Die Besetzung Deutsch-Samoas bezeichnet die Übernahme und anschließende Verwaltung der pazifischen Kolonie Deutsch-Samoa durch Neuseeland während des Ersten Weltkriegs. Sie begann Ende August 1914 mit der Landung der neuseeländischen Samoa-Expeditionsstreitmacht (Samoa Expeditionary Force – SEF). Die Landung verlief ohne Widerstand, und die Neuseeländer nahmen Samoa im Auftrag von König Georg V. für die neuseeländische Regierung in Besitz. Die Samoa-Expeditionsstreitmacht blieb nur bis 1915 im Land, während ihr Kommandeur, Oberst Robert Logan, die Verwaltung Samoas im Auftrag der neuseeländischen Regierung bis 1919 fortführte. Die Besetzung Samoas war Neuseelands erster militärischer Einsatz im Ersten Weltkrieg.
Hintergrund Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 5. August 1914 autorisierte die neuseeländische Regierung die Aufstellung der New Zealand Expeditionary Force (NZEF) für den Kriegseinsatz. Die Mobilisierung für den Krieg hatte bereits begonnen, die Vorbereitungen waren einige Tage zuvor diskret angelaufen.Ian McGibbon: The Path to Gallipoli: Defending New Zealand 1840–1915. GP Books. New Zealand. 1991. ISBN 0-477-00026-6. S. 245. Einen Tag nach der Kriegserklärung forderte die britische Regierung Neuseeland auf, die Funkstation in Deutsch-Samoa, einer Kolonie des Deutschen Reiches, zu besetzen.Ian McGibbon: The Path to Gallipoli: Defending New Zealand 1840–1915. GP Books. New Zealand. 1991. ISBN 0-477-00026-6. S. 248. Sie bezeichnete dies als „große und dringende imperiale Aufgabe“.Stephen John Smith: The Samoa (N.Z.) Expeditionary Force 1914–1915. Ferguson & Osborn. Wellington, New Zealand. 1924. OCLC 8950668. S. 14–15.
Seit den Tagen von Richard Seddon, dem neuseeländischen Premierminister von 1893 bis 1906, hatte die neuseeländische Regierung die Kontrolle über Samoa angestrebt. Die Besetzung Deutsch-Samoas entsprach weiterhin auch den Plänen, die der Befehlshaber der neuseeländischen Streitkräfte, Generalmajor Alexander Godley, bereits vor dem Krieg ausgearbeitet hatte.Ian McGibbon: The Path to Gallipoli: Defending New Zealand 1840–1915. GP Books. New Zealand. 1991. ISBN 0-477-00026-6. S. 240. Er ging davon aus, dass dies im Falle eines Kriegsausbruchs ein wahrscheinlicher Einsatzgrund für das neuseeländische Militär sein würde.Ian McGibbon: The Path to Gallipoli: Defending New Zealand 1840–1915. GP Books. New Zealand. 1991. ISBN 0-477-00026-6. S. 240. Als folgerichtig von Seiten Großbritanniens die Bitte um militärische Unterstützung in diesem Gebiet eintraf, wurde diese umgehend angenommen, und Godley erhielt den Auftrag, eine speziell für diesen Zweck vorgesehene gemischte Truppe aufzustellen.
Die später als Samoa Expeditionary Force (SEF) bekannte Streitmacht wurde aus Freiwilligen, hauptsächlich aus den Militärbezirken Auckland und Wellington, gebildet. Die Einheit umfasste eine Infanteriekomponente mit drei Infanteriekompanien des 3. (Auckland) und 5. (Wellington) Regiments, eine Feldartilleriebatterie, eine Pioniergruppe, Eisenbahnpioniere und Fernmelder sowie Personal der Royal Naval Reserve, des Army Service Corps, eine Feldambulanzgruppe sowie Krankenschwestern und Feldgeistliche. Außerdem war ein Abordnungskommando der New Zealand Post & Telegraph Company beteiligt.
Oberst Robert Logan, Mitglied des New Zealand Staff Corps und Kommandeur des Militärbezirks Auckland, wurde zum Kommandeur der SEF ernannt. Bei ihrer ersten offiziellen Parade am 11. August 1914Stephen John Smith: The Samoa (N.Z.) Expeditionary Force 1914–1915. Ferguson & Osborn. Wellington, New Zealand. 1924. OCLC 8950668. S. 22. bestand die SEF aus über 1.400 Mann.Stephen John Smith: The Seizure and Occupation of Samoa. In: Lieut. H. T. B. Drew (Hrsg.): The War Effort of New Zealand. Official History of New Zealand’s Effort in the Great War. Whitcombe and Tombs Limited. Auckland, New Zealand. 1923. OCLC 2778918. S. 23.
