Die sogenannte Kosmographie des Julius Honorius ist eine spätantike Weltbeschreibung in lateinischer Sprache, die, so der Text, von einem Schüler des Julius Honorius auf der Grundlage der Vorlesungsnotizen seines Lehrers gegen dessen Willen zusammengestellt und veröffentlicht wurde. Das Werk gliedert die Welt in vier Ozeane – einen östlichen, westlichen, nördlichen sowie das Mittelmeer – und verzeichnet innerhalb der dazwischenliegenden Erdteile diverse Meere, Inseln, Gebirge, Provinzen, Städte und Flüsse, wobei zu letzteren häufig Angaben zu Verlauf, Quelle und mitunter zur Länge gemacht werden. Hinzu treten Nennungen von Ethnonymen. Die Entstehung des Werks ist vor der Mitte des 6. Jahrhunderts anzusetzen. Das früheste erhaltene Manuskript stammt ebenfalls aus dem 6. Jahrhundert. Inhaltliche Aspekte deuten auf eine Abfassung nicht vor dem frühen 4. Jahrhundert hin.
Überlieferung Eine bemerkenswerte ÜberlieferungsgeschichteFür die Überlieferungszusammenhänge vgl. insbes. Maddalena Spallone: La Cosmographia di Iulius Honorius nel VI secolo. In: Segno e Testo 1 (2003), S. 129–181; Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S. 25–37; Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 116f. hat dazu geführt, dass der Text in mehr als einer Fassung kopiert wurde. Die Textfassung A besitzt nur ein einziges Zeugnis, das heute in zwei Teile getrennt ist: den Codex Paris lat. 2769, fol. 23v mit Paris lat. 4808, fol. 53r–65r (MSS AI und AII)Das genaue Verhältnis von AI und AII zueinander ist umstritten; zur Debatte vgl. Manuel Cecilio Díaz y Díaz: La Cosmografía de Julio Honorio en la Península, in Classica et Iberica. In: A Festschrift in Honor of the Reverend Joseph M.-F. Marique, S.J., hrsg. v. Patrick T. Brannan, Worcester, Mass. 1975, S. 331–338; Maddalena Spallone: La Cosmographia di Iulius Honorius nel VI secolo. In: Segno e Testo 1 (2003), S. 129–181; und Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S. 28f. aus dem 6. Jahrhundert; beide in der Französischen Nationalbibliothek.Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S. 25. Für die Entstehungsgeschichte und Provenienz von A vgl. Maddalena Spallone: La Cosmographia di Iulius Honorius nel VI secolo. In: Segno e Testo 1 (2003), S. 129–181, hier: S. 133ff. Die beiden Teile werden heute überwiegend als disiecta membra eines Sammelkodex aufgefasst, der entweder bereits bei seiner Entstehung oder sehr bald nach der Abfassung der beiden Textteile gebunden wurde. Lediglich in dieser Fassung werden Namen und Beruf des Lehrers erwähnt, woraus sich wiederum schließen lässt, dass Cassiodorus, der das Werk ausdrücklich erwähnt, eine Fassung vorgelegen haben muss, die AI und AII ähnlich war.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 117, Anm. 7; Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S. 27f.
Demgegenüber bietet die Textfassung B in c. 1*–2*Kapitelzählung durchgehend nach der Edition von Monda. einen Bericht über die Vermessung der Welt, die in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. durchgeführt worden sein soll, sowie eine einleitende und allgemeine Darstellung des Inhalts (c. 3*–7*). Letztere enthält die Gesamtzahl der einzelnen Kategorien und ihre Untergliederung nach den vier Weltgegenden. Beide Abschnitte fehlen in Textfassung A. Es ist jedoch denkbar, dass diese Abschnitte ursprünglich auch in der A-Fassung vorhanden waren, jedoch verloren gegangen sind.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 117; Claude Nicolet/Patrick Gautier-Dalché: Les „quatre sages“ de Jules César et la „mesure du monde“ selon Julius Honorius, réalité antique et tradition médiévale. In: Journal des Savants 1986/4 (1987), S. 157–218, hier: S. 190.
