Das Gemälde mit der Darstellung der Dido auf dem Scheiterhaufen trägt die Maße 123,8 × 172 cm und ist in der Staatsgalerie Schleißheim im Neuen Schloss Schleißheim (Oberschleißheim) ausgestellt. Es wird dort als Kopie nach einem Gemälde des Malers Guercino geführt.

Bildbeschreibung

Das Gemälde zeigt sechs dicht gruppierte Figuren in einem architektonisch gegliederten Raum mit Ausblick auf eine Landschaft, wodurch der Eindruck entsteht, es handele sich um eine Loggia. Im Bildvordergrund rechterhand liegt eine Frau halb kniend auf einem Holzstapel. Sie trägt ein an der Brust geöffnetes Kleid mit rotem Obergewand; ein Schwert durchbohrt ihren Körper von vorne nach hinten. Ihr Kopf ist zur linken Bildseite und zum Himmel emporgehoben.

Im Bildvordergrund linkerhand steht eine weitere Frau, die sich nach vorne beugt, den Blick dem Boden zugewandt und die Hände hilfesuchend ausstreckt. Sie trägt ein mehrfarbiges Gewand mit dunklem Gürtel und Überwurf.

Diese Vordergrundszene wird links und rechts von je einer Frau und einem Mann isokephalisch gerahmt. Die rahmenden Figuren sind alle ähnlich groß ohne einen Höhenunterschied gestaltet, sodass die zwei einzigen tiefer positionierten Figuren im Zentrum des Bildes noch mehr in den Mittelpunkt rücken. Die Frau am äußeren linken Bildrand hält ein helles Tuch an ihr Gesicht, daneben zeigt ein bärtiger Mann mit Kopfbedeckung auf die liegende Frau im Vordergrund. Eine Säule trennt diese Gruppe von zwei weiteren Figuren rechts im Bild: eine Frau mit aufwendiger Kopfbedeckung, die rechts aus dem Bild hinauszublicken scheint und ein Mann mit roter Mütze, der den Kopf nach vorne gerichtet hält und den Betrachter direkt ansieht.

Kleidung und Faltenwurf der Gewänder sind reich drapiert und betonen die Körperlichkeit der Figuren. Das Licht akzentuiert vor allem die Gestalt der liegenden Frau und die vorderen Figuren, während der Hintergrund im Halbdunkel bleibt. Der Hintergrund ist durch architektonische Elemente, Stufen und Säulen gegliedert. Warmes Licht von links hebt Gesichter und Gewänder hervor. Die Farbgebung umfasst warme Rot-, Braun- und Goldtöne, ergänzt durch dunkle und helle Stoffpartien. Die leuchtenden Farben und die zentrale Platzierung der beiden Frauen im Vordergrund lenken den Blick eindeutig zuerst auf sie und stellen diese Figuren in den Mittelpunkt.

Ikonografische Deutung

Die dargestellte Szene zeigt die karthagische Königin Dido. Dass dem Betrachter in diesem Gemälde die Königin von Karthago im Moment des Sterbens präsentiert wird, erkennt man zum einen an der ihr Haupt schmückenden Krone, der prunkvollen Kleidung sowie den architektonischen Elementen im Hintergrund, die den Raum in einen repräsentativen höfischen Kontext setzen. Zum anderen am dargestellten Holzscheiterhaufen, auf dem sie in märtyrerhafter Haltung platziert ist. Zugleich erschöpft und entschlossen liegt sie auf dem dargestellten Holzscheiterhaufen und blickt zum Himmel auf während ein Schwert durch ihre Brust hindurch ragt. Den Betrachtern wird hierin Didos bewusstes Ertragen von Leid, ihr Opfer aus Überzeugung und ihr Erwarten des Todes vermittelt.

