Hermann Geldermann (* 13. Juni 1941 in Neukirchen, Kreis Moers) ist ein deutscher Tiergenetiker und Agrarwissenschaftler. Er war Universitätsprofessor für Haustiergenetik an der Tierärztlichen Hochschule Hannover sowie für Tierzucht und Biotechnologie an der Universität Hohenheim (Stuttgart).

Leben und Wirken Er studierte 1962 bis 1965 Agrarwissenschaften und Biologie an der Universität Bonn. 1965/66 folgte ein Vertiefungsstudium zur Tierwissenschaft an der Universität Göttingen. Während der Doktorandenzeit erhielt er ein EU-Stipendium zur Teilnahme an molekulargenetischen Praktika im Genetischen Institut der Universität München und im Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried. Im Wintersemester 1976 war er für Studien der Tiergenetik an der University of Edinburgh (Scotland).

1969 promovierte er am Tierärztlichen Institut der Universität Göttingen unter Leitung von Eilhard Mitscherlich über Proteinpolymorphismen beim Rind zum Dr. sc. agr. Vom selben Institut aus habilitierte er 1976 mit Studien zu Quantitative Trait Loci und erhielt die Venia legendi für Tierzucht und Haustiergenetik.

1969 bis 1977 leitete er das biochemisch-genetische Labor am Tierärztlichen Institut der Universität Göttingen. 1977 wurde er als Abteilungsleiter und Universitätsprofessor für Haustiergenetik an die Tierärztliche Hochschule Hannover berufen. Von 1990 bis zu seiner Emeritierung 2007 erhielt er den Lehrstuhl für Tierzüchtung und Biotechnologie an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

Er wohnt mit seiner Familie seit 1977 in Wedemark, Region Hannover.

Schwerpunkte der Lehre Seit Wintersemester 1973/74 bis 1977 hielt er gemeinsam mit Peter Glodek an der Universität Göttingen Vorlesungen zur Tiergenetik. Dieses Gebiet blieb auch danach die hauptsächliche Orientierung seiner Lehre. Ab 1990 etablierte er an der Universität Hohenheim Lehrveranstaltungen zur Tier-Biotechnologie und wirkte am Aufbau eines Studienganges Agrar-Biotechnologie mit.

Darüber hinaus übernahm er Aufgaben in der interfakultativen Lehre. So beteiligte er sich 1970 bis 1976 gemeinsam mit Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen der Universität Göttingen (Federführung Hermann Stegemann, Biologische Bundesanstalt Braunschweig) an einem Biochemischen Praktikum für postgraduierte Studenten. Zusätzlich führte er 1974 und 1975 mit Human- und Pflanzengenetikern sowie Biologen an der Universität Göttingen mehrwöchige genetische Praktika durch. 1977 bis 1990 war er an der Tierärztlichen Hochschule Hannover an einem genetischen Seminar beteiligt, das gemeinsam mit Humangenetikern der Medizinischen Hochschule Hannover (G. Flatz) und Pflanzengenetikern der Universität Hannover (P. G. Wricke) durchgeführt wurde. Im gleichen Zeitraum organisierte er Elektrophoresepraktika für Doktoranden und Postdocs aus tierwissenschaftlichen Instituten in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Im Zusammenhang mit Arbeiten in Lehre und Forschung unterstützte er an der Tierärztlichen Hochschule Hannover eine Partnerschaft mit der Universität Ankara. An der Universität Hohenheim war er an Partnerschaften mit Universitäten in Peking, Moskau, Hanoi, Tirana und Nitra beteiligt. Er betreute zahlreiche Doktoranden, Postdoktoranden und Gastwissenschaftler aus verschiedenen Staaten. Mehrere seiner akademischen Schüler wurden Professoren in Bereichen der Genetik, Biotechnologie oder Veterinärmedizin, wie u. a. Peter Gebicke-Härter (Mannheim), Christoph Knorr (Göttingen), Sri Bandiati Komar (Bandung, Indonesien), Christa Kühn (Rostock), Andreas Kuss (Greifswald), Gerald Reiner (Gießen), Chandrahekharprasad Singh (Bihar, Indien), G. M. Wani (Kashmir, Indien).

Schwerpunkte der Forschung Internationale Aufmerksamkeit fand die Ausarbeitung eines Computerprogrammes zur komplexen Sortierung von Metaphase-Chromosomen des Menschen und Rindes. Die Forschungsarbeiten entstanden ab 1968 in Kooperation mit Gerald Stranzinger. Hauptsächliche Forschungen an der Universität Göttingen waren jedoch methodische Arbeiten zur Darstellung von Protein- und Enzympolymorphismen, insbesondere beim Rind. Geldermann hat mit den so in Tierpopulationen analysierten polymorphen Loci quantitative Merkmale beurteilt und 1975 den Begriff Quantitative Trait Locus (QTL) eingeführt.

Forschungsgebiet an der Tierärztlichen Hochschule Hannover war ab 1977 zunächst eine Weiterführung der Analysen zur Vererbung quantitativer Merkmale mit Hilfe von Markerloci am Modell des Fettansatzes der Labormaus sowie der Milchleistung des Rindes. Beim Rind untersuchte er außerdem den Einfluss falscher Abstammungen auf die Zuchtwertschätzung. Er initiierte Stoffwechsel-Belastungsstudien, um hiermit genetische Einflüsse auf den Leistungsstoffwechsel des Milchrindes zu erfassen. Ab 1988 begann er beim Rind und Schwein mit der Etablierung von Verfahren zum Nachweis von DNA-Markern.

