mini|Aulos-Spieler, ca. 480 v. Chr. (aus der Nekropole Gaggera bei Selinunt/Sizilien) Der Aulos (aus , „Röhre“, Plural Auloi) ist ein zu den Blasinstrumenten zählendes Rohrblattinstrument der Antike. Der Spieler dieses Instruments heißt Aulet (griechisch ). Der Aulos hatte in der Regel zwei zylindrisch oder leicht konisch gebohrte Melodierohre, die miteinander nicht verbunden waren und beim Spielen V-förmig gehalten wurden. Ursprünglich bestanden die Rohre meist aus Schilfrohr oder Lotos, es waren aber auch diverse andere Materialien üblich. Auloi gab es in vielen Typen und Größen; die erhaltenen Rohre messen etwa zwischen 30 und 55 cm, antike Nachrichten belegen auch wesentlich längere Formen.

Vergleichbare gedoppelte Rohrblattinstrumente (Doppeloboen) gab es bereits im Alten Ägypten unter dem Namen memet. Bei den Etruskern hießen entsprechende Instrumente suplu. Im antiken Rom wurde der Instrumententyp lateinisch als tibia bezeichnet.

Vorformen im Nahen Osten und im Mittelmeerraum mini|Ägyptischer Memet um 1400 v. Chr. Aus dem Alten Ägypten (4. Dynastie, 2639–2504 v. Chr.) stammt eine in der Nekropole von Gizeh gefundene Statue mit einem Doppelinstrument. Seit der 5. Dynastie (2504–2347 v. Chr.) findet sich dieses Memet genannte Rohrblattinstrument auf bildlichen Darstellungen. Archäologisch sind Exemplare aus dem Mittleren Reich erhalten (ca. 2010 v. Chr. – 1793 v. Chr.). Aus der Spätzeit (664–332 v. Chr.) sowie aus der hellenistisch-römischen Zeit (4. Jahrhundert v. Chr. – 4. Jahrhundert n. Chr.) sind einige Exemplare aus Schilfrohr sehr gut erhalten.Jürgen Elsner: Klarinetten I. – Vorbemerkung. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. (MGG) Sachteil, Bd. 5, Sp. 178. Diese Instrumente dürften ausschließlich mit Einfachrohrblättern gespielt worden sein. Die doppelten Schallrohre wurden parallel gehalten. Sie sind als die direkten Vorläufer der bis heute im Vorderen Orient und im Mittelmeerraum verbreiteten Instrumente zu betrachten (Duduk in Armenien, Balaban in Aserbaidschan und im Iran, Sipsi und Mey in der Türkei, Midschwiz im östlichen Mittelmeerraum, Launedda auf Sardinien). Vermutlich ebenfalls verwandt ist das in der Bibel genannte Instrument Chalil.

mini|Der Aulosspieler und ein Harfenist. ca. 2600 v. Chr., Keros Zu den ältesten Zeugnissen gehört auch ein Kykladenidol von der Insel Keros aus der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr., das einen Musiker zeigt, der eine Vorform des gedoppelten Aulos mit relativ kurzen, vermutlich konischen Rohren spielt.Helmut Brand, Altgriechische Musik Auf Kreta findet sich aus minoischer Zeit (Mitte 2. Jahrtausend v. Chr.) die gut erhaltene Abbildung eines Doppelaulos, dessen eines Spielrohr einen aufwärts gebogenen Schalltrichter trägt. Die Rohre werden parallel gehalten und erreichen fast die Armlänge des Spielers.Helmut Brand, Altgriechische Musik Die älteste Darstellung eines Aulisten mit einer Mundbinde findet sich auf einem neohethitischen Orthostaten des 8. Jahrhunderts v. Chr. aus Karatepe.Monika Schuol: Hethitische Kultmusik. Eine Untersuchung der Instrumental- und Vokalmusik anhand hethitischer Ritualtexte und von archäologischen Zeugnissen (= Orient-Archäologie. Band 14). Verlag Marie Leidorf, Rahden 2004, ISBN 3-89646-644-5, S. 131.

