mini|TeilrekonstruiertePorta principalis dextrades Legionslagers (Außenseite 2012) mini|Porta principalis dextra(Innenseite 2012) mini|Römische Befunde auf das moderne Kartenbild übertragen mini|hochkant|Übersichtskarte derarchäologischen Befundevon Adalbert Cserni (1912)

Apulum ist ein römischer, militärisch-ziviler Siedlungskomplex im Stadtgebiet des heutigen Alba Iulia (deutsch: Karlsburg oder Weißenburg, ungarisch: Gyulafehérvár; Kreis Alba) im Südwesten der rumänischen Region Siebenbürgen. Apulum besteht aus einem Legionslager und gleich zwei Zivilsiedlungen, der Colonia Aurelia Apulensis und dem Municipium Septimium Apulense. Dadurch entstand in der Antike eine blühende, urbane Agglomeration mit den entsprechenden Infrastrukturen. Administrativ gehörte es zunächst zur Provinz Dacia, dann zur Dacia superior und schließlich zur Dacia Apulensis, die nach der Stadt benannt war. Apulum war neben Potaissa eines von insgesamt nur zwei zeitgleich in den dakischen Provinzen existierenden Legionshauptquartieren und Sitz des Statthalters. Apulum ist eine der so genannten zentralen Anlagen des Dakischen Limes. Gemeinsam mit 276 weiteren Bodendenkmälern dieses Limes wurde es im Sommer 2024 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.

Lage, Etymologie und Quellen Die heutigen Bodendenkmale liegen am östlichen Ende eines Höhenrückens, der vom Trascău-Gebirge her kommend gegen den Fluss Mureș vorstößt. Apulum befindet sich im Tal dieses Flusses, das Alba Iulia mit Turda (antiker Name: Potaissa) verbindet und den westlichen Teil des Siebenbürgischen Beckens bildet. Die Agglomeration liegt an der Stelle, an der der kleine Fluss Ampoi in den Mureș einmündet. Das römische Siedlungsgebiet wird im Norden vom Tal des Ampoi, im Osten und Süden vom Mureș und im Westen vom Trascău-Gebirge und dem dahinter liegenden Siebenbürgischen Erzgebirge begrenzt.

Schon in prähistorischer Zeit war diese Gegend ein Handels- und Verkehrsknotenpunkt für das in großem Umfang in der Region gewonnene Steinsalz. Zudem gehören die östlich Apulums beginnenden Gebirgszüge zu den rohstoffreichsten Regionen Siebenbürgens, wo insbesondere Gold, Silber, Selen, Blei, Zinn und Quecksilber vorkommen.Minen von Alburnus Maior auf mindat.org (englisch), abgerufen am 20. Januar 2025. Die Standortwahl dürfte daher wohl nicht nur aus strategischen Motiven heraus, sondern auch unter ökonomischen Aspekten erfolgt sein. Durch die Nutzung der alten Transportwege sowie durch die Anlage neuer Straßen entwickelte sich Apulum zum Zentrum eines Netzwerks mit direkten Verbindungen zu dem Kastell Războieni-Cetate sowie der Stadt und dem Legionslager Potaissa im Norden, den Kastellen Feldioara und Caput Stenarum im Osten, dem Kastell Orăștioara de Sus und der Ulpia Traiana Sarmizegetusa im Süden, sowie den Kastellen Cigmău, Vețel, Ighiu, Abrud und der Bergbaustadt Alburnus Maior im Westen.Ioana A. Oltean: Dacia. Landscape, Colonisation, Romanisation. Routledge, London & New York 2007, ISBN 978-0-415-41252-0.Melania Hanciu, Ştefan Hanciu und Nicolae Luduşan: Geografia Judeţului Alba. Editura Artemis, București 2003.

Der Name Apulum leitet sich wahrscheinlich ab von einer rund 17 km nordnordwestlich gelegenen dakischen Bergfestung namens Apoulon,LMI AB-I-s-A-00028 die in der Zeit vom 2. Jahrhundert v. u. Z. bis ins komplette 1. Jahrhundert u. Z. existierte und zu Beginn des 2. Jahrhunderts von den Römern zerstört wurde. Sie liegt auf der Piatra Craivii, einem 1078 m hohen Berg am südöstlichen Rand des Trascău-Gebirges. Auf dem Gebiet von Apulum selbst gab es keine dakische Vorläufersiedlung, wie es bei den Römern generell nicht üblich war, sich auf vormals dakischen Plätzen niederzulassen.Stefan Pascu: Apoulon – Apulum – Alba Iulia. Continuitate, romanitate, unitate. In: Anuarul Institutului de Istorie și Arheologie Cluj-Napoca, Band 18, 1975, S. 11–14.

Apoulon war schon in der Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemäus erwähnt,Ptol. 3, 8, 4 Apulum als Apula auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet worden.Tab. Peut. XI, 3, o

Forschungsgeschichte mini|Zeichnung von János Megyericsei (Johannes Mezerzius) vor 1517Aesculapio et Hygiae: = EHD 037972 mini|Zeichnung des sog. Silberbechers von Apulum (Karl Gooss, 1870)FO: Apulum IAO: verschollenCsaba Szabó: The silver cup from Apulum: some remarks am 23. Januar 2016 auf religioacademici.wordpress.com (englisch), abgerufen am 28. Januar 2025.

Schon früh beschrieben und/oder sammelten Gelehrte des Renaissance-Humanismus die römischen Hinterlassenschaften Apulums.The Renaissance and the beginning of epigraphy in Dacia (englisch, rumänisch), abgerufen am 22. Januar 2025. Der Erste, der in diesem Zusammenhang genannt wird, ist der noch zur Zeit der Renaissance lebende Bischof von Siebenbürgen László Geréb (1452–1502). Ihm folgte, keine Generation später und derselben Epoche angehörend, der Dichter János Megyericsei, latinisiert Johannes Mezerzius (1470–1517), der als Erster römische Inschriften aus Siebenbürgen aufzeichnete und daher als frühester Epigraphiker Apulums anzusprechen ist. Seine Aufzeichnungen blieben erhalten und gingen später in Theodor Mommsens Werk ein.Miklós Barabás: Megyericsei János kolozsi főesperes. Cluj-Napoca 1907. Im 16. Jahrhundert beschrieb Antun Vrančić (1504–1573), der unter anderem Sekretär von Johann Zápolya war, die Funde und ihre Fundorte,Antun Vrančić: De situ Transilvaniae, Moldáviáé et Transalpinae, 1540. während Jacques Bongars (1554–1612) Zeichnungen römischer Inschriften anfertigte. Auch István Szamosközy (1565–1612), ein Humanist und Hofhistoriker von Stephan Bocskai, gehörte dieser Zeit an. Im 17. und 18. Jahrhundert waren es Martin Opitz (1597–1639) mit seiner unvollendeten und verloren gegangenen Schrift Dacia AntiquaVolker Wollmann: Stadiul actual al cercetărilor privitoare la manuscrisul dispărut Dacia Antiqua al lui Martin Opitz. In: Bibliotheca Musei Napocensis, Band 20, 2001, S. 453–473. und der italienische Architekt der Zitadelle von Alba Iulia, Giuseppe Ariosti (1689–1766), der das Manuskript Epigrafi romane di Transilvania hinterließ, das erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts an der Universität Verona als Faksimile publiziert wurde.Auf 1000 Exemplare limitiertes Faksimile der Università degli studi di Verona, Biblioteca Capitolare di Verona, Verona 2010.

Die Beschäftigung mit den römischen Hinterlassenschaften Apulums blieb im 19. Jahrhundert lange deskriptiv. Ferdinand Neigebaur erwähnte es 1851 in seinem Dacien, Aus den Ueberresten des klassischen Alterthums, mit besonderer Rücksicht auf SiebenbürgenFerdinand Neigebaur: Dacien. Aus den Ueberresten des klassischen Alterthums, mit besonderer Rücksicht auf Siebenbürgen. Gött, Kronstadt 1851, S. 124–165 (Digitalisat). und Karl Gooss in seiner 1876 erschienenen Chronik der archäologischen Funde Siebenbürgens.Karl Gooss: Chronik der archäologischen Funde Siebenbürgens. v. Closius Erbin, Hermannstadt 1876, S. 83–85 (Digitalisat). Bezüglich der Inschriften hatte bereits 1873 Theodor Mommsen in seinem epigraphischen Monumentalwerk grundlegende Arbeit geleistet.Theodor Mommsen: Inscriptiones Asiae, provinciarum Europae Graecarum, Illyrici Latinae. consilio et auctoritate Academiae Litterarum Regiae Borussicae edidit Theodorus Mommsen. Inscriptiones Aegypti et Asiae, inscriptiones provinciarum Europae graecarum, inscriptionum Illyrici partes I-V comprehendens, Pars prior. Georg Reimer, Berlin 1873, S. 182–213 (Digitalisat abrufbar). Mit Inschriften beschäftigte sich auch Károly Torma, der 1882 seine Inschriften aus Dacia, Moesia superior und Pannonia inferior vorlegte.Károly Torma: Inschriften aus Dacia, Moesia superior und Pannonia inferior. In: Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn. Band 6, 1882, S. 97–145 (Digitalisat).

