Der Aven de Marillac ist eine prähistorische Fundstätte im Gemeindegebiet von Marillac-le-Franc im südwestfranzösischen Département Charente. Die archäologischen Grabungen erbrachten Funde gegen Ende des Mittelpaläolithikums, darunter Reste von Neandertalern sowie Stein- und Knochenartefakte des Moustériens.

Etymologie Das französische Wort „aven“ leitet sich ab vom Okzitanischen „avenc“ – mit der Bedeutung Schachthöhle oder Doline. Der Ortsname „Marillac“ geht wahrscheinlich auf den gallorömischen Eigennamen „Marillius“ zurück, gefolgt vom Suffix -acum (zusammen somit „Marilliacum“, das ein Anwesen oder eine Domäne des Marillius bezeichnet). Marillac-le-Franc hieß im Jahr 1060 noch „Mareslaco“ und 1324 „Marilhaco“.

Einführung In Eurasien bestehen nahezu 250 Fundstätten, die menschliche Überreste von Neandertalern enthalten. Hiervon befinden sich 30 % (d. h. 75) allein in Frankreich. Im Département Charente lassen sich darunter immerhin 15 erwähnen. Die Fundstätte Les Pradelles im Nordosten von Marillac-le-Franc war einst auf einer kleinen Kalkanhöhe gelegen, welche heute aber verschwunden ist. Unter Wissenschaftlern gilt Les Pradelles als einzigartig in Frankreich, um nicht zu sagen als einzigartig in Westeuropa.

Geographie mini|hochkant=1.6|Die Ligonne bei Marillac-le-Franc

Die 27,36 Ar große Fundstätte liegt am Ostrand des Karsts von La Rochefoucauld beim Weiler Les Pradelles – 300 Meter nordöstlich des Gemeindezentrums von Marillac-le-Franc und etwa 3,5 Kilometer östlich von La Rochefoucauld – Ortsmitte. In unmittelbarer Nähe führt die D 392 vorbei (Route de Rancogne). Die Fundstätte befindet sich etwas rechtsseitig zurückversetzt (um 20 Meter) von der hier nach Südsüdwest abfließenden Ligonne – einem kleinen rechtsseitigen Nebenfluss der Tardoire. Auf der IGN-Karte wird der Aven noch als „gouffre“ bezeichnet.

Topographische Gegebenheiten Eigentliche Fundstätte ist eine Geländedepression mit geringem Tiefgang (etwa 7 bis maximal 9 Meter), die von einem Gang (franz. „galerie“) in Richtung Ligonne verlängert wird. Die 20 Meter lange und 10 Meter breite Depression ist nach Ostsüdost ausgerichtet. Sie öffnet sich entlang einer einstigen, sehr diskreten Scheitellinie in den Kalkschichten und stellt ein sehr komplexes, nach oben sich öffnendes Karstphänomen (ehemalige Karsthöhle) dar. Die Fundstätte liegt auf einer Höhe von 108 Meter und ist oft von der Ligonne geflutet worden, die an der Ostseite vorbeifließt und 100 Meter vor der Fundstätte eine Versickerungsstrecke im Karst aufweist.

Geologie Die Fundstätte befindet sich in flach nach Südwesten einfallenden Kalkschichten des Doggers, genauer in Bajocium (Formation j1). Diese gehören zum Nordostrand des Aquitanischen Beckens und liegen wie bereits angesprochen im Einzugsbereich des Karsts von La Rochefoucauld. Das Bajocium ist generell ein feinkörniger, gelblicher, ockerfarben gepunkteter, Silex enthaltender Kalk, der bis zu 95 Meter an Mächtigkeit erreichen kann.

Im Zuge der Verkarstung hatten sich im Kalk Karstkammern herausbilden können.

Die gesamte Juraabfolge liegt auf dem Grundgebirge des westlichen Massif Central, das etwa 5 Kilometer weiter östlich bei Rochebertier (Gemeindegrenze von Mazerolles und Yvrac-et-Malleyrand) ansteht. Es handelt sich hier um flach (mit 20°) nach Nordwesten einfallende Glimmerschiefer der Mazerolles-Einheit.

Auf den Kalk greift von Osten quartäres Kolluvium (Formation C) über – tonig, sandige Hanglagen sowie ein an Silex-reiches Trockental. Das Trockental wurde vom Flusslauf der Margot angelegt, das an der Fundstätte rechtsseitig in die Ligonne übergeht (die Margot mündet jetzt aber erst westlich von Marillac in die Ligonne). Das Kolluvium überlagert seinerseits teils älteres, möglicherweise tertiäres Kolluvium (Formation RCIII-IV), das den gesamten Westabhang des Grundgebirges mit seinen jurassischen Deckschichten verhüllt. Die Ligonne fließt jetzt in einer tonigen, quartären Niederterrasse (Formation Fy-z).

