Das Kinderheim La Guette beherbergte von März 1939 bis Mai 1940 in dem der Familie von Édouard und Germaine de Rothschild gehörenden Château de la Guette in Villeneuve-Saint-DenisSiehe hierzu in der französischsprachigen Wikipedia: :fr:Château de la Guette (Villeneuve-Saint-Denis). um die 130 deutsche und österreichische jüdische Kinder, die nach den Novemberpogromen von 1938 ab März 1939 mit Kindertransporten nach Frankreich gebracht worden waren. Sie stammten überwiegend aus den Regionen Berlin, Pfalz und Wien.

Die Kinder von La Guette

Die Kinder, denen im Château La Guette Schutz und Betreuung zuteilwurde, kamen hierher aufgrund einer Absprache zwischen dem von Germaine de Rothschild gegründete Comité Israélite pour les Enfants venant d’Allemagne et de l’Europe Centrale (CIE, aber auch als Kurzform „Comité“), dem die Verantwortung für die mit den Kindertransporten eingereisten Kindern oblag, und dem Œuvre de secours aux enfants (OSE). Nach ihrer Ankunft in Paris waren die Kinder zunächst im Hôspital Rothschild untergebracht worden, einem von den Rothschilds gestifteten jüdischen Krankenhaus, um dort auf ihren Gesundheitszustand überprüft zu werden.Lilly Maier: Arthur und Lilly Anschließend wurden die Kinder im Alter von sieben bis vierzehn Jahren im Château de La Guette untergebrachtEin Teil wurde übergangsweise noch im Château de Maubuisson untergebracht, das Teil des ehemaligen Klosters Maubuisson in Saint-Ouen-l’Aumône war. (Sarah Schneider: Searching for Home at Château de la Guette and Beyond, S. 69), die anderen in verschiedenen Häusern der OSE.Sabine Zeitoun: Accueil des enfants juifs étrangers en France Wer wohin kam, folgte einem nicht unumstrittenen Konzept:

Die Zahl der Kinder, die im Château La Guette ein Zuhause auf Zeit fanden, wird in den verschiedenen Quellen nahezu identisch wiedergegeben. Auf der Webseite 4 Enoch ist von 134 jüdischen Flüchtlingskindern im Alter zwischen neun und fünfzehn Jahren in La Guette die Rede. Von diesen seien 57 weiblich und 77 männlich gewesen, und ungefähr 66 seien aus Österreich gekommen, etwa 68 aus Deutschland.4 Enoch: Chateau de La Guette

Die Zahlen in dieser Liste stimmen nahezu völlig überein mit den auf der Webseite 4 Enoch genannten und verdeutlichen noch einmal, dass die Kinder im Wesentlichen aus drei eingangs erwähnten Regionen stammten: Pfalz, Berlin und Wien. Unter anderem diese unterschiedliche geografischen Herkunft, die noch betont wurde durch dialektbedingte sprachliche Barrieren (Deutsche versus Österreicher), führte zu unterschiedlichen Gruppenbildungen. Hobson Faure konstatiert allerdings, dass in La Guette die vergleichsweise homogenste Gruppe der mit den Kindertransporten eingereisten Kinder bestanden hätte.Laura Hobson Faure: Who will rescue us? Sie verweist aber auf Lida Jablonski, die sich noch um 1968 an die gravierenden Unterschiede zwischen den drei Herkunftsgruppen erinnerte.

Die Betreuerinnen und Betreuer im Jahr 1939 Einer der ersten Berichte über die Situation der in La Guette untergebrachten Kinder stammt von Sara Lehmann, einer Mitarbeiterin im jüdischen Wohlfahrtsamt in Ludwigshafen, die im März 1939 einen Kindertransport nach Paris begleitete und dabei auch die Gelegenheit nutzte, La Guette zu besuchen. Ihre Eindrücke schilderte sie den Eltern der aus der Pfalz stammenden Kinder in einem ausführlichen Brief vom 29. März 1939, der nach Wipfler-Pohl auch die Funktion hatte, den in Deutschland verbliebenen Eltern zu verdeutlichen, „daß ihre Entscheidung, sich von ihren Kindern zu trennen und sie dem Comité Israélite anzuvertrauen, richtig gewesen war“.Sigrun Wipfler-Pohl: Kinderemigration 1939 Lehmann zeichnete ein sehr positives Bild von der Unterbringung und Betreuung der Kinder und skizzierte das diesen zu Teil werdende Ausbildungsprogramm.

