Die Wirtschaft in der Türkei erbrachte kaufkraftbedingt 2020 die vierzehntgrößte Wirtschaftsleistung der Welt,GDP, PPP (current international $) - Turkiye, data.worldbank.org, abgerufen am 11. August 2022 hat jedoch eines der weltweit höchsten LeistungsbilanzdefiziteCurrent account balance (BoP, current US$) - Turkiye, data.worldbank.org, abgerufen am 11. August 2022 (auch in Relation zum Bruttoinlandsprodukt)Current account balance (% of GDP) - Turkiye, data.worldbank.org, abgerufen am 11. August 2022. Istanbul gilt als der größte Markt und Umschlagplatz der Türkei. Das Wirtschaftsleben der Stadt wird dominiert von Börse, Großhandel, Verkehrs-, Bank-, Presse- und Verlagswesen. Es gibt mehrere Basare sowie moderne Geschäftsstraßen im westlichen Stil. Die handwerklichen und industriellen Betriebe produzieren vor allem Textilien und Nahrungsmittel. Auch der Bau von Automobilen, Bussen, Traktoren und Dieselmotoren ist ein bedeutender Wirtschaftszweig.
Seit 2017 häufen sich aufgrund der hohen Inflation, der hohen Auslandsverschuldung des Landes sowie des im internationalen Vergleich unterdurchschnittlichen Bildungs- bzw. Ausbildungsniveaus der türkischen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen gravierende Krisensymptome: Mehrere Ratingagenturen stuften die Bonität türkischer Staatsanleihen herab Standard & Poors bewertet die Türkei mit BB- / B - (zwei Stufen unter Investment Grade). Die Herabstufung spiegle ihre Ansicht wider, dass das Risiko einer harten Landung der türkischen Überhitzung und kreditfinanzierten Wirtschaft bestehe. Dies zeige sich ihres Erachtens in den zunehmenden Ungleichgewichten in der türkischen Wirtschaft, insbesondere in dem sich verschärfenden schuldenfinanzierten Leistungsbilanzdefizit und der hohen Inflation. Fitch stufte die Türkei am 13. Juli 2018 von BB+ auf BB herab. Die Entscheidung fiel nach einer harten Woche für türkische Anleihenaktien und die Lira nach der Entscheidung von Präsident Erdoğan, seinen Schwiegersohn Berat Albayrak als Finanzminister einzusetzen. Die Inflation betrug im März 2019 19,71 %. Zudem erreichte der Wechselkurs der Lira seit 2017 zu US-Dollar und Euro vielfach den tiefsten Stand in seiner Geschichte. Des Weiteren liegt die Arbeitslosigkeit bei rund 15 %, die Jugendarbeitslosigkeit bei 26,7 % (Stand: April 2019).
Im Global Competitiveness Index, der die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes misst, belegt die Türkei Platz 61 von 141 Ländern (Stand 2019). Im Index für wirtschaftliche Freiheit belegte die Türkei für 2020 Platz 71 von 180 Ländern.
Geschichte Industrialisierung im Osmanischen Reich mini|links|Bankalar Caddesi war Istanbuls Finanzzentrum während der Osmanischen Zeit. Die industrielle Revolution, die im 19. Jahrhundert in Europa stattfand, erreichte das Osmanische Reich aus mehreren Gründen kaum. Zum einen fehlte es an Kapital und Infrastruktur, jedoch auch an unternehmerischer Mentalität der Bevölkerung. Der Unternehmer war in der Gesellschaft des osmanischen Reiches nicht so hoch angesehen wie eine Laufbahn als Offizier oder Beamter. Eine wirtschaftliche Betätigung außerhalb des Handwerks, der Landwirtschaft und als Großgrundbesitzer fand nicht statt.
Das Handwerk geriet im 19. Jahrhundert in immer größere Schwierigkeiten, da es nicht mit den industriell produzierten Waren konkurrieren konnte. Die europäischen Mächte hatten nämlich durch Verhandlungen (Kapitulationen) eine weitestgehende Zollfreiheit für Manufakturprodukte erzwungen und „überschwemmten“ den Markt mit billiger Massenware. Finanzielle Abhängigkeiten, wirtschaftliche Schwäche und kostspieligen Kriege führten das Osmanische Reich in immer größere Abhängigkeit von Europa. 1875 erklärte das Reich aufgrund der Zinsbelastung infolge der hohen Verschuldung den Staatsbankrott. Das Reich musste seine Finanzhoheit an die Gläubigerländer abtreten, um zahlungsfähig zu bleiben. Die finanzielle und wirtschaftliche Souveränität wurde erst nach der Republikgründung wieder erlangt.