Die Fassung BFür eine Übersicht der Handschriften der Fassung B siehe Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S. 25f., 38. erweist sich insgesamt als genauer bei der Beschreibung der Flüsse, denn sie nennt durchgehend deren Länge und zeichnet sich insgesamt durch eine größere Detailfülle aus – insbesondere im Abschnitt über die südliche Weltregion.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 117. Darüber hinaus enthält die Textfassung B einige nachträgliche Ergänzungen, wie etwa die Identifizierung des Nil mit dem biblischen Gihon und der Donau mit dem Pischon, also zwei Strömen, die nach der Genesis aus dem Garten Eden entspringen. Zudem bietet die Textfassung B eine ausgesprochen ausführliche Darstellung des Nils. Die Erwähnung des Krokodils stellt das einzige Vorkommen eines Tieres in der Kosmographie dar. Abgesehen von diesen Zusätzen lassen sich die Unterschiede zwischen den beiden Textfassungen vor allem auf Weglassungen in der Fassung A zurückführen, die vieles komprimiert wiedergibt, was in der Textfassung B vollständig überliefert ist. Folglich repräsentiert weder A- noch B-Fassung den ursprünglichen Text; beide Fassungen gehen vielmehr auf einen gemeinsamen Urtext zurück.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 117; Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S. 30–34.
Ein weiterer Text, überwiegend als Kosmographie des Pseudo-AethicusEdition: Alexander Riese: Geographi Latini Minores, Heilbronn 1878, S. 71–103. bezeichnet, ist von der Forschung teils als dritte Fassung (C) betrachtet worden.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 117. Dieses Werk kombiniert die Cosmographia des Julius Honorius mit der Einleitung zu Orosius’ Historiae adversus paganos und fügt einige eigene Passagen hinzu. Diese Kompilation hat in der Neuzeit Verwechslungen mit der sogenannten Kosmographie des Aethicus erfahren.Frederic Clark: Forgery, Misattribution, and a Case of Secondary Pseudonymity. Aethicus Ister’s Cosmographia and Its Early Modern Multiplications. In: Literary Forgery in early Modern Europe. 1450–1800, hrsg. v. Walter Stephens/Earle A. Havens, Baltimore 2018, S. 74–98, hier: S. 91; Claude Nicolet/Patrick Gautier-Dalché: Les „quatre sages“ de Jules César et la „mesure du monde“ selon Julius Honorius, réalité antique et tradition médiévale. In: Journal des Savants 1986/4 (1987), S. 157–218.
Datierung Die zeitliche Einordnung der Kosmographie gestaltet sich aufgrund des Charakters des Werkes schwierig. Es handelt sich um eine heterogene Kompilation unterschiedlichster Angaben, die nur ganz vereinzelt mit bestimmbaren historischen Ereignissen in Verbindung gebracht werden können. Gleichwohl lassen sich zwei verlässliche, wenn auch zeitlich weit voneinander entfernte Anhaltspunkte bestimmen. Zum einen nennt der Text für die sonst als Cirta bekannte afrikanische Stadt den Namen Constantina (c. 44) und bietet damit einen terminus post quem von 313. In diesem Jahr erhielt die Stadt zu Ehren Konstantins I. ihre neue Bezeichnung, nachdem dieser Maxentius besiegt und die Kontrolle über Africa erlangt hatte. Den terminus ante quem bietet Cassiodors Erwähnung der Kosmographie in seinen Institutiones in den 550er-Jahren.Cassiodorus, Institutiones 1,25,1; Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 116; Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S. 12.
