mini|Die St.-Aegidien-Kirche in Wulften von Südwesten Die evangelisch-lutherische St.-Aegidien-Kirche in Wulften am Harz ist das einzige Kirchengebäude in dieser Gemeinde, die zur Samtgemeinde Hattorf am Harz im niedersächsischen Landkreis Göttingen gehört. Benannt ist sie nach dem Heiligen Ägidius, einem der Vierzehn Nothelfer. Die Kirchengemeinde ist Teil des Kirchenkreises Harzer Land im Sprengel Hildesheim-Göttingen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.
Geschichte In Wulften ist bereits seit dem Jahr 1322 eine Kirche urkundlich belegt. Das Patronat über die Wulftener Kirche wurde damals zusammen mit den Dörfern Lindau und Bilshausen von Gisela, Hermann und Gottschalk von Plesse an den Bischof von Hildesheim verkauft. Im Jahr 1492 wurde das Patronat über die Wulftener Kirche, die damals eine Filialkirche der Kirche von Lindau war, an die Familie von Hardenberg verpfändet.
Die heutige Kirche wurde Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet. Über der Eingangstür befindet sich eine Inschrift, die den Mittwoch nach dem Tag des Markus, also den 27. April im Jahr 1502, als Baubeginn nennt. Als Folge von Verpfändungen des südlich von Wulften gelegenen Untereichsfeldes im 14. und 15. Jahrhundert durch die Herzoge von Grubenhagen an die Erzbischöfe von Mainz erlangten diese im Jahr 1525 das Patronat über die Wulftener Kirche.
Die Reformation im Fürstentum Grubenhagen begann in den 1520er Jahren. Der Grubenhagener Fürst Philipp I. trat 1526 dem Torgauer Bund bei. Im Jahr 1537 verpfändete das Erzbistum Mainz das Patronat an die Familie von Hardenberg, 1538 erließ Philipp I. eine neue Kirchenordnung. Für das Jahr 1539 ist die Einsetzung eines lutherischen Pastors durch die von Hardenberg in Bilshausen belegt, für Wulften lässt sich keine genaue Angabe finden. Der erste sicher überlieferte lutherische Pastor in Wulften wird in einem Dokument aus dem Jahr 1585 als Michael Hertwig benannt.
Aus dem Jahr 1570 ist ein erstes Pfarrhaus belegt. Die Wulftener Kirchenbücher beginnen 1591. Auf Bitten des Pastors Gerhard Philipp Meine wurde 1719 ein neues Pfarrhaus errichtet.
Einen Kanzelaltar erhielt die Kirche 1731. 1733 wurde das Turmdach erneuert, 1744 wurde eine neue Empore eingebaut. Ein Jahr später erhielt die Kirche ein neues Deckengewölbe, welches die bis dahin bestehende Holzbalkendecke ersetzte. Auch wurde die Kirche in dieser Zeit vermutlich um eine Sakristei erweitert. Am südlichen Kirchhof entstand um 1750 ein neues Schul- und Küsterhaus. Der Kirchturm wurde nach den Zerstörungen im Siebenjährigen Krieg 1772 neu errichtet.Die St. Aegidien-Kirche zu Wulften In: karstwanderweg.de, abgerufen am 5. Mai 2020. Bei Reparaturen im Jahr 1777 wurden unter anderem neue Fenster eingebaut. Die Turmuhr wurde im Jahr 1782 repariert. Eine weitere Renovierung wurde um 1860 durchgeführt, dabei erhielt die Kirche neue, zweistöckige Emporen.
Im Jahr 1914 wurde ein neues Pfarrhaus gegenüber der Kirche fertiggestellt. Es handelt sich dabei um einen zweigeschossigen Fachwerkbau mit rot gedecktem Walmdach.
Nach Beginn des Ersten Weltkriegs gründete sich 1914 ein Frauenverein in Wulften. Dieser wurde von Hanna Lauth geleitet, der Ehefrau vom zu dieser Zeit amtierenden Ernst Louis Karl Bernhard Lauth. Gemäß den Angaben im „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“, habe sich dieser nach der NS-Machtübernahme nicht politisch betätigt.
Lauths Nachfolger Wilhelm Borèe (amt. 1936–1961, Kriegsdienst und Gefangenschaft 1940–1951) stand kirchenpolitisch aufseiten der Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft, also der hannoverschen Gruppierung der Bekennenden Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus. Borèe attestierte den Wulftenern 1936 ein „fast einheitliche[s] Bekenntnis zum Nationalsozialismus“.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stellte die Kirchengemeinde eine Gemeindeschwester an und richtete eine Schwesternstation ein. Ferner wuchs die Kirchengemeinde von noch 1540 Mitgliedern im Jahr 1936 auf über 2100 im Jahr 1951. Darüber hinaus wohnten etwa 250 Katholiken in Wulften.
