Die Regentschaft Tripolis war ein osmanisches Vasallenreich in Nordafrika, das von 1551 bis 1911 bestand. Sie umfasste hauptsächlich das Gebiet der heutigen libyschen Region Tripolitanien und zeitweise Teile von Fezzan und der Kyrenaika. Formal stand Tripolis unter der Oberhoheit des Osmanischen Reiches, genoss jedoch phasenweise weitgehende Autonomie – insbesondere unter der Dynastie der Qaramanli im 18. und frühen 19. Jahrhundert – bevor im späten 19. Jahrhundert die direkte osmanische Kontrolle wiederhergestellt wurde. Neben dem Transsaharahandel lebte Tripolis vor allem von Überfällen auf europäische Handelsschiffe im Mittelmeer und wurde deshalb zu den Barbareskenstaaten gezählt. Neben den erbeuteten Waren und dem Lösegeld für europäische Sklaven kamen auch regelmäßige Tributzahlen der europäischen Mächte als Schutzgeld für ihre Schiffe der Staatskasse zugute. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die staatlich unterstützte Piraterie im Mittelmeerraum jedoch einen Niedergang, was auch die Wirtschaft von Tripolis entscheidend schwächte.

Geschichte

Osmanische Eroberung und frühe Verwaltung (1551–1711) mini|Einnahme von Tripolis durch die Osmanen 1551 mini|Osmanisches Reich ca. 1593 Im Zuge des Machtkampfes zwischen Habsburg-Spanien und den Osmanen im Mittelmeer eroberte 1551 eine osmanische Flotte unter Sinan Pascha die Hafenstadt Tripolis von den Johanniterrittern, die sie seit 1530 gehalten hatte. Sultan Süleyman I. („der Prächtige“) setzte den berühmten Korsaren Turgut Reis (Dragut) als ersten Beylerbey (Statthalter) ein. Turgut stellte die Ordnung in den Küstenstädten wieder her und versuchte, die arabischen Beduinenstämme im Umland zu befrieden, eine Herausforderung, da es sich um nomadische Gemeinschaften handelte. In den folgenden Jahrzehnten konsolidierten die Osmanen ihre Herrschaft in Tripolitanien: Bis in die 1580er Jahre erkannten auch die lokalen Herrscher im Oasenland Fezzan südlich von Tripolis nominell die osmanische Oberhoheit an, wenngleich die Türken dort kaum tatsächlichen Einfluss ausübten. Die Kyrenaika (Barqah) im Osten blieb zunächst weitgehend autonom; erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde mit der Entsendung eines Bey nach Bengasi ein lockerer osmanischer Verwaltungsansatz etabliert.Libya: a country study Library of Congress

Parallel zur territorialen Sicherung entwickelte sich in Tripolis eine auf Korsaren gestützte Wirtschaft: Wie die anderen Barbareskenstaaten (Algier und Tunis) war auch Tripolis im 16. und 17. Jahrhundert ein Stützpunkt für Piratenfahrten im westlichen Mittelmeer. Die Einnahmen aus der Kaperfahrt, Lösegeld für christliche Gefangene und Tributzahlungen europäischer Staaten zum Schutz ihrer Schiffe bildeten eine wichtige wirtschaftliche Grundlage der Regentschaft. Verwaltungstechnisch etablierte die Hohe Pforte nach 1565 eine klassische osmanische Provinzstruktur: Tripolis erhielt einen Pascha als Statthalter, dem ein Janitscharenkorps als ständige Garnison zugeteilt wurde. Dieses Korps bestand aus vom Sultan entsandten Soldaten und bildete ein machtbewusstes, weitgehend selbstverwaltetes Militärkollektiv, das vom Diwan (Rat der Offiziere) geführt wurde.

Mit der Zeit sank der Pascha zum bloßen Repräsentanten der osmanischen Oberhoheit herab, während die eigentliche Macht bei den Janitscharen lag. Machtkämpfe und Meutereien innerhalb der Truppe waren häufig; Loyalität galt meist demjenigen, der sie zuverlässig versorgte. Im Jahr 1611 zwangen die Janitscharen den Pascha, ihren Anführer Süleiman Safar zum Regierungschef mit dem Titel Dey zu ernennen. Von da an regierten in Tripolis faktisch gewählte Deys, teils in Personalunion auch als Pascha, und die Regentschaft wurde in inneren Angelegenheiten de facto autonom, während sie für Nachschub an Truppen und formale Anerkennung weiterhin auf den Sultan angewiesen blieb. Bis zum späten 17. Jahrhundert hatte Tripolis, dessen Einwohnerzahl um 1700 etwa 30.000 betrug, somit eine halbunabhängige Staatsordnung ausgebildet, ähnlich den Nachbarregenschaften in Tunis und Algier.

