miniatur|250px| Heinrich Rosenhaupt (Aufnahme um 1920) Heinrich Rosenhaupt (geboren 21. Mai 1877 in Frankfurt am Main; gestorben 15. April 1944 in Colorado Springs, Vereinigte Staaten) war ein deutscher Arzt und Sozialhygieniker jüdischen Glaubens. Er wurde aufgrund der nationalsozialistischen Rassenpolitik angesichts seiner jüdischen Abstammung und seiner politischen Gesinnung im Zuge der einsetzenden NS-Judenverfolgung 1933 aus dem Gesundheitsdienst der Stadt Mainz entlassen. Nach weiteren Repressionen und einer Inhaftierung im KZ Sachsenhausen emigrierten er und seine Frau 1939 in die Vereinigten Staaten.
Familie und Jugend Heinrich Rosenhaupt wurde 1877 in Frankfurt am Main als Sohn des Kaufmanns Wilhelm Rosenhaupt und seiner Frau Maria geboren. Er besuchte dort das Kaiser-Friedrich-Gymnasium, schloss den Besuch der Schule allerdings ohne Abitur ab. Er war seit dem 24. März 1910 mit Fanny Marie Freudenthal, einer Tochter des jüdischen Philosophen Jakob Freudenthal, verheiratet.Heinrich Rosenhaupt - ancestry.de Sie hatten zwei Söhne: Hans Wilhelm Rosenhaupt; er wurde am 24. Februar 1911 in Frankfurt am Main geborenArmin Wishard: Hans Wilhelm Rosenhaupt. in: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933: Band 3 Supplement 1. S. 265 und Heinz Peter Rosenhaupt (später führte er nach seiner Frau den Nachnamen Rand), geboren am 18. Mai 1916 ebenfalls in Frankfurt am Main.Eintrag zu Heinrich Rosenhaupt - geni.com
Ausbildung und erste Tätigkeit als Mediziner Heinrich Rosenhaupt absolvierte von 1892 bis 1896 eine Ausbildung zum Bankkaufmann und war in diesem Beruf auch kurze Zeit tätig. 1897 holte er in Darmstadt sein Abitur nach und entschloss sich zu einem Medizinstudium. Er studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Charité in Berlin und der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933 -1945 - Heinrich Rosenhaupt in der Datenbank der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Seine Approbation zum Arzt erhielt er 1902. Im gleichen Jahr schloss er in Freiburg erfolgreich eine Dissertation zum Thema Beiträge zur Kenntnis der MeralgieEintrag in der Universitätsbibliothek Freiburg ab und wurde zum Dr. med. promoviert. Von 1903 bis 1904 war er Assistent in Frankfurt. Als Assistenzarzt sammelte er von 1904 bis 1905 praktische Erfahrungen bei Arthur Schloßmann und spezialisierte sich während seiner Tätigkeit in dessen Dresdner Säuglingsheim auf Kindermedizin. Auch bei Theodor Escherich in Wien hospitierte er.
Kinderarzt in Frankfurt 1905 ließ er sich als praktizierender Arzt und Kinderarzt in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main nieder.Jüdische Pflegegeschichte - Dr. med. Heinrich Rosenhaupt. Dort gründete er im gleichen Jahr die erste Säuglingsberatungsstelle. Aus dieser und anderen ähnlichen Initiativen ging ab 1910 der überkonfessionelle „Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge“ hervor, dessen Mitbegründer und Vorstandsmitglied er war. Der Verband hatte zuletzt 15 Beratungsstellen, die ab 1925 in das Frankfurter Gesundheitsamt integriert wurden.Frankfurter Verband für Säuglingspflege 1907 wurde er zum Sekretär für Deutschland bei der Internationalen Vereinigung für Säuglingsschutz. In den folgenden Jahren war er in Frankfurt als praktizierender Kinderarzt tätig, engagierte sich stadtweit für Säuglingsschutz und generell im Sinne der Sozialhygiene und veröffentlichte wissenschaftliche Publikationen zu sozialmedizinischen Themen. Bis 1919 erschienen mehr 40 Veröffentlichungen von ihm zu sozialmedizinischen Themen.Klaus-Diether Thomann: Elf vergessene Jahre. Dr. Heinrich Rosenhaupt und das Mainzer Gesundheitswesen 1922-1933. S. 371
Neben seiner Berufspolitischen Tätigkeit war er auch politisch engagiert. Er war Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), wechselte aber später zur SPD. 1921 wurde Heinrich Rosenhaupt Stadtarzt im Frankfurter Gesundheitsamt, wo er für die Bereiche Schulhygiene, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge tätig war. Er wechselte nach einem Jahr nach Mainz, wo er die Direktorenstelle des neu gegründeten Mainzer Gesundheitsamts übernahm.
