mini|Enno Gröhn improvisiert eine barocke Toccata (2021) Die Orgel der Hauptkirche Sankt Jacobi in Hamburg wurde in der Zeit von 1689 bis 1693 von Arp Schnitger gebaut.Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 52–65 (grundlegende Darstellung). Die Orgel verfügt über vier Manuale, Pedal und 60 Register, darunter 15 Zungenstimmen, mit insgesamt knapp 4000 klingenden Pfeifen. Insgesamt wurden an der Orgel zwischen ihrer Erbauung und der teilweisen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nur wenige Veränderungen vorgenommen. Der alte Pfeifenbestand blieb bis auf die Prospektpfeifen fast vollständig erhalten. Sie ist das größte Orgelwerk aus der Zeit vor 1700 und zählt zu den bedeutendsten erhaltenen Barockorgeln.
Baugeschichte Vorgängerinstrumente Wann die erste Orgel in St. Jacobi gebaut wurde, ist nicht dokumentiert. Um 1300 ist allerdings ein „Meister Rudolf“ als Organist bezeugt. Von 1512 bis 1516 wurde eine zweimanualige Orgel von Jacob Iversand und Harmen Stüven gebaut. Vor 1543 wurde ein Rückpositiv hinzugefügt. Weitere Umbauten und Erweiterungen erfolgten im 16. und 17. Jahrhundert durch Orgelbaumeister wie Jacob Scherer (ab 1551), Scherers Schwiegersohn Dirk Hoyer (1577–1578), der ein neues Rückpositiv und zwei neue Pedaltürme baute, Hans Bockelmann (1588–1589) und Hans Scherer der Ältere (1588–1592), die ein neues Oberwerk ergänzten. Scherers Söhne Hans Scherer der Jüngere und Fritz Scherer überholten 1606/07 das Instrument. Am Ende des 16. Jahrhunderts stand Hieronymus Praetorius mit diesem Instrument eine der größten Orgeln der damaligen Zeit zur Verfügung. In seinem Syntagma musicumMichael Praetorius: Syntagma musicum. Bd. 2: De Organographia (1619). Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-7618-1527-1, S. 168–169; Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 54–55. überliefert Michael Praetorius die damalige Disposition mit 53 Registern auf drei Manualen:Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 54–55.
I Rückpositiv CDEFGA–c3 Principal 8′ Octava 4′ Scharp Mixtur Gedact 8′ Quintadeen 8′ Holflœit 4′ Blockflœit 4′ Gemßhorn 2′ Ziflœit Klingende Zimbel Schalmeyen 4′ Baarpfeiffe 8′ Regal 8′ Krumbhorn 8′ II Im Ober Werck FGA–g2a2 Principal 12′Praetorius gibt die tatsächliche Pfeifenlänge ab F an. Nach heutiger Bezeichnung entspricht 12′ einem 16′, 6′ einem 8′ und 3′ einem 4′. Octava 6′ Quintadeen 12′ Holpipe 6′ Holflœit 3′ Querpipe 6′„12. Schue lang / und ist offen“. Rußpipe Scharp Mixtur III Oben in der BrustVom Ober- oder vom Mittelklavier aus gespielt. Principal 8′„Angehende im C“. Holpipe 8′ Flœite 4′ Offen Querflœite 4′„8. füsse lang“. Nasatt vff die Quinte 3′ Gemßhorn 2′ Kleinflœit 2′ Klingende Zimbel III Trompette 8′ Regal 8′ Zincke 8′„Vom f biß ins a2 wie gebräuchlich“. III Unten in der Brust FGA–g2a2 Krumbhorn 8′ Quintflœit 3′ Waltflœit 2′ Spitzflœit D 4′ Pedal CDEFGA–c1d1 Principal 24′„Aus dem F“. Mixtur 12′„Wobey 1. Baß von 12.fuß“. Principal C 16′ GroßBaß 16′ Octava 4′ GemßhornBaß Spitzquinte Zimbel Mixtur Spillpipe 4′ Krumbhorn 16′ Bassaune 16′ Trommete 8′ Cornett 2′ Anmerkungen A
mini|Schematischer Werkaufbau („Hamburger Prospekt“) (Pd=Pedal, OP=Oberpositiv, We=Werck, BP=Brustpositiv, RP=Rückpositiv) 1635–1636 erweiterte Gottfried Fritzsche durch einen großen Umbau den kleineren Klaviaturumfang des Renaissanceinstruments auf vier Oktaven und vier Klaviaturen. Er richtete dabei in der Klaviatur des Rückpositivs sieben geteilte Obertasten (Subsemitonien) für die zusätzlichen Töne dis, as und ais ein (von dis° bis dis2).Fock 1974, S. 56. Der damalige Jacobi-Organist Ulrich Cernitz (1598–1654)Daten nach , ein Schüler des berühmten „Hamburger Organistenmachers“ Jan Pieterszoon Sweelinck, berichtete ausführlich über diese Maßnahmen, an deren Ende das Instrument über 56 Register verfügte. Fritzsches Sohn Hans Christoph Fritzsche renovierte die Orgel 1655–1658 in größerem Umfang für 1656 Mark lüb.Fock 1974, S. 45 und 56. Ob diese Arbeiten 1655 schon in Hinsicht und vielleicht sogar in Absprache mit dem neuen Organisten Matthias Weckmann durchgeführt wurden, ist nicht bekannt. Er muss aber bei diesen Arbeiten ab Amtsantritt Ende 1655 mit H. Chr. Fritzsche eng zusammengearbeitet haben. Weckmann hatte die Stelle bis zu seinem Tod Anfang 1674 inne.
