Das Herdfeuer (Originaltitel: The fire and the hearth) ist die zweite Episode innerhalb des Erzählbandes Das verworfene Erbe von William Faulkner. Faulkner verarbeitete in dem Text bereits zuvor verfasste Geschichten: Die Basis für das erste Kapitel der Erzählung bildete die im Juni 1940 im Collier’s veröffentlichte Kurzgeschichte A point of law.„the short story A point of law, published in Collier‘s in June 1940, formed the basis for the first section of chapter I of The fire and the hearth“ – A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Go Down, Moses. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts On File, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 97–113. Hier S. 97. Das zweite Kapitel ist eine überarbeitete Version der Kurzgeschichte Gold is not always, die im November 1940 im Atlantic Monthly veröffentlicht worden war, das abschließende dritte Kapitel basiert auf einer Geschichte namens An absolution, deren Verkauf gescheitert war und die später in Apotheosis umbenannt wurde.„Chapter 2 of the novella is a revised Version of the short story Gold is not always, published in The Atlantic Monthly in November 1940 [...] Faulkner based the concluding chapter 3 on an unsold story called An absolution, later retitled Apotheosis“ – Fargnoli et al., Critical companion to William Faulkner, S. 97. Die deutsche Übersetzung von Das Herdfeuer erfolgte durch Hermann Stresau.
Kurzbeschreibung Der Schwarzbrenner Lucas Beauchamp möchte verhindern, dass der einfältige George Wilkins seine Tochter Nat heiratet, und plant deshalb eine Anzeige gegen ihn wegen Schwarzbrennerei. Beim Vergraben seiner eigenen Brennerei-Ausrüstung entdeckt Lucas eine Goldmünze und wird vom Schatzsucherfieber gepackt. Die Anzeige führt zur Entdeckung erst von Lucas’ Ausrüstung, dann von Georges Ausrüstung, die George auf Lucas‘ Veranda versteckt hatte. Nat sowie George belasten Lucas gegenüber der Polizei. Durch eine rückdatierte Heiratsvereinbarung verhindern die drei jedoch, vor Gericht gegeneinander aussagen zu müssen. Lucas versucht später, einen Metalldetektor zu erwerben, und bringt den Detektoren-Händler durch einen inszenierten Silberfund ebenfalls in Schatzsucherlaune. Als Lucas Beauchamps Frau Molly wegen seiner Schatzsuch-Besessenheit die Scheidung einreichen will, erkennt Lucas, dass sie ihm wichtiger ist als der Detektor, und gibt den Detektor fort.
Inhalt Der auf der McCaslin-Plantage des weißen Südstaatlers Roth Edmonds lebende farbige Baumwoll-Pflanzer und Schwarzbrenner Lucas Beauchamp hat ein Problem mit dem Verehrer seiner Tochter Nat, George Wilkins, einem anderen Schwarzbrenner. „George Wilkins war so einfältig, es an der nötigen Diskretion fehlen zu lassen, früher oder später mußte er geschnappt werden, und dann durfte man für die nächsten zehn Jahre damit rechnen, daß hinter jedem Busch auf der Emondsschen Plantage […] ein polizeilicher Aufpasser hockte. Und einen solchen Dummkopf wollte er nicht nur nicht zum Schwiegersohn haben, er wollte es überhaupt nicht dulden, daß so ein Einfaltspinsel mit ihm auf demselben Platze wohnte. Wenn George, um dieser Bedingung zu genügen, in Gefängnis mußte“,William Faulkner: Das Herdfeuer. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 35–122. Hier S. 37. dann war das eben so. Ehe die Polizei jedoch durch eine Anzeige gegen George aufgeschreckt wird, will Lucas zunächst einmal seine eigene Schwarzbrenner-Ausstattung im Dunkeln begraben, löst dabei einen kleinen Erdrutsch aus und ertastet eine Goldmünze in den Überresten eines Gefäßes. Schatzsucherfieber befällt daraufhin Lucas, der überzeugt ist, in dem zerstörten Gefäß müsse mehr Gold gewesen sein. Dennoch treibt er sein Denunziationsvorhaben voran. „Die Anzeige mußte […] von Edmonds kommen, dem Weißen, da Lucas für den Sheriff eben nicht mehr war als ein Nigger“.Faulkner, Das Herdfeuer, S. 44. Lucas meint zu Roth über George: „Er betreibt ’ne Brennerei in dem Abzugskanal“. Roth Edmonds ist erwartungsgemäß empört: „Eine Brennerei? […] Auf meinem Land?