mini|Jan van Leiden tauft ein Mädchen. Im Türbogen die beiden anderen Anführer der münsterschen Täufer, Stadtschreiber Bernd Krechting und der Scharfrichter und spätere Statthalter Bernd Knipperdolling. Im Bildhintergrund der Turm von St. Ludgeri. – Historienbild (1840) von Johann Karl Ulrich Bähr Das Täuferreich von Münster war in den 1530er Jahren in Münster (Westfalen) die sich zunehmend radikalisierende Herrschaft reformatorisch ausgerichteter Teile der Stadt um den Prediger Bernd Rothmann hin zu einem apokalyptisch-chiliastischen Regime, das unter dem Eindruck der militärischen Einkesselung und Aushungerung durch katholische und verbündete protestantische Truppen zu offener Gewalt griff. Es endete im Juni 1535 mit der Rückeroberung der Stadt durch den protestantisch gesinnten Fürstbischof Franz von Waldeck.
Innerhalb des im deutschsprachigen und niederländischen Raum bestehenden Täufertums nahm das Täuferreich von Münster eine Sonderrolle ein.
Historischer und theologischer Kontext Das Täufertum entwickelte sich in den 1520er Jahren ausgehend von ehemaligen Weggefährten Huldrych Zwinglis (Zürich) als radikaler Zweig der ReformationGeorge Huntston Williams: The Radical Reformation; Sixteenth Century Essays and Studies, Truman State University Press 1992, ISBN 0-940474-15-8 in verschiedenen gleichzeitigen Entwicklungssträngen in der Schweiz, Österreich, Süd- und Mitteldeutschland und etwas später auch im niederdeutschen Raum. Hier war es Melchior Hofmann, der täuferische Lehren aus dem spiritualistisch-endzeitlichen Milieu von Straßburg in die nördlicheren Gebiete brachte.Hans-Jürgen Goertz: Die Täufer. Geschichte und Deutung. München 1980. ISBN 3-406-07909-1, S. 12f. Hofmann trat 1530 erstmals in Emden als Täuferprediger in Erscheinung, später in Amsterdam. Durch ihn breiteten sich täuferische Lehren und Glaubensgemeinschaften im niederdeutschen Raum aus (Melchioriten). Die Amsterdamer Gemeinde wurde später von Jan Matthys übernommen.
Mit seiner Vorstellung eines theokratischen Zwischenreiches vor der Wiederkunft Christi nach einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Kaiser und evangelischen Städten übte Hofmann einen starken Einfluss auf die Theologie der münsterschen Bewegung aus. Er gilt als indirekter theologischer Wegbereiter des münsterschen Täuferreichs. Die apokalyptisch-chiliastische Botschaft seiner Schriften fiel hier zum Teil auf fruchtbaren Boden. Die sozialökonomische Lage der einfachen Bevölkerung des Münsterlands sowie „härteste Verfolgungen“,Richard van Dülmen (Hrsg.): Das Täuferreich zu Münster 1534–1535. dtv Wissenschaftliche Reihe, München 1974, ISBN 3-423-04150-1, S. 7 die sie von allen Seiten zu erdulden hatte, öffnete die Gläubigen zusätzlich für endzeitliche Anschauungen.
Geschichte Reformationsbewegung in Münster 1525–1533 Dass ausgerechnet die Stadt Münster zum Schauplatz des Täuferreichs wurde, hing unter anderem mit den innerstädtischen Auseinandersetzungen zwischen den ausschließlich regierenden Erbmännerfamilien, den Handwerkern und dem römisch-katholischen Klerus zusammen, die im Aufstand von 1525 ihren ersten Höhepunkt fanden. Die regierenden Stadträte, so der angesehene, aber katholisch gesinnte Bürgermeister Everwin II. von Droste zu Handorf und sein Neffe Johann VII. Droste zu Hülshoff – die auch Schöffen des Viertels Überwasser waren –, versuchten vergeblich zu vermitteln, legten 1530 ihre Ämter nieder und verließen die Stadt.Hermann von Kerssenbrock: Die Raserei der Wiedertäufer, welche Münster, die berühmte Hauptstadt in Westphalen, zerstöret hat. 1568.