Die Darstellung der Dido auf dem Scheiterhaufen knüpft an Erzählungen der antiken Mythologie an. In klassischen Schriften, wie Vergils Aeneis oder Ovids Heroides, wird erzählt, wie die karthagische Königin durch die Göttin Venus dazu verleitet wird, sich in den trojanischen Helden Aeneas zu verlieben, trotz ihres Eides, sich nicht mehr auf einen Mann einzulassen. Schlussendlich nimmt Dido sich aus Verzweiflung das Leben, nachdem all ihrer Versuche, Aeneas zum Bleiben zu verleiten, scheitern und dieser Karthago verlässt. Im Gemälde trägt die Dido ein oberhalb aufgerissenes Gewand, das die Brust teilweise entblößt, worin ihre Weiblichkeit und ungehaltene Passion symbolisiert werden, welche sie schlussendlich zum Tode führten.

Dido verharrt nicht allein im Moment ihres Todes, sondern ist in ein Geflecht aus Reaktionen eingebettet. Die Frau, die links mit ausgestreckten Händen auf Dido zutritt, stellt Didos Schwester Anna dar. Sie ist am nächsten physisch und emotional an der Königin und trägt ein ähnlich prunkvolles Gewand und Kopfverzierung. Die Figur der Anna ruft beim Betrachter eine unmittelbare Anteilnahme auf – ein Echo von Flehen, vergeblicher Hoffnung und Vorwurf. Demgegenüber übersetzt jene Figur, die sich das Gesicht mit einem Tuch bedeckt, das betrachtete Leid in ein einfaches, aber eindringliches Zeichen der Bestürzung.

Die am Bildrand platzierte Frau, die teilnahmslos zur Seite blickt, und vor allem der Mann, der ernst und verstört den Betrachter direkt anblickt, erweitern die Szene zur Reflexionsebene: Der Blick des Mannes durchbricht die Bildtiefe und überträgt eine Spannung auf den Betrachter. Nicht nur die unmittelbaren Gefährten sind betroffen, sondern die Gemeinschaft und damit auch der Betrachter vor dem Bild werden Zeugen des Geschehens und somit Urteilende über den Tod der Dido. Die moralische Wertung des Selbstmords ist in den klassischen literarischen Werken unterschiedlich: In Virgils Werk ist Dido eine schwache selbstsüchtige egozentrische Frau und ein Hindernis auf Aeneas Weg. Sie verspielte nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Regierung, ihre Stadt und ihr Volk. Ovid dagegen deutet die Geschichte dahingehend, dass Dido für ihn ein Opfer des Verrats des Aeneas darstellt. Zwar tötet sich Dido selbst, doch waren es Aeneas’ Schwert und seine Taten, die den Tod auslösten. Zusammen mit der heroisch-majestätisch aufgeladenen Leidenspose lässt sich die Schleißheimer Darstellung der Dido eher mit Ovids Werk in Zusammenhang setzen.

Unterschiede des Schleißheimer Werks zu Guercinos Dido auf dem Scheiterhaufen mini|Dido auf dem Scheiterhaufen Original Gemälde Guercino Das Gemälde in Schleißheim wird zwar unter dem Künstler Guercino geführt, es handelt sich hierbei jedoch um eine Adaption des großformatigen Gemäldes der Dido auf dem Scheiterhaufen, welches Guercino um 1630/32 im Auftrag von Kardinal Spada für die Königin von Frankreich, Maria de’ Medici, malte. Das Originalgemälde Guercinos trägt die Maße 287 × 335 cm, während das Gemälde aus Schleißheim einen Ausschnitt der linken Szene aus Guercinos Vorgängergemälde auf einer Größe von 123,8 × 172 cm zeigt.

Die Bilder unterscheiden sich nicht nur in Größe und Format: Der Ausschnitt zeigt zwar die gleiche Szene, der unbekannte Künstler änderte aber auch die Zusammenstellung der Figuren im Hintergrund ab. Er erstellte somit eine Art Collage, durch welche die Figuren und die Szene in einen neuen Zusammenhang gesetzt werden.

