Die Chronik des Kriegs in Nahost, August und September 2025 dokumentiert die Entwicklungen seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 1. August bis zum 30. September 2025. Für den zeitlichen Ablauf des kompletten israelisch-palästinensischen Konflikts siehe Chronologie des israelisch-palästinensischen Konflikts.
August 2025 1. August Das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen (UNRWA) meldete, es stünden 6.000 mit Hilfsgütern beladene Lastwagen außerhalb des Gazastreifens bereit, denen es nur an grünem Licht für die Einfahrt mangele. Luftabwürfe seien dagegen ineffizient und unzureichend. Kritiker erklärten Luftabwürfe wegen der relativ geringen Mengen im Vergleich zu Lastwagentransporten für ineffektiv. Außerdem bestehe die Gefahr, dass abgeworfene Paletten Menschen am Boden treffen und töten könnten.
Human Rights Watch warf den israelischen Streitkräften vor, auf der Suche nach Lebensmitteln befindliche palästinensische Zivilisten routinemäßig zu töten und den Hunger als Kriegswaffe einzusetzen. Die von den USA unterstützten israelischen Streitkräfte und privaten Auftragnehmer hätten ein fehlerhaftes, militarisiertes System zur Verteilung von Hilfsgütern eingeführt, das zu regelmäßigen Blutbädern geführt habe. Die UN berichteten, seit Ende Mai seien mehr als 1.300 Menschen getötet worden, die auf der Suche nach Lebensmitteln waren.
2. August
Angehörige der israelischen Geiseln und etwa 60.000 Unterstützer demonstrierten in Tel Aviv, schockiert von Videos, die die Hamas und der mit ihr verbündete Islamische Dschihad veröffentlicht hatten. Die Propagandavideos zeigten die israelischen Geiseln Rom Braslavski, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat, und Evyatar David, beide geschwächt und in stark abgemagertem Zustand. Auch der US-Sondergesandte für den Nahen Osten, Steve Witkoff, nahm an der Demonstration teil. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zeigte sich entrüstet über die Videos. Die Hamas quäle die Geiseln, terrorisiere Israel und benutze die eigene Bevölkerung im Gazastreifen als Schutzschild, erklärte er gegenüber der Bild. Auch Frankreich, Großbritannien und die USA kritisierten die Hamas aufs Schärfste.
Verhandlungen über die Freilassung von Geiseln und einen 60-tägigen Waffenstillstand waren in der Woche zuvor gescheitert. Die Hamas erklärte, sie werde die Waffen nicht niederlegen, solange kein unabhängiger palästinensischer Staat gegründet werde.
3. August Laut palästinensischen Krankenhausangaben wurden mindestens 33 Menschen beim Versuch, Lebensmittel zu bekommen, von israelischen Streitkräften getötet. Das von der Hamas geführte Gesundheitsministerium meldete, sechs Menschen seien an diesem Tag an Hunger oder Unterernährung gestorben.
Der rechtsextreme israelische Polizeiminister Itamar Ben-Gvir betete unter Polizeischutz, zusammen mit etwa 1250 weiteren Menschen, am Tempelberg. Die Stätte steht unter jordanischer Obhut; nach einem jahrzehntealten Abkommen dürfen Juden sie besuchen, aber dort nicht beten. Ben-Gvir sagte anlässlich seines Besuches unter Bezugnahme auf die zwei Geiselvideos, Israel müsse „noch heute den ganzen Gazastreifen besetzen, Souveränität im ganzen Gazastreifen erklären“ und die palästinensische Bevölkerung zu „freiwilliger Auswanderung ermutigen“. Auch im besetzten Westjordanland kam es zu Demonstrationen, bei denen Tausende gegen den Krieg in Gaza und die Inhaftierung von Palästinensern in israelischen Gefängnissen protestierten. Die Demonstranten trugen Fotos von Palästinensern, die von Israel getötet oder inhaftiert worden waren, sowie Fotos von hungernden Kindern in Gaza. Mehr als 10.800 Palästinenser sind in israelischen Gefängnissen inhaftiert. Menschenrechtsgruppen haben dokumentiert, dass Palästinenser in großem Umfang von israelischen Gefängniswärtern und Soldaten gefoltert werden, unter anderem durch sexuellen Missbrauch, Nahrungsentzug und körperliche Misshandlungen.
