Das Westphalenkartell war ein Zusammenschluss landsmannschaftlicher Verbindungen westfälischer Studenten an deutschen Universitäten, der ab 1799 zwischen den Hallenser, Jenaer und Erlanger Westfalen bestand. Das Kartell stellte – neben den Orden des 18. Jh. und der Allgemeinen Burschenschaft ab 1818 – den bedeutendsten Zusammenschluss waffenstudentischer Korporationen vor 1848 dar. Ziel des Kartells bei seiner Gründung war es, westfälische Neuankömmlinge vor dem Einfluss der Orden zu bewahren und zugleich den inneren Zusammenhalt zu festigen. Darüber hinaus sollten gesellige Tugenden gepflegt und echte Freundschaft gefördert werden. Farben, Zirkel und Wahlsprüche wurden vereinheitlicht, das Kartell dehnte sich bis 1810 auf weitere Universitäten aus und erreichte zwischen 1808 und Mitte der 1820er Jahre seine größte Bedeutung. Zeitweilig wurden seine Farben als Farben Westfalens wahrgenommen. Ende der 1830er-Jahre ging das Kartell schließlich ein; die westfälischen Corps gaben das Prinzip der kantonalen Rekrutierung auf und pflegten nun Kartelle zu nicht-westfälischen Verbindungen.

Frühe Korporationen der Westfalen Vereinigungen der sogenannten „Westphälinger“ lassen sich 1586 in Heidelberg, 1617 (erneut 1623) in Rostock sowie 1664 (wieder 1683) in Königsberg nachweisen.Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73. Die Rostocker Gesellschaft ergänzte 1637 ihre Satzung um folgenden § 19: „In Bezug auf die Fremden oder anderen Landsleute, die nicht zu den eingeborenen Westphalen gehören, ist beschlossen worden, daß solche nicht in die Gemeinschaft der Westphalen aufgenommen werden sollen, denn da diese Gesetze ausschließlich für die echten Westphalen geschrieben sind, so verbieten und verhindern sie damit von selbst die Zulassung und Aufnahme Fremder.“Richard Fick: Auf Deutschlands hohen Schulen. Eine illustrierte kulturgeschichtliche Darstellung deutschen Hochschul- und Studentenwesens, Berlin 1900, S. 283.

1654 erließ der Immerwährende Reichstag in Regensburg ein generelles Verbot sämtlicher landsmannschaftlicher Zusammenschlüsse.Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73. Von da an spielten die Landsmannschaften in der universitären Öffentlichkeit keine Rolle mehr.Martin Dossmann: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 19. 1717 gründete sich an der Universität Halle kurzfristig erneut studentische Vereinigungen, darunter auch eine westfälische Landsmannschaft. Bereits im November desselben Jahres untersagte ein königlich-preußisches Edikt deren Weiterbestehen. Ob die Landsmannschaften in Halle dennoch fortbestanden, bleibt unklar. In Göttingen bildete sich 1772 erneut eine Vereinigung der Westphälinger.Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73.

Ab den 1740er Jahren kam es im Reich vermehrt zur Gründung studentischer Sozietäten, zunächst vor allem regulärer Freimaurerlogen. Bis zur Mitte des 18. Jh. traten studentische Orden hinzu, getragen von der Unzufriedenheit mit der hierarchischen Abhängigkeit innerhalb der Logen und dem Verlust an Mitbestimmungsrechten der Studenten, welche die Freimaurerlogen ursprünglich ins Leben gerufen hatten. Die Orden stützten sich auf eine außerhalb der Freimaurerei bestehende Arkankultur, bestanden neben und innerhalb der Landsmannschaften und begannen diese im Verlauf der Zeit zunehmend zu überlagern. Sie zeichneten sich durch straffe Organisation, elitäre Ausrichtung und Führungsanspruch innerhalb der Studentenschaft aus und nahmen neue Mitglieder nicht nach regionaler Herkunft, sondern nach persönlicher Qualifikation auf. Bei der feierlichen Aufnahme wurden Verschwiegenheit und lebenslange unauflösliche Freundschaft beschworen.Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73; Holger Zaunstöck: Das Milieu des Verdachts. Akademische Freiheit, Politikgestaltung und die Emergenz der Denunziation in Universitätsstädten des 18. Jahrhunderts, Berlin 2010, S. 113–30.

Aus Furcht vor radikalisierenden Tendenzen im Umfeld der Französischen Revolution sowie aufgrund häufiger Auseinandersetzungen und Duelle empfahl der Regensburger Reichstag Mitte Juni 1793 schließlich, sämtliche studentische Zusammenschlüsse einschließlich der Landsmannschaften behördlich aufzulösen. Zugleich wandten sich innerhalb der Studentenschaft enge landsmannschaftliche Kreise zunehmend gegen die Ordensverbindungen – insbesondere gegen Constantisten und Unitisten –, von denen man übermäßige Agitation und aggressive Werbemethoden behauptete. Diese engeren landsmannschaftlichen Zirkel knüpften an ältere Traditionen an. Sie behielten regionale Rekrutierung bei und pflegten feste Bräuche. Zugleich übernahmen sie von den Orden geheime Zeichen, verschlüsselte Erkennungsweisen und Riten. Die ersten westfälischen Zirkel, die sich Mitte des 18. Jh. in Halle, Erlangen und Jena bildeten, standen besonders in Opposition zu den Constantisten und bemühten sich, sich vom ordensmäßigen Gefüge zu lösen.Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73f.; und ders.: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 22. Bei der Rekrutierung der Mitglieder orientierte man sich vor allem danach, ob ein Student innerhalb der Grenzen des alten Westfälischen Reichskreises geboren war; teilweise auch an den Grenzen des kurkölnischen Herzogtums Westfalen.Martin Dossmann: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 24.