Eine sardinische Bronzestatuette (ca. 1000 v. Chr.) belegt eine Vorform der dort bis heute erhaltenen dreifachen Launeddas beziehungsweise Benas. Die etwa 8 cm hohe Figur zeigt einen Spieler, der drei gleich lange zylindrische Spielrohre im Mund hält, die mit ausgestreckten Armen am unteren Ende gegriffen werden.Heinz Becker: Zur Entwicklungsgeschichte der antiken und mittelalterlichen Rohrblattinstrumente. Sikorski, Hamburg 1966, S. 111. Aus der Hallstattzeit wurde in Százhalombatta (Ungarn) die Darstellung einer Doppelhornpfeife gefunden. Eine Figurine aus dem Kontext der östlichen Hallstattkultur (6. Jahrhundert v. Chr.) stellt eine Person dar, die zwei Hornpfeifen in V-Haltung spielt. Die Rohre sind etwa so lang wie ein Arm dargestellt. Die unteren Enden der Spielrohre sind in die hohle Wölbung der Hörner eingeführt, etwa um ein Drittel der Hornlänge vor der Hornspitze.Eine Skizze der Bronzestatuette aus Százhalombatta:

„Klassischer“ griechischer Aulos Bedeutung und Verbreitung mini|Aulos-Spieler, ca. 490 v. Chr., attische Vasenmalerei auf einer Trinkschale aus der Nekropole von Vulci Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. sind Exemplare des griechischen Aulos, Darstellungen und literarische Zeugnisse in größerer Zahl erhalten. Trotz der zahlreichen möglichen Vorgängerformen, die rund um den Mittelmeerraum belegt sind, ist es wahrscheinlich, dass der Aulos im engen Sinn, also die griechische Form des Musikinstrumentes, etwa in dieser Zeit aus Kleinasien übernommen wurde. Möglicherweise steht die Übernahme im Zusammenhang mit der Verehrung des Gottes Dionysos, die ebenfalls aus dieser Region stammte. Zwar wurde in der modernen Forschung auch vorgeschlagen, den griechischen Aulos von den entsprechenden Instrumenten der kykladischen oder der minoischen Kultur herzuleiten, aber zahlreiche Passagen bei antiken Schriftstellern bringen den Aulos eindeutig mit kleinasiatischen Sagenfiguren (Hyagnis, Marsyas), Musikern (Olympos), Harmonien und Melodien in Verbindung.Annemarie J. Neubecker: Altgriechische Musik. Eine Einführung. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-04497-5, S. 77.

Schon früh herrschte jedoch eine gewisse Konkurrenz zwischen den Auloi und den verschiedenen Formen der griechischen Leier (etwa Kithara oder Lyra). Der Aulos erfreute sich zwar großer Beliebtheit in unterschiedlichsten Zusammenhängen, wurde aber von vornehmen Griechen der Oberschicht nicht als standesgemäß und „hellenisch“ anerkannt. Dieser Gegensatz zwischen Blas- und Saiteninstrument spiegelt sich unter anderem auch in dem Mythos wider, nach dem der Kithara spielende Apollon den Aulos spielenden Marsyas besiegte. In den gleichen Zusammenhang gehören auch die Berichte in der antiken Literatur, nach denen sich der athenische Staatsmann und Feldherr Alkibiades geweigert haben soll, den Aulos zu erlernen. Noch im 4. Jahrhundert v. Chr. äußerten sich bedeutende griechische Schriftsteller (Platon, Aristoteles) ablehnend zu dem Instrument.Annemarie J. Neubecker: Altgriechische Musik. Eine Einführung. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-04497-5, S. 77. Die Geschichte zu Alkibiades ist überliefert bei Plutarch, Alkibiades 2; Pseudo-Platon, Alkibiades I 106 e. Professionelle Aulosbläserinnen waren dagegen etwa die antiken Hetären. Berühmt wurden die Aulosbläserinnen Lamia von Athen und Aphrodite Bilistiche.Eva Weissweiler: Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. dtv, Bärenreiter, München 1999, S. 28–29.

In hellenistischer Zeit verbreitete sich mit der griechischen Kultur auch der Aulos. Das südlichste Verbreitungsgebiet hellenistischer Auloi am Nil ist Meroe, wo im Bereich der Stadt und auf dem Nordfriedhof mehrere Exemplare aus Elfenbein und Metall gefunden wurden, die in die Jahre um 15 v. Chr. bis 2 v. Chr. datiert werden.Nicholas B. Bodley: The Auloi of Meroë: A Study of the Greek-Egyptian Auloi Found at Meroë, Egypt. In: American Journal of Archaeology. Band 50, Nr. 2, 1946, S. 217–240.

Die Funktion der „Flötenmädchen“ (αὐλέτιδες, aulétides) bei Symposien und ihre gesellschaftliche Stellung sind im Abschnitt zur profanen Prostitution in der Antike beschrieben.

