Anastassija Wassyliwna Hulej (auch Hulei/ukr.: Гулей; geborene Pljaschetschnyk; geboren am 12. Dezember 1925, im Dorf Hrabariwka, Kreis Pyrjatyn, Region Poltawa) ist eine ehemalige Zwangsarbeiterin des nationalsozialistischen Deutschlands und Überlebende der ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen. Sie ist Vorsitzende der Ukrainischen Organisation der Kämpfer des antifaschistischen Widerstands und lebt in Kiew.
Leben Hulej wurde im Dorf Hrabariwka in der Region Poltawa als jüngstes Kind des Dorflehrers Wassyl Petrowitsch Pliaschetschnyk und Seklitikija Feofilaktivna Panikar geboren. Ihr älterer Bruder Wassyl (geb. 1915) war ebenfalls Lehrer und fiel im Februar 1945 im Zweiten Weltkrieg. Ihr mittlerer Bruder Ihnatij (geb. 1918) überlebte die Teilnahme am sowjetisch-finnischen Krieg. Der jüngste Bruder Petro (geb. 1922) wurde im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet und verlor ein Bein.
Hulej verbrachte ihre Kindheit im Dorf Bubnivschyna in der Region Tschernihiw, wo ihr Vater zwei Jahre nach ihrer Geburt eine Stelle als Lehrer erhielt.
Der Holodomor und Stalins Repressionen Während der Zwangskollektivierung in der Sowjetunion wurde fast die gesamte Familie ihrer Mutter (sie hatte acht Brüder und Schwestern) vernichtet. Ihre Großeltern mütterlicherseits wurden enteignet, aus dem Dorf getrieben und lebten in einer Erdhütte.
Die große Hungersnot in der Ukraine ab 1931, den Holodomor, erlebte sie am eigenen Leibe und wurde Augenzeugin, wie die verhungerten Mitbürger in einem großen Massengrab neben der Schule verscharrt wurden.
Der Zweite Weltkrieg Hulejs Plan, sich in Moskau zum Militärübersetzer ausbilden zu lassen, wurde durch den Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion vereitelt. Innerhalb von drei Monaten waren die deutschen Truppen bereits in ihrem Heimatort.
Zwangsarbeit Anfang 1942 begann die deutsche Besatzungsmacht mit der massenhaften Deportation von Einwohnern aus dem nun als Reichskommissariat Ukraine bezeichneten Gebiet zur Arbeit nach Deutschland. Zunächst wurden Freiwillige geworben, doch sehr schnell kam es zu massiven Zwangsmaßnahmen unter Einbeziehung der Polizei und der Sicherheitskräfte der Wehrmacht. Im Frühjahr 1943 wurde die „Mobilisierung“ aller arbeitsfähigen Personen der Jahrgänge 1923–1925 verkündet. Nun war auch Hulej von der Deportation betroffen. Einmal gelang es ihr zu fliehen, doch sie wurde wieder verhaftet und zur Zwangsarbeit in die Stadt Königshütte (polnisch: Chorzów) in Polen verschleppt. Dort arbeitete sie mit vielen anderen sog. Ostarbeitern bei einem großen Chemieunternehmen. Die neu angekommenen jungen Mädchen schütteten zur Reparatur der Eisenbahn in der Nähe der Stadt Katowice Schlacke zu Dämmen auf, auf denen die Schwellen und Schienen angebracht wurden.
Mit vier Mädchen aus dem Kreis Pyriatyn, mit denen sie zur Zwangsarbeit verschickt worden war, floh sie im Juni 1943 bei einem starken Regen von der Zwangsarbeit. Fast zwei Wochen waren die fünf Mädchen Richtung Osten unterwegs, bis sie gefangenen genommen wurden. Anastasia kam zuerst ins Gefängnis nach Rzeszów und am 28. Juli 1943 nach Tarnów. Von dort aus wurde sie am 8. September 1943 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verbracht.
In nationalsozialistischen Lagern Wie alle Häftlinge in Birkenau wurden ihr die Haare rasiert, gestreifte KZ-Häftlingskleidung angezogen und eine Nummer auf den linken Unterarm tätowiert: 61.369. Acht Wochen lang war sie nahe den Krematorien in einer Baracke untergebracht und erkannte bald, was sich in Birkenau abspielte. Wenn sie nicht zur Arbeit abkommandiert worden war, konnte sie die vielen Menschen auf dem Weg in die Gaskammer sehen, die nicht wussten, dass sie in den Tod gehen.
Wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Birkenau wurde Anastasia Gulei in ein nahegelegenes Landwirtschaftskommando gebracht, das man Budy nannte. Sie arbeiteten nicht nur in der Landwirtschaft, meist rissen sie in Zwölf-Stunden-Schichten Häuser der polnischen Bauern ab, die aus dem Gebiet des Konzentrationslagers vertrieben worden waren, reparierten Straßen und legten Drainagen in sumpfigen Gebieten an.
Am 18. Januar 1945 wurde das Kommando Budy geräumt. Die Häftlinge gingen auf einen mehr als zwei Tage dauernden Todesmarsch über 60 Kilometer durch eisige Kälte, gefolgt von einer Fahrt in offenen Güterwagen zum Konzentrationslager Buchenwald. Von dort aus fuhren sie mit einem anderen Zug weiter in das Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle.
Hier gab es keinen Appell mehr, die Verpflegung ging immer weiter zurück. Die Verstorbenen wurden nicht mehr verbrannt. Überall türmten sich die Leichen. Anastasia bekam zuerst Gelbsucht, von der sie sich erholte. Als der Typhus im Lager immer mehr um sich griff, erkrankte sie auch daran. In den Tagen vor der Befreiung gab es nur noch Steckrüben zu essen.
Am 15. April 1945 wurde das KZ Bergen-Belsen von britischen Truppen befreit. Gulei erholte sich in einem Lazarett von ihren Leiden. Ende Mai 1945 machte sich Anastasia Gulei auf den Heimweg in die Ukraine. Sie durchlief in der sowjetischen Besatzungszone die übliche Überprüfung, arbeitete noch einige Zeit als Schreibkraft in der sowjetischen Kommandantur in Wesenberg (heute Mecklenburg-Vorpommern) und reiste weiter nach Osten. Nach vielen Strapazen kam sie Ende August 1945 nach Hause.
Nach dem Zweiten Weltkrieg mini|Anastasia Gulei während ihres Studiums am Forstinstitut in Kyjiw (1950) Gulei vollendet nach 4 Jahren Unterbrechung die 10. Klasse. Danach studierte sie in Kyjiw Forstwirtschaft. Während des Studiums lernte sie ihren Mann Wolodymyr kennen. Sie heirateten 1950 und arbeiteten in verschiedenen Forstbetrieben in der Moldauische SSR. Dort wurden die Kinder Valentyna (1951), Wassyl (1953) sowie Olga (1962) geboren.
1967 wechselte Anastasias Ehemann als Ökonom zum Institut des Staatlichen Planungskomitees beim Ministerrat der Ukrainischen SSR, dem höchsten Planungsgremium der Sowjetunion. 1968 zog die Familie Gulei in die Ukraine. Zunächst lebten sie in Fastiv, dann in Kyjiw (Stadtteil Zhuliany). Um ein Grundstück für den Bau ihres Hauses zu erhalten, ging Anastasia zur Traktorenbrigade des Staatsbetriebs Zhuliany. Im Jahr 1972 wurde sie zur Sekretärin des Exekutivkomitees gewählt, ab 1975 arbeitete sie als Sachbearbeiterin in der Studentenabteilung der Taras-Schewtschenko-Universität in Kyjiw. Im Dezember 1980 ging sie im Alter von 55 Jahren in den Ruhestand.
Sie arbeitete jedoch weiterhin als Obermeisterin der Souvenirwerkstatt im Kyjiwer Kunstkombinat und war für die Herstellung von Souvenirs verantwortlich.
Angriffskrieg der Russischen Föderation auf die Ukraine 2022 Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine floh Anastasia mit ihren Kindern Wassyl und Valentyna zuerst nach Lviv, in den Westen der Ukraine, und weiter über die Grenze nach Polen, wo deutsche Freunde sie in Empfang nahmen. In der Stadt Bad Kösen bei Naumburg fanden sie eine Bleibe. Während ihres Aufenthalts in Sachsen-Anhalt absolvierte Anastasia Gulei mehr als 30 Zeitzeuginnengespräche in Schulen, Kirchen und bei der Bundeswehr.
Bekanntgeworden ist Anastasia Gulei nach ihrer Ankunft in Deutschland mit den Worten: „Ich habe Hitler überlebt, Stalin überlebt und dieses A…loch Putin werde ich auch überleben!“
Im Sommer 2023 kehrte sie nach Kyjiw zurück.