Als Pionier der Feldforschung in Apulum schlechthin erwies sich schließlich der archäologische Seiteneinsteiger Adalbert Cserni (ungarisch: Béla Cserni).Csaba Szabó, Viorica Rusu-Bolindeț, Gabriel Tiberiu Rustoiu, Mihai Gligor (Hrsg.): Adalbert Cserni and his Contemporaries. The Pioneers of Archaeology in Alba Iulia and Beyond. Editura Mega, Cluj-Napoca 2017, ISBN 978-606-543-915-3. Nachdem er sich die Grundlagen der Archäologie auf autodidaktischem Wege beigebracht hatte, nahm er Ende 1888 erste systematische Ausgrabungen im ehemaligen Statthalterpalast (Praetorium consularis) auf und grub kontinuierlich in der Stadt weiter bis Ende 1915, wenige Monate vor seinem Tode.

Nach Csernis Tod (1916) wurde die Archäologie in Alba Iulia eher stiefmütterlich behandelt. Zunächst hatte der Krieg Priorität und danach standen die Probleme des erst 1918 gegründeten rumänischen Staats im Vordergrund. Große Teile der Museumsbestände verschwanden in Ungarn, sie wurden erst 1922 zurückgegeben, wenn auch nicht vollständig. Zeitgleich wurden die römischen Relikte massiv bedroht, so durch eine fortschreitende Überbauung des südlichen Stadtteils Partoș. Erst ab 1938, unter dem neuen Museumsdirektor Ion Berciu besserten sich die Verhältnisse wieder ein wenig. Ausgerechnet in Europas dunkelster Zeit, kurz vor dem und dann im Zweiten Weltkrieg wurden wieder archäologischen Aktivitäten aufgenommen. In der Nachkriegszeit kam es unter der neuen Regierung noch einmal zu politischen Irritationen, in deren Verlauf Berciu 1949 für ein paar Jahre inhaftiert, aber schließlich 1955 rehabilitiert wurde. Ab 1958 war er wieder am Museum tätig. In den folgenden Jahrzehnten bis zu seinem Tode 1986 führte er das Museum und die Archäologie Alba Iulias zu internationalem Renommee.Csaba Szabó: Histories of Urban Archaeology in Alba Iulia (1916–2016). In: Transsylvania Nostra, Jahrgang 10, Heft 2, 2016, S. 30–40.George Bounegru und Radu Ota: Ion Berciu, pionier și maestru al muzeografiei (1904–1986). In: Apulum, Band 53.1, 2016.

Richtig Fahrt nahmen die archäologischen Untersuchungen in der Stadt aber erst wieder in den 1990er Jahren auf und gewannen dann im Kontext der Bewerbung zum UNESCO-Weltkulturerbe in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrtausends noch einmal an Dynamik. In Alba Iulia selbst trieb das seit 1992 auf den Namen Muzeul Național al Unirii (Nationalmuseum der Union) lautende Institut die Forschungen voran, aber auch die Universitatea „1 Decembrie 1918” (Universität des 1. Dezembers 1918) und die Direcția Județeană pentru Cultură Alba (Kulturdirektion des Kreises Alba) waren nicht untätig. Aus anderen rumänischen Städten beteiligten sich die Universitatea Babeș-Bolyai, das Muzeul Național de Istorie a Transilvaniei (Nationalmuseum der Geschichte Siebenbürgens) und das Institutul de Arheologie și Istoria Artei (Institut für Archäologie und Kunstgeschichte), alle drei aus Cluj-Napoca; aus Bukarest das Institutul de Arheologie „Vasile Pârvan” (Archäologisches Institut „Vasile Pârvan”) und aus Timișoara das Muzeul Național al Banatului (Nationalmuseum des Banats). International vertreten waren die Universität zu Köln, das Winckelmann-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, das Birkbeck, University of London, die Universität Pécs, die Universität Bergen, die University of Alberta und die University of British Columbia.Webpräsenz des Repertoriul Arheologic Naţional (rumänisch), abgerufen am 26. Januar 2025. Namentlich zu nennen in diesem Zusammenhang sind insbesondere die Archäologen Mihai Blăjan, Ioana Bogdan-Cătăniciu, George V. Bounegru, Radu Ciobanu, Marius M. Ciută, Alexandru Diaconescu, Aurel Dragotă, Matei Drîmbărean, Constantin Inel, Vasile Moga, Gabriel Rustoiu, Viorica Rusu-Bolindeţ, Nicolae Rodean, Csaba Szabó, Radu Ota und in jüngerer Zeit vor allem Anca Timofan. Aber auch die Beteiligung der Deutschen Manuel Fiedler und Alfred Schäfer verdient Erwähnung.

Vorrömische Besiedlung