichten in Hodierna, die Gräfin von Tripolis verliebte, sich deshalb einem Kreuzzug anschloss, auf der Reise erkrankte und kurz nach seiner Ankunft in ihren Armen starb. Die Geschichte wurde u. a. von den Dichtern Ludwig Uhland, Heinrich Heine, Giosuè Carducci oder Edmond Rostand verarbeitet und ist auch die Vorlage der 2000 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten Oper L’amour de loin von Kaija Saariaho.

Castro komponierte diese Oper im Februar und März 1905 in Rom und vollendete die Orchestrierung ein Jahr später in Paris. Sie entstand also vollständig während seiner dreijährigen Zeit in Europa, bevor er im September 1906 nach Mexiko zurückkehrte. Er widmete sie dem damaligen mexikanischen Finanzminister José Yves Limantour, um ihm für die Unterstützung bei seiner Karriere zu danken. Da das Werk von einer italienischen Operntruppe aufgeführt wurde, erstellte man für die Uraufführung eine italienische Übersetzung. Die dafür notwendigen rhythmischen Anpassungen nahm Eduardo Dagnino vor.

Die Uraufführung war am 1. November 1906 im Teatro Arbeu in Mexiko-Stadt in Gegenwart des langjährigen mexikanischen Präsidenten Porfirio Díaz. Detaillierte Hinweise darüber finden sich in einer Rezension der Produktion von 1952 von Armando de Maria y Campos. Er nennt konkret drei Aufführungen der Sigaldi-Operngesellschaft am 1., 2. und 4. November, die 45., 47. und 48. Aufführung dieser 1904 nach Mexiko geholten italienischen Operntruppe. Die Bühnenbilder wurden von Italienern hergestellt, unter anderem von den Bühnenmalern Constantino Magni & Co. der Mailänder Scala. Die musikalische Leitung hatte Vittorio Mingaradli. Das Orchester bestand aus 54 Musikern, Mitgliedern der italienischen Operntruppe und des staatlichen Konservatoriums von Mexiko. Auch der Chor wurde von mexikanischen Sängern verstärkt. Die Solisten waren Virginia Guerrini (Gräfin von Tripolis), Angel Pintucci (Geoffroy Rudel) sowie Josefina Picoletti (Ségolaine), Pedro Giacomello (Pilger), Natal Cerví (Kapitän) und César Spadoni (Bote). Über das genaue Datum der Uraufführung gibt es in der älteren Literatur unterschiedliche Angaben. Die Musik in Geschichte und Gegenwart nennt den 21. Juni, Grove Music Online nennt grob den Oktober. Laura Kuhns Music Since 1900 und der Almanacco von Gherardo Casaglia geben den 8. November an. Neuere Quellen im Zusammenhang mit den Aufführungen von 2014 und 2022 nennen wie Armando de Maria y Campos den 1. November.