Thomas Baker, ein englischer Konsul, der von 1679 bis 1686 in Tripolis stationiert war, beschrieb eine instabile Regierung, eine schwindende Staatskasse und eine Wirtschaft, die stark von Piraterie abhängig war. Die Flotte von Tripolis war die kleinste unter den Barbareskenstaaten, mit nur 13 Schiffen im Vergleich zu 20 in Tunis und 40 in Algier. Neben der Piraterie zwangen die aus Schluchten, Bergen und unwirtlicher Wüste bestehenden Binnengebiete der Region zu einer Abhängigkeit vom Export von Salz, von Sklavenraub an den Küsten von Kalabrien und Morea sowie von Tributzahlungen der Stämme im Landesinneren.  Der Friedensvertrag von 1676 zwischen Tripolis und der englischen Schifffahrt hatte den Großteil der Piraterie auf die Franzosen verlagert, was 1681 zu französischen Friedensforderungen führte. Aus finanzieller Not heraus verstieß Tripolis ein Jahr später gegen diese Bedingungen, indem es ein französisches Handelsschiff kaperte. Der darauf folgende Streit führte 1686 dazu, dass die Franzosen Tripolis mit Beschuss zur Unterwerfung zwangen.

Die Qaramanli-Dynastie und semi-unabhängige Herrschaft (1711–1835) Anfang des 18. Jahrhunderts versank Tripolis in Anarchie, da schwache Deys in rascher Folge durch Putsch und Gegenputsch abgelöst wurden. In diesem Machtvakuum riss Ahmad Qaramanli 1711 die Kontrolle an sich. Ahmad, ein im Land geborener Offizier mit teils türkischer Abstammung (ein sogenannter Khouloughli), ermordete den amtierenden osmanischen Pascha und ließ sich von der Hohen Pforte nachträglich gegen hohe Zahlungen als neuer Pascha und Regent bestätigen. Er begründete damit die Qaramanli-Dynastie, die Tripolis fortan als erbliches Fürstentum regierte – nominell weiterhin unter osmanischer Suzeränität, faktisch jedoch wie einen unabhängigen Staat. Unter Ahmad Qaramanli (Regierungszeit 1711–1745) erlebte Tripolis eine stabilere Phase. Er steigerte die Staatseinnahmen durch intensive Nutzung der Korsarenflotte, welche die Schifffahrtsrouten im Mittelmeer kontrollierte – europäische Handelspartner wurden gezwungen, Schutzgeld für ungestörten Seehandel zu entrichten. Gleichzeitig baute Ahmad die auswärtigen Beziehungen aus und dehnte den Einfluss Tripolis zeitweise auf die Kyrenaika aus.

Nach Ahmads Tod verfiel die Regentschaft unter seinen Nachfolgern jedoch zusehends in innere Machtkämpfe und wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Qaramanli-Herrscher nach Ahmad erwiesen sich als weniger fähig; keine neue Blüte wie in Tunis oder Algier wurde erreicht, doch blieb die Dynastie trotz Krisen bestehen. Yusuf Qaramanli, der 1795 mit Hilfe des Beys von Tunis die Nachfolge antrat, nachdem sein älterer Bruder Hammuda gestürzt worden war, wurde zum bekanntesten Herrscher der Linie. Zuvor hatte 1793 ein von Istanbul entsandter Beamter, Trabluslu Ali Pascha, kurzfristig Tripolis besetzt und den Qaramanli-Pascha gestürzt, doch konnte Yusuf die Stadt zurückerobern und die semi-unabhängige Herrschaft wiederherstellen. Yusuf regierte fast 37 Jahre (1795–1832) und versuchte, in Ahmads Fußstapfen zu treten: Er hielt die Stämme mit einer Mischung aus Gewalt und Zugeständnissen in Schach und bewahrte Abstand zur osmanischen Zentralgewalt.

