mini|Solidus Valentinians I. mini|Rekonstruktion eines Wachturms am Hochrhein-Limes mini|Befundskizze von 1902, darauf wird der Turm mit einem Zinnenkranz dargestellt, viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass er mit einem Ziegeldach abgedeckt war mini|Befundskizze (1902–2017) mini|Konserviertes Fundament des Wachturms mini|Lichtscharte des Burgus von Wallbach-Stelli mini|Abbildung eines Wachturms auf der Trajanssäule, daneben Heu- und Strohschober als Futtervorräte für Zug- und Reittiere und (vermutlich) aufgestapeltes Bauholz
Der spätrömische Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben diente zur Überwachung und Sicherung der Rheingrenze (Donau-Iller-Rhein-Limes, abgek. DIRL). Seine Ruine befindet sich nordöstlich der Stadt Rheinfelden am Rheinufer auf dem Staatsgebiet der Schweiz im Kanton Aargau. Er war Teil einer Kette von etwa 50 Wachtürmen und Kastellen zwischen Basel und dem Bodensee. Sie standen in Sichtverbindung zueinander, um im Krisenfall mittels optischen oder akustischen Signalen eine rasche Mobilisierung der Grenztruppen zu ermöglichen. Diese Verteidigungslinie sicherte die Integrität der römischen Provinz Maxima Sequanorum, bis die römischen Truppen sich im frühen 5. Jahrhundert endgültig aus der Rheinregion zurückziehen mussten.
Lage Zwischen Wallbach und Rheinfelden bildet der Rhein eine größere nach Norden ausschwingende Schleife, entlang deren Ufer neun spätrömische 'Wachtürme errichtet wurden. Wahrscheinlich stand beim sogenannten «Augster Stich», zwischen Rheinfelden und dem Castrum Rauracense, ein weiterer spätantiker burgus. Der natürliche Untergrund im Bereich der Flussschleife bzw. des Wachturms im Pferrichgraben besteht aus einer – von einer mächtigen Lösslehmschicht überlagerten – rund 25 m hohen und steil abfallenden Niederterrasse, die von mehreren tiefen Runsen durchschnitten wird. Namensgebend für die Turmstelle ist einer dieser Runsen – der knapp 100 m rheinaufwärts liegende Pferrichgraben. Der dortige Wachturm stand am Rand einer steilen Böschung zum Rheinufer hin, etwas oberhalb des alten Wasserkraftwerks. Dieser Standort bot einen guten Ausblick auf die Ausläufer des Schwarzwalds, die grosse Ebene am rechtsrheinischen Ufer und auf den südlichen Abhang des Dinkelbergs. Eine direkte Sichtverbindung bestand auch zu den beiden benachbarten Wachtürmen des spätrömischen Grenzsicherungssystems:
dem Wachturm Rheinfelden-Heimenholz (1,4 km flussaufwärts) und dem Wachturm Rheinfelden-Insel Stein (rund 3 km flussabwärts).
Vom Wachturm im Pferrichgraben konnte man auch rheinabwärts bis zum rund 3 km entfernten Rheinfelden und der Rheininsel Stein sehen.Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. In: Gesellschaft Pro Vindonissa. Jahresbericht 2018. Vindonissa Museum, Brugg 2019, S. 63–66.
