Gertrud Storm (* 4. Mai 1865 in Husum; † 26. April 1936 in Husum) war eine deutsche Schriftstellerin.
Leben
Kindheit und Jugend in Husum und Hademarschen, berufliche Tätigkeit (1865–1898) mini|209x209px|Gertrud Storm (Fotografie, vor 1890) links|mini|170x170px|Constanze Storm (Fotografie, o. D.) mini|Wohnhaus der Familie Storm in Hademarschen Gertrud Susanne Maria Constanze StormIn der Familie und im Freundeskreis war „Dette“ der geläufige Kosename Gertrud Storms, der auch von ihr selbst, zum Beispiel oft als Signatur in Briefen, verwendet wurde. war die jüngste Tochter aus der ersten Ehe des Dichters Theodor Storm und seiner Frau Constanze, geb. Esmarch (1825–1865). Da die Mutter bereits 16 Tage nach der Geburt Gertruds am Kindbettfieber starb, wurde die Tochter in den ersten Lebensmonaten von einer englischen Haushälterin versorgt. Im Juni 1866 heiratete der Vater seine zweite Ehefrau Dorothea, geb. Jensen (1828–1903), sodass Gertrud in den darauf folgenden Jahren unter der Obhut ihrer Stiefmutter aufwuchs. Die Schulzeit Gertruds begann 1871 in Husum mit dem Unterricht an einer Klippschule, dem sich der Besuch der Mädchenschule (heute: Theodor-Storm-Schule) anschloss, die von Sophie Jacobsen, einer Pionierin der höheren MädchenbildungVgl. Jürgen Dietrich: Sophie Jacobsen - Höhere Bildung auch für Mädchen. In: Beiträge zur Husumer Stadtgeschichte, Heft 8, 2002, S. 82 ff., geleitet wurde. links|mini|169x169px|Theodor Storm (1886) 1880 übersiedelte die Fünfzehnjährige mit dem Vater, der Stiefmutter, den Schwestern Lucie (1860–1935) und Elsabe (1863–1945) sowie der Halbschwester Friederike (1868–1939), dem einzigen Kind aus der zweiten Ehe des Dichters, nach Hademarschen. Zunächst wohnte die Familie in einer Mietwohnung, ab Mai 1881 in der Villa mit großem Garten, die Theodor Storm sich als Alterssitz hatte bauen lassen. Die folgenden acht Jahre waren geprägt von einer besonders engen und vertrauten Beziehung Gertruds zu ihrem Vater. Bedeutsam für ihr weiteres Leben, insbesondere für ihren Bildungsweg, waren die Unterrichtsstunden, die Storm ihr an mehreren Tagen in der Woche privat erteilte. Gertrud begleitete die literarische Tätigkeit des Vaters nicht nur mit großer Aufmerksamkeit. Vielmehr war sie dabei auch praktisch behilflich. Storm nannte sie in einem Brief an den Freund Erich Schmidt „meine Leserin“ und bezog sich damit auf Gertruds Aufgabe, ihm regelmäßig Gedichte, Novellen und Romane anderer Autoren vorzulesen.S. Brief Storms vom 20. Februar 1887 an Erich Schmidt; in: Karl Ernst Laage (Hrsg.): Theodor Storm - Erich Schmidt. Briefwechsel. Zweiter Band: 1880–1888. Berlin 1976, S. 138. Eine weitere Aufgabe Gertruds als ‚Sekretärin‘ des Dichters bestand darin, vom Vater verfasste Manuskripte abzuschreiben, wohl aus Sorge Storms, seine Erstschrift könnte verloren gehen. Auch von einer der letzten Novellen, Ein Doppelgänger (1886), fertigte Gertrud in Hademarschen eine Abschrift an. Storm bedankte sich, indem er das Werk „Meiner lieben Tochter Gertrud“ widmete.
In Hademarschen lernte Gertrud Storm zudem Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler persönlich kennen, die ihren Vater in dessen Alterssitz besuchten. Dazu zählten unter anderem die Schriftsteller Paul Heyse, Wilhelm Jensen und Klaus Groth, die Malerin Hermione von Preuschen, der Künstler Hans Speckter, die sozialkritische Novellistin Ilse Frapan sowie die Literaturwissenschaftler Erich Schmidt, Paul SchützeDer früh verstorbene Paul Schütze (1858–1887), Privatdozent an der Universität Kiel, schrieb mit Theodor Storm. Sein Leben und seine Dichtung (Berlin 1887) die erste als Buch veröffentlichte Storm-Biografie. In der Vorrede zu ihrer eigenen Storm-Biografie (S. 8) bezeichnete Gertrud Storm das Buch als besonders wertvoll, „weil es im Manuskripte von meinem Vater durchgesehen und gebilligt war. Auch gab er dem Verfasser manchen Wink und Rat für seine Arbeit“. und Alfred Biese.