Eine Renovierung des Innenraums der Kirche wurde 1953 vorgenommen. Bereits 1968 wurde der Innenraum weiter umgestaltet, so wurde die bis dahin vorhandene zweistöckige Empore abgerissen, eine neue Empore für die Orgel eingesetzt und die Decke verschalt. Außen wurden Dachgauben zurückgebaut, das Dach wurde erneuert und die Sakristei wurde entfernt. Schließlich wurde die heute vorhandene Turmuhr im Jahr 1970 eingebaut. Weitere Dachreparaturen folgten 1973.
Die Kirchengemeinde erwarb im Jahr 1957 das Gebäude der sogenannten Alten Schule, ein Fachwerkhaus aus dem Jahr 1886. Dieses wird seitdem als Gemeindehaus genutzt.
Im Jahr 1974 wurde die Kirchengemeinde Träger des neuen Wulftener Kindergartens. Die Trägerschaft des Regenbogen-Kindergartens ging 2014 auf den neu gegründeten Ev.-luth. Kindertagesstättenverband Harzer Land über.
Um die kirchengemeindliche Arbeit und den Unterhalt des Kirchengebäudes zu finanzieren, wurde 2007 die Evangelische Kirchenstiftung Wulften am Harz gegründet.
Seit November 2009 ist die Wulftener Kirchengemeinde pfarramtlich mit ihren Nachbargemeinden Dorste und Schwiegershausen verbunden. Zusammen mit dem Pfarrverbund Eisdorf-Nienstedt-Förste bilden die Gemeinden die Region Süd-West im Kirchenkreis Harzer Land.
Eine umfassende Sanierung wurde in den Jahren 2019 und 2020 durchgeführt.
Das gegenüber der Kirche gelegene, 1914 erbaute Pfarrhaus wurde 2023 von der Kirchengemeinde verkauft.
Ab 2026 wird die Wulftener Kirchengemeinde zusammen mit den Kirchengemeinden Dorste, Eisdorf-Willensen, Nienstedt-Förste und Schwiegershausen eine Einheitskirchengemeinde bilden. Diese wird den Namen Maria Magdalena am Lichtenstein tragen.
Baubeschreibung Die Kirche besteht aus einem kleinen Saalbau mit dreiseitigem Ostschluss, erbaut 1502. Das mit naturroten Ziegeln gedeckte Satteldach ist nach Osten abgewalmt. Das Mauerwerk ist verputzt mit weißem Anstrich, die Ostecken weisen Stützpfeiler auf. Am Chor finden sich spitzbogige Sprossenfenster, sowie ein rechteckiges Nebenportal nach Osten, darüber ein vermauertes Fenster mit Inschrift im spitzbogigen Sturz: „Hans Helmult Anna si[ne] frauwe“ (Hans Helmold [und] Anna, seine Frau). Zwischen zwei großen, rechteckigen Sprossenfenstern an der Südfassade befindet sich eine Sonnenuhr aus dem Jahr 1835.
Der Innenraum besitzt ein segmentbogiges, holzverschaltes Tonnengewölbe und eine leicht u-förmig angelegte Empore. Im Westen schließt sich ein Rechteckturm an. Der verschieferte Turmhelm weist einen vierseitigen Ansatz mit achteckiger Spitze auf und ist mit Kugel und Wetterfahne bekrönt. Das verputzte Mauerwerk ist weiß gefasst und verfügt über mehrere Fensteröffnungen unterschiedlicher Form (spitzbogig, rechteckig und schlitzartig). Das Glockengeschoss ist verschiefert und besitzt an jeder Turmseite zwei kleine rechteckige Schallöffnungen; auf der Südseite ist dazwischen ein Uhrzifferblatt angebracht.
Ausstattung Der Altarbereich umfasst eine Mensa aus vorreformatorischer Zeit. Dahinter befindet sich eine 1731 errichtete Kanzelaltarwand, in die ein vermutlich aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammender älterer Kanzelkorb integriert ist. An den Wandflächen sind Gemälde der vier Evangelisten angebracht. Der Kanzelkorb wird von korinthischen Säulen flankiert, die ein Gebälk mit Schalldeckel tragen. Darüber erhebt sich ein durchbrochener Aufsatz mit dem Auge Gottes im Strahlenkranz. Die Bekrönung bilden ein Kreuz sowie zwei Schnitzfiguren, die links eine gefesselte Gestalt und rechts eine Figur mit Säule darstellen. Möglicherweise handelt es sich um Allegorien der Tugenden Enthaltsamkeit und Tapferkeit.
An der Brüstung des Kanzelkorbs befindet sich eine nur teilweise erhaltene Stifterinschrift:
„Fürstl[ich] Br[aunschweig-] Lüneb[urgisch] bestellter Amptmann Bartholde Stapel, zu gottes grosen Nahmens Ehren, dieser Kirchen Zierde zu vermehren und seines Nahmens bestens zu gedenken, hat diese Kanzel wollen schenken“.
Weitere Inschriften lauten:
„G[erhard] Ph[ilipp] Meinen p[ro] t[empore] Pastor“ sowie „Anno 1731 hoc opus aedificatum“ („Im Jahr 1731 ist dieses Werk gebaut“).
