mini|Der Friedhof mit dem Famedio (2012) Der Monumentalfriedhof Lugano (italienisch Cimitero monumentale di Lugano) ist der Zentralfriedhof der Stadt Lugano im Schweizer Kanton Tessin.
Er wurde zwischen 1897 und 1899 nach Plänen von Paolo Zanini im Quartier Molino Nuovo errichtet und beherbergt unter anderem Werke von Vincenzo Vela, Raimondo Pereda, Antonio und Giuseppe Chiattone, Luigi Vassalli, Apollonio Pessina, Fiorenzo Abbondio, Remo Rossi, Nag Arnoldi und Mario Botta. 1916 wurde hier das erste Krematorium des Kantons eingeweiht. Der Friedhofkomplex wird im Schweizerischen Kulturgüterschutzinventar als Objekt von nationaler Bedeutung geführt.Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS): Inventario PBC 2021: Lista cantonale del Canton TI (Stato: 1.1.2024). S. 7 (PDF; 147 KB).
Geschichte Der erste Friedhof Luganos entstand hinter der Kathedrale San Lorenzo. 1833 erliess der Grosse Rat, bewogen durch hygienische Bedenken infolge einer Cholera-Epidemie, ein kantonales Gesetz, das Bestattungen in und bei Kirchen verbot und die Gemeinden zum Anlegen von Friedhöfen ausserhalb des Siedlungsgebiets verpflichtete. Die Stadt Lugano liess deswegen den Kirchhof aufheben und 1835 den katholischen Friedhof «Gambalarga» beim heutigen Piazzale Paride Pelli und den reformierten Friedhof im Quartier Loreto errichten. Als sich diese gegen Ende des 19. Jahrhunderts als zu klein erwiesen, eröffnete die Gemeinde 1895 einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für einen neuen, monumentalen Friedhof, den der Architekt aus dem Maggiatal Paolo Zanini gewann. Er orientierte sich bei seinen Plänen am Monumentalfriedhof von Mailand. Der Monumentalfriedhof Lugano wurde am 1. Januar 1899 eingeweiht. Zahlreiche Grabmäler, darunter auch die Skulpturen Vincenzo Velas, wurden überführt. mini|Das Portal des Famedio Der Friedhof konnte ursprünglich allein im Westen, von der Via Trevano her, betreten werden. Das Eingangstor ist von zwei Pavillons flankiert, in denen bis 1971 einerseits Wohnung und Büro des Wächters, andererseits die anatomische Abteilung und Lagerräume untergebracht waren. Der linke Pavillon ist mit zwei Mosaiken von Filippo Boldini (1961) versehen. Das Areal wurde im Norden und Süden von Bogengängen mit Grabnischen abgeschlossen. Im Zentrum erhebt sich der neobyzantinische «Famedio» mit dem Grundriss eines griechischen Kreuzes und einer imposanten Kuppel, in dem die Trauerfeiern abgehalten werden. Sein Portal ist thematisch der Auferstehung gewidmet. Unter der in römischen Ziffern geschriebenen Jahreszahl 1897 steht die lateinische Inschrift: Resurgamus sed utinam in Domino resurgamus («Mögen wir auferstehen, aber hoffentlich auferstehen wir im Herrn»). Die Lünette ist mit dem 1899 von Edoardo Berta gemalten Fresko Resurge («Auferstehe») geschmückt. Hinter dem Famedio steht das ebenfalls von Zanini 1911 bis 1913 erbaute alte Beinhaus («Ossuarium»), das den Friedhof ursprünglich gegen Osten hin abschloss.
1916 wurde noch weiter östlich das erste Krematorium des Kantons errichtet. Dem Bau waren fünfzig Jahre heftiger Debatten vorausgegangen, die 1866 vom liberalen Politiker Augusto Mordasini angestossen worden waren. Um das Krematorium herum wurde der Friedhof bis 1921 zum ersten Mal erweitert und mit einem zweiten Eingang versehen.
2003 wurde im Norden der islamische Friedhof angebaut.
Grabmäler Der Monumentalfriedhof Lugano gilt der zahlreichen hier platzierten bildhauerischen Werke wegen auch als «Museum unter freiem Himmel».
