mini|Natalia Macfarren (1895) Natalia Macfarren, ab 1883 Lady Macfarren; auch Clarina Thalia Andrae/Macfarren, geb. Natalie Theodora Wilhelmine Andrae (* 14. Dezember 1826 in LübeckSo nach dem Taufeintrag, abgerufen über ancestry.com; nicht 1827; † 9. April 1916 in Bakewell, Derbyshire) war eine deutsch-britische Sängerin (Alt), Gesangspädagogin und Übersetzerin. Sie wurde vor allem durch ihre Übersetzungen von Liedern und Opern-Libretti in die Englische Sprache bekannt.

Leben Natalie Andrae/Andrä stammte aus einer Musikerfamilie. Sie war die Tochter des seit 1825 in Lübeck als Ratsmusiker (Musiker erster Classe) wirkenden Heinrich Georg Christian Andrae (* 1801 in Eutin als Sohn des dortigen Stadtmusikus; † 11. Februar 1849 in Portsmouth)Vermutlich identisch mit dem bei Johann Hennings: Musikgeschichte Lübecks I: Die weltliche Musik. Kassel und Basel: Bärenreiter 1951, S. 79 genannten Heinrich Michel Andrae und dessen Frau Ida Maria, geb. Tychsen (* 1803 in Landkirchen auf Fehmarn als Tochter des Pastors Peter Friedrich Tychsen; † 1883 in Altona). Zum Zeitpunkt ihrer Taufe wohnte die Familie in der Unteren Johannisstraße im Haus der Witwe Dorothea Wilhelmine Kaltschmidt († 1833), die auch ihre Patentante wurde.Witwe des Orgelbauers Gerhard Friedrich Kaltschmidt und Schwiegertochter von Joachim Christoph Kaltschmidt 1832 wanderte ihr Vater mit der Familie in die USA aus, wo 1833 in New York City ein Sohn Heinrich Tychsen Andrä geboren wurde. Kurz danach trat er in britische Militärdienste in Upper Canada und wurde Musikdirektor beim 15th Regiment of Foot, das in Île Sainte-Hélène bei Montreal stationiert war. 1837 wurde hier eine weitere Tochter Victoria Isabella (Isa) Andrä geboren.Nach ihren Taufeinträgen 1842 in der deutschen St. Georgskirche in London, abgerufen über ancestry.com Ende 1840 kam die Familie mit dem Regiment nach Großbritannien, erst nach Winchester, dann nach Woolwich. Später wurde H.G. Andrae Kapellmeister im 4th (King’s Own) Regiment of Foot.An ihn erinnert eine Gedenktafel, die ihm sein Regiment setzte, in der Garnisonskirche Domus Dei in Portsmouth, siehe Henry Press Wright: The Story of the 'Domus Dei' of Portsmouth, Commonly Called The Royal Garrison Church. London: Parker 1873, S. 105

Natalie wuchs in einem deutschsprachigen Haushalt auf, lebte seit ihrem 6. Lebensjahr in einem englischsprachigen Umfeld und in Quebec in einer französischsprachigen Umgebung. Sie besaß von Natur aus musikalisches und sprachliches Talent.Natalia Macfarren, in: Grove Dictionary of Music and Musicians, 3. Auflage, Band 3, New York: Macmillan 1935, S. 267 excellent linguist.

mini|hochkant|Macfarren als Page in der Oper Charles II. (1849) Im Alter von 14 Jahren wurde Nathalie Andrae am 9. September 1841 auf Empfehlung des Marquess of Douro (Arthur Wellesley, 2. Duke of Wellington) in die Gesangsklasse der Royal Academy of Music aufgenommen, die seit ihrer Gründung 1822 auch Frauen zum Studium zuließ. Ihre Aufnahmeprüfung nahm Cipriani Potter vor, der sie als talented einstufte.Eintrag im Student Register, S. 49, zur Verfügung gestellt durch Bibliothek und Archiv der Royal Academy Als in-Studentin lebte sie im Internat der Academy. Anfang November gehörte sie zu den Unterzeichnerinnen eines Glückwunschschreibens der Studentinnen an den Gründer der Academy, Lord Burghersh (John Fane, 11th Earl of Westmorland) anlässlich seiner Ernennung zum britischen Gesandten in Berlin.Siehe William Wahab Cazalet: The History of the Royal Academy of Music. London: Bosworth 1854, S. XVI Schon im Mai 1842 wurde allerdings ihren Eltern nahegelegt, sie unverzüglich von der Akademie zu nehmen. Offizielle Begründung war, dass sie mit ihrem Schulgeld im Verzug war, sowie ihr Mangel an Respekt und Gehorsam gegenüber der Governess der Anstalt Mrs. Wise.Mrs Wise having reported that Miss N Andrae’s contribution is not forthcoming, and also that her conduct towards Mrs Wise has been much wanting in respect and obedience, a letter will be written to desire Miss Andrae’s parents to remove her from the Academy immediately. Minute Book, 20. Mai 1841, zur Verfügung gestellt durch Bibliothek und Archiv der Royal Academy Sie verließ die Academy am 11. Mai.Left incomplete, Eintrag im Student Register 1842, S. 23, zur Verfügung gestellt durch Bibliothek und Archiv der Royal Academy