Forschungsgeschichte Die Reste des Wachturms wurden um 1900 entdeckt und beschrieben. In diesem Jahr wurde Pfarrer Sebastian Burkart darüber informiert, dass sich südlich der Nekropole Rheinfelden-Heimenholz ein grosser Hügel befände. Nach dem Entfernen der Vegetation zeigte sich, dass es sich dabei nicht – wie ursprünglich vermutet – um einen tumulus handelte, sondern um die unter Steinschutt begrabenen Überreste eines spätrömischen Wachturms. 1902 führte Burkart mit Theophil Burkhardt-Biedermann und Guido Hunziker-Habich erste Ausgrabungen an der Turmstelle durch, daran anschließend folgte 1910 eine weitere Grabungskampagne durch Karl Stehlin. 1938–39 wurde die Turmruine im Auftrag der Fricktalisch-Badischen Vereinigung für Heimatkunde von Anton Senti und Albert Matter vollständig freigelegt, sehr sorgfältig dokumentiert, restauriert und konserviert. Die Mauerkrone wurde dabei mit einer 6 cm dicken Schicht aus Makadam (Asphalt) abgedeckt, um das antike Mauerwerk vor Sickerwasser zu schützen, was sich als sehr vorausschauend erwies. Man entfernte auch das «morsche» Mauerwerk bis auf einen gesunden Kern und verfüllte die Lücken mit «Abbruchmaterial des alten Schlachthauses» wieder bis zur ursprünglichen Höhe. Zudem hielt man sich «an die römische Bauart» und markierte die Trennlinie zwischen antikem und rekonstruiertem Mauerwerk mit Eternit-Platten. Neben den zahlreichen, mehrheitlich im Mauerschutt gefundenen Architekturfragmenten und Dachziegel kamen auch einige wenige Keramikscherben, eine «Soldatenfibel» (d. h. wohl eine Zwiebelknopf- oder Armbrustscharnierfibel) sowie eine Bronzeschale zum Vorschein. Erwähnt wird zudem der Fund von Rinder- und Schweineknochen. Das generell eher bescheidene Fundspektrum in den Wachtürmen am Hochrhein könnte darauf hindeuten, dass diese nicht ständig bemannt waren.
Seit 2014 werden die denkmalgeschützten, spätantiken Wachtürme am Aargauer Hochrhein in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Standortgemeinde und der Vindonissa-Professur wieder in Stand gesetzt und gründlich erforscht. Die letzten Dokumentations- und Sanierungsarbeiten an der Turmstelle Pferrichgraben erfolgten zwischen 2016 und 2017 durch Studierende der Universität Basel. An der Restauration des Mauerwerks beteiligten sich auch Rheinfelder Ortsbürger oder sie engagierten sich bei der Umgebungsgestaltung. Im Eingangsbereich wurden von den Archäologen zudem Kernbohrungen am Mauerwerk vorgenommen, deren Proben von der ETH Zürich mittels eines neu entwickelten Verfahrens zur Altersbestimmung analysiert wurden. Damit konnte die Entstehungszeit des Turms ziemlich exakt auf das späte 4. Jahrhundert eingegrenzt werden.Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. In: Gesellschaft Pro Vindonissa. Jahresbericht 2018. Vindonissa Museum, Brugg 2019, S. 63–95.
Entwicklung und Funktion Der Wachturm war Bestandteil eines spätrömischen Grenzüberwachungssystems, das sich einst über 150 Kilometer, von Basel bis an den Bodensee erstreckte. Nach der Aufgabe des Obergermanisch-Raetischen Limes musste die nördliche Reichsgrenze an die strategisch günstiger gelegenen Ufer der Flüsse Rhein, Donau und Iller zurückgenommen werden. Diese Linie bildete ab 260 n. Chr. die neue Grenze zwischen Rom und dem Siedlungsterritorium der freien germanischen Stämme (Alamannen, Juthungen, Franken). Nach einer ersten Ausbauphase im späten 3. und in der 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. ließ Kaiser Valentinian I. (364–375) am Rhein unter großem Aufwand an Menschen und Material Wachtürme und Kastelle neu errichten oder die schon vorhandenen renovieren bzw. verstärken. Diese Baumaßnahmen dürfte wohl auch der Chronist Ammianus Marcellinus beim Verfassen seiner res gestae vor Augen gehabt haben, in denen er die Befestigung der Rheingrenze in den Jahren zwischen 369 und 375 schildert:
