Pengkul, regional auch sumkon, ist eine lange, schwach konische Naturtrompete aus einem Bambusrohr, die früher von den Kuki, einer mit den Chin verwandten Ethnie in Nordostindien an der Grenze zu Myanmar, als Signalinstrument und zur zeremoniellen Begrüßung angesehener Gäste geblasen wurde. Die weit zurückreichende Tradition als akustische Zeitanzeige für die Organisation der kollektiven Feldarbeit und als Kommunikationsmittel über Entfernungen macht die pengkul zu einem wesentlichen Bestandteil der nationalen Kultur der Kuki. Wie anderen traditionellen Musikinstrumenten wurde der pengkul in den naturreligiösen Glaubensvorstellungen eine mythische Herkunft von den Ahnen zugesprochen. Heute wird sie noch bei traditionellen Jahresfesten und anderen herausragenden Ereignissen geblasen.

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Ein Spieler des Büffelhorns pepa begleitet den assamesischen Bihu-Tanz Die Kuki leben überwiegend in den nordostindischen Bundesstaaten Manipur, Nagaland, Mizoram, Assam und einige Gruppen auch in Tripura.Aatreyi Dutta: Journey Through Time: Understanding the Origins of the Kuki Tribe. humansofnortheast.com, 16. Februar 2024 Sie sprechen eine Mizo-Kuki-Chin-Sprache, die eine Untergruppe der tibetobirmanischen Sprachen bildet und sind im zentralen Tal von Manipur sowie in den umliegenden Berggebieten von zahlreichen anderen tibetobirmanischen Sprachgruppen umgeben. Hinzu kommen eingewanderte lokale Minderheiten, die indoarische Sprachen, vor allem Bengali und Hindi, sprechen. Die größte und dominante Sprachgruppe in der Region sind die Meitei-Sprecher, deren Königsdynastie bis zum Beitritt zur Indischen Union 1949 unabhängig über das Gebiet von Manipur herrschte und die heute die Regierung des Bundesstaates stellen.Vibha Arora, Ngamjahao Kipgen: The Politics of Identifying with and Distancing from Kuki Identity in Manipur. In: Socioligical Bulletin, Band 61, Nr. 3, September–Dezember 2012, S. 429–449, hier S. 430 Mit den hinduistischen Meitei befinden sich die überwiegend christlichen Stammesgruppen der Kuki in einem länger zurückreichenden ethnischen Konflikt, der auch eine Folge ihrer heutigen unzureichenden politischen Repräsentanz ist.Vgl. N. Pauntunthang: Understanding the Hills-Valley Divide and Meitei-Kuki Conflict in Manipur. In: Conflict Studies Quarterly, Band 48, Juli 2004, S. 72–95 Der Rückgriff der Kuki auf die Tradition der pengkul ist daher eine Methode, sich ihrer gesellschaftlich-kulturellen Eigenständigkeit zu versichern.

Auch wenn die spezifische Verwendung der pengkul eine Besonderheit der Kuki ist, so sind ähnliche lange Naturtrompeten aus Pflanzenmaterial oder aus Metall in Nordostindien und in der Himalayaregion weit verbreitet. Das vielleicht älteste und in ganz Südasien als Ritual- und Signalinstrument bekannte Blasinstrument, dessen Töne nach dem Prinzip der Polsterpfeife mit den Lippen produziert werden, ist das Schneckenhorn. In den altindischen Sanskrit-Schriften des Rigveda, die vermutlich in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. entstanden, kommt zweimal das Wort bakura vor, das entweder als (im Krieg geblasene) SackpfeifeCurt Sachs: Reallexikon der Musikinstrumente. Julius Bard, Berlin 1913, S. 27b, s. v. „Bákura“; abgeleitet "Sackpfeife" nach der Wortübersetzung „Sack aus Ziegenhaut“ (Srini Kalyanaraman: An Indian Lexicon – Comparative dictionary of 25+ ancient Bharatiya languages. S. 79) und dem benachbarten Verb für „blasen“ (Alastair Dick: Bákura. In: Grove Music Online. 3. September 2014) oder als „Schneckenhorn“ übersetzt wird. Seit mittelvedischer Zeit (1200–850 v. Chr.) ist der heutige Name shankha üblich. Darstellungen von Schneckenhörnern finden sich auf Steinreliefs an buddhistischen Stupas in Nordindien ab dem 2./1. Jahrhundert v. Chr. Die Kampfszenen zeigen, dass die Schneckenhörner geblasen wurden, um den Beginn einer Schlacht zu signalisieren.Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 34, 76 Weitere seit ältesten Zeiten gespielte Naturtrompeten sind Tierhörner und Knochen. Die Verwendung von Röhrenknochen in den nordostindischen Randgebieten von Arunachal Pradesh geht auf einen tibetisch-buddhistischen Einfluss zurück. In der tibetischen Ritualmusik wird ein mit Kupferblech verkleideter menschlicher Oberschenkelknochen rkang dung bei besonderen magischen Ritualen geblasen.