Westfälische Landsmannschaften in Halle, Erlangen und Jena Guestphalia Halle von 1789/90 In Halle konstituierte sich am 23. Februar 1777 eine Constantistenloge, die vornehmlich Westfalen und Pommern aufnahm. Aus inneren Konflikten ging 1789/90 ein eigenständiger westfälischer Zirkel hervor, der fortan den Orden wirksam entgegentrat; Gründungsdokumente, Mitgliederlisten bestehen nicht, auch das Gründungsdatum ist unbekannt.Hans Peter Hümmer: Wer genehmigte die Vordatierung des Corps Guestphalia Halle von 1840 auf 1789. In: Einst und Jetzt (EuJ), Bd. 49 (2004), S. 368–77, hier: S. 376f., Anm. 7. Der Versuch der Ordensführung, diesen Zusammenschluss zu zerschlagen, blieb erfolglos; in der Folge verlor der Orden rasch an Einfluss. Neben dem westfälischen Kränzchen entstanden bald weitere landsmannschaftlich Verbindungen. Hauptziel des Kränzchens war es, neu immatrikulierte Westfalen vom Eintritt in einen Orden abzuhalten. Zugleich sollte der Kreis gesellige Tugenden pflegen und echte Freundschaft fördern. Die Aufnahme beschränkte sich auf Westfalen, die sich ehrenwörtlich verpflichteten, keinem Orden beizutreten und das Wohl des Zirkels zu unterstützen. Sie erfolgte in schlichter Form; Regelverstöße blieben selten. Als Erkennungszeichen diente die verschlungene Buchstabenformel „V.F.G.“ (Vrea Fratres Guestphali).Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 74.

Guestphalia Erlangen von 1794 Seit 1793 immatrikulierten sich in Erlangen zahlreiche Studenten aus dem westfälischen Reichskreis. Unter ihnen sammelte Ludwig von Vincke am 17. März 1794 seine Landsleute und regte eine geschlossene Vereinigung aller „Westphälinger“ an, um die eigene Unabhängigkeit gegenüber den Orden zu wahren und neu eintreffende Kommilitonen vor deren Einfluss zu schützen. Mit einigen Westfalen verfasste er einen Satzungsentwurf, sodass die Stiftung des westfälischen Kränzchens am 24./28. Mai 1794 vollzogen werden konnte. Kontakte zu den Hallenser Westphalen bestanden damals bereits, konkrete Kartellabsprachen sind jedoch nicht nachweisbar.Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 74f.

Das Ansinnen des Kränzchens war nur von geringem Erfolg gekrönt; mindestens sieben der ursprünglich 16 Mitgliedern des Kränzchens verließen es alsbald wieder. Vier traten in einen Orden ein.Hans Peter Hümmer: Memorabilien, Sprüche und Liedzitate aus der Zeit des Guestphalen-Kartells Jena-Halle-Erlangen 1799–1809. In: Die Vorträge der 79. deutschen Studentenhistorikertagung Jena 2019 zugleich Festschrift anlässlich des 90. Geburtstages von Klaus Gerstein, hrsg. v. Sebastian Sigler, München 2020, S. 23–56, hier: S. 25.

Die im Entwurf Vinckes erhaltene Satzung betonte das Ziel eines festen Bundes zur Förderung akademischer Bildung, ehrenhaften Lebenswandels und maßvollen geselligen Umgangs. Grundlage seien Fleiß, Eintracht, würdiges Verhalten und geordnete Haushaltsführung. Ältere Mitglieder sollen jüngere beraten und unterstützen, jedoch ohne überlegenen Anspruch; Standesprivilegien werden ausdrücklich verworfen zugunsten eines Verdienstadels.Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 75.

Vincke und der Großteil der Gründer verließen Erlangen bis Sommer 1795. Noch vor dem preußischen Ordensedikt vom September 1795, das harte Sanktionen gegen geheime Zusammenschlüsse vorsah, löste sich Guestphalia auf; im Dezember bestand sie nicht mehr. Als Ersatz gründete Gisbert von der Leithen im Sommer 1796 eine westfälische Tischgesellschaft. Im Juni 1798 wurde Guestphalia als Gesellschaft wiedererrichtet und erstmals behördlich anerkannt; das Regionalprinzip wurde beibehalten.Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 75. Die „Constitution der Westphälischen Gesellschaft zu Erlangen“ von August 1802 sah vor, ehemalige Angehörige der Hallenser oder Jenaer Kreise ohne weiteres aufzunehmen, sofern sie ein Empfehlungsschreiben des dortigen Seniors über ein untadeliges Verhalten vorlegten.Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 75. Die Gesellschaft erlosch 1809.Hans Peter Hümmer: Memorabilien, Sprüche und Liedzitate aus der Zeit des Guestphalen-Kartells Jena-Halle-Erlangen 1799–1809. In: Die Vorträge der 79. deutschen Studentenhistorikertagung Jena 2019 zugleich Festschrift anlässlich des 90. Geburtstages von Klaus Gerstein, hrsg. v. Sebastian Sigler, München 2020, S. 23–56, hier: S. 24.

Guestphalia Jena von 1796 Wie in Halle entstand auch das Jenaer Kränzchen, um Füchse von den Orden – Unitisten, Constantisten und Amicisten – fernzuhalten; wahrscheinlich wurde es 1796 gestiftet, teilweise ist auch von einer früheren Stiftung ausgegangen worden. 1797 erlebte die Verbindung eine Phase der besonderen Belebung.Martin Dossmann: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 22f.; ders.: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 75f.

Das Westphalenkartell von 1799