mini|Vittore Carpaccio: Idealporträts der Bischöfe von Olivolo, links Christoforus (ohne Gesicht), genannt „DAMIATVS“, unterhalb seines Porträts an der Balustrade dessen Nummer, die Bezeichnung als ‚Grieche‘ und das Jahr ‚792‘: „IIGRAECVS DCC XCII“; Öl auf Leinwand, 176 mal 337,6 cm, geschaffen 1522–1523 für den Patriarchenpalast bei San Pietro di Castello., Pinacoteca Manfrediniana Christoforus von Olivolo, auch Christophorus (* 782 oder 786; † 827 in Venedig), war von etwa 798/802 bis 827 der zweite Bischof der gegen 774 gegründeten Diözese Olivolo, nachdem er zuvor plebanus an der Kirche San Moisè gewesen war. Dieses Bistum Olivolo wurde im 11. Jahrhundert in Castello umbenannt. Allerdings musste Christoforus zwischenzeitlich ins byzantinische Exil und konnte erst 813 wieder zurückkehren, da er in die politischen Kämpfe der Fraktionen in den Städten der Lagune von Venedig geriet. Diese Konflikte sind mit dem übergreifenden Konflikt zwischen den Franken unter Karl dem Großen und dem Byzantinischen Kaiserreich verwoben, zu dem die Städte rund um die Lagune gehörten. Kirchenrechtlich unterstand Christoforus dem Patriarchen von Grado, der in den Kämpfen eine wichtige Rolle spielte, denn er lehnte die Wahl des Christoforus zum Bischof von Olivolo ab und wurde auf Befehl des Dogen dafür ermordet. In späteren Chroniken wurde der Bischof auch Cristoforo Damiata oder Cristoforo I. Damiata genannt, was dazu führte, dass man annahm, er sei im ägyptischen Damiette geboren.
Leben mini|Der Herrschaftsbereich um die Lagunen von Venedig und Grado um 840 Christoforus war von griechischer Abstammung, wurde Pfarrer an der Kirche San Moisè und folgte um das Jahr 798 (auch 795 wird genanntAndrea Bedina: Giovanni Galbaio, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 56, 2001, S. 48–50.) noch in jungen Jahren – vielleicht mit 16John Julius Norwich: A History of Venice. Penguin Books, London 2003, (1. Aufl., London 1977, zuletzt 2011), S. 19. oder gar 12 Jahren – dem nach 23 Jahren verstorbenen ersten Bischof von Olivolo, Obeliebatus, im Amt.So heißt es in der Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus: „Mortuo vero Obeliebato episcopo, qui Olivolensem episcopatum rexerat annis XX et III, Christoforus extitit ei successor.“ (Istoria Veneticorum, Liber II, 21). Seine Abstammung war nichts Ungewöhnliches, da die Städte rund um die Lagune von Venedig zum Byzantinischen Reich gehörten. Dieser Christoforus war ein Freund der Dogen Johannes und Mauritius, durch deren Gunst er in sehr jungen Jahren zum Bistum Olivolo gelangte.
Dort war es unter der Führung von Familien aus Heracleia und Metamaucum einerseits zu einer Verlagerung der Hauptstadt an den Ostrand der Lagune gekommen. Andererseits war es unter dem Gründer des Bistums Olivolo, also schon unter Maurizio Galbaio († 787), dann unter seinem Sohn Johannes und seinem Enkel Mauritius zu einer Art Dynastiegründung gekommen. Der Enkel des Dogen war verantwortlich für die Ermordung des Patriarchen Johannes von Grado im Jahr 802, der sich der Einsetzung Christoforus’ ins Amt widersetzt hatte; wahrscheinlich wegen dessen anti-fränkischer Haltung, vielleicht auch wegen seines Alters. mini|Fränkische Eroberungen zwischen 768 und 816; venezianisches Territorium Vor dem Hintergrund der Kaiserkrönung des Frankenkönigs durch Papst Leo III. zu Weihnachten 800 erhielt dieser Konflikt zwischen Patriarch und Doge eine neue Dynamik, denn durch die Krönung in Rom kam es zu Konflikten um die Kaiserwürde, die als Zweikaiserproblem bekannt sind. Infolge der Krönung Karls I. kam es zu Auseinandersetzungen, die sich bis zum Frieden von Aachen im Jahr 812 hinzogen.