Die SEF verließ Neuseeland am 15. August in einem Truppenkonvoi, der von der neuseeländischen Marine-HMS Philomel sowie den australischen Marine-Schiffen HMAS Pyramus und HMAS Psyche eskortiert wurde.Stephen John Smith: The Seizure and Occupation of Samoa. In: Lieut. H. T. B. Drew (Hrsg.): The War Effort of New Zealand. Official History of New Zealand’s Effort in the Great War. Whitcombe and Tombs Limited. Auckland, New Zealand. 1923. OCLC 2778918. S. 25–26. Die eskortierenden Kreuzer, allesamt Schiffe der sog. „P“-Klasse, waren Schiffe dritter Klasse, die als veraltet galten und dem Ostasiengeschwader von Vizeadmiral Maximilian Graf von Spee mit seinen Panzerkreuzern SMS Scharnhorst und SMS Gneisenau nicht gewachsen waren. Es gab somit Bedenken hinsichtlich der Gefahr, die das deutsche Geschwader für den Konvoi darstellte. McGibbon bestritt in seiner Chronik von 1923 jedoch jegliche Grundlage für die Behauptung, die später von Michael King in seiner Geschichte Neuseelands von 2003 wiederholt wurde, dass der Verband nur knapp einer Katastrophe entgangen sei, da die deutschen Kreuzer zu diesem Zeitpunkt weit nördlich und nicht nur 15 Meilen (25 km) entfernt gewesen seien. Daher wurde vereinbart, dass sich der Konvoi in Fidschi mit dem modernen Schlachtkreuzer HMAS Australia und dem französischen Kreuzer Montcalm treffen sollte. Doch einen Tag nach dem Auslaufen aus Neuseeland und ohne Wissen der neuseeländischen Regierung entschied die britische Admiralität, dass sich der Konvoi in Nouméa in Neukaledonien mit den moderneren Eskortschiffen treffen sollte.Ian McGibbon: The Shaping of New Zealand’s War Effort, August–October 1914. In John Crawford & Ian McGibbon (Hrsg.). New Zealand’s Great War: New Zealand, the Allies & the First World War. Exisle Publishing. Auckland, New Zealand. 2007. ISBN 978-0-908988-85-3. S. 65.
Daher stießen die HMAS Australia und die Montcalm sowie der Kreuzer HMAS Melbourne hier zum Konvoi hinzu.Stephen John Smith: The Seizure and Occupation of Samoa. In: Lieut. H. T. B. Drew (Hrsg.): The War Effort of New Zealand. Official History of New Zealand’s Effort in the Great War. Whitcombe and Tombs Limited. Auckland, New Zealand. 1923. OCLC 2778918. S. 29–30. Die gesamte Expedition, nun unter dem Kommando von Konteradmiral George Patey,Stephen John Smith: The Samoa (N.Z.) Expeditionary Force 1914–1915. Ferguson & Osborn. Wellington, New Zealand. 1924. OCLC 8950668. S. 47. fuhr weiter nach Fidschi. Dort schlossen sich mehrere Angehörige der Legion of Frontiers und samoanische Dolmetscher der SEF an, die die Reise am 27. August nach Samoa fortsetzte.Stephen John Smith: The Seizure and Occupation of Samoa. In: Lieut. H. T. B. Drew (Hrsg.): The War Effort of New Zealand. Official History of New Zealand’s Effort in the Great War. Whitcombe and Tombs Limited. Auckland, New Zealand. 1923. OCLC 2778918. S. 32–33.
