Die Geschichte der menschlichen Nutzung des Wassers und somit jene der Hydrologie, Wasserwirtschaft, Hydraulik, Hydrotechnik und besonders des Wasserbaus ist durch eine vergleichsweise geringe Zahl von Grundmotiven geprägt. Eingeschränkt kann man hierzu auch die Hygiene zählen, die sich meist parallel entwickelte und einen wesentlichen Antriebsfaktor zur Bewältigung von Wasserproblemen darstellte. Auch die Entwicklung des Wasserrechts sowie die kultur- und religionsgeschichtlichen Bezüge zum Themenkreis Wasser stellen Elemente dieses Geschichtsprozesses dar.
Im Zentrum steht der Konflikt zwischen einem zu viel und einem zu wenig an Wasser. Ziel aller wasserbezogenen Maßnahmen ist sowohl dessen Bereitstellung in Form von Trink- und Betriebswasser für den menschlichen Bedarf als auch die Abführung von Abwässern und der Schutz vor eventuellen Hochwässern. Die Art der Abführung dieser Abwässer, speziell die Frage nach deren Aufbereitung, beeinflusst wiederum die Verfügbarkeit nutzbaren Wassers. Die moderne Wasserwirtschaft hat sich daher programmatisch einem nachhaltigen Kreislaufprinzip verschrieben.
Der Erkenntnis, dass dieses Prinzip notwendig ist, sowie der Bereitschaft, es auch zu realisieren, ging eine lange Phase von Irrtümern und der schlichten Unkenntnis hydrologischer Zusammenhänge voraus, die in der Geschichte der Menschheit mehr als einmal für schwerwiegende Katastrophen, aber vor allem auch langfristige Probleme, haupt- oder mitverantwortlich war. Demgegenüber stehen die zahlreichen technischen und sozialen Innovationen, wie sie in fast allen Hochkulturen festzustellen sind. In deren Entwicklung kommt Wasserproblemen in vielen Fällen eine zentrale Rolle zu, wobei die Lösung dieser Probleme in der Regel als Voraussetzung für eine hohe Siedlungsdichte und hohe landwirtschaftliche Erträge gelten kann. Dabei gibt es jedoch keinen weltweit gültigen bzw. durchgängigen Entwicklungspfad im Sinne einer ständigen Verbesserung von Kenntnisstand und Infrastruktur. Die Geschichte der Wassernutzung wird daher vor allem durch einzelne Zentren hohen wasserwirtschaftlichen Standards sowie immer wiederkehrende Brüche geprägt, neben oft jahrhundertelang währenden Stagnationsphasen.
Grundlagen
Eine genaue Unterteilung der Geschichte der Wassernutzung in die heute vorherrschende Disziplinenordnung gestaltet sich schwierig. Nicht nur, dass viele Bereiche wie zum Beispiel die Hydrologie nicht exakt definierbar sind, auch hat man in der Vergangenheit eine solche Unterscheidung nicht vorgenommen. Eine Trennung in diese Bereiche würde daher Grenzen ziehen, wo historisch keine existieren. Dabei zeigt sich, dass gerade die Wechselbeziehungen und Überschneidungen zwischen technischen, kulturellen und auch rechtlichen Fragen des Themenkreises „Wasser und Mensch“ eine gemeinsame Würdigung verdienen, da nur so jeder Aspekt für sich aus dem Kontext der Umstände heraus richtig verstanden werden kann. Es wurde daher eine multidisziplinäre Darstellung der Geschichte der Wassernutzung gewählt, die sich das Wasser selbst zum Mittelpunkt macht.
Kenntnisstand und Quellenlage
Ein Grundproblem aller Aussagen zur früheren Wassernutzung und insbesondere der Einstellung der damaligen Menschen zur Frage der Wasserversorgung, ist die bemerkenswert geringe schriftliche Überlieferung aus diesem Bereich. Zwar wurden oft nachweisbar aus damaliger und auch noch heutiger Sicht ungemein große wasserbauliche Anstrengungen unternommen, doch niedergeschrieben wie man diese umgesetzt und organisiert hat, vor allem aber auch warum man dies tat, hat man meist nicht. Fragen der Wasserbereitstellung schienen für die Gelehrten ihrer Zeit wohl zu unspektakulär, waren allgemein bekannt und lohnten deshalb nicht der Erwähnung. Die frühen Wasserbauingenieure selbst haben kaum eigene Schriftzeugnisse hinterlassen.