Die Kalke des Bajociums zeigen weiter nördlich Nordwest-Südost-streichende Verwerfungen, die als Seitenverschiebungen ausgebildet sein können.

Geschichtliches Der Aven de Marillac wurde im Jahr 1898 zufällig entdeckt und bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs sodann als Steinbruch verwendet. Seine erstmalige Erwähnung erfolgte im selben Jahr durch E. Vincent. In den Jahren 1933 und 1934 führte Pierre David erste Grabungen durch. Der Eigner des Steinbruchs Auguste Richeboeuf hatte seit dem Zeitpunkt der Entdeckung wichtiges Material angesammelt, welches sodann untersucht wurde.

Zwischen 1967 und 1980 nahm der französische Paläoanthropologe Bernard Vandermeersch die Grabungsarbeiten wieder auf, welche jetzt wissenschaftlich durchgeführt wurden. Ihm folgte sodann zwischen 2001 und 2013 Bruno Maureille, einer seiner Schüler. Seit seiner Professur für Urgeschichte an der Université de Bordeaux unternahm Maureille jedes Jahr im Juli und August eine Grabungskampagne vor Ort – in Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Forschern wie Alan T. Mann der Princeton University (Ausgrabungen Maureille-Mann 2002 bis 2012).

Seit 2002 ist die Fundstätte im Besitz des Ministère de la Culture. Ihre östliche Hälfte wird von einem Schutzdach abgedeckt.

Stratigraphische Abfolge mini|hochkant=1.6|Die Fundstätte im Jahr 2013 unter ihrem Schutzdach

Die von Bernard Vandermeersch im Jahr 1987 vorgestellte Stratigraphie baut sich aus 12 Lagen auf, welche knapp 4 Meter in Anspruch nehmen. In ihrer Arbeit aus dem Jahr 2007 unterscheiden Jean-Pierre Texier und Isabelle Couchoud auf der Ostseite 6 Lagen mit insgesamt 12 Fazies. Dies sind vom Hangenden zum Liegenden die lithologischen Einheiten (franz. Unités lithologiques oder abgekürzt UL) UL F mit Fazies 3 und 8 – konsekutive kolluviale Umlagerungen mit subaktuellen Wiederaufarbeitungen. UL E mit Fazies 7 – sehr unterschiedlich dimensionierte Kalkplatten und -gerölle in einer braunroten, sandig-tonigen Matrix. Die Schicht führt einen Calcisol. UL D mit Fazies 5 und 6 – Rutschungen (Hangschutt mit offener bis halboffener Struktur – Fazies 5), deren oberer Abschnitt seitwärts Schichtcharakter annimmt (Fazies 6). UL C mit Fazies 4a, 4b, 4c und 4d – ineinander verzahnende Gesteinsbruchstücke, deren Zwischenräume von einer mehr oder weniger feinen Grundmasse verfüllt werden. Die vier Fazies lassen sich anhand der Farbgebung und dem Gefüge der Grundmasse auseinanderhalten. UL B mit Fazies 2a und 2b – Gerölllagen, die mehr oder weniger mit einer dunkelbraunen, tonig-sandigen Matrix verbunden werden. UL A mit Fazies 1 – sterile, sandige Karsttone. Enthalten manchmal auch noch im Hangenden eine von Karsttonen bedeckte Stalagmitplatte. Womöglich handelt es sich hier vor Einsetzen der Tonverfüllung um eine ehemalige Stalagmitdecke.

Archäologisches Material erscheint erstmals zusammen mit Koprolithen in der Schicht UL B (Fazies 2a). Sehr reichhaltig werden die archäologischen Überreste sodann in der Schicht UL C, vor allen Dingen in der Fazies 4a und 4b. Auch in der Schicht UL D (Fazies 5) findet sich noch archäologisches Material, wenn auch wesentlich geringer als in den beiden vorangegangenen Schichten. Die Fazies 6 enthätl so gut wie keine Fragmente mehr. Die beiden obersten Schichten UL E und UL F sind steril.

Vor rund 32.000 Jahren wurde der Aven endgültig verfüllt und somit endete seine Okkupation.

Angetroffene Fauna Unter der angetroffenen Paläofauna wies bereits 1934 Pierre David die Gegenwart von Rentier (Rangifer tarandus – mit 99 % beherrschendes Faunenelement), Wildpferd (Tarpan – Equus ferus), Steppenbison (Bos priscus) und Bär (Ursus) aus. Die vom Steinbruchsbesitzer Herrn Richebœuf aufgelesene Fauna enthielt ebenfalls Rentier, Wildpferd und Bär, zusätzlich jedoch noch Wisent, Wolf (Canis lupus spelaeus), Höhlenhyäne (Crocuta crocuta spelaea), Höhlenlöwe (Panthera spelaea), Fuchs, Murmeltier und Saigaantilope (umstritten).

