Das Wasserkraftwerk Medog (), auch als Wasserkraftwerk Motuo bezeichnet, ist ein in Bau befindliches Projekt mit einer Leistung von 60 GW am Yarlung Tsangpo in der Autonomen Region Tibet in China. Nach Fertigstellung wird es das weltweit größte Wasserkraftwerk sein. Der erwartete Energieertrag von 300 TWh ist dreimal so hoch wie jener des Drei-Schluchten-Damms, des bisher leistungsstärksten Wasserkraftwerks.
Im Dezember 2024 hat die chinesische Regierung den Bau des Kraftwerks genehmigt, mit einer geschätzten Investitionssumme von mehr als 1 Billion Yuan (ca. 120 Mrd. €). Der Bau begann offiziell am 19. Juli 2025. Das Kraftwerk soll in einer einzigen Bauphase realisiert werden und im Jahr 2033 den kommerziellen Betrieb aufnehmen.
Standort Der Yarlung Tsangpo entwässert einen großen Teil Tibets und fließt dabei von West nach Ost parallel zum Himalaya. Im Gebiet von Nyingchi im Osten Tibets durchbricht der Fluss die Gebirgskette durch die Dihangschluchten und fließt südlich der Berge wieder zurück Richtung Westen nach Indien und Bangladesch. Der Fluss bildet hier also eine Schleife, bekannt als „the Great Bend“, in der er über 50 km Distanz 2000 m Höhe verliert.
Dieser enorme Höhenunterschied in Kombination mit der erheblichen Wasserführung des Yarlung Tsangpo bedeutet ein enormes Potential zur Energiegewinnung. Das Projekt soll dieses Potential in Form eines Ausleitungskraftwerks nutzen. Es ist geplant, oberhalb der Dihangschluchten das Wasser des Yarlung Tsangpo abzuleiten, es durch vier 20 km lange Tunnel durch den Berg Namcha Barwa zu leiten und dann über eine Reihe von 5 Wasserkraftwerke abzuarbeiten. Nahe Medog, noch vor der chinesisch-indischen Grenze, wird das Wasser in den Fluss zurückgeführt.
Projektübersicht Das Wasserkraftwerk Medog ist Teil einer umfassenderen Strategie Chinas zum Ausbau der Wasserkraftressourcen in Tibet. Seit dem Jahr 2000 hat China 193 Wasserkraftprojekte in der Region vorgeschlagen, ca. 60 % davon sind bisher noch in einer Planungs- bzw. Vorbereitungsphase. Die Baugenehmigung wurde im Dezember 2024 erteilt, offizieller Baubeginn war am 19. Juli 2025. Der kommerzielle Kraftwerksbetrieb soll im Jahr 2033 aufgenommen werden.
Die chinesischen Behörden haben bisher weder umfassende Untersuchungen zu den Umweltauswirkungen noch detaillierte Ausführungspläne zu dem Projekt veröffentlicht. Nach Berechnungen der «International Campaign for Tibet» könnten wegen der seit dem Jahr 2000 rund 193 gebauten oder geplanten Kraftwerke in Tibet bis zu 1,2 Millionen Menschen ihre Heimat verlieren.China fürchtet, die Kontrolle zu verlieren, Nepal seine Zukunft, Tages-Anzeiger, 30. August 2026
Alleiniger Projektträger ist das staatliche Bauunternehmen Power Construction Corporation of China (Power China). Mit einer geplanten Investitionssumme von mehr als 1 Bio. Yuan (ca. 120 Mrd. €) – mehr als das Vierfache der Drei-Schluchten-Talsperre, die 250 Mrd. Yuan gekostet hat – ist das Wasserkraftwerk Medog eines der ambitioniertesten Infrastrukturprojekte Chinas und eines der teuersten der Geschichte. Mit einem geplanten Regelarbeitsvermögen von 300 TWh – das entspricht mehr als der Hälfte des gesamten Strombedarfs Deutschlands – wird das Kraftwerk die ertragreichste Wasserkraftanlage weltweit.
Hydrologie Laut chinesischen Behörden handelt es sich bei diesem Projekt um ein Ausleitungskraftwerk. Das Wasser wird dem Yarlung Tsangpo entnommen, durch Tunnel zu den Kraftwerksstufen und anschließend wieder in den Fluss zurück geleitet. Im Gegensatz zu großen Staudämmen mit Stauseen, die eine umfassende Regulierung des Wasserflusses ermöglichen, speichern Ausleitungskraftwerke keine nennenswerten Wassermengen über längere Zeiträume.