Zur gleichen Zeit wurde ihre Beziehung zum 13 Jahre älteren Professor für Kompositionslehre George Alexander Macfarren publik. Macfarren und Andrae heirateten am 27. September 1844 in der St Marylebone Parish Church. Zu diesem Zeitpunkt benutzte sie den Namen Clarina Thalia Andrae.Heiratseintrag im Kirchenbuch der St Marylebone Parish Church, abgerufen am über ancestry.com Als Sängerin im Stimmfach Alt (Contralto) hatte sie eine erfolgreiche, wenn auch nur kurze Karriere. 1847 begleitete sie ihren Mann nach New York City, wo dieser einen Spezialisten zur Heilung seiner Augenprobleme konsultierte. Während des anderthalbjährigen Aufenthaltes trat sie auf verschiedenen Bühne auf. Im März 1848 wurde hier ihre Tochter Clarina Thalia Macfarren (* 23. März 1848; † 10. Juli 1934) geboren, die 1873 den Komponisten Francis William Davenport (1847–1925) heiratete. Cedar Paul (Gertrude Mary Davenport) war ihre Enkelin.

mini|Wohnhaus der Familie, 20 Hamilton Terrace, London Borough of Camden Nach der Geburt ihrer Tochter trat Macfarren nur noch selten auf. Eine Ausnahme war die Hosenrolle als Page in der 1849 uraufgeführten Oper ihres Mannes Charles II. Stattdessen unterrichtete sie privat Schülerinnen. 1868 veröffentlichte sie das Lehrbuch Elementary Course for Vocalising and Prnouncing the English Language. Im darauf folgenden Jahr begann sie als Übersetzerin von Texten musikalischer Werke ins Englische tätig zu werden. Dies machte sie bald sehr bekannt. Am Ende der 1870er Jahre gehörte sie zu den profiliertesten und produktivsten Übersetzenden der britischen Musikwelt.Katy Hamilton: Natalia Macfarren and the English German Lied. In: Natasha Loges, Laura Tunbridge (Hrsg.): German Song Onstage: Lieder Performance in the Nineteenth and Early Twentieth Centuries. Bloomington: Indiana University Press 2024, ISBN 978-0-253-04702-1, S. 68 Sie übersetzte eine große Bandbreite an Texten. Dazu zählten Choräle und Lieder ebenso wie Oratorien und komplette Opern. Allein im International Music Score Library Project sind 38 Übersetzungen Macfarrens zugänglich. Der Katalog der British Library verzeichnet 89 Werke. Einige Lieder-Übersetzungen, darunter eine Lieder-Sammlung der damals sehr bekannten Altistin Amalie Joachim, erschienen in Berlin im Verlag von Fritz Simrock. Ihre Opern-Übersetzungen, die bei Novello und Schirmer erschienen, galten als bahnbrechend in einer Zeit, in der in England auf der Bühne fast nur in italienischer Sprache gesungen wurde. Zu ihren bekanntesten Übersetzungen zählten Lohengrin (1872), Tannhäuser (1873) und Rigoletto (1872). Für ihre Übersetzung der Kinderlieder von Edvard Grieg nutzte sie deren deutsche Ausgabe. Macfarrens Übersetzungen zeichnen sich durch Nähe zum Original bei guter Singbarkeit aus. Als eins ihrer Meisterwerke galt die Übertragung des Textes von Franz Schuberts Erlkönig (1884).Siehe die eingehende Besprechung bei Katy Hamilton: Natalia Macfarren and the English German Lied. In: Natasha Loges, Laura Tunbridge (Hrsg.): German Song Onstage: Lieder Performance in the Nineteenth and Early Twentieth Centuries. Bloomington: Indiana University Press 2024, ISBN 978-0-253-04702-1, S. 69f Ihre Übersetzung des letzten Satzes von Beethovens 9. Sinfonie wurde zur in England meist verwendeten.Siehe (mit Kritik) Ruth A. Solie: Beethoven as Secular Humanist: Ideology and the Ninth Symphony in Nineteetnth-Centruy Criticism. In: Music in Other Words: Victorian Conversations. Berkeley: University of California Press 2004, ISBN 0-520-23845-1, S. 34