Nördlicher Bogengang +BildNischeNr.KünstlerJahrAnmerkungen100pxDe Micheli1um 1904Die erste Kapelle des Bogengangs wurde für den Kaufmann Giovanni Battista De Micheli (1827–1904) angelegt. An der Rückwand steht ein Scheinportal mit korinthischen Pilastern. Darüber ist ein lateinisches Zitat aus der Offenbarung des Johannes zu lesen: Beati mortui qui in Domino moriuntur «Selig sind die Toten, die im Herrn sterben» . Im Zentrum steht eine Skulptur Christi mit dem Kreuz, auf dessen Querbalken steht: Crux mihi certa salus «Das Kreuz ist mir das sichere Heil».100pxRiva2Das Grabmal an der Rückwand ist dem Medizinstudenten Emilio Riva (1873–1896) gewidmet, der am 16. Mai 1896 im Alter von 22 Jahren starb.100pxLuigi Vassallium 1906Links ist ein von Vassalli signierter Tondo mit dem Porträt von Adelina Vella-Riva (1879–1906) angebracht, der Tochter von Don Emilio Riva (1841–1920) und Adele Riva-Gibelli. 1904 heiratete sie Vittorino Vella (1870–1921, Grab 19-63), Chefarzt der Chirurgie am Krankenhaus von Mendrisio, erkrankte jedoch kurz darauf schwer und starb am 17. Februar 1906 im Alter von 26 Jahren.Adelina Vella-Riva. In: Gazzetta Ticinese. 19. Februar 1906, S. 3 (online).133x133pxAiroldi3Apollonio Pessina, Emilio De MicheliDas Grabmal an der Rückwand wurde wohl nach dem Tod der Brüder Antonio (1824–1897) und Giovanni Airoldi (1836–1899) errichtet, deren Porträtbüsten auf schlanken Postamenten die zentrale Ädikula flankieren. Jene von Giovanni ist von De Micheli signiert.Cristina Brazzola, Giovanna Ginex, Paola Capozza: Il cimitero monumentale di Lugano. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2016 (= Schweizerische Kunstführer, Band 986–987), ISBN 978-3-03797-274-8. In die Wand sind links und rechts Tondi mit den Reliefporträts der Eltern Luigi Airoldi (1787–1870) und Caterina Airoldi-Tosi (1801–1875) eingelassen. Über dem auskragenden Gebälk der Ädikula erhebt sich eine sarkophagartige, von einem Leichentuch umhangene Inschriftentafel mit der Aufschrift Famiglia Airoli und dem Bibelzitat: In Christo omnes vivificabuntur «In Christus werden alle lebendig gemacht werden» . In der zentralen Gedenktafel sind zwei später entstandene Porträttondi des mittleren Bruders Pietro Airoldi (1832–1922) und seiner Ehefrau Eugenia Airoldi-Albrizzi (1856–1947) angebracht. Sie wurden von Apollonio Pessina im Geschmack des 19. Jahrhunderts geschaffen.150x150pxCesare Berra1885Die Halbfigur von Anna Riva-Airoldi (1848–1882), die mit 33 oder 34 Jahren starb, wurde 1885 von Cesare Berra geschaffen.Cristina Brazzola, Giovanna Ginex, Paola Capozza: Il cimitero monumentale di Lugano. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2016 (= Schweizerische Kunstführer, Band 986–987), ISBN 978-3-03797-274-8, S. 71.150x150pxCesare Berra1895Die drei Putten schmückten auf dem alten Friedhof das Grab dreier bald nach der Geburt verstorbener Kinder der Familie Airoldi: Pietro starb 1889 mit 14 Monaten, Guglielmo, Sohn des Pietro, 1894 mit fünf Monaten. Das dritte Kind war Carlo.Pietro Vegezzi: I monumenti. In. Sulla prima esposizione storica in Lugano in occasione delle feste centenarie dell'indipendenza ticinese. 1898, , S. 275–280. Die Skulptur wurde 1895 von Cesare Berra geschaffen.133x133pxGiuseppe Fraschiroli4Luigi Vassalli1900–1902Giuseppe Fraschiroli (1841–1900) war ein Arzt. Ausgebildet in Italien, praktizierte er lange in Valsolda und kehrte einige Jahre vor seinem Tod in seine Geburtsstadt Lugano zurück. Er starb am 4. März 1900 im Alter von 59 Jahren. Seine Kinder Augusto (1871–1891), Riccardo und Teresa (1879–1894) waren vor ihm verstorben. Er war verheiratet mit Giuseppina Gobbi (1847–1915).† D.r Giuseppe Fraschiroli. In: Gazzetta Ticinese. 