Neubau durch Schnitger 1693 mini|hochkant|Polygonaler Pedalturm
Aus diesem Vorgängerinstrument übernahm der Orgelbaumeister Arp Schnitger 27 Register, von denen das älteste noch aus der ursprünglichen Orgel (1516) stammt; die übrigen Register baute er selbst. Schnitger erweiterte das viermanualige Instrument auf 60 Register. Gegen den Rat von Johann Adam Reincken, Organist an St. Katharinen, erhielt das Pedal einen Principal 32′ und eine Posaune 32′, die als besonders prestigeträchtig galten. Die Kosten für den Orgelbau beliefen sich auf 29.108 Mark.Reinitzer (Hrsg.): Die Arp-Schnitger-Orgel. 1995, S. 32. Die Werke haben die Bezeichnungen: Werck (Hauptwerk), Rückpositiv, Oberpositiv, Brustpositiv und Pedal. Der Prospekt der Schnitger-Orgel in St. Jacobi ist das größte existierende Beispiel des „Hamburger Prospekts“ mit dem mehrteiligen Werkaufbau, der von der Orgelbauerfamilie Scherer in Hamburg um 1600 entwickelt wurde. Charakteristisch dafür ist die symmetrische Anlage mit den großen seitlichen Pedaltürmen und der Höhenstaffelung der Manualwerke, wobei das Oberpositiv nicht im Prospekt in Erscheinung tritt. Es befindet sich in erhöhter Position hinter dem Werck, das keine Rückwand besitzt. Die direkte Klangwirkung geschieht durch die weit heruntergezogenen Gewölbe, die eine sehr gute Klangabstrahlung in den Raum bewirken. Die Figuren des Prospekts wurden von Christian Precht geschnitzt; sie gehören zu seinen spätesten bekannten Werken.Karin Eckhardt: Christian Precht. Ein Hamburger Bildhauer in der Zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (= Beiträge zur Geschichte Hamburgs. Band 32). Verlag Verein für Hamburgische Geschichte, Hamburg 1987, ISBN 3-923356-18-8, S. 88 f.
Im Jahre 1720 bewarb sich Johann Sebastian Bach um die Organistenstelle an St. Jacobi. Jedoch erhielt statt seiner Johann Joachim Heitmann die Stelle, weil dieser im Gegensatz zu seinem berühmt gewordenen Mitbewerber in der Lage war, eine hohe Summe Geldes (4000 Mark) an die Kirchenkasse zu entrichten und darüber hinaus die Tochter des Hauptpastors zu ehelichen.
Johann Mattheson überliefert die Strafpredigt von Erdmann Neumeister, dem damaligen Hauptpastor von St. Jacobi: „Er glaube ganz gewiß, wenn auch einer von den bethlehemitischen Engeln vom Himmel käme, der göttlich spielte und wollte Organist zu St. Jacobi werden, hätte aber kein Geld, so möchte er nur wieder davon fliegen“.Johann Mattheson: Der musicalische Patriot. Hamburg 1728, S. 316.
Tatsächlich ist belegt, dass Bach an der großen Orgel in der benachbarten Katharinenkirche spielte. Der Zustand der Jacobi-Orgel war vorübergehend nicht sehr gut und Bach reiste vor dem offiziellen Probespiel ab.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 161.
Otto Diedrich Richborn überliefert 1721 Schnitgers Disposition:Reinitzer (Hrsg.): Die Arp-Schnitger-Orgel. 1995, S. 190–191, vgl. das Faksimile auf S. 147.