Neben Musikwerken übersetzte sie auch Bücher wie Eduard Devrients Meine Erinnerungen an Felix Mendelssohn Bartholdy und seine Briefe an mich und Die Musik des neunzehnten Jahrhunderts und ihre Pflege von Adolph Bernhard Marx.The music of the nineteenth century, and its culture. By Dr. Adolf Bernhard Marx. London, R. Cocks and Co. o. J. George Macfarren, seit 1876 Direktor der Royal Academy of Music, wurde 1883 zum Knight Bachelor geadelt und Natalia Macfarren dadurch Lady Macfarren. Sie unterstützte ihren Mann, der nun völlig erblindet war, in seiner umfangreichen kompositorischen Arbeit. Ein 1884 veröffentlichter Artikel meinte sogar, die Welt werde nie erfahren, wie viele der kompositorischen Gedanken Macfarrens auf seine Frau zurückzuführen seien. „And in this connection it may be remarked, that the world may never know how many of Macfarren's musical thoughts are due to his wife.“, Frank Leslie's Sunday Magazine 15 (1884), S. 364 Er starb 1886; sie überlebte ihn um fast 29 Jahre.

Macfarrens Übersetzungen sind trotz ihrer teils altertümlichen, viktorianischen Wortwahl bis heute verbreitet.Siehe beispielsweise Natalia Macfarren beim Carus-Verlag, abgerufen am 5. Dezember 2025

Ehrungen 1862 Associate of the Royal Academy of Music (ARAM) 1868 Fellow of the Royal Academy of Music (FRAM)

Werke Eigene Werke The forest brook: Caprice: for the piano forte. London: Ollivier o. J. (1860?) Elementary Course for Vocalising and Pronouncing the English Language. London: Lamborn Cock, Addison 1868 Singing, in: Charles Peters (Hrsg.): The Girl's Own Indoor Book: Containing Practical Help to Girls on All Matters Relating to Their Material Comfort and Moral Well-being. 1888, S. 145–148 Recollections of Dr. Joachim, in: The Musical Times 48, No. 776 (October 1, 1907), S. 662 (Digitalisat)

Übersetzungen (Auswahl) (nach Komponist) (diverse) Ausgewählte Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte / gesungen von Amalie Joachim; translated into English by Natalie Macfarren. Berlin: Simrock Daniel-François-Esprit Auber: Fra Diavolo, an opera in three acts / Edited and translated into English by Natalia Macfarren. London: Novello Ludwig van Beethoven: Fidelio: an opera in 2 acts / by L. van Beethoven ; translated into English, and corrected according to the original score, by Natalia MacFarren. London: novello o. J. The choral fantasia: op. 80 / composed by Ludwig van Beethoven; the English version by Natalia Macfarren. New York: H.W. Gray Symphonie IX, D moll = D minor = Ré mineur: op. 125. German words in last movement by F. von Schiller; English translation by Natalia Macfarren. Wien: Wiener Philharmonischer Verlag Johannes Brahms: Lovesong waltzes, with original German text / English translation by Natalia Macfarren. For mixed chorus and piano, 4 hands. Choral score. Liebeslieder Walzer, op. 52. New York : Associated Music Publishers o. J. Six love songs / Johannes Brahms; English version by Natalia Macfarren; edited by H. Clough-Leighter. [Boston]: E. C. Schirmer, c1928 Gesänge: für Frauenchor: partsongs for female voices : Op.17 / English by Mrs. Natalie Macfarren; paroles française par Mdme. Louise Ott; mit Begleitung von zwei Hörner und Harfe von Johannes Brahms. Max Bruch: Arminius: Oratorium für Chor, Solostimmen und Orchester: Op. 43. Dichtung von J. Cüppers; translated into English by Mrs. Natalia Macfarren. Berlin: N. Simrock 1877 The lay of the bell. / Poem by Friedrich von Schiller. Music by Max Bruch, op. 45. For chorus, four solo voices, orchestra and organ. Vocal score. English version by Natalia Macfarren. New York : G. Schirmer o. J. Das Lied von der Glocke: für Chor, vier Solostimmen, Orchester und Orgel, op.45 / componirt von Max Bruch; Gedicht von Friedrich von Schiller; translated into English by Natalia Macfarren. Berlin : N. Simrock 1879 Gaetano Donizetti: Lucrezia Borgia: a tragic opera on two acts and a prologue / composed by G. Donizetti ; ed. and tr. into English by Natalia MacFarren. London: Novello o. J.