Ab 1531 verbanden sich die Handwerkergilden mit der noch jungen evangelischen Bewegung, die in Münster vor allem von Bernd Rothmann vertreten wurde. Dieser wurde vom münsterschen Domkapitel mehrmals mit Predigtverbot belegt und schließlich des Landes verwiesen. Rothmanns zahlreiche Anhängerschaft, darunter auch wohlhabende Bürger, verhinderte dies aber. Rothmann schlug auch Ermahnungen Martin Luthers und Philipp Melanchthons in den Wind. Bis zum Sommer 1532 setzte ein 70-köpfiger Ausschuss der Gildenversammlung evangelische Prediger an allen Stadtkirchen durch. Dieser Ausschuss, der ein Mitbestimmungsrecht gegenüber dem gewählten Stadtrat besaß, bestimmte bis 1533, als auch der Stadtrat evangelisch wurde, die Politik Münsters.
Die münstersche Reformationsbewegung schloss sich nicht der 1530 von lutherischen Reichsständen formulierten Confessio Augustana an, weshalb sie wenig Unterstützung durch bereits lutherisch gewordene Territorien erhielt. Die Bewegung konnte sich aber durchsetzen, da das Amt des Bischofs von Münster und Osnabrück und damit des Landesherrn kurz hintereinander dreimal neu besetzt wurde. Franz von Waldeck, der selbst der Reformation zuneigte, setzte sich erst im Frühsommer 1532 auf Dauer durch und konnte erst von diesem Zeitpunkt an gegen Münster vorgehen. Dietrich von Merveldt († 1564), Drost zu Wolbeck, unternahm einen vergeblichen Versuch, mit einem Bauernaufgebot die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen. Zunächst verhängte Waldeck ein Handelsverbot gegen die Stadt und ließ Vieh von Bürgern beschlagnahmen. Im Gegenzug überfielen Münsteraner am 25. Dezember 1532 bischöfliche Berater, darunter den ehemaligen Bürgermeister Everwin II. von Droste zu Handorf und seine Verwandten, die in Telgte weitere Maßnahmen gegen die Stadt berieten, und brachten sie als Geiseln nach Münster. In dieser Lage wurde unter Vermittlung von Philipp von Hessen ein Kompromiss geschlossen: Der Fürstbischof akzeptierte die evangelischen Prediger in der Stadt, doch die Kirchen und Klöster mussten beim katholischen Ritus bleiben. Die Erbmänner erhielten wieder Einfluss.
Auseinandersetzungen 1533; Radikalisierung Bernd Rothmanns In dieser Zeit bildete sich der Stadtrat um: Einzelne katholische Mitglieder waren bereits 1532 zurückgetreten, bei den Wahlen im März 1533 wurde das Gremium komplett evangelisch. Als eine der ersten Entscheidungen beauftragte der Rat Bernd Rothmann mit dem Ausarbeiten einer neuen Gottesdienstordnung. Rothmann hatte sich inzwischen radikalisiert und der Täuferbewegung angeschlossen. Über seine Forderung der Erwachsenentaufe spaltete sich die evangelische Bewegung in der Stadt. Der Rat trat dagegen ein, schloss sämtliche Kirchen und versuchte eine lutherische Predigerschaft aufzubauen. Dafür hatte er keine Mehrheit in der Bevölkerung, die nach wie vor Rothmanns Position unterstützte. Ein Rekatholisierungsversuch der katholischen Minderheit im Herbst 1533 blieb erfolglos.
Zuzug von Protestanten und niederländischen Täufern Zu diesem Zeitpunkt kamen bereits Protestanten aus der näheren und weiteren Umgebung in die Stadt, darunter auch viele Täufer aus den Niederlanden. Im Sommer 1533 befand sich der 23-jährige Jan van Leiden, der spätere „König“ von Münster, erstmals für zwei Monate in der Stadt. Er kehrte zunächst in die Niederlande zurück und ließ sich dort von Jan Matthys, dem wichtigsten „Propheten“ der niederländischen Täuferbewegung, als Erwachsener erneut taufen. Matthys gewann auch zunehmend Einfluss auf die Täufersympathisanten in Münster. Im Januar 1534 schickte er Jan van Leiden als seinen Gesandten in die Stadt.
Gleichzeitig begannen die Erwachsenentaufen in der Stadt. Da die Täufer die Kindertaufe als unbiblisch ablehnten, wurden bei diesen Erwachsenentaufen bereits getaufte Christen erneut getauft. Solche „Wiedertaufen“ widersprachen dem Glaubensbekenntnis („Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.“) und damit dem Recht des Heiligen Römischen Reichs, was Fürstbischof Franz von Waldeck die Möglichkeit zum erneuten Vorgehen gegen die Stadt gab. Seine Aufforderung an den Stadtrat, die Täufer auszuliefern, wurde von diesem jedoch abgelehnt. Allerdings weigerte sich das Gremium auch, die Täufer offiziell zu unterstützen. Damit hatte der Stadtrat sowohl die Legitimation durch den Landesherrn als auch die Unterstützung der Einwohnerschaft verloren.
