Rachel Yehuda (geboren am 1. August 1959 in Israel) ist eine jüdisch-amerikanische Professorin für Psychiatrie und Neurowissenschaften, die sich bevorzugt mit psychischen Traumata, Traumafolgestörungen und ihrer transgenerationalen Weitergabe befasst. Yehuda ist Direktorin der Abteilung für Traumatic Stress Studies an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York City und betreut dort das klinische Forschungsprogramm für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS, PTSD). Überdies leitet sie die neurochemische und neuroendokrinologische Forschungsstätte am James J. Peters Veterans Affairs Medical Center (J.J.P. VAMC). Seit 1984 legte sie etwa 500 wissenschaftliche Veröffentlichungen vor, erreichte mit ihren Publikationen einen h-Index von 107 und gehört zur Gruppe der Keynote Speaker.

Biografisches Im Juli 2015 gab Yehuda der amerikanischen Journalistin Krista Tippett ein Interview, bei dem sie aus ihrem Leben und zusammenfassend über ihre fachlichen Positionen berichtete. Das Interview ist im Internet als Audiodatei und als Transkript hinterlegt. Ein gutes Jahr später erzählte sie im September 2016 auf der Plattform The Story Collider in einem achtzehnminütigen Podcast – der Absicht dieser Plattform entsprechend – ihre ganz persönliche Geschichte mit der Wissenschaft und gab dabei auch Privates preis.

Geboren in Israel wuchs Yehuda in einem jüdischen Viertel der am Eriesee gelegenen Stadt Cleveland Heights auf, nachdem ihre Eltern mit ihr in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren, als sie noch ein Baby war. In Cleveland Heights hatten sich viele Holocaustüberlebende niedergelassen. In Kindertagen habe das keine besondere Rolle gespielt, habe sich später aber eigenen Angaben zufolge als prägend für ihre Forschungsarbeit herausgestellt. Sie sei nicht nur in einer gläubigen jüdischen Gemeinde aufgewachsen, sondern auch in eine jüdische Schule gegangen. Ihr Vater war Rabbiner. Insofern war ihre Kindheit von der jüdischen Kultur und der jüdischen Religion bestimmt. Sie sei gleichsam in die Blase des praktizierten Judentums eingetaucht (im Original: „in the bubble of observant Judaism“).

Yehuda spricht fließend Hebräisch. Regelmäßig besuche sie Verwandte in Israel. Ein Jahr lang studierte sie in den 1970ern in Jerusalem. Jehuda ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit ihrem Mann zog sie erst vier Jahre nach der Eheschließung zusammen, als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war.

Beruflicher Werdegang mini|James J. Peters VA Medical Center (2010), rechts das Forschungsgebäude mini|links|Eingang zur Icahn School of Medicine (2019) Yehuda promovierte in den 1980er Jahren bei Earl Giller an der Yale University. Eigenen Angaben zufolge war sie die Erste, die in den damals noch jungen Neurowissenschaften einen Ph.D. mit der Berechtigung zur selbstständigen und alleinverantwortlichen Lehre an einer Universität erwarb. Sie erhielt ihren Ph.D. in Psychologie und Neurochemie und ihren M.Sc. in Biopsychologie an der University of Massachusetts Amherst. Von September 1987 bis August 1991 vervollständigte sie ihre Ausbildung postdoctoral in biologischer Psychiatrie am Department of Psychiatry der Yale Medical School in New Haven (Connecticut). Im September 1991 trat sie eine Stelle an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai an, wo sie Professorin und Direktorin der Division of Traumatic Stress Studies wurde. Im Jahr 2004 war sie Gastprofessorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Fünf Jahre später nahm sie im Januar 2009 ihre Tätigkeit im Veteranenkrankenhaus (J.J.P. VAMC) in der Bronx auf, das an einem abgelegenen Ort liegt, an dem, wie der amerikanische Sachbuchautor und Journalist David Samuels es 2014 beschrieb, die USA die von der Gesellschaft wie Aussätzige behandelten Opfer ihrer Kriege aufbewahren (im Original: „warehouses“). Nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Therapeutin für MDMA-gestützte Psychotherapie wurde am Mount Sinai Hospital im Januar 2021 das Psychedelics Research Center neu eröffnet, das Yehuda seitdem leitet.