Die Galbaii hatten sich als anti-fränkisch positioniert, was sich als hohes politisches Risiko herausstellte. Denn auf der lokalen Ebene versuchten die beiden Großmächte im Laufe dieses zwölfjährigen Konfliktes Einfluss zu nehmen, während sich in der Lagune entsprechende politische Fraktionen positionierten, die pro-byzantinisch oder pro-fränkisch agierten, oder aber zwischen diesen Großmächten lavierten. Erstere hatten vor allem in Heracleia Anhänger, der alten, auf dem Festland gelegenen Hauptstadt des Dukats, während die pro-fränkische Fraktion Unterstützung durch eine entsprechende Gruppe in Metamaucum fand, das am Ostrand der Lagune von Venedig lag und wohin sich seit wenigen Jahrzehnten der Herrschaftskern verlagert hatte. Während dieser Auseinandersetzungen war es im Jahr 802 zur besagten Ermordung des Patriarchen von Grado durch den Sohn und Mitdogen Mauritius (II.) auf Befehl seines Vaters Johannes gekommen. Entgegen deren Hoffnungen war damit der Konflikt keineswegs beendet, sondern der Neffe (mindestens aber Verwandte) und Nachfolger des ermordeten Patriarchen, Fortunatus II., sann auf Rache mit Hilfe der Franken.
Die Gegner der beiden Dogen sammelten ihre Kräfte in Treviso auf fränkischem Gebiet. Nach der Vertreibung der Galbaii wählten sie Ende 803 oder Anfang 804 einen Tribunen von Metamaucum namens Obelerius zum Dogen. Der neue Doge ging ‚kühn nach Venedig‘, wie Johannes Diaconus vermerkt.„Tunc hisdem Obelierius audacter Veneciam intravit“ (Johannes Diaconus, ed. Berto, ii, 24).
Obelerius ließ bald seinen Bruder Beatus gleichfalls zum Mitdogen wählen, der wiederum, wenn auch vielleicht nur nach außen, gemäßigt byzanzfreundlich auftrat. Die beiden Brüder zwangen Heracleia zur Unterwerfung. Patriarch Fortunatus nahm zwar seinen Sitz in Grado wieder ein, doch musste er wegen der Gegnerschaft des Obelerius Monate warten, bevor er die Lagune betreten durfte.In der Chronik Andrea Dandolos heißt es: „Christoforus etiam Olivolensis episcopus, dum Obelierii ducis adventum non auderet prestolari, cum predictis ducibus fuga lapsus est. Tunc hisdem Obelierius audacter Veneciam intravit. Qui cum devote et honorifice a populo susceptus esset, suum fratrem, videlicet Beatum nomine, dignitate fecit sibi socium.“ (II, 24).
Da die Lagune nun Teil der fränkischen Sphäre zu sein schien, reisten Obelerius und sein Bruder Beatus Ende 805, ebenso wie Fortunatus, an den Hof Karls des Großen in Diedenhofen. Obelerius heiratete eine fränkische Hofdame. Die Beziehungen zwischen Venedig und den Franken wurden nunmehr durch eine ordinatio de ducibus et populis tam Venetiae quam Dalmatiae geregelt, wie es in den Annales regni Francorum heißt.Annales regni Francorum, 1895, S. 121. Die Einzelheiten sind allerdings nicht überliefert. Etwas verkürzend heißt es bei Stefan Weinfurter „Karl der Große besetzte die Gebiete [i. e. Dalmatien und Venetien] 805/806 … 808 war Byzanz wieder Herr der Lage.“Stefan Weinfurter: Karl der Große. Der heilige Barbar, Piper, 2015, S. 239.