Auch wenn der Yarlung Tsangpo in Tibet und somit innerhalb der chinesischen Grenzen entspringt, stammen 65–70 % des Abflusses des Brahmaputra aus Quellen innerhalb Indiens, vorwiegend durch Monsunregenfälle und Zuflüsse. Wissenschaftliche Untersuchungen schätzen den Anteil, der aus Schmelzwasser im Gebiet Tibets stammt auf lediglich 25 %. Aufgrund dieser hydrologischen Situation ist zu erwarten, dass Infrastruktur zur Nutzung der Wasserkraft wie das Wasserkraftwerk Medog nur einen begrenzten Effekt auf den Durchfluss weiter flussabwärts haben. Der Regierungschef von Assam, Himanta Biswa Sarma, hat angemerkt, dass der Brahmaputra überwiegend ein von Regenfällen gespeistes indisches Flusssystem sei, und selbst wenn China flussaufwärts den Durchfluss reduzieren würde, dies potentiell auch die jährlichen Überschwemmungen in Assam, die hunderttausende Menschen obdachlos machen und Existenzen zerstören, lindern könnten.
Es wurden jedoch auch Bedenken geäußert in Indien and Bangladesch, den flussabwärts gelegenen Ländern, die auf den Fluss angewiesen sind. Auch wenn China versichert, dass das Projekt die Wasserführung nicht beeinträchtigen werde, ist Indien besorgt über potentielle Auswirkungen auf Wasserversorgung und Überschwemmungsereignisse.
Kritik Das Projekt ist auf Widerstand einiger Gruppierungen gestoßen, darunter Umweltschutzorganisationen, flussabwärts gelegene Anrainerstaaten und tibetische Menschenrechtsgruppen. Frühere Wasserkraftprojekte haben Proteste ausgelöst, so etwa Demonstrationen gegen den Kamtok-Staudamm am Dri Chu (Oberlauf des Jangtsekiang in Tibet), bei denen mehr als 1000 Menschen festgenommen wurden. Indien und Bangladesch haben Befürchtungen geäußert wegen möglicher Auswirkungen auf ihre Wasserressourcen.
Kulturelle Auswirkungen und Umsiedlungen Tibetische Menschenrechtsorganisationen haben das Projekt als Beispiel für die Ausbeutung natürlicher Ressourcen auf Kosten des buddhistischen kulturellen Erbes und lokaler Bevölkerungsgruppen.
Zum Umfang notwendiger Umsiedlungen wurden bisher keine Zahlen veröffentlicht. Für die Drei-Schluchten-Talsperre wurden vergleichsweise ca. 1,4 Mio. Menschen umgesiedelt, derart hohe Zahlen werden für das Medog-Projekt allerdings nicht erreicht werden, da die Bevölkerungsdichte hier viel niedriger ist und zudem kein großer Stausee entstehen wird.
Das Projekt bedroht bedeutende Kulturstätten in einer Region, die von den Tibetern als eine ihrer heiligsten Regionen angesehen wird. Laut der Organisation International Campain for Tibet könnten die 193 Wasserkraftprojekte in Tibet zusammen mehr als 1,2 Mio. Menschen vertreiben und zahlreiche religiöse Stätten beeinträchtigen, falls alle Projekte realisiert werden.
In der Volksgruppe der Adi in Arunachal Pradesh bestehen Befürchtungen, das Kraftwerksprojekt könnte die Wasserführung des Siang-Flusses erheblich reduzieren und damit ihre traditionelle Lebensweise und landwirtschaftliche Praktiken bedrohen. Lokale Anführer haben gewarnt, plötzliches Ablassen von Wasser könnte Flutkatastrophen verursachen und damit im Siang-Gebiet, wo die Adi und andere Stämme leben, Menschenleben, Eigentum und Kulturstätten in Gefahr bringen.
Umwelt Umweltschutzorganisationen sehen eine Reihe an potentiellen Umweltfolgen des Projekts. Viele äußern Bedenken wegen der Auswirkungen auf die Biodiversität im Tibetanischen Hochland. Die Region, die von dem Staudamm am meisten beeinträchtigt werden wird, ist anerkannt als eines der ökologisch vielfältigsten Gebiete in Tibet, es werden Störungen der Ökosysteme befürchtet.
