Notre-Dame-des-Fleurs (frz. OT: Notre-Dame des Fleurs) ist der Titel des 1943 publizierten Debütromans von Jean Genet. Der Erzähler schreibt in seiner Gefängniszelle die Geschichte des Transvestiten Divine und seiner Freunde in der Pariser Homosexuellen-Szene und schildert deren Auf- und Abstieg bis zum sakral verklärten Tod. Der wegen seiner Thematik umstrittene und kontrovers bewertete Roman zählt heute zu den wichtigen Werken der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die deutsche Übersetzung von Gerhard Hock erschien erst nach einem zweijährigen Gerichtsprozess 1962.

Inhalt Überblick Die Rahmenhandlung spielt 1942 während des Zweiten Weltkrieges in einem französischen Gefängnis in Fresnes. Der Erzähler denkt sich in seiner Zelle die Geschichte des Transvestiten Divine und seiner Freunde in der Pariser Homosexuellen-Szene aus und schildert deren Auf- und Abstieg bis zum gesundheitlichen Verfall und ihrem sakral erhöhten Märtyrertod. In die Handlungen einbezogen sind Erfahrungen des Erzählers und sein in der Isolation von der Gesellschaft entstandenes Mensch- und Weltbild mit einer Umwertung bürgerlicher Moralvorstellungen.

Der Erzähler Der homosexuelle Erzähler Jean GenetMehrere Namensnennungen: Jean bzw. Genet: z. B.: Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 88. hat gegen den Rat seines Anwalts ein Geständnis abgelegt und ist zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Er fragt sich später, warum er nicht Suizid begangen hat, aber er lebt in seiner Zelle 426 wie in seiner eigenen Welt: „Meine gute, meine zärtliche Freundin, meine Zelle! Schlupfwinkel meines einzigen Ich, wie ich Dich liebe!“Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, S. 89. Nachts erträumt er sich Märchen „aus volkstümlichen Romanen“.Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, S. 233. Die Welt der außerhalb der Gefängnismauer Lebenden schiebt er so weit wie möglich von sich fort: „Die Welt weicht zurück, bis sie nur noch ein goldener Punkt ist an einem Himmel von solcher Finsternis, dass der Abgrund zwischen unserer Welt und der anderen sich gewaltig auftut und von der ganzen Wirklichkeit nur noch unser Grab bleibt. Nun beginne ich, das Dasein eines echten Toten zu führen. […] ich merze aus diesem Dasein alle Fakten aus. […] Ich glaube an die Welt der Gefängnisse und an ihre verworfenen Gebräuche. Ich bin einverstanden damit, in ihr zu leben. […] Von Träumen nähren. […] Eine andere Sprache gebrauchen. […] Gewohnheiten, die aus ihnen [den Häftlingen] Menschen am Rand des Lebens machen […] Ich glaube, ich trug dieses Leben insgeheim in mir, und die Berührung mit ihm genügte, um mir, von außen, seine Wirklichkeit zu enthüllen.“Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 150, 151 ff.

Der Erzähler vermischt in seinenn Phantasien den Gefängnisalltag mit Gedankenassoziationen: „Die nächtliche Stimmung, der Geruch, der aus verstopften, von Scheiße und gelbem Wasser überfließenden Latrinen aufsteigt, werfen Kindheitserinnerungen auf wie Maulwurfshügel von schwarzer Erde. Eines erzeugt das andere und nötigt es, emporzutauchen; ein ganzes Leben, das ich unterirdisch und für immer vergraben glaubte, kehrt zur Oberfläche, zur Luft, zur traurigen Sonne zurück, und nimmt einen Verwesungsgeruch an, an dem ich mich weide.“Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 56.