“Faulkner, Das Herdfeuer, S. 59. Es erfolgt die Anzeige. Die Polizei findet allerdings keine Schwarzbrenner-Ausstattung im Abzugskanal, dafür aber Lucas Beauchamps nach dem Goldmünzenfund nicht sorgsam genug verborgene Schwarzbrenner-Ausstattung, sieht später George Wilkins und Lucas‘ Tochter Nat auf Lucas‘ Hütte zulaufen, wird auf die Schwarzbrenner-Ausstattung auf Lucas‘ hinterer Veranda aufmerksam: die Schwarzbrenner-Ausstattung des George Wilkins, der sie dorthin rettete. Lucas erfährt von Molly, dass seine Tochter Nat ihn in der vorangegangenen Nacht verfolgt habe, als er seine eigene Schwarzbrenner-Ausstattung verbarg, woraus Nat ihre Schlüsse zog. Der Obrigkeit gegenüber zeigen sich Tochter Nat und Beinahe-Schwiegersohn George Wilkins wenig loyal gegenüber Lucas Beauchamp: „George und das Mädel schwören beide, daß Lucas schon seit zwanzig Jahren da im Hinterhof bei Edmonds Whisky gebrannt und verkauft hat.“Faulkner, Das Herdfeuer, S. 64. Beim Gerichtstermin im MaiFaulkner, Das Herdfeuer, S. 69–70. des Jahres der Handlung weisen Lucas und George allerdings eine just gefertigte Heiratsvereinbarung zwischen George und Nat auf, vorausdatiert auf den Oktober des Vorjahres, so dass die drei aufgrund ihrer familiären Bande nicht gegeneinander aussagen müssen.
Im August des Jahres der Handlung wünscht sich der immer noch vom Schatzsucherfieber befallene Lucas Beauchamp von Roth Edmonds, dass jener ihm 300 Dollar für den Erwerb eines Metalldetektors vorstrecken möge. „Wir werden heut abend das Geld finden und morgen früh werd ich’s Ihnen zurückzahlen.“Faulkner, Das Herdfeuer, S. 77. Da Roth sich standhaft weigert, bemächtigt Lucas sich insgeheim eines über 300 Dollar werten Maultiers von Roth und bietet es dem Händler als Pfand an, bis er den Detektor vom mit ihm gefundenen Geld bezahlen könne. Der Händler ist einverstanden, allerdings bemerkt Roth den Maultier-Diebstahl, verfolgt im Dunkeln mit zwei Angestellten die Maultier-Spuren und fordert von Lucas die Maultier-Rückgabe bis zum Folgemorgen. Um den Maultier-Kauf unauffällig rückabwickeln, den Detektor jedoch behalten zu können, ermöglicht Lucas, dass der Händler mit dem Detektor 30 Silberdollar findet, die Lucas gerade erst vergraben hatte. Die Folge ist, dass nun bei dem Händler das Schatzsucherfieber ausbricht. Lucas fordert für weitere Informationen über derartige Fundmöglichkeiten die Rückgabe der Unterlagen über die Maultier-Überlassung, ein Schriftstück über die Überlassung des Detektors an ihn, fünfzig Prozent Gewinnbeteiligung im Erfolgsfall und außerdem 25 Dollar Tagesmiete für den nun ihm gehörenden Detektor; nach erfolgreicher oder erfolgloser Suche reist der Händler dahin, „wo er hergekommen is, weiß nich wo“, so Lucas lakonisch zum wegen Lucas‘ Geschäftstüchtigkeit verwirrten Roth.Faulkner, Das Herdfeuer, S. 92. Dass Lucas nun den Detektor hat, gefährdet aber seine Ehe: Molly Beauchamp kommt zu Roth Edmonds und wünscht dessen Unterstützung bei einer Scheidung: „Denn er’s verrückt. Seitdem er diese Maschine da hat, is er verrückt geworden“.Faulkner, Das Herdfeuer, S. 95. Als „der erste Frost“ gekommen ist,Faulkner, Das Herdfeuer, S. 117. geht die Scheidung vor Gericht. Lucas Beauchamp kommt zu dem Schluss, dass Molly ihm mehr wert ist als der Detektor, der Scheidungsantrag wird zurückgezogen und Lucas Beauchamp überlässt Roth Edmonds den Detektor: „Weg damit von hier.“Faulkner, Das Herdfeuer, S. 121.