Forschungsinteressen Yehudas Forschungsinteressen sind vielfältig und beziehen neben der Epigenetik unter anderem die Molekularbiologie, die Epidemiologie, Gehirn und Gedächtnis mit ein. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet der PTBS, deren Risiko- und Resilienzfaktoren, psychologischer und biologischer Prädiktoren (i. e. Vorhersagewerte) der Behandlung von PTBS und ihrer transgenerationalen Weitergabe. Ihre Forschungen über Cortisol und Hirnfunktionen trugen zum Verständnis der Behandlungsoptionen bei PTBS bei.

Epigenetik Das besondere Interesse Yehudas gilt der Epigenetik, einem Teilgebiet der Biologie, das sie mit ihrer Forschung und ihren Publikationen maßgeblich mitgestaltete. Für Laien verglich sie die Genetik mit einem Computer und die Epigenetik mit der dazugehörigen Software. Hinter der Epigenetik stehe laut Yehuda die Idee, dass Erfahrungen nicht nur physiologisch verankert sind, sondern dass physiologische Veränderungen tatsächlich im Rahmen der transgenerationalen Weitergabe an die nächste Generation weitergegeben werden können. Viele Menschen, die eine Katastrophe überlebten, würden über sich sagen, sie seien nicht mehr derselbe Mensch wie vorher. Yehuda zufolge stelle die Epigenetik das Handwerkszeug zur Verfügung, solche allgemein gehaltenen Aussagen über sich selbst zu entschlüsseln.

Während früher angenommen wurde, biologische Veränderungen zwischen Generationen seien evolutionär und würden Zeit benötigen, um sich durchzusetzen, ist inzwischen bekannt, dass Epigenetik ein Mechanismus für kurzfristige Anpassung ist und genetische Mutationen schnell passieren und mit Traumata assoziiert sein können. Es geschehe laut Yehuda allerdings keine genetische Veränderung an sich, sondern eine Art Änderung des Programms, und Änderungen an der Funktionsweise der Gene könnten recht hilfreich sein. Möglicherweise würden Yehuda zufolge manche Veränderungen eher auftreten als andere und manche Gene seien flexibler als andere. Menschen, die etwas – wie sie es nennt – Kataklysmisches erlebten, seien trotz alledem dieselben Menschen wie zuvor und hätten nach wie vor die gleiche DNA.

Wie Yehuda in einem Interview mitteilte, das David Samuels unter dem Titel Do Jews Carry Trauma in Our Genes? im Dezember 2014 für das Magazin Tablet mit ihr führte, seien wir in gewisser Weise Gefangene unserer Biologie und unserer Umwelt. Zwar könnten wir unsere Umwelt selbst wählen, doch seien unsere Möglichkeiten durch unsere Gene und viele andere Faktoren, die unseren vermeintlichen freien Willen beeinflussen, eingeschränkt.

Stress und PTBS Stress war in den frühen Jahren der Forschung nicht mit Biologie assoziiert, doch gerade diese Verknüpfung habe Yehudas Interesse geweckt. Auch sei anfänglich die Diagnose PTBS umstritten gewesen. Auf Anregung von Earl Giller, dem Betreuer ihrer Dissertation, sei sie nach dem Aufkommen entsprechender Fragen mit einer Forschergruppe in ihre Heimatstadt gefahren, um die Hypothese zu überprüfen, der zufolge die Traumatisierungen von Holocaust-Überlebenden jenen von Vietnamveteranen ähneln sollten. Man stellte fest, dass es viel mehr Ähnlichkeiten gab, als die Forschergruppe für möglich gehalten hätte. Sich auf das Tippett-Interview beziehend zitierte die Contemporary Freudian Society Yehuda mit dem Satz: „There is a wisdom in our bodies“.