Inhalt Der Titel Cosmographia ist jener, der üblicherweise aus Cassiodor sowie aus den Anfangs- und Schlussformeln einzelner Handschriften abgeleitet wird. Tatsächlich lautet die in sämtlichen Überlieferungen einheitliche Bezeichnung des Werks jedoch Excerpta eius sphaerae uel continentia. Möglicherweise stellt dies den ursprünglichen Titel dar.Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S. 13.
Die Cosmographia erscheint als Auszug aus einer sphaera, deren geographische Namen und Flussläufe der Autor übernommen hat. Hierbei handelt es sich um eine runde oder elliptische Karte, möglicherweise auch um einen Globus, der wohl ins 4. Jahrhundert gehört.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 119f. Da die Namen auf dieser Vorlage dem Verlauf der Landschaft folgten und vertikal eingetragen waren, überführte Honorius sie in Listenform, um die Übersichtlichkeit zu erhöhen. Ein Schüler entschloss sich daraufhin, entgegen der Absicht des Lehrers, dieses Kompendium als eigenes Werk zu veröffentlichen, wies jedoch ausdrücklich darauf hin, dass es nur im Zusammenhang mit der Vorlage heranzuziehen sei. Bereits im 6. Jahrhundert muss das Werk ohne die sphaera zirkuliert sein. Die Welt erscheint in einer Vierteilung nach den Ozeanen; zugrunde liegt eine nach oben ausgerichtete Ostorientierung, wie sie eher in christlichen Milieus begegnet. Das Werk ist im Kern ein Namensverzeichnis mit zahlreichen Fehlern und Verwechslungen, teils wohl durch eine mangelhafte Abschrift von der Vorlage bedingt. Manche Ortsnamen sind sonst nicht belegt, andere in der überlieferten Form kaum zu identifizieren, sodass unklar bleibt, ob Abschreibefehler oder besondere Schreibgewohnheiten vorliegen. Am ausführlichsten geraten die Flussdarstellungen, in denen Ursprung, Mündung und bisweilen Nebenläufe angegeben werden.Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S 13–15; Patrick Gautier Dalché: L’enseignement de la géographie dans l’antiquité tardive. In: Klio 96/1 (2014), S. 144–182, hier: S. 157f.
Die Cosmographia präsentiert eine Einteilung des orbis terrarum entlang der vier Himmelsrichtungen und setzt die Abfolge Osten, Westen, Norden und Süden an den Anfang der Darstellung. Zu jedem Bereich der bewohnten Welt bietet der Text sechs Verzeichnisse geographischer Bezeichnungen, nämlich zu Meeren, Inseln, Gebirgen, Provinzen, Städten und Flüssen. Jeder Abschnitt endet mit einem zusätzlichen Katalog von Ethnonymen. Ein in der Textfassung A enthaltener Kolophon benennt den Zweck des Textes und liefert einige Angaben zu seinem Verfasser.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 118. Nach den ausschließlich in der B-Fassung enthaltenen c. 3*–7* summiert sich die Zahl der gezählten Gentes auf 129. Sie verteilt sich auf 46 im Osten, 29 im Westen, 29 im Norden und 24 im Süden. Nahe dem Schluss der A-Fassung findet sich zudem eine weitere Zusammenfassung, in der 27 Völker am östlichen Ozean, 23 am westlichen, 21 am nördlichen und 19 am südlichen Ozean verzeichnet werden.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 121. Die Listen bieten jeweils mehrere schwierige Einträge und weichen in den Handschriften teils voneinander ab. Die Zahl der Ethnonyme variiert je nach Deutung. So setzt der östliche Katalog mit Skythen, Anthropophagen, Skythen und Thuni ein – in AII als zwei Untergruppen der Skythen verstanden, in zwei anderen Handschriften jedoch als vier getrennte Einträge. Zudem finden sich zahlreiche Fehlzuordnungen; manche unter den Gentes verzeichneten Bezeichnungen meinen eigentlich Flüsse oder Städte. Hinzu kommen Wiederholungen von Ethnonymen, die damit in mehr als einer Liste auftreten.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 121.
Historische Rezeption