Eingebettet in die Haupthandlung ist eine umfangreiche Rückblende ins Geburtsjahr von Roth Edmonds. Diese eingebettete Rückblende berichtet, wie Molly Beauchamp, selbst gerade Mutter geworden, zunächst bei der Geburt des Roth Edmonds half und dann, da Roths Mutter bei der Geburt starb, zur Amme von Roth wurde und ein halbes Jahr zur enormen Verärgerung ihres Mannes Lucas im Haus von Roths Vater Zack Edmonds wohnte. „Zacks offensichtliche Aneignung von Molly ist einerseits ein rassistischer Affront gegen Lucas, aber noch wichtiger ist, dass es ein Affront gegen sein Selbstverständnis ist, derjenige zu sein, der die Ereignisse immer unter Kontrolle hat.“„Zack's apparent appropriation of Molly is, at one level, a racial affront to Lucas, but even more important, it is an affront to his sense of himself as the one who always has events in his control“ – David H. Evans: A great story. Pathfinding and providence in „Go Down, Moses“. In: David H. Evans: William Faulkner, William James, and the American pragmatic tradition. Louisiana State University Press, Baton Rouge LA 2008. ISBN 0-8071-3315-9. S. 193–234. Hier S. 210. Um ein Haar kommt es zur nächtlichen Ermordung Zacks durch Lucas Beauchamp, immerhin aber zu einer kleineren körperlichen Auseinandersetzung, bei der nur ein Versagen der Schusswaffe Lucas daran hindert, Zack zu töten. „Die Fehlzündung führt zu einer scheinbar unmöglichen Lösung: Lucas konnte seine Todesverachtung demonstrieren, ohne den Preis dafür zahlen zu müssen.“„The misfire achieves a seemingly impossible resolution: Lucas hast been able to demonstrate his contempt for death without having to pay the price“ – Evans, A great story, S. 211.
Textanalyse Bei Das Herdfeuer handelt es sich um eine auktorial erzählte „häusliche Komödie“„domestic comedy“ – David L. Vanderwerken: Go Down, Moses. In: Robert W. Hamblin et al. (Hrsg.): A William Faulkner Encyclopedia. Greenwood Press, Westport CT 1999. ISBN 0-313-29851-3. S. 148–152. Hier S. 150. mit einer „langen, dramatischen Rückblende“.„long dramatic flashback“ – Fargnoli et al., Critical companion to William Faulkner, S. 99. Der „komödiantische Modus“ der Haupthandlung weicht hierbei laut dem britischen Anglisten John Lennard (University of the West Indies) in der Rückblende „Einblicken und Wendungen in unendlich ernste Themen“, wird aber nicht von ihnen „überwältigt“.„a comedic mode gives way to but is not overwhelmed by glimpses and windings of infinitele serious subject-matter“ – John Lennard: The fire and the hearth. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 63–71. Hier S. 71. Ort der Handlung ist der fiktive Yoknapatawpha County. Die Zeit der Handlung erstreckt sich vom FrühlingFaulkner, Das Herdfeuer, S. 40. bis zum Winter des Jahres 1941.Mark Royden Winchell: Family Values in „Go Down, Moses“. In: Mark Royden Winchell: Reinventing the South. Versions of a literary region. University of Missouri Press, Columbia MO 2006. ISBN 0-8262-1618-8. S. 139–160. Hier S. 155. Die Rückblende spielt in der Zeit der Geburt von Roth Edmonds und deren sechs Folgemonaten, also circa 1898.Faulkner, Das Herdfeuer, S. 46.
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