mini|350px|Länder, die 1980 nicht oder nur teilweise an den olympischen Spiele teilgenommen haben:

Der Boykott der Olympischen Sommerspiele 1980 war der größte Boykott in der Geschichte der Olympischen Spiele und Teil mehrerer Aktionen, mit denen die Vereinigten Staaten gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan protestierte. Im Gegenzug boykottierten die Sowjetunion, die in Moskau der Gastgeber der Olympischen Sommerspiele 1980 war, und ihre Satellitenstaaten die Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles.

Hintergrund Westliche Regierungen erwogen beim Treffen der NATO-Vertreter am 20. Dezember 1979 erstmals einen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau als Reaktion auf den Krieg in Afghanistan. Es war keine neue Idee, weil ein Boykott bereits Mitte der 1970er Jahre von Menschenrechtsorganisationen als Reaktion auf Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion gefordert wurden. Zu diesem Zeitpunkt äußerten nur wenige Regierungen Interesse an diesem Vorschlag. Nachdem der sowjetische Wissenschaftler und Dissident Andrei Sacharow Anfang Januar 1980 ebenfalls einen Boykott forderte, gewann die Idee an Popularität. Am 14. Januar schloss sich die Regierung von Jimmy Carter Sacharows Forderung an, indem sie der Sowjetunion ein zeitliches Ultimatum setzte, bis wann sie sich aus Afghanistan zurückgezogen haben soll. Als Konsequenz bei Nichteinhaltung des Ultimatums wurde unter anderem der mögliche Boykott der Olympischen Spiele in Erwägung gezogen. Am 26. Januar 1980 gab der Premierminister Kanadas Joe Clark bekannt, dass Kanada wie die Vereinigten Staaten nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen wolle, falls die Sowjetunion Afghanistan nicht bis zum 20. Februar 1980 verlassen würde. Carter machte auch den Vorschlag, die Olympischen Spiele dauerhaft in Griechenland stattfinden zu lassen, damit die Spiele durch die Gastgeber nicht politisiert werden können, aber das Internationales Olympisches Komitee (IOC) lehnte diese Idee ab.

Als das Ultimatum einen Monat später verstrich, ohne dass sich die Situation in Afghanistan verändert hatte, forderte Carter die Verbündeten der USA auf, ihre Olympischen Mannschaften von den anstehenden Spielen zurückzuziehen. Am 21. März gab Carter letztendlich den Boykott der Vereinigten Staaten bekannt. Im April stimmte das Olympische Komitee der Vereinigten Staaten (USOC) dafür, den Boykott zu unterstützen, und die Delegierten stimmten im Verhältnis 2:1, dem Aufruf des Präsidenten zu folgen und die Spiele in Moskau zu boykottieren.

Ende Januar bereitete sich die Regierung der Sowjetunion darauf vor, dass sie dieser Kampagne die Stirn bietet. Dokumente des Zentralkomitees der Sowjetunion zeigen, dass die Regierung sich neben den eigenen Propagandabemühungen auch darauf verließ, dass das IOC und die 89 nationalen olympischen Komitees (NOK) wie in der Vergangenheit agieren würden, indem sie dem Druck nationaler Regierungen nicht nachgeben würden. So war es bereits 1956 beim sowjetischen Einmarsch im Zuge des Ungarischen Volksaufstands und 1968 beim Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei gewesen. Ein Grund für diese Annahme war, dass die Regierung und das Nationale Olympische Komitee Frankreichs bereits ihre Bereitschaft zur Teilnahme bei den Spielen bekundet hatten.

Nach der Sitzung vom USOC am 24. April äußerte der Vorsitzende Robert Kane die Bereitschaft, eine Mannschaft der Vereinigten Staaten nach Moskau zu senden, falls es einen signifikanten Wandel der internationalen politischen Lage geben würde.