Es existierten nur wenige industrielle Betriebe im Reich. Die meisten waren in Istanbul, İzmit, Eskişehir, Bursa, Manisa und Izmir angesiedelt und befanden sich zumeist in staatlicher Hand. Die wenigen privaten Unternehmen waren hauptsächlich im Besitz von Minderheiten wie Armeniern, Griechen und Juden. Die Landwirtschaft und das Handwerk bildeten so das Rückgrat der osmanischen Wirtschaft.
Staatliche Planung in der Türkischen Republik Das Erbe der osmanischen Vergangenheit lastete schwer auf der neu gegründeten Republik. Das Handwerk, die Kreditwirtschaft und der Außenhandel litten an dem Verlust des Know-hows der Armenier und der sozialen Tätigkeit der Griechen. Mit dem Weggang der Mehrzahl dieser vormals wirtschaftlich dominierenden Minderheiten im Verlauf des Völkermords an den Armeniern und der Vertreibung der Griechen ging nicht nur Kapital verloren, sondern auch weiche Faktoren wie kaufmännische Erfahrung und internationale Handelsbeziehungen. Nachdem viele nichtmuslimische Armenier und Griechen getötet worden waren oder geflohen waren, wurden ihre Besitztümer enteignet. Diese Aneignung und Plünderung von Eigentum, Vermögen sowie Ländereien formte die wirtschaftliche Grundlage der Türkischen Republik und füllte die türkische Wirtschaft wieder mit Kapital.Samuel Totten: Impediments to the Prevention and Intervention of Genocide. Transaction Publishers, 2013. S. 55Kamil Taylan: Türkiye - Türkei - Die gespaltene Republik. ARTE, 2013Uğur Ümit Üngör: A Perfect Injustice: Genocide and Theft of Armenian Wealth (review). Abgerufen am 17. November 2013
Die Landwirtschaft fiel als Finanzquelle für Investitionen aus, weil sie ineffizient organisiert war. Das Land gehörte größtenteils Großgrundbesitzern, die ihr Land an Kleinbauern verpachteten oder durch sie bewirtschaften ließen. Es fehlte der Anreiz, die Erträge zu steigern. Auch waren die Rahmenbedingungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung nicht vorhanden. Es fehlte an einem modernen Wirtschaftsrecht, Verwaltung, Steuersystem und einer ausgebildeten Bevölkerung (1927 waren 90 % der 44 Mio. Türken Analphabeten).
Die Regierung unter Mustafa Kemal setzte in ihrer Entwicklungspolitik ab 1923 auf die Industrie und vernachlässigte die Landwirtschaft. Um die private Wirtschaft anzuregen, investierte der Staat in den Folgejahren in die Infrastruktur, vor allem in das Eisenbahnnetz (Gründung der TCDD 1927). Ansonsten betrieb sie eine liberale Wirtschaftspolitik. Die private Wirtschaft kam aber in den frühen Jahren der Republik aufgrund der schlechten Rahmenbedingungen nicht im gewünschten Rahmen in Gang, obwohl die türkische Wirtschaft zwischen 1923 und 1930 durchschnittlich um 11 % wuchs. Für ausländische Investoren war die Türkei aufgrund des kleinen Marktes nicht interessant genug. 1927 waren in der Türkei schätzungsweise nur 27.000 Menschen in der Industrie beschäftigt.
Nach dem Ende der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre ging die Türkei dazu über, die Industrialisierung durch staatliche Investitionen und Firmengründungen zu forcieren. Der Etatismus wurde zu einem der sechs kemalistischen Prinzipien erhoben. Hierzu wurden „Fünfjahrespläne“ aufgestellt und in Branchen wie z. B. Textil, Zement, Keramik, Banken investiert. Zur Schaffung des Investitionsvolumens nahm die Türkei einen Kredit von der Sowjetunion auf. Die Politik verfolgte nun eine Strategie der Importsubstitution. Dennoch waren 1953 gerade einmal 26.000 in privaten und 86.000 Arbeiter in staatlichen Industrieunternehmen beschäftigt.