An der Universität Hohenheim wurden unter seiner Leitung ab 1990 im Rahmen eines EU-Forschungsverbundes mehrere F2-Referenzfamilien beim Schwein erstellt. Mit den sich daran anschließenden Forschungsarbeiten konnten neue Beiträge zur Kartierung und Funktionsanalyse von Genen für leistungswichtige Merkmale beim Schwein erreicht werden. In Kooperation mit Wissenschaftlern mehrerer Forschergruppen ging es außerdem um Nachweise der Krankheitsresistenz bei Nutztieren.

Publikationen Originalbeiträge (Auswahl) Geldermann, H. (1969): Darstellung und Beschreibung des Transferrin- und Postalbuminpolymorphismus bei einigen deutschen Rinderrassen. Inaug. Dissertation, Universität Göttingen. Geldermann, H., G. Stranzinger, S. Paufler (1970): Automatisierung der Chromosomenanalyse. Humangenetik 9, 325 – 360. Geldermann, H. (1975): Investigation on inheritance of quantitative traits in animals by gene markers. I. Methods. Theor. Appl. Genet. 46, 319–330. Gundel, H., H. Geldermann (1980): Einfluss falscher Abstammungen auf die Zuchtwertschätzung. Zkde. 52, 147 – 154. Kluge, R., H. Geldermann (1982): Effects of marked chromosome sections on quantitative traits in the mouse. Theor. Appl. Genet. 62, 1–4. Geldermann, H., U. Pieper, B. Roth (1985): Effects of marked chromosome sections on milk performance in cattle. Theor. Appl. Genet. 70, 138 – 146. Geldermann, H., U. Pieper, E. Weber (1986): Effect of misidentifications on the estimation of breeding values and heritabilities in cattle. J. Anim. Sci. 63, 1759 – 1768. Eulitz-Meder, C., H. Fuhrmann, H.-P. Sallmann, H. Geldermann (1988): Metabolic overload tests in dairy cattle in evaluating performance ability (Stoffwechselbelastungstests beim Milchrind zur Beurteilung der Leistungsveranlagung). Dtsch. Tierärztl. Wschr. 95 (7), 268–271. Geldermann, H., E. Müller, G. Moser, G. Reiner, H. Bartenschlager, S. Cepica, A. Stratil, J. Kuryl, C. Moran, R. Davoli. C. Brunsch (2003): Genome wide linkage and QTL mapping in porcine F2 families generated from Pietrain, Meishan and Wild Boar crosses. J. Anim. Breed, Genet. 120, 363 – 393.

Bücher, Buchbeiträge (Auswahl) Computer Simulations. In: Quantitative genetic variation. Hrsg. J.N. Thompson, J.M. Thoday. Acad. Press, New York. 1979 Biochemische Genetik und Merkmale. In: Tierzüchtungslehre. Hrsg. C. Comberg. 3. Auflage, Verlag E. Ulmer, Stuttgart. 1980 Genome Analysis in Domestic Animals. Hrsg. H. Geldermann, F. Ellendorff. VCH Verlagsgemeinschaft Weinheim, 337 S., 1990. Tier-Biotechnologie. Hrsg. H. Geldermann Verlag E. Ulmer, Stuttgart, 648 S., 2005

Mitgliedschaften Gesellschaft für Tierzuchtwissenschaften Deutsche Gesellschaft für Züchtungskunde Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft Deutsche Genetische Gesellschaft International Society of Animal Genetics

Ehrenämter Ab 1975 Leitung des Arbeitsausschusses für Biochemische Haustiergenetik innerhalb der Gesellschaft für Tierzuchtwissenschaft (dem Arbeitsausschuss schlossen sich die Fachinstitute in Österreich und der Schweiz an). Ab 1990 Leitung der Versuchsstation Unterer Lindenhof der Universität Hohenheim. Ab 1991 Mitglied der Zentralen Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS), Bonn und Berlin. 2004 bis 2006 Geschäftsführender Direktor des Institutes für Tierhaltung und Tierzüchtung der Universität Hohenheim Partnerschaftsbeauftragter der Universität Hohenheim für die Universität Nitra, Slowakei.

Auszeichnungen Goldene Leistungsnadel der Landwirtschaftskammer Rheinland 14.1.1964

Literatur

Fellmeth / Quast, 2008: Die akad. Lehrer an der Universität Hohenheim 1968 bis 2005, Stuttgart-Hohenheim, S. 140–141 Boettcher, H., Raupp, M., 2025: Hohenheimer Lexikon der Agrarbiografien "Persönlichkeiten aus Land- und Forstwirtschaft, Gartenbau und Veterinärmedizin", S. 659.

Einzelnachweise

Kategorie:Genetiker Kategorie:Agrarwissenschaftler (20. Jahrhundert) Kategorie:Agrarwissenschaftler (21. Jahrhundert) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1941 Kategorie:Mann