Außenpolitisch agierte er kühn – so unterstützte er 1799 sogar Napoleons Ägyptische Expedition und ignorierte britische Warnungen. Die Barbaresken-Piraterie erreichte unter Yusuf ihren letzten Höhepunkt: Obwohl die tatsächliche Schlagkraft der korsarischen Flotte bereits nachgelassen hatte, reichte ihr Ruf aus, um weiterhin regelmäßige Tributzahlungen zahlreicher europäischer Seefahrernationen zu erzwingen. Die Vereinigten Staaten von Amerika gerieten nach 1776 ebenfalls ins Visier: Da amerikanische Handelsschiffe nicht länger unter britischem Schutz segelten, wurden mehrere von ihnen gekapert und ihre Besatzungen in Tripolis versklavt. 1799 kaufte sich die junge USA mit einem jährlichen Tribut von 18.000 US-Dollar von weiteren Übergriffen durch Tripolis frei. Dennoch verlangte Yusuf 1801 eine drastische Erhöhung dieser Summe, was zum Konflikt führte. Die von der US-Regierung unter Präsident Thomas Jefferson abgelehnten erhöhten Zahlungen mündeten in den Ersten Barbareskenkrieg (1801–1805). Amerikanische Kriegsschiffe blockierten den Hafen von Tripolis, und 1804 drangen US-Schiffe unter Lt. Stephen Decatur in den Hafen ein. 1805 gelang es einer von den USA unterstützten Söldnertruppe sogar, die östliche Stadt Derna einzunehmen – ein Ereignis, das bis heute in der Hymne des US-Marinekorps mit der Zeile „to the shores of Tripoli“ besungen wird. Der Krieg endete 1805 mit einem Friedensabkommen, ohne jedoch die Piraterie zu beseitigen. Erst nach den Napoleonischen Kriegen, ab 1815, setzte eine internationale Aktion dem Korsarenwesen ein Ende: Eine britisch-niederländische Flotte erzwang 1816 in Algier die Freilassung europäischer Sklaven, und auch Tripolis musste auf Druck der europäischen Großmächte die Seeräuberei formell einstellen. mini|Regentschaft Tripolis um 1707 Der Wegfall der Piraterieeinnahmen stürzte Tripolis in eine schwere Wirtschaftskrise. Der Staat war nun kaum imstande, essentielle Importe zu bezahlen oder Auslandsschulden zu bedienen. Europäische Gläubiger übten Druck aus; auf französisches und britisches Drängen versuchte die Regierung durch Sondersteuern für die lokale Bevölkerung zusätzliche Mittel aufzubringen, was jedoch zu Aufständen führte. Die Autorität Yusufs zerfiel, während rivalisierende Thronanwärter um Unterstützung buhlten. 1832 sah sich Yusuf gezwungen abzudanken und die Herrschaft an seinen Sohn Ali II. zu übergeben, der die Lage jedoch ebenfalls nicht stabilisieren konnte. In ihrer Not wandten sich die Karamanlis an Istanbul: Ali bat den Sultan um Hilfe, zugleich wuchs bei der osmanischen Führung die Sorge, die chaotische Provinz könnte den Zugriff europäischer Kolonialmächte auf sich ziehen. Sultan Mahmud II. entsandte 1835 schließlich osmanische Truppen nach Tripolis – offiziell, um die Ordnung wiederherzustellen und die Aufstände gegen den Pascha niederzuschlagen. Ali II. wurde jedoch statt einer Rettung die Abdankung nahegelegt: Man schickte ihn ins Exil auf einem türkischen Kriegsschiff, und die osmanischen Streitkräfte beendeten die Qaramanli-Dynastie, indem sie Tripolis wieder direkt der Reichsverwaltung unterstellten.

Wiederherstellung der osmanischen Kontrolle und Weg zur Kolonisierung (1835–1911) Nach der erneuten Übernahme Tripolitaniens 1835 integrierten die Osmanen die Region administrativ enger in ihr Reich. Die Provinz wurde als Vilâyet Tripolitanien organisiert, dem ein vom Sultan ernannter Gouverneur (Wali) vorstand. Der Verwaltungsaufbau entsprach dem osmanischen Standardmodell des 19. Jahrhunderts: Tripolitanien wurde in mehrere Sandschaks (Unterprovinzen) gegliedert, insgesamt vier an der Zahl, die wiederum in Bezirke unterteilt waren. Führende Positionen in Regierung und Militär besetzte Konstantinopel fast ausschließlich mit aus dem Kernland entsandten türkischen Beamten und Offizieren. Auf unterer Ebene stützte man sich allerdings in praktischen Fragen auf die örtlichen Machtstrukturen: So wurden beispielsweise die Grenzen der Verwaltungsdistrikte oft an die angestammten Stammesgebiete angepasst, und die Bezirksleiter bezogen lokale arabische Scheichs beratend in die Verwaltung ein. Diese Rücksichtnahme war auch nötig, denn selbst nach 1835 leisteten viele Stämme zunächst Widerstand gegen die neue Zentralgewalt. Bis in die späten 1850er-Jahre kam es zu teils langwierigen Revolten gegen die osmanische Herrschaft – so führte der Aufstand des Ghumah al-Mahmudi († 1858) weite Teile des Hinterlandes gegen die Türken an.