In Südasien werden in volksreligiösen Zeremonien vor allem Hörner von Rindern und Wasserbüffeln eingesetzt,Bigamudre Chaitanya Deva, 1978, S. 110 so das etwa 60 Zentimeter lange Wasserbüffelhorn neku, das in Nepal bei buddhistischen Totenritualen geblasen wird, und das Rinderhorn wong, mit dem buddhistische Mönche im Kloster von Tawang im nordostindischen Bundesstaat Arunachal Pradesh zur Versammlung im Gebetssaal aufrufen. Die nordostindischen Garo verwenden ein adil genanntes langes Bambusrohr mit einem Wasserbüffelhorn als Schallbecher, um damit einzelne kurze Töne zu Signalzwecken zu produzieren. Rinderhörner sind allgemein die beliebtesten traditionellen Naturtrompeten in Nordostindien.Seigoumang Chongloi, Angi Nomasay Yobin, 2025, S. 328 Mit einem Rohrblatt an der am oberen Ende aufgesteckten Bambusröhre ausgestattet gehört das Büffelhorn pepa in Assam zu den Einfachrohrblattinstrumenten.

Neben diesen längsgeblasenen Hörnern sind in der Region auch vereinzelt Tierhörner bekannt, die wie afrikanische Elfenbeintrompeten quer geblasen werden. Ein seltenes Beispiel ist ein quer geblasenes Büffelhorn der Naga in Assam.Roger Blench, 2011, S. 35–37, 39 Die runde Form der generell militärisch und zu Signalzwecken verwendeten Hörner bildeten die Vorbilder für die heute in der religiösen Musik in ganz Indien und Nepal verwendeten gebogenen (halbkreisförmigen oder S-förmigen) Metalltrompeten kombu in südindischen Sprachen und shringa („Horn“) oder turahi in nordindischen Sprachen.

Eine andere Gruppe bilden die langen geraden Naturtrompeten, die in meist konische Metalltrompeten und in zylindrische oder schwach konische Trompeten aus Pflanzenrohr eingeteilt werden. Konische Holztrompeten kommen in Südasien nicht vor. Die älteste bekannte Darstellung einer konischen Langtrompete findet sich auf einem sumerischen Reliefbruchstück aus Mesopotamien, das um 2600 v. Chr. datiert wird. Die Zugehörigkeit des Reliefs zu einem Siegesdenkmal lässt darauf schließen, dass diese Trompete als Signalinstrument verwendet wurde.Subhi Anwar Rashid: Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 2: Mesopotamien. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, S. 60 Dieses Relief ist wesentlich älter als der altägyptische Fund von zwei leicht konischen Metalltrompeten (scheneb) aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., von denen Curt Sachs (1940) eine mögliche Verbindung zum südindischen Langtrompetenpaar tiruchinnam herstellt.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W.W. Norton & Company, New York 1940, S. 153