Der Wachturm im Pferrichgraben gehörte zum sogenannten Hochrhein-Limes, einer aus rund fünfzig Wehrtürmen bestehenden Befestigungskette. Sie stand in diesem Abschnitt unter dem Befehl des Dux provinciae Sequanicae. Die Wachtürme und Kastelle mussten zwecks der Signalübermittlung in Sichtverbindung zueinander angelegt werden. Im Falle eines Angriffs der Germanen konnten die Garnisonen in Kaiseraugst (Castrum Rauracense) und Bad Zurzach (Tenedone) durch über die Wachtürme weitergegebenen mit Flaggen, Lichtzeichen oder Hornsignale alarmiert und an die jeweiligen Brennpunkte geleitet werden.Wolfgang Leiner: Die Signaltechnik der Antike. Leiner, Stuttgart 1982 und H. Dannheimer (Hrsg.): Der römische Limes in Bayern – 100 Jahre Limesforschung. Ausstellungskatalog der Prähistorischen Staatssammlung, München 1992, S. 33. Bei zwanzig von ihnen sind bis heute noch Mauerstrukturen erhalten geblieben, sieben davon befinden sich im Kanton Aargau. Die Wachtürme konzentrierten sich offenbar in Abschnitten, wo die «nasse Grenze» zwar mehr oder weniger lückenlos überwacht und kontrolliert werden sollte, aber aus militärischer Sicht nicht akut gefährdet waren. Für diese Annahme spricht auch, dass auf dem rechtsrheinischen Ufer für diese Zeit keine nennenswerten «germanischen» Siedlungsaktivitäten nachgewiesen werden konnten. Wahrscheinlich sollten solche Türme primär nur die römische Präsenz anzeigen, als Befestigungsanlagen, die Eindringlingen die Überquerung des Rheins verwehren sollten, waren sie nicht geeignet.Argauer Zeitung Römischer Wachturm ist restauriert, Moos und Gestrüpp sind weg. Am Pferrichgraben steht ein herausgeputzter römischer Wachturm mit Mauern aus dem vierten Jahrhundert. Artikel vom September 2017 (abgerufen am 3. Dezember 2025).
Laut Peter-Andrew Schwarz, Universität Basel, dürfte der Wachturm im Pferrichgraben zwischen 369 und 374 n. Chr. entstanden sein, seine Besatzung umfasste zwischen sechs bis acht Soldaten die wohl von der Garnison des Castrum Rauracense gestellt wurden. Die Darstellung von Wachtürmen am unteren Donaulimes auf der Trajansäule lässt vermuten, dass auch die am DIRL stationierten Soldaten zum Fällen von Bau- und Brennholz eingesetzt wurden. Analogien mit anderen Darstellungen legen nahe, dass es sich dabei nicht um einen Stoss Brennmaterial für Lichtsignale gehandelt hat, sondern um Bauholz, das von den Turmbesatzungen grob zugerichtet und für den Abtransport auf dem Wasserweg aufgestapelt worden war. Im Winter 401/402 n. Chr. musste vom Heermeister Stilicho ein Großteil der Soldaten von der Rheingrenze abgezogen werden, um Alarichs im Kernland Westroms, Italien, eingefallene Armee aus Visigoten abzuwehren. Die Wachtürme wurden aufgegeben, bzw. zerstört oder verfielen.Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. In: Gesellschaft Pro Vindonissa. Jahresbericht 2018. Vindonissa Museum, Brugg 2019, S. 63–95. Wie der heutige Flurname annehmen lässt, wurde die Umgebung des Wachturms anscheinend in späteren Zeiten als Viehweide genutzt.
Wachturm Eines der Reliefs an der Trajansäule (entstanden 113 n. Chr.) stellt Wachtürme (turres) an der unteren Donau dar, daneben Heu- oder Strohschober und aufgestapeltes Holz. An jedem Turm ist ausserdem eine Fackel angebracht, die ziemlich sicher zur Nachrichtenübertragung diente. So ähnlich könnten auch die spätantiken Türme (oder burgi) am Rhein ausgesehen haben.