In seiner Zelle eingeschlossen, verzaubert ihn die Gegenwart seines Gedankengebäudes. Er sammelt Bilder von schönen jungen Verbrechern aus Zeitungen und Zeitschriften und denkt sich nachts Geschichten von ihnen und ihrem Sexualleben aus. „In der Nacht liebe ich sie, und meine Liebe beseelt sie. Am Tage gehe ich meinen Beschäftigungen nach. Niemand kann sagen, ob ich hier herauskomme, noch wenn ich herauskomme, wann das sein wird. Mit Hilfe meiner unbekannten Geliebten werde ich also eine Geschichte schreiben. […] Indem ich mein Leben neu erlebe, indem ich seinen Ablauf zurückverfolge, will ich meine Zelle erfüllen mit der Wollust, zu sein, was ich einer Kleinigkeit wegen zu sein verfehlte, und um mich in sie hineinzustürzen wie in schwarze Löcher, will ich jene Augenblicke wiederfinden, in denen ich mich in den unergründlichen Schächten der Fallgruben eines unterirdischen Himmels verirrte. […] Mit Hilfe meiner unbekannten Geliebten werde ich also eine Geschichte schreiben. Sie, die an die Wand geklebten, sind meine Helden, sie, und ich, der hier eingeschlossen ist. […] die Geschichte von Divine […] die Geschichte von Notre-Dame-des-Fleurs und, zweifelt nicht daran, meine eigene Geschichte. […] Ich werde euch von Divine erzählen, indem ich, je nach meiner Stimmung, männliche und weibliche Formen vermische“.Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 11, 27.

In seinen Dämmerträumen kombiniert der Erzähler Jean selbst Erlebtes aus anderen Gefängnissen, wie Chave, mit Erinnerungen an Häftlinge: einen Korsen, den er Roger nennt und als Vorlage für die erfundenen Figur der Mignon-les-petit-pieds nutzt, oder Clément Village, einen ehemaligen schwarzen Nackttänzer aus Guadeloupe und Zuhälter, der seine Prostituierte Sonja im Streit erschlagen und ihre Leiche eingemauert hat. Durch Clément lässt sich der Erzähler für die Figur des Seck Gorgui inspirieren. So baut er mit seinen Figuren um Divine herum immer neue Beziehungen mit „dem Zubehör gewöhnlicher Liebschaften auf: Hass, Begierde, Zärtlichkeit, Trost, Rache.“Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 177. Er lässt seine Hauptfigur von adliger Herkunft, königlichem Reichtum und Luxusweltreisen träumen und vermischt ihre Phantasien mit den seinen: „Die Wahrheit ist nicht meine Sache. Aber man muss lügen, um wahr zu sein. Von welcher Wahrheit soll ich sprechen? Wenn ich wirklich ein Sträfling bin, der Szenen aus dem Innenleben spielt (sich spielt), so werdet Ihr nichts anderes verlangen als ein Spiel […] die Einsamkeit des Gefängnisses schenkte mir die Freiheit, die hundert Jean Genets zu sein, die ich bei hundert Passanten im Flug aufgefangen hatte, denn hier bin ich Mignon ähnlich, der ebenfalls die Mignons stahl, die eine unbedachte Gebärde aus all jenen Unbekannten, die er gestreift hatte, herausschlüpfen ließ.“ Aber der neue Jean sei wie ein griechischer Gauner, der „zu den Füßen einer unsichtbaren Merkurstatue“ hockt und versucht, dem Gott seine Sandalen zu stehlen.Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 179, 223. Er lässt seine Hauptfigur Lou-Divine von seiner Kindheit träumen, er legt die Etappen ihrer Entwicklung und den Auftritt weiterer Figuren fest, steuert das Beziehungsgeflecht, reflektiert über die Homosexuellenszene innerhalb des gesellschaftlichen Kontextes und bringt in Assoziationsketten und in einer Art Bewusstseinsstrom eigene Erfahrungen mit ein: männliche und weibliche Rollen in homosexuellen Beziehungen, starke und schwache Männer („Louis“ und „Tunten“), ihre Sexualpraktiken, Gaunersprache als sekundäres Geschlechtsmerkmal der „Männchen“, z. B. bei Mignon, Gebärdensprache der „Tunte“ Divine.Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 48 ff.

