Das Glück ist eine Orange ist ein Musical von Peter Lund (Text) und Thomas Zaufke (Komposition), basierend auf einer Biographie über Gustav G. Hardorp von Hans-Joachim Keil.Peter Lund: Das Glück ist eine Orange – Sinalco Das Musical! – Eine Detmolder Geschichte. Hrsg.: Peter Lund. Berlin 2025.

Entstehung Das Musical ist ein Auftragswerk des Landestheaters Detmold für das 200. Jubiläum des Theaters in Detmold. Intendant Georg Heckel des Landestheaters Detmold beauftragte Peter Lund (Text) und Thomas Zaufke (Musik), die fast einhundertjährige Unternehmensgeschichte der Sinalco AG in Detmold als Musical auf die Bühne zu bringen. Das Arrangement erarbeitete Markus Syperek. Die Uraufführung fand am 24. Oktober 2025 statt.

Der historische Teil des Musicals basiert auf der Multimedia DVD Ein Blick hinter die Werkstore der Sinalco AG in den Jahren von 1935 bis 1964, Detmold 2014Hans-Joachim Keil: Ein Blick hinter die Werkstore der Sinalco AG in Detmold in den Jahren 1935 bis 1964. Multimedia DVD. Hrsg.: Hans-Joachim Keil. Detmold 2014. und einer unveröffentlichten Hardorp-Biographie.Hans-Joachim Keil: Biografie Gustav G. Hardorp – Direktor der Sinalco AG von 1936 bis 1946 und 1948–1963. Bislang unveröffentlichtes Manuskript, Detmold 2018.

Protagonisten Drei historische Personen der ehemaligen Sinalco AG treten im Musical auf: Carl Vogel (1870–1943), der sich zum Judentum bekannte, Generaldirektor der Sinalco AG (1908–1935), sein Nachfolger Gustav G. Hardorp (1890–1964) überzeugtes Mitglied der NSDAP, Generaldirektor von 1935 bis 1945 und nach seiner Internierung in einem britischen Lager erneut Generaldirektor der Sinalco AG von 1948 bis 1963. Die dritte Person ist Anneliese Stratmann, Stenotypistin in der Sinalco AG von 1937 bis 1947.

Peter Lund hat für das Musical fünf weitere fiktive Rollen entwickelt: Die neue Bürokraft Franziska Hinkler, die Chefsekretärin Elsbeth Wessling, den Werbefachmann Michael Brandt, die Vorarbeiterin Emma Puhlmann, den Chauffeur und Werkstudenten Heinrich „Henne“ Krüger.

Handlung Erster Akt Das Musical startet mit einer Szene, wie die Sinalco Arbeiterinnen und Sinalco Arbeiter morgens beim Arbeitsbeginn stempeln und ihre Arbeit mit Saftpressen starten. Die Stenotypistin Franziska Hinkler hat Ende der 1950er Jahre ihren ersten Arbeitstag in der Sinalco AG. Das Unternehmen stellt die Grundstoffe für die älteste alkoholfreie Getränkemarke auf dem europäischen Kontinent her und ist ein sehr erfolgreiches Unternehmen in den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie lernt die strenge Chefsekretärin Elsbeth Wessling, die mütterliche Vorarbeiterin Emma Puhlmann, den aufmüpfigen und selbstbewussten Chauffeur und Werkstudenten „Henne“ Krüger und den langjährigen Werbefachmann Michael Brandt kennen. Sie wird dem Direktor Gustav G. Hardorp vorgestellt, der auf sie „väterlich, charismatisch, aber auch furchteinflößend“ wirkt. Franziska Hinkler, anfangs etwas naiv und unpolitisch ist stolz, dass sie in so einem bedeutenden Unternehmen arbeiten darf. Sie darf sich bei den Kolleginnen und Kollegen im Betrieb umsehen und erfährt allmählich, dass es vor 1945 im Unternehmen und in Deutschland ganz andere Zeiten gab. In den 1940er Jahren arbeitete in dem Unternehmen Stenotypistin Anneliese Stratmann, die als Ziehtochter in der Familie Hardorp lebte und von ihrem Chef als Spionin im Betrieb ausgenutzt wurde und damit in einen Zwiespalt zwischen Herz und Verstand geriet. Franziska fragt sich, was hätte sie damals getan.