Aufbau des Täuferreichs; Jan Matthys Im Februar 1534 erschien Jan Matthys in der Stadt und setzte sich an die Spitze der Täuferbewegung. Am 23. Februar 1534 setzten sich bei der turnusmäßigen Ratswahl die Täufer durch, die damit Münster beherrschten. Bereits einige Wochen zuvor hatten die meisten verbliebenen Katholiken sowie viele nichttäuferische Protestanten die Stadt verlassen. Die restlichen Anhänger dieser beiden Glaubensrichtungen wurden nach der Wahl entweder wiedergetauft oder aus Münster vertrieben. Gebäude der Vertriebenen wurden besetzt oder verwüstet.
In den folgenden Wochen begann ein radikaler Umbau der Strukturen in der Stadt. Die Täufer zerstörten bei einem Bildersturm in den Kirchen alles, was an die Heiligen und an die Kleriker erinnerte, und vernichteten dabei viele Kunstschätze. Sie konfiszierten Eigentum in der Stadt, führten unter anderem eine an die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde angelehnte Gütergemeinschaft ein und ließen das Stadtarchiv wie Archive der Erbmänner verbrennen. Man ließ ein neues Münzgeld schlagen, die sogenannten Wiedertäufertaler. Diese Radikalität führte zu erneuten Auseinandersetzungen. Vor allem die zunehmende Endzeiterwartung der Propheten stieß auf Ablehnung. Für Ostern 1534 verkündete Jan Matthys das Erscheinen Jesu Christi in der Stadt. Während dieser Entwicklungen hatte Franz von Waldeck einen Belagerungsring um die Stadt geschlossen. Als das Erscheinen Christi ausblieb, zog Jan Matthys mit einigen Getreuen am Ostertag vor die Stadt, wo er getötet wurde.
Weitere Radikalisierung; Jan van Leiden Ab diesem Zeitpunkt war Jan van Leiden Kopf der münsterschen Täufer. Unter ihm radikalisierte sich die Bewegung weiter. Zwar schaffte er die zu der Zeit allgemein gebräuchliche Folter vor Vollstreckung eines Todesurteils ab, aber die Todesurteile vollstreckte er nicht selten persönlich, darunter am 12. Juni 1535 das an seiner eigenen Ehefrau Elisabeth Wandscherer, die seinen Luxus kritisiert hatte. In der Stadt wurde im Sommer 1534 auf Grund des erheblichen Frauenüberschusses – unter den münsterschen Täufern gab es fast dreimal so viele Frauen wie Männer – die Polygynie eingeführt – und das, obwohl die Täufer sich anfangs für eine strenge Sittenwacht ausgesprochen hatten. und Auke Jelsma: De koning en de vrouwen, in: Gereformeerd theologisch tijdschrift 75 (1975), S. 82–107; vgl. aber zu einer möglichen Verknüpfung von strikter Sexualmoral und Polygynie: James M. Stayer: Vielweiberei als 'innerweltliche Askese'. Neue Eheauffassungen in der Reformationszeit, in: Mennonitische Geschichtsblätter 37 (1980), S. 24–41. Jan van Leiden selbst nahm im Verlauf des Täuferreiches 16 Ehefrauen. Im September wehrte die Stadt einen Sturmversuch der Belagerer ab, worauf Jan van Leiden zum „König Johannes I.“ ernannt wurde. Diese grundlegenden Veränderungen in der Stadt waren auch angesichts der Bedrohung von außen unter der Bevölkerung umstritten, oppositionelle Auffassungen wurden aber von van Leiden und seinen Unterstützern unterdrückt. Ebenfalls im September wurden „Missionare“ in benachbarte Städte geschickt. Sie wurden jedoch entweder von bischöflichen Truppen abgefangen oder in ihren Zielstädten aufgegriffen. Diejenigen, die predigen konnten, hatten geringen Erfolg. Lediglich in Warendorf übernahmen die Täufer für eine Woche die Kontrolle der Stadt, wurden aber schnell von bischöflichen Soldaten geschlagen. Im Oktober 1534 scheiterte auch ein Hilfegesuch an die niederländische Täuferbewegung, welche sich dort ebenfalls unter Druck befand. miniatur|Angriff auf Münster durch die Truppen von Fürstbischof Franz von Waldeck an Pfingsten 1534
Belagerung und Rückeroberung 1535