5. März 1900, S. 3 (online). Der Tondo über der Porträtbüste Giuseppe Fraschirolis weist Einflüsse des Symbolismus auf.100pxBiaggi5um 1901Die Grabnische wurde wohl für Giovanni Battista Biaggi (1818–1901) errichtet, der am 7. August 1901 im Alter von 84 Jahren verstarb. Sein Porträtmedaillon ist neben demjenigen seiner Frau Margherita Biaggi-Greco (1815–1886), deren Gebeine 1902 exhumiert und überführt wurden, im Mittelkörper des Grabmals eingelassen.133x133pxRezzonico6Antonio Chiattone1902Die Pyramide als Grabmalmotiv ist um die Jahrhundertwende sehr selten. Im Tessin finden sich nur zwei weitere Beispiele: Chiattone verwendete sie bereits beim sehr ähnlichen Monument für Carlo Vella auf dem Friedhof von Faido (um 1895). Cristoforo Vicari gestaltete 1910 eine vollplastische Pyramide anstelle einer Familienkapelle auf dem Friedhof Caslano.100pxBrentani7unbekanntum 1860Giovanna Ginex: L’opera funeraria degli scultori del Canton Ticino. In: Mauro Felicori, Franco Sborgi (Hrsg.): Lo splendore della forma. La scultura negli spazi della memoria. Luca Sossella, Rom 2012, ISBN 978-88-97356-04-2, S. 286–305.133x133pxLuigia Bosisio-Gujoni8Antonio und Giuseppe Chiattone1888Das Grabmal wurde für Luigia Bosisio-Gujoni (1800–1887) geschaffen und an Allerheiligen 1888 auf dem alten Friedhof eingeweiht. Luigia war die Tochter des Post- und Zolldirektors Pietro Gujoni († 1825), der 1815 mit Ugo Foscolo auf dessen Flucht in Lugano Freundschaft geschlossen hatte.Il Foscolo in Isvizzera. In: Bollettino Storico della Svizzera Italiana. Nr. 5, 1. Januar 1886, S. 97–99, hier 98 (online). 1899 bat ihre Schwiegertochter Carolina Bosisio-Vanni um die Verschiebung des Grabmals auf den neuen Friedhof. Es handelt sich um das erste bekannte Werk, das mit Fratelli Chiattone signiert ist. Vor einem Sandsteinkreuz mit dem Reliefporträt der Verstorbenen steht auf einem künstlichen Stein ein veristisch gestalteter Engel, der in der Rechten einen Kranz der Dankbarkeit hält.133x133pxTorricelli9Luigi Vassalli, Leone Pandolfi1911Der Industrielle Giuseppe Torricelli (1857–1913), Sohn von Francesco Torricelli (1829–1903), entstammte einer wohlhabenden, alteingesessenen Patrizierfamilie aus Lugano. Er war verheiratet mit Giovannina «Nina» Soldati (1865–1919). Das Grabmal liess er für seinen Sohn Giuseppe errichten, der am 11. Juni 1910 im Alter von 5 Jahren starb.Giuseppe. In: Gazzetta Ticinese. 11. Juni 1910, S. 3 (online). Vassallis Marmorrelief mit dem Titel Gebet der Engel (Preghiera degli angeli) basiert auf einem Gipsmodell, für das er 1900 an der Weltausstellung in Paris mit einer Bronzemedaille ausgezeichnet wurde. 1911 bat der Künstler den Stadtrat, die Kapelle mit einem Dachfenster zu versehen, damit sein Werk besser beleuchtet werde. Im unteren Teil ist Giuseppe Torricellis Grab in Bronze dargestellt, im Hintergrund links ist der Friedhof mit einem Gitter und einem Grabkreuz angedeutet. Darüber erhebt sich der Engel des Gebets, wie er, über die Toten wachend, zu den himmlischen Scharen emporschwebt. Die Kapelle sowie die Gruft sind mit Porträts aus dem alten Friedhof und neueren Tondi geschmückt. Der rechte Tondo ist ein Werk von Leone Pandolfi.133x133pxGiovanni Anzani10Gaudenzio Rossium 1903Giovanni Anzani (1824–1903) führte ein Kleinwarengeschäft an der Piazza Maraini in Lugano, das nach seinem Tod von seinem Sohn Giacomo (1853–1924) übernommen wurde. Dieser wandte sich später dem Gastgewerbe zu und leitete bis zu seinem Tod ein grosses Hotel in Pallanza am Lago Maggiore, wo er 1924 im Alter von 72 Jahren an einer Bronchitis starb. Er bekleidete in der Schweizer Armee den Rang eines Hauptmanns.Capitano Giacomo Anzani. In: Gazzetta Ticinese. 25. Juni 1924, S. 3 (online).