Unter vielem anderen widmete sich Yehuda mit ihrer Forschergruppe auch den Traumafolgen bei Überlebenden der Terroranschläge am 11. September 2001 und veröffentlichte die Ergebnisse im Frühjahr 2011. Im darauffolgenden September berichtete die britische Tageszeitung The Guardian darüber. Nach dem Anschlag sei die Forschergruppe mit Anrufen von zahlreichen Traumatisierten – darunter auch schwangeren Frauen – überschüttet worden. Daraufhin habe Yehuda begonnen, zu untersuchen, ob und wie sich die Erfahrungen dieser Frauen auf ihre Kinder auswirken könnten. Sie brachte eine Langzeitstudie auf den Weg, in deren Rahmen Frauen untersucht wurden, die am 11. September 2001 schwanger waren und sich zum Zeitpunkt des Anschlags entweder im World Trade Center oder in der Nähe aufhielten. Einige von ihnen entwickelten später eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Die nach einem Jahr untersuchten und inzwischen geborenen Kinder wiesen einen niedrigeren Cortisolspiegel auf als andere Kinder. Später konnte Yehuda mit ihrer Forschungsgruppe nachweisen, dass diese Kinder eine verstärkte Stressreaktion auf neue Reize zeigten. In nachfolgenden Studien konnten 16 Gene identifiziert werden, die epigenetisch durch die Traumaexposition am 11. September beeinflusst waren.

Die Neurobiologie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wurde erstmals von Yehuda beschrieben. Bei betroffenen Patienten wies sie eine erhöhte Sensitivität der Glucocorticoidrezeptoren nach – ein bis dahin nicht bekannter Mechanismus. Darauf aufbauend veröffentlichte sie eine genomweite Expressionsstudie zu PTBS und entwickelte mit ihrer Forschergruppe ein zugelassenes Patent für einen diagnostischen Bluttest. Ihre Beobachtungen trugen zu einem Verständnis bei, warum Menschen nach einem Trauma so unterschiedlich reagieren.

Wirken mini|Rachel Yehuda am 15. Oktober 2022 beim The Veterans Panel at Horizons NYC Im Laufe ihrer Karriere erhielt Yehuda zahlreiche Fördergelder, unter anderem vom National Institute of Mental Health, dem US-Verteidigungsministerium, der US-Veteranenbehörde und verschiedenen Stiftungen wie der American Foundation for Suicide Prevention. Von 1984 bis Dezember 2025 legte sie etwa 500 wissenschaftlich Veröffentlichungen vor. Für ihre Publikationen ergibt sich mit Stand vom Dezember 2025 nach Zählung der Datenbank Scopus ein h-Index von 107, Google Scholar wirft einen h-Index von 141 aus. Anlässlich eines im Februar 2025 an der University of California, San Francisco (UCSF) für ein Fachpublikum gehaltenen Vortrages zum Thema Intergenerational Trauma and Resilience erwähnte das UCSF Department of Psychiatry and Behavioral Sciences neben bereits genannten Funktionen auch Yehudas Stiftungsprofessur für Psychiatrie und Neurowissenschaften der Traumaforschung. Ihre Arbeit wurde in mehreren Dokumentarfilmen und populärwissenschaftlichen Medien vorgestellt. Yehuda sei ihrer Zeit voraus (im Original: „ahead of her time“), meinte David Spiegel, Professor für Psychiatrie an der Stanford University – erwähnt von Judith Shulevitz in einer Abhandlung unter dem Titel The Science of Suffering, die sich mit Yehudas Forschungen und ihren Beobachtungen zur transgenerationalen Weitergabe befasst. Dort wird sie beschrieben als eine Frau mit gepflegtem blonden Haar, einer Reihe beeindruckender Doktoranden und einer Zuversicht, die einem Fels in der Brandung gleichkomme. Yehuda gehört der Gruppe der Keynote Speaker an und ist bei AAE Speakers registriert.

Die Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital betreibt einen Physician’s Channel, auf dem neben der Vorstellung komplexer Fälle neue Entwicklungen in der Patientenversorgung und innovative Verfahren vorgestellt werden. Auf diesem Kanal ist Yehuda eine gesonderte Seite gewidmet, auf der einige Videos hinterlegt wurden: Intergenerational Effects of Trauma: A Biological Perspective (6. Dezember 2019, Laufzeit 48:24) Psychedelic-Assisted Psychotherapy for Post-Traumatic Stress Disorder (28. September 2020, Laufzeit 1:14:40) From Party to Prescription: How Psychedelics Are Changing Traditional Psychiatry (30. September 2020, Laufzeit: 1:31:41) Mount Sinai Panel: Visionary Approaches – Psychedelics as Therapy (17. Juni 2022, Laufzeit 1:00:30)

Yehuda ist Mitglied in zahlreichen Fachverbänden und war in vielen wissenschaftlichen Beiräten und Redaktionsausschüssen von Fachzeitschriften tätig.

Psychedelics Research Center