Eine mögliche Traditionslinie heute in der regionalen indischen Volksmusik gespielten Langtrompeten aus Metall könnte zu altindischen Trompeten führen, die von einem Relief am Stupa von Sanchi aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. überliefert sind. Zu solchen regionalen Metalltrompeten gehören vielleicht die bhankora im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand und die für Tempelprozessionen in Tamil Nadu gebrauchte sehr lange, beinahe zylindrische ekkalam.Ekkalam: Trumpet for that folksy touch. From accompanying daily temple rituals to processions and other festivals, ekkalam plays a major role. The Hindu, 7. Februar 2019 Tradierte Namen für Metalltrompeten aus altindischen Schriften sind unter anderem turya (im Arthashastra), turahi (in Jatakas) und kahala (kahali in der Jain-Schrift Raja Prashniya Sutra, andere Umschrift Rayapaseneeya, „Fragen des Königs“).Bigamudre Chaitanya Deva, 1978, S. 112

mini|hochkant|Zweiteilige Messingtrompete karnal mit breitem Schallbecher vor einem Tempel in Mandi im nordwestindischen Bundesstaat Himachal Pradesh. Mit den arabisch-persischen Eroberungen gelangten ab dem 8. Jahrhundert die in den Militärkapellen eingesetzten Langtrompeten nafir und karna nach Nordindien. Im muslimischen Sultanat von Delhi (1206–1526) und im nachfolgenden Mogulreich gehörte die lange konische karna mit einem breiten Schallbecher zu den höfischen Repräsentationsorchestern naqqara khana. Nach Nepal wurde dieses Orchester vermutlich ab dem 14. Jahrhundert durch Hofmusiker der hinduistischen Rajputen gebracht, die vor den muslimischen Angriffen geflohen waren.Carol Tingey: Music for the Royal Dasai. In: European Bulletin of Himalayan Research, Nr. 12–13, 1997, S. 81–120, hier S. 103f In Zentral- und Ostnepal ist die namensverwandte karnal, eine zweiteilige teleskopartige Langtrompete aus Messing oder Kupfer in mehreren Varianten mit Längen von etwa 140 oder 180 Zentimetern verbreitet. Die karnal werden einzeln oder paarweise in der zeremoniellen Musik gespielt.Gert-Matthias Wegner, Simone Bailey: Karnāl. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 3, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 116; Ram Prasad Kadel: Musical Instruments of Nepal. Nepali Folk Instrument Museum, Kathmandu 2007, S. 5, 15, ISBN 978-99946-883-0-2 Daneben sind etliche weitere Metalltrompeten in Nepal bekannt, darunter die mit 225 bis 400 Zentimetern extrem lange Kupfertrompete der im Himalaya entlang der tibetischen Grenze lebenden buddhistischen Gurung, Sherpa und Tamang.Ram Prasad Kadel, 2007, S. 18 Von ähnlicher Länge ist die von tibetischen Mönchen in der Ritualmusik gespielte Kupfertrompete dungchen, die wie die nepalesischen Langtrompeten paarweise geblasen wird. Dieses Trompetenpaar wurde unter tibetischem Einfluss auch zu den Monba in Bhutan und in den angrenzenden Distrikt West Kameng von Arunachal Pradesh verbreitet.

Langtrompeten aus Pflanzenrohr wie die pengkul der Kuki und die adil der Garo sind in Nepal nicht gebräuchlich, sondern außerhalb der tibetischen Tradition charakteristisch für Nordostindien. Die tawtawrawt der Mizo in Mizoram ist eine der pengkul entsprechende, gestuft-konische Bambustrompete, die aus mehreren ineinandergesteckten Bambusröhren besteht.Mau tawtawrawt (Mizo music instrument). Youtube-Video; Mau Tawtawrawt (Mizo Music instrument) July 4, 2019. Youtube-Video Ähnliche Trompeten aus Pflanzenrohr bliesen auch andere Ethnien in Nordostindien zu Signalzwecken. Einige der zu den Naga in Nagaland gezählten Ethnien verwendeten hierfür Hörner, Trompeten und Schlitztrommeln.

In Assam kommt außerdem eine gerade Langtrompete vor, die aus gewickelten und ineinandergesteckten Kürbisblättern geformt ist, sodass eine konische Röhre entsteht. Eine kurze konische Bronzetrompete in Assam steht mit ihrem Namen karranal mit karna und durch ihre Form mit den in der hinduistischen Tempelmusik in Indien gespielten Trompeten in Verbindung.Roger Blench, 2011, S. 37f