An der Südseite befindet sich ein Rechteckportal, über dem eine Inschriftentafel angebracht ist:
„Anno d[o]m[ini] m ccccc ii Feria quarta post marci inceptum est presens opus“ („Im Jahr des Herrn 1502, am Mittwoch nach dem Tag des Markus, wurde das gegenwärtige Werk begonnen“).
Der Innenraum besitzt ein segmentbogiges, holzverschaltes Tonnengewölbe und eine leicht u-förmig angelegte Empore.
Als Taufbecken dient eine stelenförmige Sandsteintaufe auf rundem Fuß. An dieser befindet sich ein Relief mit stilisierter Taufszene.
Orgel
Belegt ist, dass es im Jahr 1778 keine Orgel in dieser Kirche gab. Ein Orgelneubau wurde 1862 von August von Werder aus Höckelheim realisiert, dieser hatte zehn klingende Register, verteilt auf ein Manual und Pedal, mit mechanischer Traktur und Schleifladen. Eine Reparatur mit Änderung der Disposition wurde 1956 durch E. Kemper & Sohn aus Lübeck ausgeführt. Im Jahr 1970 wurde ein Orgelneubau erforderlich, dieser wurde von Albrecht Frerichs aus Göttingen erstellt. Dabei wurde mit Wiederverwendung von zwei Registern der vorherigen Orgel eine kleinere Anlage gebaut, diese umfasst nun sieben Register, welche weiterhin mit einem Manual und Pedal bedient werden, auch bleibt es bei mechanischer Traktur und Schleifladen.
Geläut
Zwei Läuteglocken,
I: (Bronze, Gj. 2019, Petit & Gebr. Edelbrock, Gescher), Inschrift: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36)
II: a′ (Bronze, Gj. 1726, Johann Heinrich Luttke, Göttingen), Inschriften: „Thomas Hesse 80 Richsthaler hierzu verert. Pfihlip [sic] Gerhard Meine Pastor in Wulften“ und „Johan Heinrich Lutken gos mich nach Wulften 1726“.
Zwei Schlagglocken,
I: g″
II: h″
(beide Bronze, Gj. 1873, Petit & Gebr. Edelbrock, Gescher), beide mit Inschrift: „Fusa a Petit & Fratr. Edelbrock 1873“.
Früherer Bestand:
1598 oder 1665 zwei Glocken bei Kirchturmbrand zerstört, aus den Resten eine neue Bronzeglocke „von mittelmäßiger größe“ gegossen; diese vor 1699 beschädigt („hat ihren hellen Thon nicht mehr wie vorhin“), 1726 umgegossen zu heutiger Läuteglocke II.
Eine große Läuteglocke (Bronze, Gj. 1728, Nordhausen), in den 1780er Jahren beschädigt (Stück herausgeschlagen), später umgegossen zu einer neuen Läuteglocke (Bronze, Gj. 1880). Wiederum umgegossen zu einer neuen Läuteglocke (Bronze, Gj. 1894, Gebrüder Ulrich, Apolda), Inschrift: „Ich will den Herren loben allezeit, Dein Lob soll immerdar in meinem Munde sein“, verziert u. a. mit Engelsköpfen; im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (Januar 1918).
Eine neue LG (Bronze, Gj. 1933), Inschrift u. a.: „Dienet dem Herrn mit Freuden“; im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (1942).
Eine Läuteglocke, fis′ (Stahl, Gussjahr 1951, Bochumer Verein), 2019 durch Bronzeglocke ersetzt und neben der Kirche aufgestellt.
Turmuhr
Eine erste Turmuhr war bereits im 17. Jahrhundert vorhanden. Diese wurde im Jahr 1875 durch eine Uhr aus der Turmuhrenfabrik J. F. Weule ersetzt, welche bis 1970 verbaut war. Seitdem gibt es eine neuere Turmuhr.
Fenster
Die acht abstrakt gehaltenen Buntglasfenster wurden im Jahr 2001 eingebaut. Gefertigt wurden sie von Tobias Kammerer in Rottweil.
Liste der Pastoren Bis 1585: Michael Hertwig 1591–1601: Laurentius Brinkmann 1603–1607: Matthias Kunze (Concius) 1607–1635: Johann Mennecke 1635: Nikolaus Rohnius 1636–1677: Jakob Graubner 1677–1681: Johann Deichmann 1681–1687: Johann Andreas Leonhardi 1687–1720: Simon Lichtenberg 1720–1744: Gerhard Philipp Meine 1745–1748: Karl Wilhelm Bergheim 1748–1753: Johann Friedrich Bütemeister 1753–1763: Bernhard Georg Konrad Ernst 1763–1772: Justus David Gottfried von Einem 1772–1779: Dietrich Johann Michael Humme 1779–1798: Johann Friedrich Prosten 1799–1806: Georg Ludwig Blumenthal 1806–1815: Christian Ludwig Wundram