Menschliche Überreste Die erste Grabung durch Pierre David war auf einen menschlichen Unterkiefer gestoßen. Dieser wurde später von A. Ragout und L. Balout sowie von J. Piveteau beschrieben.

Im Jahr 1987 fand Bernard Vandermeersch Zähne, das Bruchstück eines Scheitelbeins und das Teilstück einer Schädelkalotte, die zu einem erwachsenen Neandertaler gehörte. Auf dem Hinterhauptbein sind Kratzspuren zu beobachten, die wahrscheinlich auf eine Zweitbestattung zurückzuführen sind. Eventueller Kannibalismus (aufgrund von Schnittmarken oder Schlagspuren) oder auch Einwirkung von Raubtieren sind aber nicht auszuschließen.

Bruno Maureille und Alan E. Mann haben ihrerseits noch weitere Fragmente freigelegt (unter anderem im Jahr 2001 einen Backenzahn), welche im Anthropologielabor der Université Bordeaux I untersucht wurden. Bis 1986 waren 30 Neandertalreste bekannt, mittlerweile hat sich diese Zahl aufgrund neuerer Untersuchungen auf über 100 erhöht.

Steinartefakte Die archäologischen Grabungen ergaben, dass die Fundstätte Marillac im Mittelpaläolithikum von Neandertalern frequentiert wurde. Reichhaltig an Steinartefakten vertreten sind Schaber. Es wurden zwei unterschiedliche Ausgangsmaterialien verwendet: ein stark zersplitterter Silex minderwertiger Qualität – gefunden in unmittelbarer Nähe und an Ort und Stelle verarbeitet ein hochwertigerer, besser zur Verarbeitung geeigneter Silex – stammend von Fundstellen bei Angoulême.

Die Schaber waren nicht an Ort und Stelle hergestellt worden. Jedoch stammen die Retuschierungsabschläge aus dem Aven. Die Werkzeuge waren nachgeschärft worden, um ihre Lebensdauer zu verlängern.

Die Steinartefakte setzen sich zu 70 % aus Schabern zusammen – darunter Transversalschaber und Einfachschaber des Typs La Quina. Hinzu kommen einige Stichel und einige gezähnte Werkzeuge (franz. denticulés).

Zeitliche Entwicklung und Altersdatierungen Marine Frouin und Kollegen konnten anhand verschiedener Datierungsmethoden für den Aven de Marillac eine Alterszeitspanne vom ausgehenden OIS 4 (bzw. MIS 4 – vor 60.000 Jahren vor heute) bis ins OIS 3 (MIS 3) vor rund 50.000 Jahren vor heute ermitteln. Es darf aber davon ausgegangen werden, dass der Aven gut 15.000 bis 20.000 Jahre benutzt wurde.

Ältestes, radiometrisch mit der Methode Uran-Thorium bestimmtes Element im Aven, ist die Stalagmitdecke in der basalen Schicht UL A. Sie erbrachte 82.000 ± 800 Jahre vor heute und befindet sich somit zu Beginn von OIS 5a (gemäß Lorraine E. Lisiecki und Maureen E. Raymo 2005).

Die sterilen Karsttonablagerungen der Schicht UL A (Fazies 1) wurden durch einen unterirdischen Flusslauf abgelagert. Datierungen ergeben hierfür als Ablagerungsbeginn das Ende von OIS 5, ihr Ablagerungsende erfolgte zu Beginn von OIS 4. Ein Thermoluminiszenzalter (OSL-Alter) an Quarz erbrachte 71.200 ± 8.600 Jahre vor heute.

Danach hatte sich der Aven nach außen geöffnet und konnte folglich von Tieren und Menschen aufgesucht werden. Erstbesiedler waren Fleischfresser – wie Faunenreste und Koprolithen an der Basis von Fazies 2a belegen. Die markante Anwesenheit der Schmalköpfigen Wühlmaus (Microtus gregalis) und die am Kollagen von Pflanzenfressern ermittelten δ15N-Werte deuten auf ein sehr kaltes und rigoröses Klima hin. Es erscheint somit durchaus wahrscheinlich, dass sich der Aven – im Einklang mit derartigen klimatischen Begebenheiten – während des OIS 4 nach außen öffnete und somit Karnivoren Zutritt erlaubte.

In der 45 Kilometer weiter südöstlich gelegenen Villars-Höhle (Département Dordogne) haben deren Speläotheme zwischen 68.000 und 61.000 Jahren vor heute eine extrem kalte und trockene Klimaphase aufgezeichnet – die Villars Cold Phase (D3). Diese korrespondiert teilweise mit dem Heinrich-Ereignis H6 zwischen 63.000 und 60.000 Jahren vor heute. Leider verhindert die fehlende Datierung von Fazies 2a eine Präzisierung der klimatischen Zusammenhänge, sowie des Zeitpunkts der Öffnung des Avens und der Erstbesiedlung durch Karnivoren zu Beginn der Fazies 2a.