Nach dem Tod Theodor Storms (1888) zog sie mit der Stiefmutter und der Stiefschwester Friederike nach Kiel. Nach dem Besuch der Gewerbeschule in Loschwitz bei Dresden arbeitete Gertrud Storm ab 1890 als Erzieherin und Pflegerin in verschiedenen Kinderheimen, zunächst in Duhnen bei CuxhavenIn Duhnen arbeitete Gertrud Storm in dem 1887 unter dem Namen „Christian-Görne-Stiftung“ eingeweihten Erholungsheim für Kinder aus bedürftigen Familien., danach auf der Westfriesischen Insel Schiermonnikoog.
Schriftstellerin in Varel (1898–1924) mini|351x351px|Gertrud Storm (um 1920) mini|Haus von Gertrud Storm in Varel ('Glyzinienschloß'), Fotografie vor 1921 Gertrud Storms berufliche Tätigkeit endete, als sie 1898 nach Varel im Großherzogtum Oldenburg ging, wo Karl, der jüngste ihrer drei Brüder (1853–1899), schon seit 20 Jahren als privater Musiklehrer unterrichtete.
Im Sommer 1878, nur wenige Wochen, nachdem Karl im April desselben Jahres nach Varel gezogen war, hatte ihn der Vater dort drei Tage lang besucht, um sich einen persönlichen Eindruck von den Arbeits- und Lebensbedingungen seines Sohnes an dessen neuem Wirkungsort zu verschaffen. Während des Kurzbesuchs erneuerte der Dichter die Bekanntschaft zu Auguste Preller (1832–1922), der Ehefrau des Vareler Fabrikdirektors und Landschaftsmalers Julius Preller, die Storm, als sie noch ein Kind war, in seiner Studentenzeit kennengelernt hatte. Auguste und Julius Preller sowie deren Tochter Agnes (1859–1934)Während seiner Stippvisite schrieb Storm in einem Vareler Hotel den Vierzeiler „An Agnes Preller“. - Storm fand offenbar gefallen an der damals Achtzehnjährigen. Von den Briefen, die der Dichter und die Vareler Bürgerstochter sich in den folgenden Jahren nachweislich schrieben, sind (bisher) keine Originale, sondern nur einige wenige Hinweise aus der Korrespondenz zwischen Theodor und Karl Storm bekannt. zählten von Anfang an zum engeren Bekanntenkreis Karls in Varel und waren auch mit Gertrud in deren Vareler Jahren eng verbunden.Zu den Kontakten Theodor, Karl und Gertrud Storms nach Varel und zur Familie Preller vgl. Hans Sauer: Und grüße Agnes und ihre Eltern herzlich! - Die Verbindung der Familien Preller und Storm. In: Dirk Meyer, Hans Sauer, Andreas von Seggern: Julius Preller. Der Fabrikant als Maler. Oldenburg 2022, S. 81–89. - Uwe Hüttmann: Theodor Storms Vareler Musikant. In Theodor Storm: Ein stiller Musikant. Husum 2017, S. 36–46.
Karl Storm, der schon seit längerem an einer schweren Krankheit litt, starb bereits ein Jahr nach Gertrud Storms Übersiedlung nach Varel im Frühjahr 1899.Das Grab Karl Storms befindet sich noch heute auf dem Vareler Friedhof. Nach dem Tod des Bruders blieb seine Schwester in Varel. Bis 1924 wohnte sie dort in einem 1882 erbauten, 1888 von Karl Storm erworbenen Oldenburger Giebelhaus in der Mittelstraße (seit 1908: Moltkestraße). Da Gertrud Storm in Varel kein regelmäßiges Einkommen mehr hatte und von den sporadischen Einnahmen aus ihren literarischen Veröffentlichungen allein nicht leben konnte, versuchte sie durch Zimmervermietung („Pension Storm“) und durch Unterrichtsstunden in Deutsch und Französisch, die sie den Söhnen und Töchtern Vareler Bürgern privat erteilte, ihre materiellen Lebensverhältnisse abzusichern.
