Rudolf Blättler (* 20. Dezember 1941 in Kehrsiten, Kanton Nidwalden) ist ein Schweizer Bildhauer und Zeichner. Er lebt und arbeitet in Luzern.
Leben Als Sohn eines Fischers«Dein Vater war Fischer. Du hast das Wesen der Oberfläche und der Tiefe früh kennengelernt; und wenn du im Boot mit hinausfuhrest, stauntest du ob dem Spiel, das der Vater mit dem Netz und den Fischen spielte.» (Anton Glanzmann, in: Rudolf Blättler, Luzern 1974, S. 2) am Ufer des Vierwaldstättersees aufgewachsen, absolvierte Rudolf Blättler die obligatorische Schulzeit in Kehrsiten und Stans, bevor er sich zum Flugzeugmechaniker ausbilden liess. 1965, nach dem Lehrabschluss und zwei Jahren als Zeichner in einem Konstruktionsbüro für Tragflügelboote, begann er in Luzern sowohl das Studium der Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule (später Schule für Gestaltung, heute Hochschule - Design, Film, Kunst) als auch ein Oboen-Studium am Konservatorium, der heutigen Hochschule Luzern - Musik (1965–68). Danach führten ihn weitere Studien nach Wien (Akademie der Bildenden Künste, 1968–69) und Rom (Accademia delle Belle Arte, 1969–71). 1971 heiratete Blättler die Malerin Marie-Theres Amici. Mit ihr zusammen unternahm er Reisen in die USA, nach Polen, Russland und Südamerika – jene nach Mexiko und Peru sollten sein Schaffen besonders prägen. Mitte der siebziger Jahre liess sich das Künstlerpaar in der Stadt Luzern nieder und gründete eine Familie (zwei Töchter, ein Sohn). Die Entscheidung zwischen Musik und Kunst war inzwischen gefallen, Blättler arbeitete zunächst für ein Jahrzehnt in einer Baubaracke im Moosmattquartier, bevor er 1980 das Atelier in der Alten Jugendherberge nahe dem Rotsee bezog. Von hier aus fanden seine Bronzeplastiken seitdem ihren Ort bevorzugt im öffentlichen Raum und in Freilichtausstellungen; von 1972 an war sein zeichnerisches und plastisches Werk häufig in Museen und Galerien (erstmals Galerie Raeber, Luzern) zu sehen, zunächst in der Innerschweiz, ab 1980 («Cenote» an der Grün 80, Basel) auch darüber hinaus. An den grossen Schweizerischen Skulpturen-Ausstellungen in Bex und Môtiers war er regelmässig mit Werken präsent.
Neben Förderpreisen und Stipendien (zwei eidgenössische Kunststipendien 1977 und 1978) wurde der Künstler mit dem Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern (1996) und dem Prix Meret Oppenheim (2003) gewürdigt.
Werk mini|Rudolf Blättler: o.T. (männlich-weiblicher Torso), Bronze, 93 × 51 × 30 cm, 2010 Im Zentrum von Blättlers Schaffen steht der Mensch in seiner natürlichen Verortung, geborgen und ausgesetzt zwischen Erde und Himmel, zwischen Archaik und Aktualität, zwischen Mythos und Kosmos, zwischen Werden und VergehenTheo Kneubühler: «Aufsteigen und Versinken sind als Werden und Vergehen Lebensbewegungen», in: Rudolf Blättler 1977, S. 3. Mittel und Mass seiner Kunst ist die menschliche Figur. Das trifft selbst dort zu, wo sie – wie bei den Modellen riesiger kultischer Anlagen – in den Raumkonstruktionen unterirdisch verschwindet oder – wie bei deren exemplarischer Umsetzung – im Dämmerlicht begehbarer Räume erst allmählich sichtbar wird.