Die Hamas stellte eine über das Rote Kreuz zu organisierende Hilfe für die Geiseln im Gazastreifen in Aussicht. Bedingung sei, dass Israel eine umfassende und dauerhafte Versorgung der Zivilbevölkerung im Gazastreifen ermögliche. Israel müsse zudem während der Verteilung der Hilfsgüter und der Versorgung der Geiseln auf jegliche Luftangriffe verzichten.
Der Palästinensische Rote Halbmond meldete, bei einem israelischen Artillerieangriff auf das Hauptquartier der Organisation in Chan Junis, seien ein Mitarbeiter getötet und drei weitere Menschen verletzt worden.
4. August Neunzehn ehemalige israelische Sicherheitschefs sprachen sich in einem Videoaufruf für ein sofortiges Ende des Gaza-Kriegs aus. Dieser Krieg habe als ein gerechter Krieg begonnen, sagte der Ex-Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, Ami Ajalon, aber „nachdem wir einen glänzenden militärischen Sieg über alle unsere Feinde erzielt haben, ist dies kein gerechter Krieg mehr“, sagte er. Israel drohe der Verlust seiner Sicherheit und seiner Identität. Der Krieg werde nun eher aus politischen Gründen denn aufgrund militärstrategischer Entscheidungen geführt. Der ehemalige Generalstabschef und Ministerpräsident Ehud Barak, die ehemaligen Generalstabschefs Mosche Jaalon und Dan Chalutz sowie drei ehemalige Mossad-Chefs nahmen ebenfalls an dem Video teil. Gleichzeitig unterschrieben 550 israelische Ex-Sicherheitsbeamte einen Brief an US-Präsident Donald Trump mit der Aufforderung, mehr Druck auf Israels Regierung zur Beendigung des Kriegs auszuüben. „Es ist unsere professionelle Beurteilung, dass die Hamas keine strategische Gefahr mehr für Israel darstellt“, hieß es in dem Brief. Die mit Gewalt zu erreichenden Ziele, „die Zerschlagung der militärischen Strukturen und der Regierung der Hamas“, seien längst erreicht; das dritte und wichtigste Ziel, „alle Geiseln nach Hause zu bringen“, erfordere ein Abkommen. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu stellte indes eine Ausweitung des Krieges in den Raum, um die Freilassung der Geiseln durch einen „entscheidenden militärischen Sieg“ in Gaza zu erzwingen; diese Überlegung stieß bei den Angehörigen der Geiseln auf breite Kritik.
Israelische Medien berichteten übereinstimmend, Ministerpräsident Netanjahu strebe die militärische Einnahme des gesamten Gazastreifens an. Dies würde auch Einsätze in den letzten noch von der Hamas kontrollierten Gebieten – etwa einem Viertel des Gazastreifens – erfordern, in denen die noch lebenden israelischen Geiseln vermutet wurden. Das israelische Militär hatte sich in der Vergangenheit gegen eine vollständige Besetzung des Gazastreifens ausgesprochen – denn die Beseitigung sämtlicher Hamas-Bunker und -Tunnel könne Jahre dauern und israelische Militäraktionen könnten die Geiseln in Gefahr bringen. Den unbestätigten Medienberichten zufolge wolle Netanjahu dieses Risiko nun aber eingehen. Die Palästinensische Autonomiebehörde rief die internationale Staatengemeinschaft auf, eine Umsetzung solcher Pläne zu verhindern.
Über 100 internationale Journalisten forderten freien Zugang zum Gazastreifen von der israelischen Regierung und der Hamas. In ihrer Petition kritisierten sie die israelische Regierung; diese habe „noch nie dagewesene Restriktionen gegen ausländische Medien verhängt und internationale Journalisten daran gehindert, aus dem Gazastreifen unabhängig und frei zu berichten“.