Gesellschaftliches Engagement mini|Anastasia Gulei, Präsident der Ukraine Petro Poroschenko und der Veteran Ivan Zaluzhnyi. 8. Mai 2015 1975 wurde Anastasia Gulei Mitglied der Kyjiwer Abteilung der Organisation der Kämpfer des antifaschistischen Widerstands (OBAO). Seit 2013 ist sie Vorsitzende des Präsidiums der Ukrainischen Organisation der Kämpfer des antifaschistischen Widerstands und Vorsitzende der Kyjiwer Sektion der Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge der nationalsozialistischen Konzentrationslager.
Gulei engagiert sich aktiv im öffentlichen Leben, hält Vorträge vor Jugendlichen und nimmt an internationalen Treffen teil. Sie tritt häufig im Fernsehen, im Radio und in der Presse auf. Sie trifft sich mit Schülern, Studenten und generell mit Jugendlichen in Deutschland, insbesondere in Sachsen-Anhalt.
Sie beteiligt sich aktiv an internationalen Foren und internationalen Veranstaltungen ehemaliger KZ-Häftlinge. Sie nimmt regelmäßig an Feierlichkeiten zum Jahrestag der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Bergen-Belsen und Mauthausen teil.
mini|Anastasia Gulei mit dem deutschen Präsidenten Joachim Gauck während eines Empfangs im Bellevue-Palast. 2. Juli 2015 Am 8. Mai 2015 nahm sie zusammen mit dem Präsidenten der Ukraine Petro Poroschenko und dem Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon an den Feierlichkeiten zum Tag des Gedenkens und der Versöhnung teil und wurde zum jährlichen Empfang des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck eingeladen. Im Jahr 2020 gelang es auf ihre Initiative hin, Spenden zu sammeln und im Hof der Mittelschule Nr. 279 im Stadtteil Zhuliany ein Denkmal für die Bewohner des Dorfes Zhuliany zu errichten, die in den ersten Tagen des Deutsch-Sowjetischen Krieges ums Leben kamen. Am 11. September 2020 wurde das Denkmal feierlich eingeweiht. mini|251x251px|Anastasia Gulei (4. v.r.) vor dem „Denkmal für die gefallenen Bewohner von Zhulyany am ersten Tag des Krieges am 22. Juni 1941“ in Kyjiw. Neben ihr die damalige Deutsche Botschafterin in der Ukraine, Anka Feldhusen. Foto: © Tetiana Pastushenko Anastasia Gulei ist ebenfalls aktiv in der Dokumentation von Zeitzeugenerinnerungen. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie das Buch mit Erinnerungen ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Bergen-Belsen „Aus der Finsternis des Nichts“. Mit Unterstützung der gemeinnützigen Organisation „Internationaler Fonds für gegenseitiges Verständnis und Toleranz“ bereitete sie zusammen mit Schülern von Schulen und Gymnasien in Kiew die historisch-biografischen Bücher „Staffel der Erinnerung“ und „Im Joch der Besatzung“ vor, welche die historischen Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslagern und auf besetztem Gebiet beleuchten. Im Jahr 2018 ging ein langjähriger Traum Guleis in Erfüllung: gemeinsam mit deutschen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Sachsen-Anhalt das Erinnerungsbuch „Kinder des Krieges“ zu schreiben. Dieses Projekt konnte dank der finanziellen Unterstützung der deutschen Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) und der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt realisiert werden.
Gulei ist seit 2014 Patin der Sekundarschule Mücheln im Saalekreis (Sachsen-Anhalt), einer „Schule ohne Rassimus – Schule mit Courage“. mini|Maik Reichel, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt und Anastasia Gulei bei einem Zeitzeugengespräch im Dezember 2025 in Berlin. Im Dezember 2025 nahm Anastasia Gulei an der Festveranstaltung anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ in Berlin teil.
Auszeichnungen Orden der Fürstin Olga III. Klasse Verdienstorden der Bundesrepublik DeutschlandVerleihung der Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt. Pressemitteilung der Landesregierung von Sachsen-Anhalt, 21. April 2023. Orden „Für Tapferkeit“ III. Klasse Medaille „Verteidiger des Vaterlandes“ Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt
Publikationen Aus der Finsternis des Nichts, 2. Auflage, Phönix-Verlag Kyjiw 2013. Herausgeberschaft: Staffel der Erinnerung, Phönix-Verlag Kyjiw 2012. Im Joch der Besatzung. Wenig bekannte Seiten der Geschichte der Zwangsarbeit in der Region Kyjiv. Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge faschistischer Konzentrationslager in Kyjiv, Internationale gemeinnützige Organisation „Internationaler Fonds für gegenseitiges Verständnis und Toleranz“, Phönix-Verlag Kyjiw 2013. Beteiligung: