Die Taylor-Regel ist eine geldpolitische Regel zur Setzung des Leitzinses durch eine Zentralbank. Benannt wurde sie nach ihrem Erfinder, dem US-Ökonomen John B. Taylor.Michael Heine, Hansjörg Herr: Die Europäische Zentralbank. Eine kritische Einführung in die Strategie und Politik der EZB. Marburg 2004, ISBN 3-89518-455-1, S. 150.miniatur|John B. Taylorminiatur|400px|Graphische Darstellung der Taylor-Regel Taylor versuchte zu ergründen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten die US-Zentralbank, das Federal Reserve System (Fed), den Zielwert für ihr wichtigstes geldpolitisches Instrument, den kurzfristigen Zinssatz (Federal Funds Rate) auf dem Geldmarkt, festlegt.John B. Taylor: An Historical Analysis of Monetary Policy Rules. (PDF; 1,5 MB) Working Paper 6768, Cambridge USA, Oktober 1998, S. 51–52. Abgerufen am 25. November 2010 Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank strebt die amerikanische Zentralbank neben dem Ziel stabiler Preise auch einen hohen Beschäftigungsstand und moderate langfristige Zinsen an. Um die Reaktion der Fed auf Änderungen der realwirtschaftlichen Entwicklung und der Inflation genau zu quantifizieren und somit einen zielführenden Zinssatz abzuleiten, entwickelte John B. Taylor diese Formel im Jahr 1995. Sie stellt einen empirischen Ansatz dar, der sich auf ökonomische Untersuchungen stützt. Grundsätzlich beziehen sich die Untersuchungen auf die G8-Staaten und deren Erfolg zur Erreichung ihrer geldpolitischen Ziele. Aus diesem Grund kann die Regel in angepasster Form auf viele andere Länder übertragen werden.Ralph Anderegg: Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik. München 2007, ISBN 978-3-486-58148-5, S. 313. Die Taylor-Regel soll eine Art Handlungsanleitung für Notenbanken sein.Klaus Schaper (2001), S. 138.
Taylors Absicht
Ursprünglich war es Taylors Absicht, eine Regel zu ermitteln, die geeignet war, die Zinspolitik der Fed (Federal Reserve System) nachzuzeichnen.Johannes Treu: (PDF; 234 kB) Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 2010, , S. 2–3. Abgerufen am 16. November 2010. Somit hatte er das Ziel, eine Alternative zur Festlegung des kurzfristigen Zinssatzes der Geldpolitik zu entwerfen.Ralph Anderegg (2007), S. 313. Dabei legte er Wert auf ihre Einfachheit und Robustheit. Sie sollte als Mittel dienen, die Geldpolitik der Zentralbank adäquat zu erfassen und zu bewerten. Aber gleichzeitig sollte sie ein Konzept als Richtschnur für politische Entscheidungen von Zentralbanken sein. Aus einer Gesetzeslage der USA (Fed muss Preisniveau- und konjunkturelle Entwicklung berücksichtigen) entstand seine Prämisse, dass die Zentralbanken ihre Zinspolitik in Abhängigkeit von der aktuellen Inflationsrate und der konjunkturellen Situation festlegen.Michael Heine, Hansjörg Herr (2004), S. 150.
Komponenten der Taylor-Formel und deren Interpretation
Christian Peukert: Die Taylor Regel. (PDF; 175 kB) Übung zur empirischen Wirtschaftsforschung, Ulm 2010, S. 2–3. Abgerufen am 26. November 2010.
Taylor-Zins erwartete Inflationsrate realer Gleichgewichtszins „Inflationslücke“ Differenz zwischen erwarteter Inflation (gemessen am BIP-Deflator) und Inflationsziel (jene, die die Zentralbank mittelfristig anstrebt) „Produktionslücke“ bzw. „Output Gap“ ist die logarithmische Differenz zwischen dem tatsächlichen realen BIP und dem Produktionspotenzial (definiert als Produktionsvolumen entsprechend der langfristigen Wachstumsrate)Michael Heine, Hansjörg Herr (2004), S. 150, 151.