Lehmann teilt nicht mit, wer der oder die Lehrer waren, erwähnt nur den „jungen Direktor[.] der zusammen mit seiner Mutter seit kurzem den Betrieb leitet“, und „das sympathische junge Lehrerpaar“, das sie kennenlernen durfte. „Die Frau ist Ärztin, überwacht den Gesundheitszustand und ist bei eintretenden Störungen sofort zur Hand – ein beruhigender Gedanke!“

Über den „jungen Direktor und seine Mutter“ gibt es nur wenige Informationen. Es handelte sich um Wilhelm (Willy) Katz (* 9. Januar 1919 in Offenbach am Main; † 13. Juni 1998 in Paris)Daten laut ancestry.com, der im Alter von 20 Jahren der erste Leiter des Kinderheims geworden war. Hobson Faure vermutet, dass er vermutlich auf Grund seiner Unerfahrenheit die Aufgabe zusammen mit seiner Mutter Antonie (geborene Strauss; * 5. Oktober 1892 – † 1978 in Mexiko)Stolpersteine in Offenbach: Dr. Bernhard Katz, Antonie Katz, Walter und Wilhelm Katz auf der Webseite der Geschichtswerkstatt Offenbach übernahm. Willy Katz war in Frankreich Mitglied der jüdischen Pfadfinderorganisation Eclaireurs Israélites de France (heute Les Eclaireuses et Eclaireurs Israélites de France (EEIF)) gewesen und kämpfte später in der Résistance. Über sein Wirken in La Guette gibt es bei Hobson Faure einige Andeutungen, die unterschiedliche Auffassungen zu den anderen Betreuerinnen und Betreuern nahelegen, und nach Sarah Schneider war er nur kurzzeitig für das Heim verantwortlich.Sarah Schneider: Searching for Home at Château de la Guette and Beyond Bei Hobson Faure findet sich noch der Hinweise, dass nach dem Ausscheiden von Katz für einige Zeit eine „Miss Bernheim, a lady from the committee“, La Guette geleitet habe. Bei ihr handelte es sich um Yvonne Bernheim, die laut dem auf der Webseite We Refugees wiedergegebene Protokoll am 30. Juni 1939 als Leiterin der „Jüdischen Jugendzentren“ (Directrice des Centres Sociaux de la Jeunesse Juive) dem CIE angehörte, doch wurde zu dem Zeitpunkt bereits Ernest Jablonski als Leiter von La Guette im Protokoll einer CIE-Sitzung geführt.Aktivitäten des Comité Israélite pour les Enfants venant d’Allemagne et de l’Europe Centrale (Protokoll) auf der Webseite We Refugees

Anders als der junge Willy Katz verfügte das von Lehmann erwähnte „sympathische junge Lehrerpaar“ über völlig andere Vorerfahrungen, und das nicht nur wegen der medizinischen Ausbildung der Frau. Es handelte sich um Françoise Brauner (geborene Fritzi Erna Riesel; * 16. April 1911 in Wien – † 14. September 2000 in Paris) und ihren Mann Alfred Brauner (* 3. Juli 1910 in Saint-Mandé – † 1. Dezember 2002 in Paris).Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, hier ausführlich auf die Biographien der Brauners einzugehen. Es existieren ausführliche Artikel über sie unter anderem in der französisch- und englischsprachigen Wikipedia, und es gibt eine Vielzahl von frei zugänglichen Artikeln über sie im Internet. Für einen ersten Einblick in das Leben und Wirken von Françoise Brauner siehe: Fritzi Brauner auf der Webseite Lernen aus der Geschichte. Umfangreicher und auch die gemeinsame Arbeit von Françoise und Alfred Brauner betonend (incl. der gemeinsamen Publikationen), ist die französischsprachige Webseite Françoise Brauner auf memoiresdeguerre.com. Alfred Brauner wird in den Artikeln immer mit bedacht, doch biographische Übersichten nur über ihn sind eher selten oder unzulänglich, so zum Beispiel auf der Webseite Brauner, Alfred, Dr. – ÖsterreicherInnen für Spaniens Freiheit 1936-1939 des Dokumentenarchivs des österreichischen Widerstandes. Eine weitere Kurzbiographie ist dort auch für seine Frau zu finden: Brauner, Fritzi, Dr. – ÖsterreicherInnen für Spaniens Freiheit 1936-1939. Beide, sie als Ärztin, er als Pädagoge, nahmen als Angehörige der Internationalen Brigaden am Spanischen Bürgerkrieg teil und betreuten damals schon Flüchtlingskinder.Anja Kuhr: Ich hab’ den Krieg gezeichnet. Kinderzeichnungen aus sechs Jahrzehnten, W&F Wissenschaft und Frieden, 1998/2 Sie sammelten auch Kinderzeichnungen, in denen die Kinder ihre Erfahrungen in einer ihnen bedrohlichen und vom Krieg gezeichneten Welt verarbeiteten.Zur Arbeit von Françoise und Alfred Brauner im Spanischen Bürgerkrieg siehe auch: Karine Lapeyre: Los niños de la guerra. La vida en la zona republicana (1936-1939), Cahiers de Civilisation Espagnole Contemporaine, 6/2010 (Online auf OpenEdition Journals) Das setzten sie fort, nachdem sie 1939 von Germaine de Rothschild für die Arbeit in La Guette engagiert wurden. Im Laufe der Jahre wuchs ihre Sammlung auf etwa 2.000 Bilder, die die Basis bildeten „für mehrere wissenschaftliche Untersuchungen“, Publikationen und Ausstellungen.J'ai dessiné la guerre : le regard de Françoise et Alfred Brauner" erschien erstmals 1991 (Emilie Lochy: "Alfred Brauner au château de la Guette) Lochys Artikel erschien vermutlich aus Anlass der erneuten Publikation des Buches unter dem gleichen Titel im Jahre 2011 (ISBN 978-2-84516-527-4, Presses universitaires Blaise Pascal, Clermont-Ferrand 2011) Dem deutschen Titel Ich hab' den Krieg gezeichnet entstand im Herbst 1993 mit einem Teil dieser Sammlung eine Ausstellung in Hamburg, die danach in 40 Städten im In- und Ausland gezeigt wurde. (Anja Kuhr: Ich hab’ den Krieg gezeichnet)

