mini|Boris Strugazki, 2006 Arkadi Natanowitsch Strugazki (auch Arkadij Strugatzki; , wiss. Transliteration ; * 28. August 1925 in Batumi, Adscharische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik; † 12. Oktober 1991 in Leningrad) und Boris Natanowitsch Strugazki (auch Boris Strugatzki; russisch Борис Натанович Стругацкий, wiss. Transliteration Boris Natanovič Strugackij; * 15. April 1933 in Leningrad; † 19. November 2012 in Sankt Petersburg) waren zwei sowjetische Schriftsteller. Die Brüder schrieben gemeinsam eine Vielzahl von Romanen und gelten als die bedeutendsten Autoren der sowjetischen Phantastik. Ihre seit 1959 auch das Genre Science-Fiction umfassenden Bücher sind in einer Gesamtauflage von mehr als 50 Millionen Exemplaren erschienen und in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden.Klappentext der Werkausgabe Arkadi und Boris Strugatzki, Band 1, Heyne Verlag 2010, ISBN 978-3-453-52630-3.
Leben Herkunft und Kindheit Beide Brüder wuchsen im damaligen Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg auf. Ihr Vater war noch vor der Oktoberrevolution der Partei der Bolschewiki beigetreten und wurde – obwohl im Zivilberuf eigentlich Kunstwissenschaftler – General im Russischen Bürgerkrieg und später Funktionär der Partei. Während der „Stalinschen Säuberungen“ der 1930er Jahre wurde er jedoch aus der Partei ausgeschlossen.Erik Simon, Arkadi & Boris Strugatzki: Leben und Werk. In: (PDF) S. 8.
Arkadi Strugazki mini|Denkmal zur Erinnerung an die Hungerblockade Arkadi floh mit seinem Vater 1942 während der Leningrader Blockade auf der Straße des Lebens über den vereisten Ladogasee aus der von den deutschen und finnischen Truppen belagerten und ausgehungerten Stadt, wobei sein Vater ums Leben kam. Während seiner Armeezeit wurde Arkadi zum Japanisch-Dolmetscher ausgebildet und verbrachte den Krieg und die Jahre bis 1955 in dieser Funktion im Osten Russlands. Die Berufung zum Dolmetscher hat ihm mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet: Eine Einberufung zur sowjetischen Sommeroffensive von 1943 hätte für ihn wohl Einsatz und Tod bei der Schlacht im Kursker Bogen bedeutet. Später arbeitete er als Verlagslektor und Übersetzer englischer Science-Fiction in Moskau. In dieser Eigenschaft hat er sich für die Veröffentlichung der Werke sowohl von sowjetischen als auch von ausländischen Science-Fiction-Autoren eingesetzt.Erik Simon, Arkadi & Boris Strugatzki: Leben und Werk, in: , S. 8. Arkadis Berufsbezeichnung war Anglist und Japanologe.
Boris Strugazki mini|Das Pulkowo-Observatorium Boris, der jüngere der beiden Brüder, befand sich ebenfalls während der Hungerblockade in Leningrad, floh jedoch nicht mit dem Vater über den Ladoga-See, sondern blieb mit seiner Mutter, Alexandra Litwinschewa, in der Stadt. Erst als die Nachricht sie erreichte, dass Arkadi überlebt hatte, verließen auch sie Leningrad.ottosell.de Nach dem Krieg studierte er an der Leningrader Universität (der heutigen Staatlichen Universität Sankt Petersburg). Er wollte promovieren, musste aber kurz vor der Fertigstellung seiner Dissertation feststellen, dass der spätere Nobelpreisträger Subrahmanyan Chandrasekhar die in dieser Dissertation ausgearbeitete Theorie in einer in der Sowjetunion nicht erhältlichen Zeitschrift bereits 1943 veröffentlicht hatte. Später arbeitete er als Programmierer im Pulkowo-Observatorium bei Leningrad.Der Doppelgänger aus dem Spiegel. In: FAZ, 21. November 2012, S. 29.
Werk Arkadi schrieb auch unter dem Pseudonym S. Jaroslawzew. Boris veröffentlichte einige Essays unter dem Pseudonym S. Witizki. Die meisten und bekanntesten ihrer Werke schrieben sie jedoch gemeinsam. 1964 gaben die Strugazkis ihre Berufe auf, um als freischaffende Schriftsteller zu arbeiten.