Die erwartete Inflationsrate und der reale Gleichgewichtszins liefern in Anlehnung an die Fisher-Gleichung eine Benchmark für den kurzfristigen Zins, dessen Höhe kompatibel mit der Erreichung des Inflationsziels bei Vollbelastung () ist. Die Preisstabilität und das Wirtschaftswachstum bzw. die Konjunkturstabilisierung werden in der Produktions- und Inflationslücke zusammengefasst. Wird das Inflationsziel bei der Inflationslücke überschritten, erfordert dies eine Erhöhung des kurzfristigen Zinses über die Benchmark und umgekehrt. Die Produktionslücke fängt konjunkturelle Aspekte und Preisperspektiven ein. Hier empfiehlt sich eine Senkung des kurzfristigen Zinssatzes bei nicht ausgelasteten Kapazitäten () und eine Erhöhung bei voll ausgelasteten Kapazitäten (). Beide geben an, wie stark die Zentralbank Abweichungen vom Produktionspotenzial und Abweichungen bei der angestrebten Zielinflationsrate geldpolitisch bewertet.Egon Görgens, Franz Seitz, Karlheinz Ruckriegel: Europäische Geldpolitik. Theorie, Empire, Praxis. 4., überarbeitete Auflage. Stuttgart 2004, ISBN 3-8252-8285-6, S. 228–229. und geben an, wie stark die Geldpolitik auf Veränderungen der Inflationsrate von ihrem Ziel bzw. der Produktion vom Produktionsniveau reagieren sollte. Nach Taylor wird dabei auf eine Höhe von festgesetzt. Somit kann die Zentralbank bei dem Anzeichen eines Inflationsdrucks den Realzins steigen lassen, damit sich das Gleichgewicht wiederherstellen lässt. (PDF) Monatsbericht Oktober 2001, S. 46. Abgerufen am 29. November 2010 Die Verwendung der erwarteten Inflation auf der rechten Seite dieser Gleichung verdeutlicht, dass als geldpolitisches Instrument zwar der nominale Kurzfristzins fungiert, es aber letztendlich um die Beeinflussung des Realzinses geht.
Die Taylor-Regel als eine Weiterentwicklung des IS-LM-Modells miniatur|300px|IS-MP-Modell In der Taylor-Regel sind klassische monetaristische und keynesianische Elemente sowie Elemente der „Neuen klassischen Makroökonomik“ miteinander verknüpft. Er setzt den Zins in Abhängigkeit von den Zielabweichungen bei geldpolitisch als relevant erachteten makroökonomischen Variablen ein. Das macht im IS-LM-Modell die LM-Bedingung überflüssig, weil dies der rekursiven Bestimmung der nominalen Geldmenge dient. In der neuen Version des IS-LM-Modells messen die Koordinaten den Realzinssatz (y-Achse) und den Realoutput (x-Achse). Der IS-Linie liegen die üblichen Hypothesen zugrunde. Weiterhin reagiert die Gesamtnachfrage gegenläufig zum Realzins. Das hat zur Folge, dass die Lage der Linie durch die Nachfragekomponente bestimmt wird und das güterwirtschaftliche Angebot jederzeit der Nachfrage folgt. Die Lage der neuen MP-Linie (MP=monetary policy) ist abhängig von der aktuellen Inflationsrate und der geldpolitischen Zielrate. Hinsichtlich der Taylor-Regel befolgt die Zentralbank eine einfache Variante. Wenn die Inflationsrate über dem geldpolitischen Zielwert liegt, erhöht sie den Realzins (und umgekehrt). Die Bank versucht die erwartete Inflationsrate zu bestimmen (durch Annahme rationaler Erwartungen) und steuert diese durch den Nominalzins, um den Realzins zu beeinflussen. Dabei orientiert sie sich aber ausschließlich an der aktuellen Inflationsrate. In der Abbildung wird sichtbar, dass zwischen Outputniveau und Inflationsrate stets eine eindeutige und gegenläufige Beziehung besteht.Franco Reither: Grundzüge der Neuen Keynesianischen Makroökonomik. (PDF; 201 kB) Hamburg 2003, S. 2–3. Abgerufen am 27. November 2010
Verfahrensschritte zur Herleitung einer zweckmäßigen Regel
Um Abweichungen von den Preis- und Outputzielen zu beeinflussen, kann der kurzfristige Zinssatz mittels Herleitung durch einzelne Verfahrensschritte bestimmt werden. Dazu ist die zu prüfende geldpolitische Regel in das gewählte Modell einzufügen und durch die Wahl des möglichen Lösungsalgorithmus aufzulösen. Der nächste Schritt ist die Analyse der stochastischen Verteilung der Varianzen der einzelnen Variablen (Input, Output, Unterbeschäftigung). Schlussendlich folgt die Evaluation der geldpolitischen Regel mit den festen Eigenschaften und der Überprüfung der Robustheit des Modells. Dies kann durch einen Vergleich mit anderen Modellen geschehen.Ralph Anderegg (2007), S. 322–323.
