Aish (hebräisch für „Feuer“) ist eine ultraorthodoxe Bildungs- und Missions-Bewegung mit Sitz in Jerusalem. Sie wurde 1974 von Rabbiner Noah Weinberg gegründet mit dem Ziel, säkulare Juden zum orthodoxen Judentum zu bekehren. Die Organisation betreibt weltweit 33 Zweigstellen, überwiegend im anglophonen Raum, und die stark frequentierte Website Aish.com.

Aish ist bekannt für ihre Missionsarbeit an jungen Backpackern und Touristen sowie für ihre Bildungsprogramme, die moderne Naturwissenschaften mit orthodoxer Theologie verbinden. Die Ausbildung in der Jerusalemer Jeschiwa umfasst unter anderem das „Discovery Seminar“ mit Gottesbeweisen und einer Theorie zu Bibelcodes. Die Organisation wird wissenschaftlich teils aufgrund ihrer Rekrutierungsmethoden, ihres Fundamentalismus und ihres apokalyptischen Weltbilds als neue religiöse Bewegung eingeordnet, was jedoch umstritten ist.

Neben der religiösen Arbeit hat Aish mehrere politisch ausgerichtete Projekte gegründet oder ist eng mit ihnen verbunden, darunter sicher HonestReporting (Medienkritik) und die Hasbara Fellowships (Campus-Aktivismus) sowie wahrscheinlich das Clarion Project (Islamkritik); mutmaßlich auch Canary Mission (Online-Blacklisting). Diese Projekte werden von Kritikern als Teil pro-israelischer oder islamfeindlicher Advocacy-Netzwerke eingeordnet. Die Organisation selbst beschreibt sich als unpolitisch.

Entstehung, Ausbildung und Ideologie

Entstehung

mini|links|Rabbiner Noah Weinberg (2007)

Die Ursprünge von Aish liegt in der Gründung der Jeschiwa „Aish HaTorah“ („Feuer der Tora“) durch Noah Weinberg in Jerusalem (Israel) um 1974. Weinberg, ein ultraorthodoxer Rabbiner aus den USA, war zur Überzeugung gelangt, die westliche Gesellschaft sei eine „kranke“ Gesellschaft und Juden begingen „spirituellen Selbstmord“, wenn sie nicht-Juden heirateten. In den 1960ern emigrierte er daher nach Israel mit dem vorgefassten Plan, dort eine Talmudschule zu gründen, die vom Judentum entfremdete Jugendliche wieder bekehren sollte.

Nach zwei gescheiterten Versuchen um 1967 und 1970 unternahm er 1972 gemeinsam mit weiteren Rabbinern einen dritten Anlauf mit der Jeschiwa Ohr Someyach, die wie später Aish HaTorah speziell für frisch eingewanderte Juden konzipiert war. Davon abgesehen jedoch beabsichtigten Weinbergs Kollegen, Ohr Someyach als reguläre Jeschiwa auszugestalten, wohingegen Weinberg gezielt „Revolutionäre“ ausbilden wollte, die für das Judentum „kämpfen“ würden. Aus diesem Grund verließ er 1974 Ohr Someyach und gründete mit Aish HaTorah seine vierte und letzte Jeschiwa.

Ein Jahr nach der Gründung gesellte sich der (später für seinen Bestseller Genesis and the Big Bang bekannte) Physiker Gerald Schroeder zu ihm, ursprünglich ein wenig spiritueller US-amerikanischer Jude, der jedoch beim Zünden einer Wasserstoffbombe ein Bekehrungserlebnis erfahren hatte und kurz darauf nach Israel emigriert war. Gemeinsam mit weiteren, die sich ihnen anschlossen, entwickelten sie ein Ausbildungsprogramm, das moderne Naturwissenschaften in die Talmudschule integrierte, Gottesbeweise und die Vereinbarkeit des jüdischen Glaubens mit der Wissenschaft betonte und wiederholt auf Albert Einstein als Vorbild verwies.

Ausbildung

Angeboten wurden in der Jeschiwa verschiedene Kurse, darunter ein einmonatiger Einsteigerkurs, bei dem man zu jedem Zeitpunkt beginnen konnte, und am Ende ein Ausbildungskurs zum Rabbiner, zu dem man zugelassen werden konnte, nachdem man mehrere Jahre an der Jeschiwa verbracht hatte. Außerdem in das Ausbildungsprogramm integriert wurde 1983 das besonders stark nachgefragte „Discovery Seminar“, ein ursprünglich von zwei Chemikern entwickeltes Seminar, das die Existenz Gottes beweisen soll. In dieses wiederum integriert wurde die Theorie der Bibelcodes, auf die Weinberg ebenfalls in den 80ern gestoßen war – eine Theorie, laut der sich mit der Technik der Dekodierung von Intervallcodes geheime Botschaften in der hebräischen Bibel entdecken lassen.Vergleiche zur Methode Mit dieser Theorie sollte erstens gezeigt werden, dass orthodoxes Judentum rational sei, und zweitens, dass man dieses an Aish HaTorah auf rationale Weise vermittelt bekomme.Vergleiche ähnlich die Aussage dies Aish-Rabbiners Daniel Mechanic in: Eine weitere Spezialität von Aish sind die „48 Wege“, eine Text-Serie Weinbergs über 48 Haltungen, die dazu führen sollen, „in jeder Facette des Lebens erfolgreich zu sein“.Vergleiche