5. August Ein offener Brief mit dem Titel „Lassen Sie Gaza nicht sterben, Herr Merz!“ bekam Unterschriften von mehr als 360 Kulturschaffenden. Der Brief forderte einen Kurswechsel der deutschen Israel-Politik, den Stopp deutscher Waffenexporte nach Israel und die Aussetzung des EU-Assoziierungsabkommens mit Israel. Außerdem solle Merz von Israel einen sofortigen Waffenstillstand und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe fordern. Die Unterzeichner verurteilten die grauenvollen Verbrechen der Hamas und zeigten sich erschüttert über die einige Tage zuvor veröffentlichten Videos israelischer Geiseln. Jedoch legitimiere kein Verbrechen die kollektive Bestrafung von Millionen unschuldiger Menschen. Schauspieler Benno Fürmann, der den Appell als einer der ersten unterschrieben hatte, fragte: „Wie können wir eine Regierung unterstützen, die Hunger von Zivilisten als Waffe einsetzt, Hilfe blockiert und damit droht, Gaza dem Erdboden gleich zu machen und Menschen zu vertreiben?“ Merz hatte zwar potenzielle Konsequenzen angedeutet, falls sich die Lage in Gaza nicht deutlich bessern sollte, doch bis dato keine konkreten Maßnahmen genannt.
Israels Außenminister Gideon Sa’ar forderte bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates in New York erneut die Freilassung der israelischen Geiseln und mehr internationalen Druck auf die Hamas. „Unsere Geiseln werden noch immer von Hamas und Islamischem Dschihad in den Verliesen Gazas ausgehungert und gefoltert“, sagte Sa’ar. Die menschenverachtende Behandlung der Geiseln durch die Hamas wurde von fast allen Rednern verurteilt. Israel erhielt viel Mitgefühl für das Leid der Geiseln, wurde aber auch heftig für seine Kriegsführung kritisiert, insbesondere von den UN-Botschaftern aus Russland und Algerien und vom UN-Vertreter der Palästinenser, Riyad Mansour. Dieser verurteilte die Hamas, warf Israel aber gleichzeitig „Doppelmoral“ vor: „Israel will, dass die Welt das Aushungern der Geiseln verurteilt. Gleichzeitig lässt Israel ein ganzes Volk verhungern.“ Die USA und Argentinien stellten sich als einzige Länder uneingeschränkt hinter Israel.
Hundert israelische Hochschullehrer unterstützten die Forderung deutscher SPD-Politiker um Rolf Mützenich nach einem härteren Kurs Deutschlands gegenüber der israelischen Regierung. Worte allein wären nicht genug, um den Kurs der „ultrarechten Regierung“ zu ändern. Ein fortgesetztes Zögern von Deutschland würde drohen, weitere Gräueltaten zu ermöglichen.
6. August Laut jordanischen Angaben wurde ein 30 Lastwagen umfassender Konvoi mit Hilfslieferungen für den Gazastreifen von israelischen Siedlern angegriffen. Die Lastwagen seien mit Steinen beworfen worden, die Weiterfahrt habe sich um Stunden verzögert. Dies sei der zweite solche Vorfall in den letzten Tagen gewesen. Die israelische Armee teilte mit, sie habe eine Ansammlung israelischer Zivilisten auseinandergetrieben und die Lastwagen dann zu ihrem Zielort begleitet. Abgesehen von den Angriffen kritisierte Jordanien logistische Hürden für Hilfslieferungen in den Gazastreifen, darunter langwierige Inspektionen, komplizierte Antragsverfahren und neue Zollgebühren. Diese hätten die Fahrzeit von zwei auf 36 Stunden erhöht.
Die israelische Armee veröffentlichte Räumungsaufrufe für den Süden von Gaza-Stadt und Chan Yunis.
7. August Ärzte ohne Grenzen erklärte unter Berufung auf eine eigene Untersuchung, die Lebensmittel-Verteilzentren der Gaza Humanitarian Foundation seien zu „Orten orchestrierter Tötungen und Entmenschlichung“ geworden. Die GHF müsse aufgelöst und der UN-Mechanismus zur Lieferung von Hilfsgütern wiederhergestellt werden.
Großmufti Muhammad Ahmad Hussein, der höchste sunnitische Geistliche in Jerusalem, wurde laut übereinstimmenden Berichten von der Times of Israel und der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa von der israelischen Polizei mit einem sechsmonatigen Betretungsverbot für den Tempelberg und die Al-Aksa-Moschee belegt. Er hatte zuvor einen achttägigen Bann erhalten, nachdem er laut Wafa das Aushungern der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen verurteilt hatte.