Beim Versuch die Spiele zu sichern, vereinbarte der Präsident des IOC Lord Killanin ein Treffen, in dem er mit Jimmy Carter und Leonid Breschnew, dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, den Boykott diskutieren wollte, bevor ein Ultimatum am 24. Mai ablief. Lord Killanin bestand darauf, dass die Spiele wie geplant fortgesetzt werden sollten, während Carter den Standpunkt der USA bekräftigte, die Spiele zu boykottieren, sofern sich die Sowjetunion nicht aus Afghanistan zurückziehe.Secretary of State Memorandum to All Diplomatic and Consular Posts Immediate, "Olympics: Mid-May Update", 16 May 1980, US Department of State, FOIA

Das IOC hielt dagegen, dass der Druck von den Vereinigten Staaten und anderen Ländern, die den Boykott unterstützten, ein unangemessenes Mittel zur Erreichung eines politischen Ziels sei und die Leidtragenden dieser Maßnahme die Athleten wären.American Embassy Memorandum to Secretary of State and White House, "Olympics: IOC Message to Mr. Cutler", 27. April 1980, US Department of State, FOIA Bundeskanzler Helmut Schmidt gab zwar die Teilnahme der Bundesrepublik Deutschland am Boykott bekannt, kritisierte jedoch die US-amerikanische Haltung, dass die Verbündeten einfach tun sollten, was die USA von ihnen verlangten.

Bei der Bilderberg-Konferenz in Aachen im April 1980 wurde unter anderem die Auswirkungen des Boykotts erörtert. Man argumentierte, die Welt würde einen Boykott als einen emotionalen Protest wahrnehmen und nicht als strategisch-politischen Akt. Andere Stimmen auf der Konferenz waren anderer Meinung, denn unabhängig davon, ob es von Staaten außerhalb der USA zusätzliche Unterstützung gäbe oder nicht, könnte ein Boykott für einen wirksamen symbolischen Protest sorgen, der für die Menschen in der Sowjetunion deutlich sichtbar wäre. Einige sowjetische Dissidenten vertraten die Ansicht, ein Boykott wäre ein starkes Signal an die Sowjetunion, die zur Erreichung ihrer politischen Ziele gegen die olympischen Regeln verstoßen hatte, beispielsweise durch staatliches Doping und den Einsatz von Berufssportlern, obwohl zu diesem Zeitpunkt nur Amateure bei olympischen Spielen zugelassen waren.

Reaktionen anderer Staaten Der Boxer Muhammad Ali reiste nach Tansania, Nigeria und in den Senegal, um hier für den Boykott zu werben, dabei blieb er jedoch erfolglos. Im Gegensatz zu den anderen Ländern konnte er die Regierung Kenias von dem Plan überzeugen.

Letztendlich schlossen sich viele Länder den Vereinigten Staaten an und boykottierten vollständig die Spiele. Helmut Schmidt konnte das nationale olympische Komitee der Bundesrepublik Deutschland davon überzeugen, den Boykott zu unterstützen. Auch Japan, China, die Philippinen, Chile, Argentinien und Norwegen entschlossen sich zu einem vollständigen Boykott. Israel beteiligte sich ebenfalls am Boykott, aber hier waren die Hauptgründe der Protest gegen den Antisemitismus in der Sowjetunion und ein Protest gegen die antiisraelische Politik. Einige Länder traten bei alternativen Wettkämpfen an, so wurden im selben Jahr beispielsweise in der Leichtathletik das Turnier Liberty Bell Classic, auch als Olympische Boykottspiele bezeichnet, in Philadelphia ausgetragen. Im Turnen wurde ein Turnier unter dem Namen USGF International Invitational veranstaltet.

Die Regierungen des Vereinigten Königreichs, Frankreichs und Australiens unterstützten zwar den Boykott, überließen jedoch die Entscheidung über die Teilnahme ihrer Sportler den jeweiligen NOKs und den einzelnen Sportlern selbst. Die Delegationen, die Frankreich und das Vereinigte Königreich nach Moskau schickten, waren wesentlich kleiner als ursprünglich vorgesehen. Die britischen Verbände für Reitsport, Hockey, Schießsport und Segelsport boykottierten die Olympischen Sommerspiele vollständig.

Spanien, Italien, Schweden, Island und Finnland, letztere standen unter großem sowjetischem Einfluss, waren weitere bedeutende Nationen, die Westeuropa bei den Spielen vertraten. Spanien und Italien traten bei den Spielen unter neutraler Flagge und mit der olympischen Hymne an, die bei Zeremonien gespielt wurde. Italienische Sportler, die im Militärdienst standen, durften aufgrund des Boykotts ihrer Regierung nicht an den Spielen teilnehmen. Viele Veranstaltungen waren vom Ausbleiben von Teilnehmern betroffen, aber einige in den USA geborene Athleten, welche die Staatsbürgerschaft anderer Länder, beispielsweise von Italien oder Australien, besaßen, traten in Moskau an.