Landung und Besetzung mini|Oberst Robert Logan verliest am 30. August 1914 in Apia, Samoa, eine Proklamation. An diesem Tag übernahm er das Amt des Militärverwalters. mini|50 Pfennig Notgeldschein (1922) von Neustadt in Mecklenburg, dem heutigen Neustadt-Glewe. Der Text beklagt den Verlust der Kolonie. Der Konvoi erreichte am Morgen des 29. August Apia auf Upolu, der Hauptinsel Samoas.Stephen John Smith: The Samoa (N.Z.) Expeditionary Force 1914–1915. Ferguson & Osborn. Wellington, New Zealand. 1924. OCLC 8950668. S. 57–58. In Apia gab es keine Verteidigungsanlagen; lediglich etwa 100 lokale Milizionäre (bekannt als Fita-fita) standen zur Verfügung. Australische Geheimdiensterkenntnisse deuteten bereits darauf hin, dass der Widerstand voraussichtlich aus etwa 80 Polizisten, einem Kader deutscher Offiziere und einem Kanonenboot bestehen würde.Ian McGibbon: The Path to Gallipoli: Defending New Zealand 1840–1915. GP Books. New Zealand. 1991. ISBN 0-477-00026-6. S. 249.Francis Fisher, der neuseeländische Marineminister von 1912 bis 1915, erinnerte sich später in einem 1937 von Downie Stewart veröffentlichten Buch daran, dass die neuseeländische Regierung den britischen Kolonialsekretär in London nach den Verteidigungsanlagen in Samoa gefragt hatte. Dieser habe angeblich empfohlen, Whitakers Almanach zu konsultieren, was jedoch durch eine Recherche in den Archiven Neuseelands nicht bestätigt wurde. Siehe: Ian McGibbon: The Shaping of New Zealand’s War Effort, August–October 1914. In John Crawford & Ian McGibbon (Hrsg.). New Zealand’s Great War: New Zealand, the Allies & the First World War. Exisle Publishing. Auckland, New Zealand. 2007. ISBN 978-0-908988-85-3. S. 64. Die Deutschen konnten jedoch nicht mit der Unterstützung der Samoaner bei der Verteidigung eines Landungsversuchs rechnen. Der Gouverneur von Deutsch-Samoa, Erich Schultz-Ewerth, begab sich nach der Annäherung des Konvois zur örtlichen Funkstation.Stephen John Smith: The Samoa (N.Z.) Expeditionary Force 1914–1915. Ferguson & Osborn. Wellington, New Zealand. 1924. OCLC 8950668. S. 59–64.
Während die australischen Kriegsschiffe zusammen mit der Montcalm vor Apia patrouillierten, fuhr die Psyche unter einer weißen Flagge in den Hafen der Stadt ein. Funksignale der Station wurden empfangen, jedoch auf Befehl von Patey wurde der Funkverkehr eingestellt. Nach einer Stunde teilte Schultz mit, dass Deutschland die Samoainseln zwar nicht offiziell übergeben werde, es aber keinen Widerstand gegen eine Landung der Neuseeländer geben werde. Nach Erhalt dieser Nachricht begannen die Truppentransporter, die neuseeländischen Soldaten in Beiboote umzuladen und an Land zu bringen. Regierungsgebäude, darunter Postamt und Telegrafenzentrale, wurden am frühen Abend besetzt, und ein Kommando wurde zur Funkstation in den Hügeln einige Kilometer entfernt nahe der Endstation der sog. Telefunkeneisenbahn entsandt. Als die Neuseeländer gegen Mitternacht eintrafen, hatten die deutschen Funker bereits einen Großteil der Funkausrüstung sabotiert und außer Betrieb gesetzt. Die Truppen verteilten sich auf Lager und wurden Patrouillengebieten zugeteilt.
Am folgenden Tag fand vor dem Gerichtsgebäude eine feierliche Hissung des Union Jack statt, bei der Logan im Namen von König Georg V. die Besetzung Samoas durch die neuseeländische Regierung verkündete.Im Band der offiziellen Geschichte des neuseeländischen Kriegseinsatzes im Ersten Weltkrieg, der die Eroberung Samoas behandelt, wurde behauptet, Samoa sei das erste deutsche Gebiet gewesen, das im Krieg von britischen Streitkräften erobert wurde. Dies ist falsch; die erste Eroberung einer deutschen Kolonie hatte vier Tage zuvor mit der Eroberung Togos im Rahmen des Westafrikafeldzugs stattgefunden. Siehe: Ian McGibbon: The Shaping of New Zealand’s War Effort, August–October 1914. In John Crawford, Ian McGibbon (Hrsg.): New Zealand’s Great War: New Zealand, the Allies & the First World War. Exisle Publishing. Auckland, New Zealand. 2007. ISBN 978-0-908988-85-3. S. 65. Die Beschädigung der Funkstation verhinderte, dass der Erfolg der SEF nach Neuseeland gemeldet werden konnte, bis die Station am 2. September repariert war. In der Zwischenzeit wurden Vorräte von den Truppentransportern entladen und eine Eisenbahnlinie vom Hafen von Apia zur Funkstation gebaut.Stephen John Smith: The Samoa (N.Z.) Expeditionary Force 1914–1915. Ferguson & Osborn. Wellington, New Zealand. 1924. OCLC 8950668. S. 71–72.