Möglichkeiten der Anwendung der Taylor-Regel
Die Taylor-Regel ist sehr wandelbar und kann somit auf viele verschiedene politische Verhältnisse angepasst werden. Dabei kann sie als Grundlage geldpolitischer Entscheidungen angesehen werden. Weiterhin sind auch Modellrechnungen zur Variation der Koeffizienten für die Gewichtung der erwarteten Inflationsrate und des Outputgap möglich.Ralph Anderegg (2007), S. 322.
Formen der Taylor-Regel
Die ursprüngliche Taylor-Regel miniatur|400px|Taylor-Zins und Geldmarktzinsen in den USA von 1995 bis 2002
bezeichnet die Inflationsrate und das Inflationsziel, aus dessen Differenz sich die Inflationslücke ergibt. Die Outputlücke wird durch y gekennzeichnet. Als Produktionspotenzial kann die langfristige Entwicklung des BIP bei normaler Auslastung der existierenden Kapazitäten bezeichnet werden. Die Variablen und beschreiben wieder die Gleichgewichtsgrößen und der gleichgewichtige Realzins wird durch beschrieben.Johannes Treu: (PDF; 234 kB) Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät, 2010, , S. 3. Abgerufen am 16. November 2010.
Angewendet auf die Fed beschreibt Taylor folgende Regel: John B. Taylor: Discretion versus policy rules in practice. (PDF; 1,7 MB) In: Carnegie-Rochester Conferences Series on Public Policy. 39, 1993, S. 202. Abgerufen am 27. November 2010
Wird die Gleichung an die von uns bereits genutzten Variablen angepasst, lautet sie folgendermaßen:
Die Erwartung, dass die vergangene Inflationsrate mit der zukünftigen Inflationsrate übereinstimmt, wird mit gekennzeichnet. Der Outputgap () ist die Abweichung vom langfristigen Wachstumspfad. Der Inflationsgap wird durch die Berechnung der Abweichung der beobachteten Inflationsrate der vergangenen vier Quartale von der angenommenen Zielinflationsrate von 2 % bestimmt. Auch die Höhe des kurzfristigen Zinses richtet sich nach dem Inflationsgap (Differenz zwischen aktuellen und der angestrebten Inflationsrate). Wie oben beschrieben sind die Koeffizienten ( und ) auch hier die Politik-Reaktions-Parameter. Aus der Formel lässt sich schließen: je stärker der Outputgap und der Inflationsgap vom Zielwert abweichen, desto größer ist der zinspolitische Spielraum der Geldpolitik. Stimmen Inflationsrate und Outputgap mit den Zielwerten überein, besteht keine Abweichung vom langfristigen Wachstumspfad.Ralph Anderegg (2007), S. 316.
Unterstellt man ein Outputgap und ein Inflationsgap von jeweils Null, ergibt sich der Nominalzins als Summe des konstanten Realzinses und der angestrebten Inflationsrate. Schaut man sich diese Gleichung etwas näher an, kann man feststellen, dass die Realzinsen über den Gleichgewichtswert steigen, wenn das Inflationsziel überschritten wird oder die Kapazitäten überlastet sind.Egon Görgens, Franz Seitz, Karlheinz Ruckriegel (2004), S. 245. Bei den Anzeichen einer überschäumenden Konjunktur werden sich inflationäre Effekte ergeben, bei der sich der Zins erhöhen wird. Befindet sich die Konjunktur jedoch in einer Krise, wird mit einem Rückgang der Inflationsrate gerechnet. Durch die Ausprägung der beiden Gewichte α und β können die unterschiedlichen Zielfunktionen der Zentralbanken verdeutlicht werden. Denn je höher diese ist, umso mehr gehen Abweichungen in die Zinspolitik mit ein.Michael Heine, Hansjörg Herr (2004), S. 151 Konkret impliziert die Taylor-Regel, dass sich bei einem Anstieg der Inflationsrate um einen Prozentpunkt die Federal Funds Rate um 1,5 Prozentpunkte erhöht. Fällt das BIP um einen Prozentpunkt unter das potenzielle BIP, ist die Federal Funds Rate um 0,5 % Prozentpunkte zu senken. Damit soll bei einem auftretenden Inflationsdruck gewährleistet werden, dass die Geldpolitik restriktiver wird, um somit einen Anstieg des Realzinses zu ermöglichen.