Aussagen bieten daher in erster Linie archäologische Funde der entsprechenden wasserbaulichen Anlagen sowie die heute noch anzutreffende mündliche wie praktische Überlieferung oft jahrhundertealter wasserwirtschaftlicher Fertigkeiten. Dennoch beschränken sich diese Einsichtsbereiche in die Vergangenheit auf recht wenige gut untersuchte Bereiche, was die Gefahr einer verzerrten Wahrnehmung in sich birgt. Auch ist der Fokus der Archäologie erst sehr spät auf das Alltagsleben und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Vergangenheit gerückt. Ein weiterer Faktor ist, dass die Aufspürung wasserbaulicher Anlagen durch mehrheitlich geophysikalische Untersuchungsmethoden und Luftaufnahmen ein recht junges Feld ist, mit einer dementsprechend eher geringen Zahl an Untersuchungen. Oft ist deren Anwendung auch nicht möglich, da die entsprechenden Bereiche häufig überbaut sind. Dabei kann man jedoch auch auf die Kenntnisse der lokalen Bevölkerung zurückgreifen, insbesondere wenn es kaum zu Migrationsbewegungen kam und Urbanisierung wie Industrialisierung noch nicht sehr weit fortgeschritten sind. Heute nicht mehr erhaltene Errungenschaften der Wassernutzung werden jedoch unbekannt bleiben, weshalb es insbesondere schwerfällt, einen Anfangszeitpunkt aktiver Eingriffe in den natürlichen Wasserhaushalt festzulegen. Den aktuellen Kenntnisstand kann man daher trotz seines durchaus beachtlichen Umfanges nur als recht unvollständig bezeichnen.
Leitprinzipien, Skalen und Problemfelder
Bei den Problemfeldern, die im Laufe der Geschichte durch geeignete Strategien gelöst werden mussten, handelt es sich vor allem um Fragen der Fassung und Verteilung, des Transports, der Speicherung und der Entsorgung von Wasser, der Be- und Entwässerung sowie dem Hochwasserschutz. In ihrer Gesamtheit werden diese Felder, ausgenommen der Hochwasserschutz, durch das Kreislaufprinzip verbunden. Dabei gilt idealerweise, dass jeder verbrauchte Liter Wasser durch einen vollständig aufbereiteten Liter ersetzt werden muss, die Nutzung des Wassers durch den Menschen also einen Kreislauf ohne „Ausschuss“ beschreibt. Ein etwas realistischerer, da vor allem billigerer Ansatz des Modells, zielt darauf ab, die Entsorgung von aufbereiteten Abwässern nach der Kapazität der beteiligten Ökosysteme zu richten. Dabei soll diesen nur jene Belastung zugemutet werden, die sie auch problemlos und über einen längeren Zeitraum verkraften können. Zwar ist die Definition eines „längeren Zeitraums“ je nach Verständnis des Begriffs Nachhaltigkeit dabei nicht unumstritten, dennoch zeichnet sich ab, dass dieses Modell eine der größten wasserwirtschaftlichen Innovationen der Neuzeit darstellt.
In der Praxis existiert jedoch das ältere Durchflussmodell fort und ist im globalen Maßstab auch heute noch dominant. Dieses lässt sich mit der einfachen Formel „von der Quelle in die Siedlung in den Fluss“ umschreiben. Wasser ist demnach ein Gut, das man mit mehr oder weniger Aufwand gewinnen und heranführen muss, um es hiernach zu verbrauchen sowie möglichst schnell in die Natur zu entsorgen. Dieses Modell des Typus „aus den Augen aus dem Sinn“, das mehr oder weniger darauf beruht, den eigenen Unrat einfach wegspülen zu lassen, wird seit Beginn der Wassernutzung praktiziert. Es stößt jedoch an seine Grenzen, wenn der Durchfluss an einer Stelle unterbrochen wird oder die zwangsläufig als Wasseraufbereitungsanlage „missbrauchten“ Ökosysteme die Abwassermengen nicht mehr verkraften können. Ersteres war vor allem in den europäischen Metropolen des Mittelalters ohne geeigneten Abfluss der Fall; Letzteres hingegen in den 1960er und 1970er Jahren. In beiden Fällen waren die Konsequenzen katastrophal.