In die Vareler Zeit, die mehr als ein Drittel ihres Lebens umfasst, fielen die Anfänge und die produktivsten Jahre ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin und Herausgeberin. Thematisch standen dabei das Leben, das dichterische Werk sowie die Briefwechsel ihres Vaters im Mittelpunkt. Da Gertrud Storm keine akademische Ausbildung absolviert hatte und ihre Schriften oft von einer unkritischen, auf Harmonisierung bedachten Darstellung der Familie Storm, vor allem des Vaters und seines Werkes, durchdrungen sind, weisen sie, an wissenschaftlichen Maßstäben und Kriterien der kritischen Editionstechnik gemessen, deutliche Defizite auf. In der Storm-Forschung wird sogar die Vermutung geäußert, sie habe Briefe mit ihr nicht genehmem Inhalt vernichtet,Vgl. Franz Stuckert: Der handschriftliche Nachlaß Theodor Storms und seine Bedeutung für die Forschung. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft, Jg. 1 (1952), S. 41–52. - Regina Fasold (Hrsg.): Theodor Storm und seine Eltern. Briefwechsel 1852/53–1864. Kritische Ausgabe. Teilband 1, Berlin 2023, S. LII ff. eine Handlungsweise, die auch Theodor Storm nicht fremd war.Vgl. zum Beispiel in David A. Jackson: Theodor Storm. Dichter und demokratischer Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001, S. 209.
Die Grundlage der Publikationen Gertrud Storms bildeten – neben ihren persönlichen Erinnerungen an ihren Vater, an Mitglieder der weit verzweigten Familie und den Freundes- und Bekanntenkreis Storms – die zahlreichen, damals ganz überwiegend noch nicht veröffentlichten Handschriften, Briefe sowie Dokumente aus dem Nachlass des Dichters, die sie, zum Teil unter ungewöhnlichen UmständenVgl. Gertrud Storm: Zur Fundgeschichte der stormschen Briefe. In: Das literarische Echo, Jg. 20 (1917–1918), H. 4, S. 244., aufgefunden und in ihrem Vareler Haus zusammengetragen hatte. Im Laufe der Jahre ermöglichte sie einer Reihe von Literaturhistorikern, darunter zum Beispiel Alfred Biese, Albert Köster und Robert PitrouRobert Pitrou (1879–1963), ein französischer Germanist und Musikwissenschaftler, veröffentlichte 1920 mit La vie et l'œuvre de Theodor Storm eine der umfangreichsten und detailliertesten Storm-Biografien und hatte wesentlichen Anteil an der Popularisierung des Dichters im französischen Sprachraum., den Zugang zu ihrem privaten Archiv und inspirierte und beriet die Besucher bei der Recherche. Unter den an Storm und seinem Werk Interessierten erwarb sie sich dadurch zu ihren Lebzeiten hohes Ansehen. Charakterisierungen wie „Hüterin des literarischen Nachlasses ihres Vaters“ finden sich in vielen ihr gewidmeten Artikeln. Bei manchen Verehrern gipfelte die Bewunderung in einer Art Huldigung für ihre Persönlichkeit, so etwa bei dem Schriftsteller Ludwig Bäte, der seine Begeisterung für Storms Tochter in schwärmerischen Gedichten zum Ausdruck brachte. Vgl. zum Beispiel Bätes Gedicht Gertrud Storm in seinem Lyrikband Die Amsel (Warendorf 1922, S. 111).
Nicht nur Gertrud Storms Beitrag zur Sichtung und Sichtbarmachung des Storm-Nachlasses, sondern auch ihre eigenen Veröffentlichungen als Schriftstellerin, vor allem die zweibändige, 1911/12 erschienene Biografie über ihren Vater, fanden, trotz der genannten Mängel, in der frühen Storm-Forschung und in den Feuilletons große Anerkennung und trafen auf starke Resonanz, wie eine Vielzahl von Äußerungen, Danksagungen und Widmungen von Literaturwissenschaftlern und Publizisten zeigt.Vgl. zum Beispiel Alfred Biese: Theodor Storm. Zur Einführung in Welt und Herz des Dichters. Leipzig 1921, S. 5f. Somit prägte Gertrud Storm durch ihre Unterstützung anderer Forscher, als Herausgeberin und durch ihre eigenen Schriften in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Storm-Rezeption entscheidend mit. Auch in der neueren Storm-Literatur wird, bei aller Kritik an den unzulänglichen wissenschaftlichen Standards, die Bedeutung der „Erinnerungsarbeit“ Gertrud Storms hervorgehoben. „Auch wenn Gertrud biographisches Material zurechtgestutzt und verschleiernd veröffentlicht hat“, schreibt zum Beispiel Jochen Missfeldt, „ihr gebührt das Verdienst, es gewissenhaft aufbewahrt und zu treuen Händen übergeben zu haben.“S. Jochen Missfeldt: Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert. München 2013, S. 451.
Die letzten Lebensjahre in Husum (1925–1936)