Mythologie Der Erfinder des Aulos wird in der antiken Mythologie nicht einheitlich überliefert. Während Pindar auf die Göttin Athene verweist, die damit den Klagegesang der Gorgonen habe imitieren wollen,Pindar, Pythische Oden 12,18–22. nennen andere Schriftsteller auch Apollon (Pseudo-Plutarch) und Ardalos, einen Sohn des Hephaistos.Annemarie J. Neubecker: Altgriechische Musik. Eine Einführung. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-04497-5, S. 76 f. Auffällig ist in dieser Hinsicht allerdings, dass in den bildlichen Darstellungen der griechischen Antike der Aulos nie mit einer bestimmten Gottheit in Verbindung gebracht wird, sondern stets von austauschbaren Figuren wie Satyrn, Mänaden und Musen gespielt wird.Annemarie J. Neubecker: Altgriechische Musik. Eine Einführung. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-04497-5, S. 77 f.

Ein weit verbreiteter griechischer Mythos schildert, wie Athene auf dem Aulos zu musizieren versucht, dann aber das Instrument fortwirft,Melanippides, frag. 758 PMG; Bronzegruppe von Myron, siehe Plinius der Ältere, Naturalis historia 34,57, und Pausanias, Beschreibung Griechenlands 1,24,1. als sie bemerkt, dass das Hineinblasen ihre Gesichtszüge entstellt.Schon bei Melanippides, aufgenommen bei Palaiphatos, Unglaubliche Geschichten 47, Properz, Elegien 2,30,16–18, und Ovid, Fasti 6,697. Der Aulos wird daraufhin von dem Satyrn Marsyas aufgehoben. Ihm gefiel das Spiel darauf so gut, dass er den Lyra spielenden Apollon zum Wettstreit herausforderte.Zuerst belegt durch rotfigurige Keramik vom Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr.: Timothy Gantz: Early Greek Myth. Johns Hopkins University Press, 1993, S. 86–87 und 95; hier S. 95. Die als Schiedsrichter ausgewählten Musen erklärten jedoch Apollo zum Sieger. Darauf hängte dieser Marsyas zur Strafe für seinen Übermut an einer Fichte (dem heiligen Baum der Kybele) auf und zog ihm bei lebendigem Leib die Haut ab.

Konstruktion, Spieltechnik und Klang Abbildungen, Schriftquellen und archäologische Funde belegen, dass der Aulos ein Rohrblattinstrument war, auch wenn das Wort oft fälschlich mit „Flöte“ übersetzt wird. Er wurde mit Einfachrohrblatt oder Doppelrohrblatt gespielt.Einfaches Rohrblatt als die häufigere Form nehmen an: Wolfgang Boetticher: Aulos. In: MGG. Sachteil, Bd. 1, Sp. 1039–1042; Heinz Becker: Zur Entwicklungsgeschichte der antiken und mittelalterlichen Rohrblattinstrumente. Sikorski, Hamburg 1966, S. 51–80. Aufgrund einer Beschreibung bei Theophrastos von EresosTheophrast, Peri phyton historias 4,11,4–5; dazu siehe Heinz Becker: Zur Entwicklungsgeschichte der antiken und mittelalterlichen Rohrblattinstrumente. Sikorski, Hamburg 1966, S. 58–62. wird teilweise vermutet, dass im 4. Jahrhundert die Gegenschlagzunge, also das Doppelrohrblatt, durch die Aufschlagzunge, also das Einfachrohrblatt, abgelöst worden sei.Boetticher, Sp. 1041; siehe auch Annemarie J. Neubecker: Altgriechische Musik. Eine Einführung. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-04497-5, S. 78 f. Archäologisch sind allerdings nur Doppelrohrblätter belegt.Byrne, Understanding the aulos. Zwischen Mundstück (zeugos) und Spielrohr (bombyx) saßen zwei ei- bzw. trapezförmig verdickte Abschnitte, der holmos (ὅλμος) und das hypholmion (ὑφόλμιον).So die Interpretation von Heinz Becker: Zur Entwicklungsgeschichte der antiken und mittelalterlichen Rohrblattinstrumente. Sikorski, Hamburg 1966, S. 63; die genaue Zuschreibung der antiken Termini ist umstritten. Das Spiel – vermutlich mit Zirkularatmung,Vladimir Kachmarchik: In: Journal Internationale Double Reed Society, Nr. 22, Juli 1994, S. 93–99 wie es bei den traditionellen Instrumenten des Mittelmeerraums und in Asien bis heute begegnet – wurde durch eine Mundbinde (griechisch φορβειά phorbeia, lateinisch capistrum) unterstützt.Annemarie J. Neubecker: Altgriechische Musik. Eine Einführung. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-04497-5, S. 79. Der notwendige Blasdruck richtet sich vor allem nach den verwendeten Rohrblättern und liegt bei Doppelrohrblättern generell höher als bei Einfachrohrblättern.