Leiter des Gesundheitsamts in Mainz Zu Beginn des Jahres 1923 wurde Heinrich Rosenhaupt Stadtmedizinaldirektor und Direktor des neu gegründeten städtischen Gesundheitsamtes in Mainz. Mit seiner Erfahrung als Kinderarzt und Spezialist für Säuglingsfürsorge, seinen Ideen und Plänen im Bereich der Sozialhygiene für die Stadt konnte er in Mainz auf bereits bestehende Aktivitäten der Vorkriegszeit aufbauen.Hedwig Brüchert: Antwort auf die Soziale Frage. Daseinsvorsorge und Sozialpolitik der Stadt Mainz. S. 924 Mit der in der Weimarer Zeit aber erheblich intensivierten Kinder- und Säuglingsfürsorge war er der ideale Kandidat für die Leitung des Gesundheitsamtes, dass erstmals auf kommunaler Ebene alle Maßnahmen bündelte und koordinierte.
Er kümmerte sich dort in den 1920er Jahren verstärkt um sozial benachteiligte Bevölkerungsschichten wie arme und kinderreiche Familien und alleinstehende Frauen, oft mit Kleinkindern, deren Väter französische Besatzungssoldaten waren (oft verunglimpft als „Rheinlandbastarde“). Er setze sich aber nicht nur für einzelne Personen, vor allem auch Kinder, ein, sondern sah sich verantwortlich für eine ganzheitliche Verbesserung der gesundheitlich-hygienischen Situation in Mainz, der Sozialhygiene, verantwortlich. Einer seiner Hauptverdienste und größter Erfolg seines Sozialhygiene-Konzepts war aber die Halbierung der SäuglingssterblichkeitHedwig Brüchert: Antwort auf die Soziale Frage. Daseinsvorsorge und Sozialpolitik der Stadt Mainz. S. 926Franz Dumont: Helfen und Heilen - Medizin und Fürsorge in Mittelalter und Neuzeit. S. 798 in seiner Amtszeit. Diese war zwar seit etwa 1905 (erste koordinierte Maßnahmen) stark rückläufig, betrug aber beispielsweise 1908 immer noch 15,8 % Bei Antritt seiner Amtszeit lag sie immer noch um die 13 %, 1926 war die Säuglingssterblichkeit bereits auf etwa 8 % gesunken und nahm in den folgenden Jahren weiter ab.
Im Rahmen seiner Tätigkeit wurden von Heinrich Rosenhaupt eine Vielzahl einzelner Maßnahmen in die Wege geleitet: so begann er systematisch mit Reihenuntersuchungen von Schulkindern und verbesserte die Ernährungssituation durch organisierte Schulspeisungen, gestiftet von dem Roten Kreuz oder Quäker aus den Vereinigten Staaten. Für Rachitis gefährdete Kinder wurde eine Landverschickung an die See oder in die Berge organisiert während den daheimgebliebenen Kindern Kuren im „Luft- und Sonnenbad“ am Taubertsberg angeboten wurde. Es gelang ihm auch, ab 1925 einen Schwimmunterricht an den Mainzer Schulen durchzusetzen; der Bau eines neuen Hallenbads konnte allerdings nicht realisiert werden. Neben seinem Schwerpunkt Säuglings- und Kleinkindermedizin war Heinrich Rosenhaupt auch im Bereich der Volksaufklärung in medizinischen und hygienischen Fragen aktiv. Er organisierte im April 1926 im Rahmen der Reichsgesundheitswoche die Ausstellung „Gesundheit ist Freude - Gesundheit ist Kraft“ in Mainz, die von 70.000 Mainzerinnen und Mainzer (mehr als 50 % der Stadtbevölkerung) besucht wurde. 1929 nahm er an einer Russlandreise deutscher Sozialmediziner teil, die später dem nationalsozialistischen Regime und der gleichgeschalteten Presse als Beweis für seine kommunistisch-marxistische Gesinnung dienen sollte.Klaus-Diether Thomann: Elf vergessene Jahre. Dr. Heinrich Rosenhaupt und das Mainzer Gesundheitswesen 1922-1933. S. 374 Am 4. November 1932 wurde Heinrich Rosenhaupt seitens der Stadtverwaltung eine „Stelle auf Lebenszeit“ garantiert.