Die Handlung im Musical springt dann häufig zwischen den 1960er und 1940er Jahren hin und her. Die Chefsekretärin, der Werbefachmann, die Vorarbeiterin und Direktor Hardorp waren in dem Unternehmen auch schon in den 1940er Jahren tätig. Der jüdische Direktor Carl Vogel, den man trotz seines lebenslangen Arbeitsvertrages 1935 aus rassistischen Gründen hinausgeworfen hatte, tritt mehrmals auf, schildert seine Entlassung, seine Pensionskürzung und seine Auswanderung in die USA. Hardorp schildert seine Auseinandersetzungen mit dem Gauleiter Dr. Alfred Meyer und NSDAP-Kreisleiter Wedderwille.

Sowohl Anneliese Stratmann als auch Franziska Hinkler verlieben sich unglücklich in den Werbefachmann Michael Brandt, der ihre Liebe nicht erwidert. Beide Frauen bewundern die Zeichenkünste des Werbefachmanns, die dann quasi als Werbung in mitreißenden Ballettrevuen mit den Tänzerinnen und Tänzern sowie dem Chor dargestellt werden, mal in Italien, mal in Paris. Anneliese Strate und Michael Brandt träumen sich mit unterschiedlichen Motivationen in eine Bar im von den deutschen besetzten Paris, allerdings finden diese Träume ein abruptes Ende.

Zweiter Akt Zu Beginn des zweiten Aktes tritt der jüdische Direktor noch einmal auf und erinnert sich, wie gern er in der Sinalco AG gearbeitet hat und wie wohl er sich und seine Frau Olga in der Stadtgesellschaft vor 1933 aufgenommen gefühlt haben. Seine Erinnerungen werden dann durch den Lärm eines Motorrollers abrupt unterbrochen, weil das Ballett und der Chor die Werbung „Noch nie war eine Jugend so jung wie heute“ auf der Bühne darstellen. Direktor Hardorp ist über diese moderne Werbung mit Rock ’n’ Roll Musik empört und kritisiert seinen stellvertretenden Direktor Bernhard Willée, dass er so viel Geld für Kinowerbung ausgibt. Anneliese hat Kummer, dass sie die Kollegen ausspionieren soll. Emma erzählt Franziska ihre Lebensgeschichte und was in dieser Zeit in Deutschland passiert ist. Michael fragt Franziska, ob sie schon einmal verliebt war und er klagt dann sein Leid, dass seine Sehnsucht nach Liebe nicht erfüllt wird, weil er für Kinder, Kirchen und Staaten eine Gefahr sei. Nach diesen beiden intimem Balladen wird vom Ensemble, vom Chor und Ballett die schwungvolle Werbung dargestellt „Das Glück ist eine Apfelsine“. Nachdem der Aufsichtsrat Hardorps „SS-haftes Auftreten“ 1962 kritisiert hat, empört sich Hardorp darüber in seinem Song „Nicht mit mir“. Er erinnert sich an seine Inhaftierung während des Ersten Weltkriegs bei den Briten in Australien, wie er im Dschungel überlebt hat und wie sie ihm seine Zukunft genommen haben. Er hat seit 1936 für die Firma gekämpft. Die Szene springt in das Jahr 1945 zurück. Die amerikanischen Soldaten durchsuchen die Sinalco AG und die Sinalco Fässer. Ein ohrenbetäubender Lärm beendet die Durchsuchung abrupt, weil Hardorp angeordnet hat, dass ein Mitarbeiter einen schweren Hubwagen mit vielen Flaschen anhebt und fallen lässt, um mit dieser List die Soldaten von weiteren Durchsuchungen abzulenken. Hardorp wird von den Alliierten verhaftet und kommt für 14 Monate in ein britisches Internierungslager. In der Zeit wird ein neuer Betriebsrat gewählt. Der Vorsitzende steht den Kommunisten nahe und sammelt Unterschriften von der Belegschaft, mit dem Ziel, dass Anneliese wegen ihres Ausspionierens aus der Firma entlassen werden soll. Darüber ist Anneliese verzweifelt und bereut ihr Tun, aus Scham bringt sie sich um.