I Rückpositiv CDE–c3 Principal 8′ Gedackt 8′ Quintadehna 8′ Octava 4′ Blockflöht 4′ Nahsat 3′ Octava 2′ Siffloit ′ Sexquialtera II Scharff VI–VIII Dulcian 16′ Bahrpfeiffe 8′ II Werck CDEFGA–c3 Principal 16′ Quintadehn 16′ Octava 8′ Spitzflöht 8′ Gedackt 8′ Octava 4′ Rohrflöht 4′ Flachflöht 2′ Super Octav 2′ Rauschpfeiff III Mixtur VII–IX Trommet 16′ III Oberpositiv CDEFGA–c3 Principal 8′ Rohrflöht 8′ Hollflöht 8′ Spitzflöht 4′ Octava 4′ Nasat 3′ Octava 2′ Gemshorn 2′ Scharff IV–VI Cimbel III Trommet 8′ Vox humana 8′ Trommet 4′ IV Brustpositiv CDEFGA–c3 Principal 8′ Octav 4′ Holtzflöth 4′ Waldtflöht 2′ Sexquialtera II Scharff IV–VI Dulcian 8′ Trechter Regal 8′ Pedal CD–d1 Principal 32′ Octava 16′ Subbass 16′ Octava 8′ Octava 4′ Nachthorn 2′ Rauschpfeiff III Mixtur VI–VIII Posaune 32′ Posaune 16′ Dulciane 16′ Trommet 8′ Trommet 4′ Cornet 2′ 2 Tremulanten Zimbelstern, Trommel 5 Sperrventile, 1 Hauptventil
Spätere Arbeiten 1722 wurde die Orgel von Otto Diedrich Richborn überholt, der eine kleine Veränderung der Disposition vornahm. Der Hamburger Orgelbauer Johann Jacob Lehnert änderte 1761 die Disposition geringfügig. 1774–1775 erneuerte Johann Paul Geycke den Spieltisch. Weitere Umdisponierungen wurden 1790 durch Johann Daniel Kahl, 1836 und 1846 durch Johann Gottlieb Wolfsteller durchgeführt. 1866 wurden neue Kanäle und Ausgleichsbälge gebaut. Eine weitere Dispositionsänderung und der Einbau einer zusätzlichen pneumatischen Lade mit fünf Registern wurde 1890 durch Marcussen vorgenommen.
Restaurierungen Ein schwerwiegender Eingriff in die klangliche Substanz des Instruments erfolgte 1917, als die Prospektpfeifen im Ersten Weltkrieg für Kriegszwecke an die Heeresverwaltung abgegeben werden mussten.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 161. Hans Henny Jahnn entdeckte 1919 bei einem Spaziergang zusammen mit seinem Freund Gottlieb Friedrich Harms die „trostlos abgetakelte“ Orgel. Als Harms auf ihr spielte, entdeckte Jahnn den Wert dieses Instruments. Nachdem die beiden erfuhren, dass es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden sollte, schrieben sie sofort einen Brief an den Kirchenrat und informierten den Hamburger Senat. Jahnn setzte sich für die Instandsetzung und den Ersatz der fehlenden Prospektpfeifen einFock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 61. und erhielt schließlich die Bewilligung zur Restaurierung. Mit der Durchführung der 1922 beginnenden Benefizkonzerte (Ugrino-Konzerte), für welche die Kirche kostenlos zur Verfügung stand,SWR2 Matinee: Mit allen Registern. Die Orgel, 31. Januar 2021, Der Teil der Sendung über Jahnn ist unter Die Orgel im Leben des Hans Henny Jahnn nachhörbar. konnten wesentliche Finanzmittel dafür aufgebracht werden. Jahnn gewann den damaligen Thomasorganisten Günther Ramin, der zum ersten Mal wieder Kompositionen von Hamburger Organisten des 17. Jahrhunderts neben Werken von Buxtehude und Bach zu Gehör brachte, für die Konzerte. Bei der von Jahnn initiierten Orgeltagung in Hamburg und Lübeck im Juli 1925 rückte die Schnitger-Orgel in St. Jacobi in den Mittelpunkt des Interesses der damaligen Orgelszene in Nordeuropa. Sie wurde als vorbildliches Instrument für die barocke und vorbarocke Orgelmusik wahrgenommen.Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 62.
Die Auslagerung der Windladen, des Pfeifenwerks und der Schnitzereien im Jahr 1942 rettete die klangbestimmenden Teile der Orgel vor der Vernichtung im Zweiten Weltkrieg, als die Kirche vollständig ausbrannte und das Gehäuse Schnitgers, die Balganlage und der Spieltisch von 1774 verloren gingen. Nach der Wiederherstellung des nur wenig zerstörten Südschiffs erfolgte hier 1950 eine provisorische Aufstellung durch die Lübecker Orgelwerkstatt Kemper, die bereits unter Leitung und Mitwirkung von Hans Henny Jahnn die Restaurierungsarbeiten der vorigen Jahrzehnte ausgeführt hatte.
Eine weitere Etappe auf dem Wege der endgültigen Wiederherstellung war die Aufstellung an alter Stelle im Westen des Hauptschiffs, die 1961 beendet war. Dabei wurde ein neues Gehäuse im alten Werkaufbau, ein neuer Spieltisch mit geschnitzten Köpfen an den Registerzügen (1950), eine Erweiterung der Klaviaturumfänge mit den erforderlichen Angleichungen im technischen Bereich und eine äußerst schwergängige Traktur von Kemper angelegt.Reinitzer (Hrsg.): Die Arp-Schnitger-Orgel. 1995, S. 129. alt=|mini|Rekonstruierter Spieltisch