Nun sah sich Konstantinopel gezwungen, militärisch einzugreifen. So schickte Kaiser Nikephoros I. eine Flotte in die nördliche Adria, die von dem Patrizier Niketas kommandiert wurde.Ewald Kislinger: Byzantinische Flotten in der venezianischen Lagune 806 – 810/811. Zu chronologisch-inhaltlicher Manipulation in den Annales regni Francorum, in: Millennium 17 (2020) 303–322. Er brachte zunächst ohne Widerstand Dalmatien unter seine Kontrolle. Als die Flotte am Laguneneingang erschien, floh Fortunatus, während sich Obelerius und Beatus unterwarfen; beide wurden mit Ehren ausgestattet, doch Beatus und auch Christoforus, „ihr Anhänger und ihre Kreatur“ (Heinrich Kretschmayr),Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. 1: Bis zum Tode Enrico Dandolos, Gotha 1905, S. 55 (Digitalisat). gingen ins Exil, wohl nach Konstantinopel. Niketas gelang es, ein Abkommen mit Pippin, dem König von Italien und Sohn Kaiser Karls zu schließen.Wie Andrea Dandolo erläutert: „Obellierius siquidem dux per Nicetam patricium spatharii honorem suscepit. Beatus vero, frater eius, cum predicto Niceta Constantinopolim ivit secumque deferens Veneticorum obsides et Christoforum episcopum et Felicem tribunum, quos augustus exilio dampnavit. Gubernavit autem predictus Christoforus Olivolensem ecclesiam annis duodecim; quem successit Christoforus presbyter, qui sancti Moysi ecclesiae estitit plebanus.“ (II, 26). Zuvor hatte sich Dandolo folgendermaßen geäußert: „Christophorus episcopus olivolensis, nacione grecus, sedit annis XII. Hic existens etatis annorum XXI, faventibus ducibus, episcopus factus est.“ (Ester Pastorello (Hrsg.): Andreae Danduli Ducis Venetiarum Chronica per extensum descripta aa. 46–1280 (= Rerum Italicarum Scriptores XII,1), Nicola Zanichelli, Bologna 1938, S. 124, Z. 10 f.; die Marginalie hebt ihn mit „de Christoforo primo episcopo“ hervor.) In den nachfolgenden Zeilen 12–14 heißt es: „Hoc tempore Aragessis et Scoparijs proceribus venetis, perfecta est ecclesia sancte Moysis prophete, vineaque et prediis ab eis dictata, pro salute animarum suarum, et Christoforus, conjunctus episcopi, plebanus ipsius constitutus est.“
Das Abkommen zwischen Niketas und Pippin war angesichts eines fehlenden Vertrages zwischen den Imperien nicht von langer Dauer. Im Jahr 809 führte Byzanz erneut eine Flotte in venezianische Gewässer. Mit den Franken von Comacchio kam es zu Kämpfen, nach denen sich die dort gescheiterten Byzantiner um ein neues Abkommen bemühten. Die beiden Dogen lavierten weiterhin zwischen den Großmächten, so dass Pippin nach dem Abzug der Flotte eine Invasion vorbereitete. mini|Kaiser Karl (links) im Gespräch mit seinem Sohn Pippin von Italien, Facsimile einer Miniatur aus dem Liber legum des Lupus Ferrariensis, wahrscheinlich entstanden während seines Aufenthalts in Fulda 828/29-836 im Auftrag des Markgrafen Eberhard von Friaul, Biblioteca Capitolare zu Modena. Die zeitlich nächste Quelle nach den fränkischen Reichsannalen stammt von Johannes Diaconus, der die Schuld am Ausbruch des Konflikts in seiner Istoria Veneticorum ausschließlich Pippin zurechnete, der das Dukat unter Bruch der Abmachungen angriff. Er sei jedoch im Kampf unterlegen.Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime, Bd. 1, Rom 1890, S. 104 f. Nach den fränkischen Reichsannalen sei hingegen ein Abkommen zwischen Konstantinopel und Pippin an den Machenschaften der beiden Dogen gescheitert, woraufhin Pippin die Venezianer unterworfen habe. Erst die byzantinische Flotte, die in der oberen Adria erschien, zwang ihn zum Abzug.