Dabei ist jedoch festzuhalten, dass zum Durchflussprinzip bis in die jüngste Vergangenheit keine realisierbare Alternative existierte. Die technischen Möglichkeiten waren stark begrenzt, die Erkenntnis bezüglich Ursache und möglichen Auswegen in der Regel praktisch inexistent. Für manche Wasserprobleme konnte daher erst in der Neuzeit eine Lösung gefunden werden, die sich heute jedoch vielmehr als eine Kostenfrage stellen und deswegen nicht überall realisiert werden, gerade in den ärmeren Ländern.
Mensch und Wasser
Es ist ein historisches Kennzeichen der Wassernutzung, dass nahezu alle Anstrengungen unternommen wurden, bevor man über die genauen Zusammenhänge, besonders des natürlichen Wasserkreislaufs, Bescheid wusste. Woher das Wasser kam und wohin es ging, war den allergrößten Zeitraum der Menschheitsgeschichte unbekannt. So steht z. B. im Alten Testament bei Prediger Salomo Kapitel 1, Vers 7: Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller, an den Ort, da sie herfließen, fließen sie wieder hin. Dieser Kenntnislücke wurde mit Naturmythologie und etwa seit den Vorsokratikern auch mit der Naturphilosophie begegnet.
In den Religionen hat Wasser häufig einen hohen Stellenwert. Dieser religiöse Aspekt zeigt sich zum Beispiel in den verschiedenen Sintflutmythen und war wohl in den frühen wasserbaulichen Kulturen viel stärker ausgeprägt, als es heute der Fall ist. Oft wird die reinigende Kraft des Wassers beschworen, zum Beispiel bei den Moslems in Form der rituellen Fußwaschung vor dem Betreten einer Moschee oder im Hinduismus beim rituellen Bad im Ganges. Die christliche Taufe wurde bis ins späte Mittelalter durch Untertauchen oder Übergießen mit Wasser als Ganzkörpertaufe vollzogen, im Westen heute meist nur noch durch Besprengen mit Wasser. Die Taufe bedeutet Hinwendung zu Christus und Aufnahme in die Kirche. Sie steht auch symbolisch für Sterben (Untertauchen) und Auferstehen (ankommen am Ufer des neuen Lebens). In der katholischen und orthodoxen Kirche spielt das Weihwasser eine besondere Rolle. Vor allem die reinigende Kraft des Wassers gab immer wieder Anlass, über die Bedeutung des Wassers für das Leben und auch für ein Leben nach dem Tod nachzudenken.
Es handelt sich dabei heute um primär tradierte Rituale, was jedoch wenig zu deren Ursprung aussagt. Die Abhängigkeit vom Wasser erscheint für uns, zumindest in den Industrieländern, an Bedeutung verloren zu haben. Dennoch ist die Bedeutung des Wassers nach wie vor gegeben, wenn sie sich auch unserer Wahrnehmung durch den Wandel der Lebensweise, moderne Techniken und einen zumindest bedingt nachhaltigen Umgang mit dem Wasser oft entzieht. Dies war jedoch bis vor wenige Jahrhunderte oder je nach Fragestellung auch Jahrzehnte nicht der Fall. Die Abhängigkeit der Menschen vom Wasser zur Zeit der frühen Hochkulturen bis hinein in die doch eher jüngere Vergangenheit war groß, unter Umständen vollständig. Menschen waren und sind auch heute noch sprichwörtlich auf Gedeih und Verderb an die Zugänglichkeit von Wasserressourcen gebunden, wie sich in vielen wasserarmen Ländern der Erde auch heute noch zeigt.
Der Leitspruch „Wasser ist Leben“ war und ist für den Großteil der Menschen in den agrargestützten Gesellschaften kein einfaches Motto, sondern gelebtes Prinzip. Nur mit diesem Hintergrund kann die Geschichte des Wassers und seine Dominanz in vielen Lebensbereichen richtig verstanden werden. Nur hierdurch ist es möglich, die Vorstellungen dieser Menschen bezüglich einer Natur, die sie sich nur mystisch erklären konnten, richtig einzuordnen. Der Grad der Abhängigkeit von natürlichen Schwankungen der Niederschlagsmenge sowie von Hoch- und Niedrigwasser war hierbei zwar allgemein recht groß, wird jedoch zu einem überwiegenden Anteil durch die lokalen Klimaverhältnisse bestimmt. Dies bedingte im Laufe der Geschichte eine Vielzahl von unterschiedlichen Wasserkulturen, deren spezifische Wasserprobleme spezifische Anfordernisse stellten.
Vor- und Frühgeschichte