Die Entstehung der Kollektion palästinensischer Literatur in der Nationalbibliothek Israels begann im Laufe des Palästinakrieges im Jahr 1948. In dieser Zeit eignete sich ein Ausschuss von Bibliothekaren der Jewish National and University Library Bücher, Manuskripte und Zeitungen aus palästinensischen Häusern und Institutionen in Westjerusalem und im übrigen Palästina an. Diese heute als Kollektion palästinensischer Literatur ("AP"-Kollektion) in der Nationalbibliothek Israels bekannte Sammlung wurde unter dem Signaturkürzel „AP“ („Abandoned Property“) katalogisiert und untersteht heute der Aufsicht des israelischen Custodian of Absentee Properties gemäß dem Absentees’ Property Law.Absentees’ Property Law 5710–1950 (passed by the Knesset on 14 March 1950), Laws of the State of Israel: Authorized Translation from the Hebrew, vol. 4. Jerusalem: Government Printer, (1948–87), 68–82. Während die Gesamtzahl der 1948 beschlagnahmten Bücher ungewiss bleibt, verzeichnet der aktuelle Online-Katalog der Nationalbibliothek Israels etwa vierzehntausend Drucke und siebenhundert Manuskripte sowie eine nicht näher bestimmte Anzahl von Zeitungen. Seit den 2010er-Jahren mehren sich Forderungen, die Sammlung an palästinensische Institutionen zurückzugeben. Die Geschichte der Aneignung wird im Dokumentarfilm The Great Book Robbery (2012) des israelischen Filmregisseurs Benny Brunner thematisiert.The Great Book Robbery, directed by Benny Brunner (Xela Films / al Jazeera English, 2012), https://bbrunner.eu/movie/the-great-book-robbery/.

Inbesitznahme palästinensischer Bibliotheken im Jahr 1948 Nach der Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus Westjerusalem durch Hagana-Milizen im Jahr 1948 begann ein Ausschuss von Bibliothekaren der Nationalbibliothek Israels damit, Bestände aus palästinensischen Privatbibliotheken in die Bibliothek zu überführen. Laut dem Bibliothekar Shlomo Shunami kamen bis zum Juli 1948 mehr als 12.000 Bücher zusammen. Bücher und Manuskripte wurden unter anderem auch aus den Städten Jaffa, Haifa, Nazareth, Ramla und Lydda entnommen. Ein Bericht der Bibliothek vom März 1949 enthält eine Liste ehemaliger palästinensischer Buchbesitzer, darunter auch prominente Gelehrte wie Khalil Sakakini und Khalil Beydas. Die Motive der an der Aneignung beteiligten Bibliothekare waren unterschiedlich, sei es die „Sicherstellung“ der Bibliotheken oder die Übertragung des Eigentums an die Israelische Nationalbibliothek, wobei Eliyahu Ashtor darauf verwies, dass sich dadurch Forschungsgelegenheiten für israelische Wissenschaftler ergäben. Zur gleichen Zeit brach infolge der Nakba die im frühen 20. Jahrhundert begonnene Wiederbelebung der palästinensischen Literatur zusammen.

Die Entstehung der AP Kollektion Nicht alle angeeigneten Bücher wurden erhalten. Etwa 40.000 bis 50.000 Bände – hauptsächlich Schulbücher – wurden an arabische Schulen in Israel verkauft. Weitere 26.000 Bücher wurden verkauft und anschließend als Altpapier entsorgt. Der Großteil der übrigen Bücher wurde in den Bestand der Nationalbibliothek eingegliedert, obwohl einige bis heute nicht katalogisiert sind. In den frühen 1950er-Jahren benutzten Wissenschaftler des Oriental Institute der Hebräischen Universität Jerusalem, darunter Eliyahu Ashtor und Shlomo Dov Goitein, die palästinensischen Bücher für ihre Forschung.

Die Manuskripte der AP Kollektion Die etwa 700 Manuskripte im heutigen Online-Katalog haben bisher nur wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten, da sie bis zu ihrer Digitalisierung im Jahr 2022 kaum zugänglich waren. Die Digitalisierung erfolgte im Rahmen eines transparenten Umgangs mit den Beständen der Nationalbibliothek Israels.“Announcing a Major Initiative to Open Digital Access to over 2,500 Rare Islamic Texts,” National Library of Israel, 8 June 2020, https://www.nli.org.il/en/at-your-service/announce+ments/islam-arcadia. Allerdings wurden palästinensische Familien oder Institutionen vor der Digitalisierung nicht konsultiert, was beispielsweise von der palästinensischen Autorin Adania Shibli kritisiert wurde.

Ein Artikel aus dem Jahr 2025 rekonstruiert auf Grundlage von arabischen Textkommentaren mehr als hundert Manuskripte und identifiziert zwei spätosmanische Privatbibliotheken innerhalb dieses Korpus. Der Anhang, der transkribierte Besitzvermerke enthält, ermöglicht es der palästinensischen Familie al-Dajānī, den Besitz ihrer Vorfahren zu identifizieren.

Weblinks The Great Robbery, Der große Bücherraub Dokumentarfilm; Deutsche Fassung, Länge 52', YouTube

Einzelnachweise

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