Import-Substitution nach dem Zweiten Weltkrieg Die Phase zwischen 1945 und 1980 kann als eine binnenorientierte Import-Substitutions-Wirtschaftspolitik bezeichnet werden. Die inländischen Unternehmer wurden durch Schutzzölle vor der ausländischen Konkurrenz geschützt. Weil die staatliche Bürokratie gleichzeitig die Exporte hemmte, fehlten in der Folge notwendige Devisen, um die für die weitere Industrialisierung notwendigen Investitionsgüter und Vorprodukte zu importieren. Der Großteil der staatlichen Wirtschaftsunternehmen war ineffizient organisiert. Die Staatsbetriebe wurden von der Politik für politische und soziale Ziele instrumentalisiert. Zum einen mussten sie ihre Waren zu politisch motivierten Festpreisen verkaufen, zum anderen wurden sie als Auffangbecken für Arbeitslose genutzt und stellten daher Personal über ihren Bedarf ein. Um die hochgesteckten Ziele der Fünfjahrespläne zu erfüllen, musste der Staat mehr investieren, als er einnahm. Das Haushaltsdefizit stieg und mit ihm die Schulden, bis die Inflation zweistellige Werte erreichte (erst 2004 wurden wieder einstellige Inflationszahlen erreicht).
Die neue DP-Regierung unter Menderes nahm ab 1950 die Landwirtschaft in den Mittelpunkt der Entwicklung auf. Mit Subventionen und Garantiepreisen wurde die Landwirtschaft unterstützt. Die populistischen Maßnahmen führten zu einem hohen Staatsdefizit, durch die Mechanisierung wurden außerdem mehr als eine Million Landarbeiter arbeitslos; ab Mitte der 1950er Jahre begann damit eine massive ungeplante Landflucht und Verstädterung.
Die steigende Abhängigkeit durch die Auslandsverschuldung führte in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren zu drei Finanz- und Wirtschaftskrisen, die soziale und politische Krisen nach sich zogen und in Militärputschen endeten. Vor allem in den 1960er Jahren wanderten viele Türken als Gastarbeiter vor allem nach Mittel- und Westeuropa aus. Dadurch sank der Druck auf den Arbeitsmarkt, der durch ein starkes Bevölkerungswachstum hervorgerufen wurde. Die Geldüberweisungen der „Auslandstürken“ waren in den folgenden Jahrzehnten eine der wichtigsten Devisenquellen der Türkei. Trotz der beschriebenen Schwierigkeiten war das durchschnittliche wirtschaftliche Wachstum der Türkei recht hoch. In den 1950er Jahren betrug es 6,7 %, in den 1960er Jahren 5,6 % und in den 1970er Jahren 4,1 %. Die Wachstumsraten reichten allerdings nicht aus, die Lücke zu den Industrienationen zu schließen.
Liberalismus nach dem Militärputsch 1980 Ab 1982 vollzog sich eine wirtschaftspolitische Wende in der Türkei hin zu einer Liberalisierung. Dieser Wandel fand unter Turgut Özal (Ministerpräsident von 1983 bis 1989) statt und kann als exportorientierte Industrialisierung bezeichnet werden. Unter Özal wurde die Geld-, Finanz-, Außenhandels- und Devisenpolitik radikal verändert. Um die türkische Wirtschaft konkurrenzfähiger zu machen, wurden Importverbote und -beschränkungen abgebaut und der Export gefördert. Damit ging ein weiterer Abbau der Bürokratie einher (z. B. Erleichterung ausländischer Investitionen). Während dieser Zeit stieg der Anteil der privaten Wirtschaft stark an, auch wegen der zunehmenden Privatisierung von ehemals staatlichen Unternehmen. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in den 1980er Jahren betrug 4,8 %. Industrie und Dienstleistungen verdrängten die Landwirtschaft als größten Wirtschaftssektor: 1980 trug der Industriesektor 14 % zum BIP bei, 1988 dagegen 32,4 %.Türkei-Sozialkunde: Wirtschaft, Beruf, Bildung, Religion, Familie, Erziehung, hrsg. vom Zentrum für Türkeistudien, 2. Auflage, Springer, Wiesbaden 1994, S. 45. Die türkischen Exporte stiegen von 2,9 Mrd. im Jahr 1980 auf 14,7 Mrd. 1992. Allerdings verteilte sich das Wachstum ungleichmäßig innerhalb der Regionen der Türkei (West und Ost) und zwischen den Bevölkerungsschichten. Diese Entwicklung verstärkte sich mit den Auseinandersetzungen im Südosten ab 1984 (Siehe: Kurdenkonflikt in der Türkei).
Durch die zunehmende Senkung der Importbarrieren stieg der Konkurrenzdruck auf die türkischen Betriebe. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete 1996 der Beitritt zur europäischen Zollunion. Das befürchtete Zusammenbrechen der türkischen Wirtschaft trat jedoch nicht ein. Aber auch die erhoffte Zunahme der ausländischen Investitionen blieb aus. In den 1990er Jahren wuchs die türkische Wirtschaft mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von über 5 %, und das, obwohl es immer wieder zu schweren Wirtschaftskrisen (1994, 1999 und 2001) kam.