mini|Die Jerusalemer Zentrale von Aish HaTorah oberhalb der Western Wall Plaza

Zielgruppe von Aish HaTorah sind Backpacker, Touristen und „wurzellose junge Männer mit Interesse an neuen Erfahrungen, keine religiösen Suchenden“. Diese werden (typischerweise an der Klagemauer) zunächst zu einer Mahlzeit oder einer kostenfreien Übernachtung eingeladen, dort dann eingeladen, für eine längere Zeit zum Studieren zu bleiben,Vergleiche den Bericht eines Schülers in Ähnlich und schließlich mit Nachdruck zum noch längeren Bleiben gebracht:

Der Ausbildungskurs für Rabbiner legt seinen Schwerpunkt untypischerweise nicht auf Bibel und jüdische Religionswissenschaft, sondern auf Öffentlichkeits- und Missionsarbeit. Fertig ausgebildete Aish-Rabbiner bleiben für gewöhnlich entweder an der Jerusalemer Jeschiwa, wechseln an eine weitere Einrichtung von Aish (siehe unten) oder gründen eine neue Einrichtung.

Ideologie

mini|alt=Mehrere junge Männer in weißen Hemden und mit Kippa sitzen lesend und diskutierend an Tischen in einem hohen Raum.|Studiersaal der Jeschiwa

An weiteren für Aish HaTorah charakteristischen Überzeugungen zählt der Judaist Aaron H. Tapper auf: Fundamentalistische Theologie: Die Tora ist das authentische Wort Gottes, das Mose wirklich und wörtlich auf dem Berg Sinai übermittelt worden sei. Diesem wörtlich zu nehmenden Wort Gottes ist Glaube zu schenken. Wer dies tut, gehört zur Tora-observanten Welt; auf der anderen Seite, jenseits eines tiefen Grabens, liegt die säkular(isiert)e Welt wie insbesondere die unmoralische westliche Welt. Apokalyptisches Weltbild. Laut Tapper wird nach dem Glaubenssystem von Aish HaTorah das „Weltende“ anbrechen, wenn der Messias auf Erden erscheint. Dieser wird die Menschheit lehren, die Tora zu achten. Nach der Darstellung von Matthew C. Williams dagegen ist die Aish-Apokalyptik vom Kookismus geprägt, also einer religiös überformten Variante des Zionismus, laut der die von Gott verheißene Erlösung des jüdischen Volkes darin liege, aus der Diaspora nach Israel zurückzukehren. Für eine solche Apokalyptik seien die Aish-Lehrkräfte empfänglich gewesen, da viele von ihnen in einem Wohngebiet radikaler israelischer Siedler südlich von Nablus lebten.Vergleiche auch Der Text zum Thema auf Aish.com reflektiert beide Varianten. Autoritätsglaube und Abwertung Andersdenkender: Studierende an der Jeschiwa haben sich der religiösen Autorität der Aish HaTorah-Lehrkräfte zu unterwerfen. Deren Lehre steht dem ultraorthodoxen Judentum am nächsten; Überzeugungen anderer jüdischer Denominationen seien unrichtig.

Weil Aish-Studierende außerdem in der Regel einen kommunalen Lebensstil pflegen und (günstig oder kostenfrei) in der Jeschiwa schlafen und essen, betrachten Tapper und andereZum Beispiel Aish HaTorah als neue religiöse Bewegung. Diese Interpretation wird nicht von allen geteilt: Steven Bayme vom American Jewish Committee wendet ein, Aish HaTorah eigneten nicht die für neue religiöse Gemeinschaften typischen Charakteristika eines Personenkults (den Tapper ebenfalls festzustellen glaubt), der Gehirnwäsche und der Unfreiheit, die Einrichtung verlassen zu können.