Repressionen im Nationalsozialismus Wie viele andere Jüdinnen und Juden und politisch unliebsame Personen wurde auch Heinrich Rosenhaupt Opfer der neuen antisemitischen Gesetzgebung des NS-Staates und der nun überall aufkeimenden antisemitischen Hetze in der Presse. Gegen ihn lief ab März 1933 eine Hetzkampagne in verschiedenen Mainzer Tageszeitungen, vor allem in der nationalsozialistisch geprägten Mainzer Warte:
Trotz seiner großen Erfolge im städtischen Gesundheitswesen wurde Heinrich Rosenhaupt bereits am 27. März 1933 beurlaubt. Grundlage war die nur vier Tage zuvor erlassene „Hessische Verordnung zur Sicherung der Verwaltung in den Gemeinden“ vom 23. März 1933. Diese war eine der ersten Maßnahmen zur Entfernung unliebsamer Personen aus dem kommunalen Verwaltungsdienst im Volksstaat Hessen. Ein zweizeiliges Schreiben der Bürgermeisterei setzte seiner 10-jährigen erfolgreichen Tätigkeit ein abruptes Ende:
Mit Heinrich Rosenhaupt zusammen wurden weitere jüdische Ärzte aus dem Gesundheitsamt entlassen. Er durfte seine Büro- und Arbeitsräume nicht mehr betreten, wurde aber erst am 21. August gemäß § 4 des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen.Friedrich Schütz: Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Mainz. Eine Dokumentation. Quellenband zur Ausstellung der Stadt Mainz Januar bis März 1983. S. 220 Bei der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde trat er am 2. Mai 1933 mit der Anmerkung „infolge meiner Amtsenthebung“ aus. Im März 1934 zog er wieder zurück in seine Heimatstadt Frankfurt und eröffnete dort eine Praxis in der Liebigstraße. Er wird in dem Reichs-Medizinal-Kalender von 1937 genannt, hier als einer der noch in Deutschland verbliebenen jüdischen Ärzte mit einem Doppelpunkt gekennzeichnet.
Heinrich Rosenhaupt wurde im Januar 1939 kurzzeitig in Schutzhaft genommen und im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei, Dienststelle Frankfurt am Main, wurde ihm eine Freilassung mit der Auflage, Deutschland noch bis spätestens Ende Januar 1939 verlassen, angeboten. Er emigrierte am letztmöglichen Tag, dem 31. Januar 1939, über England in die Vereinigten Staaten, wo er 1944 in Colorado Springs im gleichnamigen Bundesstaat verstarb. Auf seinem schlichten Grabstein steht unter den Lebensdaten der Satz: I have fought the good fight (Ich habe den guten Kampf gekämpft).Grab von Heinrich Rosenhaupt - geni.com Seine Frau Mary Fanny Rosenhaupt starb 1969. Beide sind auf dem Evergreen Cemetery in Colorado Springs begraben.Grab von Marie Rosenhaupt
Gedenken In Mainz-Hartenberg-Münchfeld gibt es in der Martin-Luther-King Siedlung eine Dr.-Heinrich-Rosenhaupt-Straße.
Literatur Klaus-Dieter Thomann: Elf vergessene Jahre. Dr. Heinrich Rosenhaupt und das Mainzer Gesundheitswesen 1922-1933. Ärzteblatt Rheinland-Pfalz 46 (1993), S. 370–375 Armin Wishard: Hans Wilhelm Rosenhaupt, in: John M. Spalek, Konrad Feilchenfeldt, Sandra H. Hawrylchak (Hrsg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Band 3. USA : Supplement 1. Berlin : Walter de Gruyter, 2010, ISBN 978-3-11-024056-6, S. 265–277 Friedrich Schütz: Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Mainz. Eine Dokumentation. Quellenband zur Ausstellung der Stadt Mainz Januar bis März 1983. Eigenverlag Mainz 1983. Franz Dumont (Hrsg.), Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz: Mainz – Die Geschichte der Stadt. 2. Auflage. Philipp von Zabern, Mainz 1999, ISBN 3-8053-2000-0. Darin insbesondere: Franz Dumont: Helfen und Heilen - Medizin und Fürsorge in Mittelalter und Neuzeit. S. 771–805. Hedwig Brüchert: Antwort auf die Soziale Frage. Daseinsvorsorge und Sozialpolitik der Stadt Mainz. S. 899–932.
Weblinks Dr. med. Heinrich Rosenhaupt - Forschungsprojekt Jüdische Pflegegeschichte an der Frankfurt University of Applied Sciences. Heinrich Rosenhaupt bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) Abbildung des Grabsteins
Einzelnachweise
Kategorie:Pädiater Kategorie:Mediziner (20. Jahrhundert) Kategorie:Person (Gesundheitswesen) Kategorie:DDP-Mitglied Kategorie:SPD-Mitglied Kategorie:Person des Judentums (Mainz) Kategorie:Häftling im KZ Sachsenhausen Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Deutscher Emigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Deutscher Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1877 Kategorie:Gestorben 1944