Der Kraftwerksbau wird die Wasserführung flussabwärts signifikant verändern und die lokale Biodiversität beeinflussen. Der Projektstandort in einer seismisch aktiven Zone, die anfällig ist für Erdrutsche, hat Sicherheitsfragen aufgeworfen. Die steile, enge Topographie der Schlucht veranlasste Geologen vor erhöhtem Risiko von Erdrutschen zu warnen. Im Jahr 2022 haben Ingenieure des geologischen Büros der Provinz Sichuan speziell auf die Gefahren durch „von Erdbeben ausgelöste Erdrutsche und Schlammlawinen“ hingewiesen.
Umweltbedenken bestehen auch hinsichtlich irreversibler Auswirkungen auf die Dihang-Schluchten. Diese Region umfasst ein Naturschutzgebiet und gilt als einer der wichtigsten Hotspots der Biodiversität in China.
Dr. Jogendranath Sharma hat gewarnt, dieses Projekt in einer seismisch aktiven Region stelle ernsthafte Risiken dar für das flussabwärts gelegene Assam – inklusive Erosion, ökologische Umwälzungen und potentielle Katastrophen im Falle von Erdbeben – und drängt auf eine gemeinsame indisch-chinesische Untersuchung der Umweltfolgen.
Aravind Yelery, assoziierter Professor am Centre for East Asian Studies an der Jawaharlal Nehru University, stellt fest, dass der Damm nährstoffreiche Sedimente, welche essentiell sind für die Bodenfruchtbarkeit in den flussabwärts gelegenen Regionen Assam und Bangladesch, zurückhalten und auch die Bewässerung beeinflussen könne. Das Projekt könne Ernteerträge reduzieren, die landwirtschaftliche Produktivität schädigen und Flussökosysteme zerstören.
Chinesische Staatsmedien beschreiben das Projekt als umweltbewusst und betonen seine Bedeutung für die Ziele Chinas, Klimaneutralität zu erreichen und zugleich regionale Entwicklung voranzutreiben. Vertreter Chinas behaupten, das Projekt werde minimale Umweltauswirkungen haben, konkrete Folgenabschätzungen wurden aber nicht veröffentlicht.
Wasserversorgung Das Projekt hat bei den flussabwärts gelegenen Ländern Besorgnis hinsichtlich der Wasserversorgung ausgelöst. Hydrologen ziehen Parallelen zu früheren Staudammprojekten Chinas am Mekong, wo die Wasserregulierung im Oberlauf des Flusses in den letzten zwanzig Jahren mit einer Zunahme der Häufigkeit und Schwere von Dürren in den flussabwärts gelegenen Regionen in Verbindung gebracht wurde. Kritiker wiesen darauf hin, dass Indien und Bangladesch mit einer Beeinträchtigung der Wasserversorgung, einer Störung der Artenvielfalt und einer Erosion der Flussufer konfrontiert sein könnten, ähnlich wie Thailand, Vietnam und Kambodscha durch frühere chinesische Wasserkraftprojekte.
Eine Analyse des Lowy Institute aus dem Jahr 2020 ergab, dass Chinas Kontrolle über die Flüsse des tibetischen Plateaus potenziell einen erheblichen geopolitischen Einfluss auf die indische Wirtschaft haben könnte. Die indischen Behörden reagierten auf das Projekt mit der Prüfung von Gegenmaßnahmen, darunter der mögliche Bau eigener Wasserkraftprojekte und Staudammsysteme, um die Auswirkungen des Medog-Projekts abzuschwächen. Das chinesische Außenministerium bekräftigte 2020, dass China ein „legitimes Recht“ auf den Bau dieses Kraftwerks habe, und erklärte, dass man bei der Planung die Auswirkungen auf die Unterlieger berücksichtigt habe.
Im Jahr 2025 äußerte Indien erneut Bedenken hinsichtlich des Baus eines Wasserkraftwerks durch China am Yarlung Tsangpo und verwies dabei auf potenzielle Risiken für die regionale Wasserversorgungssicherheit, die ökologische Stabilität und die Lebensgrundlagen der Bevölkerung flussabwärts. Indische Regierungsvertreter und Experten warnten, dass das Projekt Auswirkungen auf den Wasserfluss in Indien haben könnte, insbesondere auf die Flüsse Siang und Brahmaputra, die für Millionen Menschen in den nordöstlichen Bundesstaaten von entscheidender Bedeutung sind. Das Außenministerium erklärte, dass das Projekt genau beobachtet werde, und forderte China auf, für Transparenz zu sorgen und sich mit den flussabwärts gelegenen Ländern abzustimmen. Der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar sprach das Thema während seines Besuchs in China im Juli 2025 anlässlich des Außenministertreffens der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit an und forderte außerdem die Wiederaufnahme des ausgesetzten Austauschs hydrologischer Daten.