Blättler wurde in erster Linie bekannt als Bildhauer figürlicher Skulpturen. Doch schon in den 1970er-Jahren entstanden die erwähnten «Utopischen Projekte», Anfang der 1980er-Jahre und noch häufiger im Spätwerk trat er dann auch mit Zeichnungen und Aquarellen hervor. So unterschiedlich die künstlerischen Mittel und Wege, so fokussiert sind Haltung und Thema – in grosser inhaltlicher Geschlossenheit befragt und gestaltet Blättler die menschliche Figur in ihrem Selbst- und Weltverhältnis. Er entwickelt hartnäckig immer neue Formen für die Grundspannungen der menschlichen Existenz (Geschlechtlichkeit, Vergänglichkeit, Zusammengehörigkeit…), deren Widersprüchlichkeit und Lebendigkeit ihn interessiert. Diese vitale Ambivalenz bzw. ambivalente Vitalität durchdringt sein gesamtes Werk bis hin zu dessen kontroverser Rezeption: Was als gewaltig, roh und elementar erscheint, erweist sich beim zweiten Blick als zärtlich, verwundbar und einmalig – und umgekehrtZahlreich sind die Titel in Zeitungsartikeln, die diese Beobachtung zum Ausdruck bringen: «Voll von Kraft und Zärtlichkeit» (Romano Cuonz in Neue Luzerner Zeitung, 26.9.2019) oder «Monströs und sinnlich zugleich» (Andreas Fässler in Zuger Zeitung, 23.1.2021).. mini|408x408px|Rudolf Blättler: Mann und Weib, Bronze, 190 × 126 × 123 cm, 1992
Skulpturen mini|links|Rudolf Blättler: Liegende Frau, Gips, 28 × 150 × 97 cm, 2009 Früh in Blättlers Schaffen verlassen die figurativen Plastiken den Sockel und suchen die Nähe zum Boden, zur Erde: Zahlreich sind die Gesichter, die daraus hervorwachsen (von «Gesicht», 1972ff., bis «Ubinas», 1983), die ungeheuren, starken Frauenfiguren («Grosses Weib», 1988/89), die buchstäblich Eigenständigkeit ausstrahlen, die Paare («Mann und Weib», 1992, Mutter und Kind), die sowohl Erdverbundenheit als auch wechselseitige Abhängigkeit markieren, die mit «Dreiweib» (1983, 1986) bezeichneten Frauentrios, verankert und verletzlich zugleich. Ob «Geburt», 1975, «Vulkan», 1977, oder «Horchender», 1982, stets sind Blättlers Figuren expressive Zeichen der urtümlichen Kraft, die ihnen auch aus der Orientierung an der kosmischen Ordnung zuwächst. Jüngere Arbeiten zeigen Frauenakte (2000–2009) und männliche PhalliVgl. unten: Zeichnung Ohne Titel, Venezia, 2010 und TorsiVgl. unten: Ohne Titel (männlich-weiblicher Torso), 2010 (nach 2010) in ihrer fragilen Intimität, besonders radikal die «Liegende Frau», 2009, die in ihrer souveränen Hingabe nicht entfernter sein könnte vom modischen Opferstatus.«Dieser dargestellte Mensch macht, aus unserer Mitte heraus und trotzdem weit über alles hinaus, Mut – angstlos und frei im Einklang gebunden sein», schreibt Theo Kneubühler über die Liegende Frau von 2009 (in: Rudolf Blättler, Kriens 2011, S. 10) mini|325x325px|Rudolf Blättler: Schwarzes Haus II, Installation Kunstmuseum Luzern, 661 × 1354 × 834 cm, 2004
Utopische Projekte Die in den 1970er-Jahren in der Begegnung mit der aztekischen Kultur entstandenen Modelle im Massstab 1:50 oder 1:100 wären – realisiert – teils Dutzende Meter gross, meist kultische Anlagen, vielstufig in die Erde versenkt, mit einem zentralen Raum, der ein Gesicht oder eine Vulva birgt. Teile solcher Projekte machte der Künstler 1981 («Schwarzes Haus») und 2004 («Schwarzes Haus II») im Kunstmuseum Luzern erlebbar als begehbare Rauminstallationen im Massstab 1:1. Doch noch die exemplarische Ausführung dieses einen Raums geriet zur «klassischen Bildhauerarbeit von eigentlich gigantischem Ausmass», die riesige Skulptur verwandelte sich «in ein erst nach und nach sich manifestierendes, scheinbar immaterielles Phänomen. Es ist eine Transformation vom Haptischen ins Imaginäre, die auf gleichsam wunderbare Weise bewirkt, dass alle zugleich dasselbe und etwas ganz anderes sehen»Peter Fischer, in: Rudolf Blättler, Schwarzes Haus II, Luzern 2004, S. 12. Dieselbe Wirkung entfaltet das westwärts ausgerichtete «Gesicht» im Turmverlies der Burg Hohenklingen in Stein am Rhein, während in Beckenried der Riesenkopf «Ubinas» mit Blick nach Westen mächtig die Erdrinde durchstösst, einen Kultort schaffend auch er.
Zeichnungen und Aquarelle Der Bildhauer Rudolf Blättler ist auch ein Zeichner und Aquarellmaler. Thematisch begleiten die Zeichnungen das plastische Werk, ohne dafür bloss hinführende Skizzen zu sein; sie bilden eigenständige Welten, insbesondere im Spätwerk, wo Gesichter und Geschlechter aus dunkler Chinatusche hervortreten und ihr irritierendes Spiel mit unserer Wahrnehmung spielen («Aus der Nacht», Museum im Bellpark Kriens, 2011). Den Künstler interessiert, wie viel Gesicht, wie viel Sichtbarkeit er der Nacht abgewinnen kann und wie viel Geheimnis das Dunkel letztlich für sich behält. Doch um das Erkunden von Wahrnehmungsphänomenen geht es nur vordergründig, vielmehr handelt es sich bei Blättler um nichts weniger als ein sinnliches, neugieriges und staunendes Nachfragen nach Anfang und Ende von Erkennen und Vertrauen.
