Die stolze Vasthi ist ein Einakter von Friedrich Wilhelm Gotter, der 1795 erstmals gedruckt wurde. Das Stück trägt den Untertitel Ein Lustspiel in einem Akte, weist jedoch in Handlung und Ausgang deutliche Abweichungen von gängigen komischen Dramaturgien auf. Es basiert auf der biblischen Figur der Vasthi aus der Tanach und endet mit der Verstoßung der weiblichen Protagonistin.

Inhalt Die Handlung spielt am persischen Hof unter König Ahasver. Vasthi, seine Gemahlin, weigert sich, auf Befehl des Königs persönlich zu einem Fest zu erscheinen. Stattdessen verlangt sie, vom König selbst abgeholt zu werden; andernfalls wolle sie allein speisen. Trotz der Warnungen ihrer Hofmeisterin beharrt Vasthi auf diesem Anspruch.

Ahasver verliert nach mehreren vergeblichen Versuchen, seine Frau durch Bediente holen zu lassen, die Geduld. Er schickt schließlich ein "Gefolge von Schwarzen", woraufhin Vasthi einen Dolch zieht und flieht. In der anschließenden Beratung mit seinen Günstlingen beschließt der König ihre Verstoßung und droht (alternativ zu einem klösterlichen Leben) ihre Hinrichtung an.

Die eigentliche Bestrafung Vasthis wird nicht auf der Bühne vollzogen; dennoch endet das Stück mit ihrer vollständigen politischen und sozialen Vernichtung.

Aufführungsgeschichte Besondere Bekanntheit erlangte der Einakter durch eine Aufführung am 28. Oktober 1800 im Weimarer Liebhabertheater unter der Leitung von Johann Wolfgang von Goethe. Goethe hatte dem Stück ein Epilog anlässlich des Geburtstags der Herzogin Anna Amalia hinzugefügt.Goethes Werke. Band XIV. Hg. v. Dorothea Kuhn. München 1981, S. 460. Er betrachtete die Inszenierung als ein Experiment und ließ das Stück als "erstes Experiment einer an griechisch-antike Theaterkunst orientierten Inszenierungsweise"Himmelseher, Das Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung 2010, S. 61. aufführen. Charakteristisch waren dabei antiken Vorbildern nachempfundene Charaktermasken sowie eine stilisierte Spielweise. Diese Aufführung gilt in der Theatergeschichtsforschung als frühes Beispiel für Goethes Bemühungen um eine klassizistische Reform der Bühnenästhetik.Himmelseher, Das Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung 2010, S. 61ff.

Entstehung und Gattung Gotter bezeichnete Die stolze Vasthi selbst als Lustspiel, bat jedoch bereits in der Vorrede zur Erstausgabe um Nachsicht für "Abweichungen von den strengen Vorschriften der dramatischen Kunst". Welche Abweichungen er damit konkret meinte, bleibt offen. Das Stück kann als Gattungsproblem beschrieben werden, da es weder komische Zuspitzungen noch ein versöhnliches Ende aufweist. Insbesondere fehlen typische Merkmale der Komödie wie eine Hochzeit, eine Lächerlichmachung der Hauptfigur oder eine moralische Rehabilitierung. Das Stück endet stattdessen mit der formellen Verstoßung Vasthis und der Androhung ihrer Hinrichtung, was es in die Nähe eines Trauerspiels rückt.

In der literaturwissenschaftlichen Forschung wird Die stolze Vasthi häufig als Sonderfall innerhalb der deutschsprachigen Einakterproduktion des späten 18. Jahrhunderts betrachtet.Dîlan Canan Çakir: Poetische Ökonomie im Drama: Einakter im 18. und frühen 19. Jahrhundert. De Gruyter 2024 ·S. 426. Die Figur der Vasthi erscheint nicht als komisch überzeichnete Typenfigur, sondern als stolze, autonome Frau, deren Unnachgiebigkeit tragische Konsequenzen hat. Damit widerspricht das Stück zentralen Erwartungen an das Lustspiel und problematisiert zugleich Macht, Geschlechterrollen und Herrschaftsanspruch.

Ausgaben

Friedrich Wilhelm Gotter: Die stolze Vasthi. Ein Lustspiel in einem Akte. In: Schauspiele von Friedrich Wilhelm Gotter. Leipzig 1795, S. 5–40. (Digitalisat)

Literatur

Himmelseher, Birgit: Das Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung. Kunstanspruch und Kulturpolitik im Konflikt. Berlin 2010, S. 61–62.

Einzelnachweise

Kategorie:Drama Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (18. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (Deutschland)