Zum einen führt der bestimmte Ausschnitt des Gemäldes dazu, dass ein geringerer Bezug zu der zugrundeliegenden literarischen Geschichte besteht. Im Gegensatz zu Guercinos Gemälde sieht man beim Schleißheimer Werk weder Amor, der am Himmel mit Pfeil und Bogen wegfliegt, noch die abfahrenden Schiffe von Aeneas im Hintergrund. In Guercinos Gemälde zeigt der in der Schleißheimer Kopie links stehende und mit dem Zeigefinger weisende Mann, explizit auf die schwindenden Flotten im Meer. In der Kopie ist die Geste offener interpretierbar und eher in Verbindung mit der liegenden Königin zu verstehen. Der explizite Bezug auf Aeneas Abreise und das gescheiterte Liebesthema, welches auf dem Scheiterhaufen endet, wird in der Kopie nicht bildlich dargestellt. Die Narration der mythologischen Vorlage wird hier im Gegensatz zum Original auf den Scheiterhaufen und das Schwert reduziert.

Zum anderen setzt die Kopie durch den Close-up-Ausschnitt die Dido mehr als monumentale Gestalt in den Mittelpunkt, verstärkt kompositorisch die Anordnung der Figuren und die Narration: die diagonal geführte Blick- und Gestenachse von links (Trauer, Annäherung) nach rechts (Abwendung, starre Präsenz) stellt kollektive Reaktionen neben die einsame, schicksalhafte Dido und es entsteht somit eine Staffelung, die zugleich persönliches Leid, Trauer und moralische Wertung bündelt.

Dazu kommt der Unterschied in der Farbgebung der beiden Gemälden. Die Kopie in Schleißheim ist geprägt von warmen kräftigen hellen Farbtönen, während das Original von einer starken dunklen Farbgebung und eher kalten Tönen eingenommen ist. Dies schafft eine derartige Düsterheit, dass es schwieriger ist, die einzelnen Figuren im Gemälde auszumachen, wodurch im Zusammenhang mit der dramatischen Lichtsetzung ein Chiaroscuro entsteht, was einen düsteren emotionalen Ton respektive Pathos vermittelt. Die Kopie erlaubt dagegen ein schnelles Erfassen der Figuren, während die dramatischen Effekte in der Malerei reduziert sind. Die Tragödie äußert sich hier vielmehr in den Reaktionen der umstehenden Personen. Der Betrachter muss beim erstmaligen Betrachten der Kopie aufmerksam sein, um überhaupt zu erblicken, in welcher Situation sich die dargestellte Hauptfigur der Szene befindet – erst bei genauem Hinsehen fallen das Schwert, das Dido durchsticht, und der nur angeschnitten sichtbare Scheiterhaufen auf. Dagegen lässt der größere Ausschnitt in Guercinos Original das hindurchragende Schwert und die Situation schneller erfassen – der Fokus der dunklen Szene liegt klar auf der Tragödie des sich Erstechens der Dido.

Das Auslassen der malerischen Dramatik des Originals und der Wiedergabe der umfassenden mythologischen Narration – welches der Funktion als politisches Warnzeichen für Königin Maria de Medici diente – und die collageartige Zusammenstellung lassen mutmaßen, dass der Erstellung der Kopie dagegen eine andere, sachlichere Motivation zugrunde lag: Bei dem Schleißheimer Gemälde wird es sich eher um eine Studie des Originals durch einen Schüler Guercinos, oder aber um ein Galeriebild handelt, welches im Format dem in Schleißheim verfügbaren Platz angepasst worden ist.

Provenienz Die Kopie wurde 1806 aus der Galerie Düsseldorf in die Staatsgalerie Schleißheim überführt. Seither gehört es zum Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Ausgestellt ist das Gemälde heute in der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim. Es trägt die Inventarnummer 2260. Literatur

Unger, Daniel M.: Guercino’s Paintings and His Patrons’ Politics in Early Modern Italy. Routledge, 2017. Virgil: The Aeneid. 1st ed., First Avenue Editions, a division of Lerner Publishing Group, 2015. Wesołowska, Elżbieta: Tainted by Deception: Reading Virgil’s Dido in Light of Ovid’s Dido, in: Symbolae Philologorum Posnaniensium 34 (2024), Nr. 2, S. 55–65.

Weblinks

Darstellung des Gemäldes in der Online-Sammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/o5xrMab47X Anmerkungen und Einzelnachweise

Kategorie:Bayerische Staatsgemäldesammlungen Kategorie:Rezeption der griechischen Mythologie Kategorie:Tod in der Malerei Kategorie:Gruppenbildnis Kategorie:Dido