Emma schildert dann in einem temporeichen Song das weitere Geschehen im Unternehmen. Der Sinalco AG geht es in den Nachkriegsjahren wirtschaftlich schlecht. Nach Hardorps Entlassung aus dem Internierungslager besorgt er sich viele sogenannte Persilscheine, mit denen sich die Belasteten gegenseitig reinwaschen. Er erhält sogar einen von dem sozialdemokratischen Landespräsidenten Heinrich Drake, weil er sich wegen seiner früheren Auseinandersetzungen mit dem Gauleiter Dr. Alfred Meyer und dem NS-Kreisleiter Wedderwille als Benachteiligter des Nazi-Regimes darstellt. Nach dem Tod von Anneliese will die Belegschaft, die nunmehr den Betriebsratsvorsitzenden für den Freitod von Anneliese verantwortlich machen, Hardorp wieder als Chef zurück. Er soll wieder die Geschäftskontakte zu den Kunden im Ausland aufbauen. Im Dezember 1948 beruft ihn der Aufsichtsrat wieder als Direktor der Sinalco AG. In den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders entwickeln sich die Geschäfte des Unternehmens gut. Das Musical endet mit der Feier zum 60. Firmenjubiläum im Jahr 1962. Der ehemalige Direktor Carl Vogel betritt noch einmal die Bühne, weil er seine Olga besucht, die auf dem jüdischen Friedhof in Detmold beerdigt ist. Er erzählt dann Emma, dass er auch selbst schon vor fast 20 Jahren in New York gestorben ist. Hardorp erinnert in einer Festrede an die schwierigen Zeiten und dass seine Mitarbeiter unter den Alliierten gelitten hätten. Zu seiner persönlichen Geschichte schweigt er. Die Belegschaft gedenkt der elf an der Front gefallenen Sinalco Mitarbeiter. Franziska sagt Henne, dass sie nun alles über Hardorp erfahren habe, aber sie könne ihn immer noch nicht hassen. Henne antwortet: Kein Wunder, so ein Alphatier hätte doch fast jeder in seiner Familie. Franziska singt zum Schluss: „Mit all diesem Wissen, werden wir weiter fragen müssen.“

Historische Fakten

Das Musical ist eng an die Unternehmensgeschichte von 1935 bis 1964 angelehnt, wie sie in der Multimedia DVD Ein Blick hinter die Werkstore der Sinalco AG in den Jahren von 1935 bis 1964, Detmold 2014 und in der Hardorp-Biografie, Detmold 2014, von Hans-Joachim Keil dokumentiert ist.

Im Jahr 1935 zwang der Aufsichtsrat Theodor Heller der Sinalco AG, der zugleich Direktor der Hansa-Brauerei in Dortmund war und die die Mehrheit der Sinalco Aktien besaß, aus rassistischen Gründen den jüdischen Direktor der Sinalco AG, Carl Vogel, zum Rücktritt. Einige Jahre später kürzte die Sinalco AG ihm die zugesagte Pension, wie es NS-Gesetze für pensionierte Juden vorsahen. Er wanderte unter erschwerten Bedingungen mit seiner Tochter und seinem Enkelsohn Norbert 1941 in die USA aus, wo er 1943 verstarb. Seine Frau († 1932) liegt auf dem jüdischen Friedhof in Detmold. Als Nachfolger schlug die Firma Tengelmann in Bielefeld Gustav G. Hardorp vor, betonte aber auch, dass er ein fanatischer NSDAP Anhänger sei.

Hardorp (* 1890) hatte in Australien als Kaufmann gearbeitet, als er während des Ersten Weltkrieges von den Engländern interniert wurde, weil er als Deutscher im wehrpflichtigen Alter war. Er überlebte nach seiner Flucht mit Hilfe eines irischen Pfarrers ein Jahr im australischen Busch, bis ihn die Briten wieder fanden und ins Zuchthaus steckten. Für Hardorp war der Erste Weltkrieg erst 1919 beendet, als er mit einem Schiff wieder ins Deutsche Reich zurückkehren durfte. Seit den 1930er Jahren arbeitete er bei Fa. Tengelmann in Bielefeld und war schon 1932 in die NSDAP eingetreten.