Neben dem Ehepaar Brauner wurden von Germaine de Rothschild – vermutlich als Nachfolger von Willy Katz und seiner Mutter, denn auf deren weitre Anwesenheit in La Guette gibt es keine Hinweise mehr – zwei weitere Paare angestellt: das Ehepaar Ernst und Lydia (Lida) Jablonski und das Ehepaar Harry Spiegel und Mable Irene Spiegel. Ernst Jablonski, besser bekannt unter seinem später in der Résistance angenommenen Namen Ernest Jouhy (1913–1988) und nicht verwandt mit dem CIE-Sekretär Robert Jablonski (1909–2008), war 1933 aus Deutschland emigriert und hatte 1939 an der Pariser Sorbonne das Diplom in Psychologie erworben. Laut Sophia Dafinger war er Im Februar 1939 von Germaine de Rothschild als Betreuer für La Guette eingestellt wordenSophia Dafinger: Hilfe, Wohltätigkeit, Solidarität?, und das zusammen mit seiner Frau, deren Vornamen mal als Lida, mal als Lydia angegeben wird. So viele Fotos es gibt, auf denen sie in La Guette oder später in anderen OSE-Einrichtungen zu sehen ist, so wenig ist über sie bekannt.

Eine der vielen von Hobson Faure erwähnten Interviews gab Lydia Jablonski am 21. Februar 1996 der USC Shoah FoundationRahmendaten zum Interview mit Lydia Jablonski; das Interview selber ist in Deutschland nicht frei zugänglich. Freu zugänglich ist dagegen das Oral history interview with Lydia Jablonski, das für das USHMM aufgenommen wurde (in französischer Sprache). Daraus ergibt sich auch ihr korrektes Geburtsdatum, der 26. Juli 1911; ihr Todesdatum ist unbekannt.

Das dritte in La Guette arbeitende Ehepaar waren die US-amerikanische Krankenschwester Irene Goldin (1910–2004) und der Österreicher Harry Spiegel (1910–2000), die beide im Spanischen Bürgerkrieg in den Internationalen Brigaden gekämpft hatten.

Nach Sarah Schneider, die aus einem Interview zitiert, das Irene Spiegel ebenfalls der USC Shoah Foundation gab, waren die Brauners Freunde von Harry Spiegel seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Universität.Das Interview mit Irene Spiegel in englischer Sprache ist auf der Webseite der USC Shoah Foundation frei zugänglich. (Daniel Frankl: Interview mit Irene Spiegel, Wien, 9. November 1997)

Die drei Paare verfügten über einen jüdischen Hintergrund, aber sie waren laut Lydia Jablonski alle strikt säkular eingestellt. Dass sie zudem noch explizit links eingestellt waren, scheint für Germaine de Rothschild kein Problem gewesen zu sein, der Hobson Faure über ihr finanzielles Engagement hinaus ein Interesse für innovative Sozialarbeit und pädagogische Methoden attestiert. Zudem habe sie ein eher liberales Judentum vertreten. Unter diesen Voraussetzungen entwickelte sich die besondere Atmosphäre, für die La Guette bekannt geworden ist, und die es den Betreuern ermöglichte, im Château de la Guette entschlossen ihre Vorstellungen einer säkularen Kinderrepublik zu errichten.

Die Kinderrepublik La Guette