In seinen Kommentaren zu der Entwicklung seiner Figuren erklärt der Erzähler auch sein in seiner isolierten Zelle entwickeltes Menschenbild und seine Poetik: „Die Größe eines Menschen ist nicht nur die Wirkung seiner Fähigkeiten […] sie entsteht ebenfalls aus den Umständen, die ihn gewählt haben“. Neben der sichtbaren Größe, der „Herrlichkeit, von außen gesehen“, gebe es „das Elend, vielleicht von innen gesehen, und dann also wäre die Größe poetisch, sofern Ihr zugebt, dass die Poesie der Bruch (oder vielmehr: die Begegnung am Bruchpunkt) zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren ist.“ Auf Culafroys elendes Schicksal angewandt, bedeute dies, dass sein Leben aus „jenen geheimen Handlungen zusammengesetzt war, von denen jede ihrem Wesen nach ein Gedicht ist, so wie die winzigste Fingerbewegung der Tänzerin von Bali ein Zeichen ist, das eine Welt erschüttern kann, weil sie aus einer Welt kommt, deren vielfältiger Sinn nicht eingestanden werden darf […] Culafroy wurde Divine; er war also ein nur für ihn selbst geschriebenes Gedicht, unzugänglich für jeden, der nicht seinen Schlüssel besitzt.“Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 250.

Nach langen Träumen fühlt sich der Erzähler völlig ausgelaugt „von den erfundenen Reisen, den Diebstählen, den Vergewaltigungen, den Einbrüchen, den Gefängnisaufenthalten, den Verrätereien, in die wir gemeinsam verwickelt werden würden, […] bei denen wir selbst und wir allein das Abenteuer sind […] zwischen meinen nackten Wänden und in zwei Tagen habe ich alle Möglichkeiten eines Lebens durchlebt; ich habe es zwanzig Mal vor vorne begonnen und durcheinandergerührt, bis es wirklicher war als ein wirkliches Leben. Ich habe das Träumen aufgegeben. Ich wurde geliebt.“Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, S. 34.

Der Erzähler beendet seinen Roman am Tag vor der Gerichtssitzung, die über sein Schicksal entscheiden wird, im Gefängnis von Fresnes, 1942. Er erinnert sich an seine Zeit in einem jugoslawischen Gefängnis, wo er „mit Gottes Hilfe“ das System der Welt begriff: „Die Welt und ihre Mysterien schrumpften zusammen, sobald ich von ihr abgetrennt war. Es war ein wirklich übernatürlicher Augenblick, in seiner Ablösung von allem Menschlichen“.Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 270.

Divine Der Erzähler beginnt mit der Beschreibung,Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 27, 33. wie Divine, ca. zwanzig Jahre vor seinem Tod, gegen zwei Uhr morgens im Café Graff am Montmartre mit geheimnisvollem Lächeln guten chinesischen Tee verlangt. „Wenn es nach mir ginge, würde ich aus ihr einen jener verhängnisumwitterten Helden machen […] Ich würde ihr Hüften aus Stein geben, polierte, flache Wangen, schwere Lieder und heidnische Knie von solcher Schönheit, dass sie die verzweifelte Klugheit im Gesicht der Mystiker widerspiegeln. […] Es wird die ganze Dauer eines Buches brauchen, um ihn aus seiner Erstarrung hervorzuziehen, um ihm allmählich mein Leiden mitzuteilen, ihn allmählich vom Übel zu befreien und behutsam zur Heiligkeit zu führen.“ Divine wird als „Tunte“ erkannt und vom Pächter des Restaurants hinausgebeten. „Das Café [verschwindet], und Divine [wird] in eines jener Tiere verwandelt – Schimären oder Greife -, die man an die Wände malt […] ein magisches Wort: ‚Homosexualis‘“. Dann läuft sie auf der vergeblichen Suche nach Kunden hungrig durch die nächtlichen Straßen.Jean Genet: Notre Dame Des Fleurs. Merlin Verlag Hamburg, 1960, S. 29, 30.

Louis Culafroy