Mehrere Werke der beiden Autoren wurden verfilmt, darunter 1990 Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein durch Regisseur Peter Fleischmann in einer westdeutsch-sowjetisch-französischen Produktion. Eine weitere Leinwandadaption eines Strugazki-Romans ist Stalker, eine Verfilmung nach Motiven aus Picknick am Wegesrand und dem von den Strugazkis verfassten Filmszenarium Die Wunschmaschine durch den sowjetischen Regisseur Andrei Tarkowski.
Am 2. Juli 1985 wurde der am 11. September 1977 von N. S. Tschernych entdeckte Asteroid (3054) Strugatskia zu Ehren des Brüderpaares benannt.Minor Planet Circ. 9771 (PDF; 194 kB)
Literarische Einordnung Die Literatur der Brüder Strugazki verbindet Elemente der russischen Erzähl- und Märchentradition mit Motiven der Science-Fiction, einer menschlich-psychologischen, im Gegensatz zu einer rein technischen. Obwohl meist in der dritten Person geschrieben, sind ihre besten Bücher konsequent und überzeugend subjektiv und hermetisch, und die Kamera oder Stimme des Erzählers sitzt über weite Strecken im Kopf der Hauptfigur.
Von literaturkritischem Interesse ist die Vielfalt der Erzählstrukturen, deren sich die Brüder Strugazki bedienen. Die Wellen ersticken den Wind etwa ist als Briefroman ausgeführt, andere Werke kommen gänzlich ohne Zeitsprünge und Perspektivwechsel aus. Bei einem Autorenduo liegt die Vermutung nahe, dass sich die Stoffe von Kapitel zu Kapitel in mitunter unvorhergesehene Richtungen entwickelt haben, und beispielsweise in Das lahme Schicksal finden die Handlungsstränge auch nicht zusammen, in Die Last des Bösen bleiben sie lange unversöhnt, um sich auf der letzten Seite kunstvoll zu kreuzen oder ineinander zu spiegeln.
Die in ihren Büchern beschriebenen fiktiven Gesellschafts- und Herrschaftssysteme sind häufig als Allegorien auf den realen Sozialismus oder die Prinzipien des Kommunismus zu lesen. Besonders in ihren späteren Werken wird die Rolle des Individuums in bürokratischen oder totalitären Systemen zum zentralen Motiv – so etwa in den Romanen Das lahme Schicksal und Das Experiment, die aufgrund ihres gesellschaftskritischen Inhalts erst nach dem Zerfall der Sowjetunion veröffentlicht wurden. Auch Bücher wie Montag beginnt am Samstag und Troika, die ganz offensichtlich in der Sowjetunion spielen, lassen sich als Kritik an starren Verwaltungsstrukturen lesen. Ersteres hat auch Züge eines ulkigen, rasanten Metamärchens.
Einige Geschichten oder Erzählstränge kommentieren das Autorenschicksal selbst oder den simplen Alltag. Grundton ist dennoch ein verhaltener Optimismus. Selbst die Bürokraten bleiben überwiegend menschlich oder zumindest harmlos. Schurken oder Gegenspieler treten nur in wenigen Werken auf.
Ein mehrfach auftauchendes Konzept ist das eines erhofften oder thesenhaft in den Raum gestellten sprunghaften Aufstiegs des Homo sapiens zu einem Hypermenschen („vertikaler Progress“). Es werden sowohl Vor- als auch Nachteile einer „neuen“ Supermenschenrasse erörtert (am Ende der Maxim-Kammerer-Trilogie).
Wanderer im Mittags-Universum Eine Reihe der Strugazkibücher sind im Mittags-Universum (nach dem Buch Mittag, 22. Jahrhundert) angesiedelt und enthalten Bezüge zu den Wanderern, (russisch: странники), Mitgliedern einer überlegenen Zivilisation, die in die Geschicke der Menschheit einzugreifen scheinen. Die Menschen selbst haben in diesem Universum einen hohen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Standard erreicht. Geld hat seine Bedeutung verloren, da jeder einer Beschäftigung nachgeht, die ihn interessiert und dadurch zum Gemeingut beiträgt. Die Erde wird von einer Technokratie regiert.
Verwendet wird als wiederkehrendes Thema die Beeinflussung mittelalterlicher (außerirdischer) Gesellschaften durch menschliche Agenten („Progressoren“). Analog wird von einigen Menschen eine Einflussnahme auf die Menschheit durch eine übergeordnete Zivilisation der Wanderer vermutet.
Sehr spezielle Werke Die Brüder Strugazki haben auch eine Reihe Powesti veröffentlicht, die nicht in ihren eindeutigen Universen spielen und sich meist durch eine gesellschaftskritische Stoßrichtung auszeichnen.