Internationale Aktivitäten und Spin-Offs

Outreach Centers

mini|Länder und US-Staaten mit Aish HaTorah-Outreach Centers (Stand: 2021)

Mit der Zeit wuchs Aish HaTorah und expandierte unter dem Namen „Aish“. Laut Jahresbericht sollen 2024 allein in der Jerusalemer Zentrale 54.000 Studierende an Aish-Bildungsprogrammen teilgenommen haben. Fertig ausgebildete Rabbiner gründeten neue Einrichtungen („outreach centers“) vor allem im anglophonen Sprachraum, beginnend 1979 mit St. Louis (Missouri). Stand 2025 hat Aish nach eigenen Angaben insgesamt 33 Stellen, nämlich neben der Zentrale in Jerusalem und einer weiteren Zweigstelle in Tel Aviv 13 Zweigstellen in den USA (zwischenzeitlich außerdem die Fundraising-Einrichtung „Aish International“, von der sich Aish HaTorah jedoch nach finanziellen Unstimmigkeiten trennte), acht Zweigstellen im Vereinigten Königreich, zusammengefasst zu „Aish UK“, je vier Zweigstellen in Kanada und Lateinamerika (2 × Mexiko, je 1 × Argentinien und Chile) und je eine Zweigstelle in Australien (Melbourne) und Südafrika (Johannesburg). In diesen werden ebenfalls Einsteigerkurse angeboten; von diesen aus gestalten Aish-Rabbiner ihre Öffentlichkeits- und Missionsarbeit, außerdem veranstalten Zweigstellen einmalige Veranstaltungen namens „shabbatonim“.Beispiel: Beispiel für ein shabbaton: ein Wochenend-Ausflug gemeinsam mit Rabbinern in ein Adventure Centre:

Aish.com

Aish.com ist die zentrale Internetpräsenz der gesamten Bewegung. Bereits im Jahr 2000 gegründet, entwickelte sie sich zu einer der am stärksten frequentierten Websites mit Informationen über das Judentum. Laut dem Jahresbericht 2024 verzeichnet sie rund 14,7 Millionen Seitenaufrufe jährlich. Die meisten Redakteure von Aish.com sind ausgebildete Aish-Rabbiner; auch für spontane religiöse und ethische Fragen steht in der Sektion „Ask the Rabbi“ ein Team von Rabbinern bereit, das eigens für den Betrieb der Seite abgestellt wurde und so über die Jahre eine umfangreiche Knowledge Base an Aish-Interpretationen religiöser und moralischer Fragen aufgebaut hat. Zielgruppe sind (auch aus theologischen Gründen) nicht orthodoxe Juden, sondern konfessionslose Juden, die von den Inhalten beeinflusst und für das Judentum begeistert werden sollen.

Nach eigenen Angaben vermeidet Aish.com politische Themen strikt, da es sich nicht um eine politische Organisation handle. Tatsächlich finden sich auf der Website jedoch regelmäßig Beiträge zu politischen Fragen. So verfügt „Ask the Rabbi“ über eine eigene Kategorie zum Nahostkonflikt; zudem existiert mit „Issues“ eine Rubrik, in der wiederholt auch internationale politische Themen kommentiert werden. Die Medienwissenschaftlerin Ruth Tsuria kommt nach einer Analyse der Website zu dem Schluss, dass die digitale Arbeit der „stark pro-israelischen Organisation“ Aish wesentlich von der Vision geprägt sei, Israel zu unterstützen und Juden dem Judentum und Israel anzunähern.

HonestReporting

HonestReporting (HR) wurde um 2000 von drei führenden Mitgliedern von Aish und einem Mitarbeiter der israelischen Botschaft gestartet. Die Organisation beschreibt sich als Medienmonitoring-Projekt, das „Wahrheit, Integrität und Fairness gewährleisten und ideologische Voreingenommenheit im Journalismus bekämpfen“ will, soweit diese Israel betrifft.

HR koordiniert Medienkritik durch umfangreiche Mailinglisten und Social-Media-Kanäle und ruft Empfänger und Follower auf, nach als israelkritisch empfundener Berichterstattung Redaktionen mit Beschwerden zu kontaktieren. Die Organisation verzeichnete bereits früh Erfolge wie etwa 2001 die Änderung der BBC-Terminologie von „Ermordung“ zu „gezielter Tötung“ von Palästinensern und CNNs Verzicht auf die Bezeichnung von Gilo als „Siedlung“. Die zweite Führungsgeneration von HR und HonestReporting Canada ist enger mit dem israelischen Staat als mit Aish verbunden.

Während manche Kritiken von HR als berechtigt eingeschätzt werden, beschreiben Kritiker die Organisation als Lobby-Gruppe, die durch koordinierte Kampagnen eine ausgewogene Darstellung des Nahostkonflikts in den Medien verhindere.Zum Beispiel Besonders kontrovers war HRs unbelegter Vorwurf im November 2023, palästinensische Journalisten hätten im Voraus vom Terrorangriff vom 7. Oktober gewusst, der von israelischen Politikern aufgegriffen wurde und zur Gefährdung der betroffenen Journalisten führte.Zum Beispiel