Ausstellungen Blättlers wichtigste Galerien waren in den Anfängen die Galerie Raeber in Luzern sowie die Galerie Elisabeth Staffelbach in Lenzburg bzw. Aarau. Das Künstlerpaar Blättler-Amici stellte seine Werke viermal gemeinsam aus: 1997, 2000, 2011 und 2016. mini|316x316px|Rudolf Blättler: Horchender, Bronze 70 × 105 × 56cm, 1982
Einzelausstellungen (Auswahl) 2019: «Rudolf Blättler Skulptur», Nidwaldner Museum, Stans (Kat.) 2011: «Rudolf Blättler – Aus der Nacht», Museum im Bellpark, Kriens (Kat.) 2004: «Schwarzes Haus ll», Kunstmuseum Luzern (Kat.) 2004: «Ubinas», Kunstmuseum Luzern (Kat.) 1993: Nidwaldner Museum, Stans (Kat.) 1994: Galerie Altes Schützenhaus, Zofingen (Kat.) 1988: Galerie in Lenzburg, Lenzburg (Kat.) 1986: Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen (Kat.) 1983: «Selten oder nie gezeigte Arbeiten», Kunstmuseum Olten (Kat.) 1981: «Schwarzes Haus», Kunstmuseum Luzern (Kat.) 1974: «Rudolf Blättler. Plastiken, Reliefs und Zeichnungen», Galerie Raeber, Luzern (Kat.)
Gruppenausstellungen (Auswahl) 2024: «Woher kommst du?» Kunstmuseum Luzern, Sammlungsausstellung 2023: «Selbst und Welt» Werke aus der Sammlung, Nidwaldner Museum Stans 2021: «Schweizer Skulptur seit 1945», Aargauer Kunsthaus, Aarau (Kat.) 2016: «Sammlung Bellpark», Museum im Bellpark, Kriens 2016: Rudolf Blättler / Marie-Theres Amici, Kunsthalle Luzern 2011: «Môtiers 2011», Art en plein air, Schweizerische Skulpturenausstellung, Môtiers 2007: «Top of Central Switzerland», Kunstmuseum Luzern 2006: «Zeitzeichen», R.B./Kotscha Reist, Galerie Bernhard Bischoff&Partner 2003: «Môtiers 2003», Art en plein air, Schweizerische Skulpturenausstellung, Môtiers 2002: «Noces». 8ème triennale de sculpture contemporaine, Bex 2000: «Projekt Zentralschweiz Auftakt». Neues Kunstmuseum Luzern 2000: «Neue Kunst in altem Gemäuer». Galerie Studio 10, Chur (mit M.Th. Amici) 1999: «Mémoires Paysages intérieurs». Schweizerische Skulpturenausstellung, Bex (Kat.) 1997: «Kunst aus Luzern», Universitätsgalerie Cieszyn, Polen (mit B. Murer, I. Wydler) (Kat.) 1997: «Am Anfang war das Bild», Kunstmuseum Olten 1996: «Babylon», Schweizerische Skulpturenausstellung, Bex (Kat.) 1995: Skulpturen-Ausstellung «Maison Latine», Rosengarten, Bern (mit G. Camesi, C. Magnin, E. Pedretti) 1995: «Môtiers 1995». Schweizerische Skulpturenausstellung, Môtiers (Kat.) 1994: «10 Sculpteurs de Suisse centrale», Parc Stagni, Chêne-Bougeries, Genève (Kat.) 1993: «Mise en scène», Schweizerische Skulpturenausstellung, Bex (Kat.) 1992: «Sculptures», Parc Stagni, Chêne-Bougeries, Genève 1992: «expressiv», Sammlung Anliker, Kunstmuseum Luzern (Kat.) 1991: «Sculpture Suisse 1960-1991», Fondation Pierre Gianadda, Martigny (Kat.) 1991: Kulturweg Baden - Wettingen - Neuenhof (Kat.) 1991: «Skulptur Innerschweiz», Villette-Park, Cham (Kat.) 1991: Kunstzone im Hof, Luzern (Kat.) 1990: «Le dormeur du val», Schweizerische Skulpturenausstellung, Bex (Kat.) 1989: «Môtiers 89», Schweizerische Skulpturenausstellung (Kat.) 1987: «Sur les traces du sacré», Schweizerische Skulpturenausstellung, Bex 1987: «L’état des choses», Kunstmuseum Luzern (Kat.) 1985: 5. Biennale der Schweizer Kunst, Kunstmuseum Olten (Kat.) 1982: «Kunst und Natur», Galerie Elisabeth Staffelbach, Lenzburg (Kat.) 1982: «G’82», Esposizione Nazionale di Scultura all'aperto, Gambarogno (Kat.) 1981: «4 Unterwaldner Künstler», Galerie Chäslager, Stans 1980: Grün 80, nationale Gartenbauausstellung, Grossraumplastik „Cenote“, Basel 1980: 7. Schweizer Plastikausstellung, Biel (Kat.) 1980: «Schweizer Museen sammeln aktuelle Schweizer Kunst», Kunsthaus Zürich/Musée Cantonal des Beaux-Arts Lausanne (Kat.) 1979: «8 Innerschweizer», Galleria Matasci, Tenero (Kat.) 1979: «30 Junge Schweizer Plastiker», Seedamm Kulturzentrum, Pfäffikon (Kat.) 1978: «Le Dessin en Suisse 1978», Musée d’Art et d’Histoire, Genève 1978: 3. Biennale der Schweizer Kunst, Kunstmuseum Winterthur (Kat.)