Die zweite Invasion der Marsianer – Aufzeichnungen eines Vernünftigdenkenden wurde in der ersten (west-)deutschen Übersetzung 1973 herausgegeben, und wendet sich eindeutig gegen Opportunismus (und gegen das Abzapfen von Magensaft).
In den 1990er Jahren wurde eine Buchreihe publiziert, in der Erzählungen und Kurzromane anderer Autoren gesammelt wurden, die Stoffe der Strugazkis fortsetzen bzw. ihre Figuren weiterentwickeln, Время учеников (drei Bände, 1996, 1998, 2000). Boris Strugazki gab die Erlaubnis dazu und schrieb ein Vorwort zu dem mehrfach wiederaufgelegten Projekt, an dem alle bedeutenden russischen SF-Autoren mitwirkten (u. a. Sergei Lukjanenko).
Zensur und konkurrierende Übersetzungen: Titel- und Textvarianten Insbesondere einige der in den 1970er und 1980er Jahren auf Deutsch erschienenen Fassungen einzelner Werke der Strugazkis unterscheiden sich von neueren Ausgaben deutlich sowohl im Titel als auch durch das Fehlen ganzer Abschnitte und Kapitel von neueren Ausgaben. Daneben existieren konkurrierende Übersetzungen für dasselbe Werk von unterschiedlicher Qualität. Zusätzlich wird die Lage für deutsche Leser dadurch unübersichtlich, dass in einigen Fällen ursprünglich eigenständig erschienene Bücher später in andere Werke integriert wurden. In der ab 2010 erschienenen, nicht alle Werke enthaltenden Gesamtausgabe in sechs Bänden wurden die Werke anhand der ungekürzten und unzensierten Originale überarbeitet und ergänzt.
Titelvarianten Einige Titelvarianten sind unschwer als unterschiedliche Übersetzungen des Originaltitels zu erkennen, das trifft etwa auf Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein und Ein Gott zu sein ist schwer zu oder auch auf Montag beginnt am Samstag gegenüber Der Montag fängt am Samstag an. In anderen Fällen jedoch lässt der Titel allein nicht vermuten, dass es sich um dasselbe Werk handelt. So ist beispielsweise der im russischen Original Малыш (Malish, deutsch „Kind“) genannte Roman in Deutschland sowohl unter dem Titel Der Knirps als auch unter dem Titel Die dritte Zivilisation erschienen. Das Experiment erschien außerdem unter dem Titel Stadt der Verdammten und Verdammte Stadt. Die direkte Übersetzung des russischen Originaltitels lautet dagegen: „Die verurteilte Stadt“.Erik Simon, Arkadi & Boris Strugatzki: Leben und Werk, in: S. 10, S. 14. In der unten folgenden tabellarischen Übersicht sind verschiedene Titel für dasselbe Werk durch Semikola getrennt.
Kurz- und Langfassungen, Neukombinationen Während es bei den obigen Titelvarianten nur um unterschiedliche Übersetzungen beziehungsweise kommerzielle Verwertungen einzelner Werke geht, existieren infolge der Probleme der Strugazkis mit der sowjetischen Zensur auch unterschiedlich gekürzte bzw. miteinander kombinierte Fassungen einzelner Werke, die teilweise unter demselben Titel veröffentlicht wurden.
Von dem Roman Die bewohnte Insel existieren zwei deutsche Ausgaben unter demselben Titel, von denen die ältere auf einem um mehrere Kapitel gekürzten Zeitungsvorabdruck beruht, bei der z. B. der Name des Haupthelden noch nicht wie in der jüngeren Ausgabe und auch in späteren Romanen Maxim Kammerer lautet, sondern „Maxim Rostislawski“.Erik Simon, Arkadi & Boris Strugatzki: Leben und Werk, in: S. 11.
Die Schnecke am Hang besteht aus zwei ganz verschiedenen Handlungssträngen, deren einzelne Kapitel („Waldkapitel“ und „Verwaltungskapitel“) jeweils abwechselnd den Roman bilden. In der Sowjetunion durften diese Handlungsstränge ursprünglich nur getrennt erscheinen, da die Satire auf die sowjetische Wirklichkeit in der Kombination noch deutlicher wurde. Daher tauchen in der folgenden Tabelle auch Waldkapitel und Verwaltungskapitel als einzelne Romane auf. Unter dem Namen Unruhe wurde zudem eine erste und von der späteren inhaltlich wie stilistisch deutlich abweichende, eigenständige Fassung des „Verwaltungskapitels“ veröffentlicht, die noch heute unter diesem Titel zu erhalten ist – und von der die Autoren einzelne Motive später in Die Wellen ersticken den Wind einarbeiteten.