Mit dem Iran boykottierte auch ein entschiedener Gegner der Vereinigten Staaten die Spiele in Moskau. Ajatollah Chomeini schloss sich der Verurteilung des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan durch die Vereinten Nationen und die Islamische Konferenz an, die unabhängig von den Vereinigten Staaten den Boykott der Spiele in Moskau forderte.

Teilnahme von Sportlern ohne Flagge und Hymne Lord Killanin erlaubte über NOKs für die Spiele qualifizierten Sportlern ohne ihre Landesflagge und Nationalhymne an den Spielen teilzunehmen, wodurch die NOKs die Athleten in einem nicht-nationalen Kontext entsenden konnten. Gleichzeitig ermöglichte diese Regelung Personen ohne Anerkennung durch ein NOK keinen Zugang zu den Wettkämpfen, damit die Autorität des IOC nicht geschwächt wird. Vier Wettkämpfer, darunter ein Sportler aus Neuseeland, nahmen auf diese Weise unabhängig an den olympischen Spielen teil und traten unter der Flagge ihres NOKs an, da ihre Regierungen die Spiele offiziell boykottierten. Athleten aus 16 Ländern nutzen während der Wettkämpfe nicht ihre Nationalflaggen, stattdessen wurden die olympische Flagge bei Medaillenzeremonien genutzt und die olympische Hymne gespielt. Es gab eine Siegerehrung, bei der drei olympische Flaggen gehisst wurden, bei der Einerverfolgung der Männer im Radsport.

Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 1980 entsandten die 16 Mannschaften, die zum Teil am Boykott teilnahmen, ausschließlich die Flaggenträger, um hinter dem Schildträger einzumarschieren. Der Rest der jeweiligen Delegation marschierte nicht bei der Feier ein.

Sonstige Änderungen Traditionell übergibt der Bürgermeister der letzten Gastgeberstadt die olympische Flagge, aber Jean Drapeau, der Bürgermeister von Montreal, wurde aufgrund des Boykotts an der Teilnahme gehindert. Sandra Henderson und Stéphane Préfontaine, die letzten Fackelträger der vorangegangenen Spiele, nahmen an seiner Stelle teil.

Die Protokollvorschriften für die Abschlussfeier sahen vor, dass die Flagge des nächsten Gastgebers gehisst werden sollte, doch die Vereinigten Staaten erhoben nachdrücklich Einspruch gegen die Pläne des IOC, diese Regel durchzusetzen. Während der 83. IOC-Sitzung kurz vor den Spielen entdeckte die IOC-Direktorin Monique Berlioux eine Lücke im Regelwerk, da sich die englische und die französische Version unterschieden, in der einen Regel sah die Landesflagge der veranstaltenden Stadt vor, die andere Regel die Stadtflagge selbst. Berlioux und der Leiter des Los Angeles Olympic Organizing Committees Peter Ueberroth erklärten ihr Einverständnis zur Nutzung der Stadtflagge von Los Angeles bei der Abschlusszeremonie. Statt der US-amerikanischen Nationalhymne wurde die olympische Hymne gespielt.

Die olympische Flagge wurde an ein US-amerikanisches IOC-Mitglied übergeben, statt dass sie der Bürgermeister von Los Angeles, Tom Bradley, entgegengenommen hätte. Es gab bei der Abschlussfeier keine Flaggenübergabe nach Los Angeles.

Nicht teilnehmende Länder Aus verschiedenen Gründen nahmen 68 NOKs, die 1980 zu den olympischen Sommerspielen eingeladen waren, hieran nicht teil, größtenteils um den Boykott zu unterstützen oder aus wirtschaftlichen Gründen. Taiwan verweigerte die Teilnahme aufgrund der Nagoya-Resolution von 1979, in der sich die Volksrepublik China bereit erklärt hatte, an Aktivitäten des IOC teilzunehmen, sofern Taiwan als „Chinesisch Taipeh“ bezeichnet wurde. Aufgrund des chinesisch-sowjetischen Zerwürfnisses nahm China ebenfalls nicht an den Spielen teil. Als weiteres Land nahm auch Katar nicht teil, weil das NOK Katars zwar im Februar anerkannt worden war, es jedoch nicht rechtzeitig schaffte, eine Delegation zusammenzustellen und zu entsenden.

Folgende NOKs nahmen nicht teil:

Teilnahme unter beschränkten Bedingungen