mini|Darstellung des Dogen Pietro Tribuno, die in einem Spruchband seine Verdienste hervorhebt, ohne explizit den Namen der Angreifer, der Ungarn, zu nennen: „AB INGENTIBVS UNDIQUE BELLIS PATRIAM INGENTI CLASSE TUTATUS SUM“ (sinngemäß: ‚Ich habe mein Vaterland mit einer imposanten Flotte vor gewaltigen Kriegen von allen Seiten geschützt.‘). Das Bildnis ist eines der Dogenporträts im Dogenpalast. Die Belagerung Venedigs durch Ungarn erfolgte um das Jahr 899. Dem Dogen Petrus Tribunus wird die Abwehr dieses Plünderzuges der Magyaren zugeschrieben, die um 898–900 auf Pferden nach Italien vorgedrungen waren. Diese hatten sich im heutigen Ungarn wenige Jahre zuvor angesiedelt und plünderten danach mehrere Jahrzehnte lang weite Gebiete Europas (Ungarneinfälle). Bei ihrem Italienzug zerstörten sie eine Reihe von Orten rund um die Lagune von Venedig, wurden jedoch von Venedigs Flotte unter der Führung des Dogen besiegt, womit sie überhaupt zum ersten Mal einer Gegenmacht militärisch unterlagen. Vom byzantinischen Kaiser erhielt der Doge dafür einen der höchsten Ehrentitel. Der Aufbau einer umfangreichen Stadtbefestigung erfolgte in diesem Zusammenhang; auch versperrte eine Kette die Zufahrt zum Canal Grande.

Verteidigungsmaßnahmen, Zerstörung der Lagunenorte, Sieg der Flotte mini|Der Raubzug der Ungarn von 899/900 mini|Städte im Umkreis von Venedig gegen Mitte des 9. Jahrhunderts mini|Grabbeigaben vom ungarischen Friedhof Przemyśl, 1. Hälfte 10. Jahrhundert mini|Darstellung eines ungarischen Reiterkriegers aus dem 10. Jahrhundert, Fresko in der Basilika Santa Maria Assunta, Aquileia, 12. Jahrhundert Der Doge organisierte die Verteidigung Venedigs und der umliegenden Lagunensiedlungen frühzeitig gegen eine Invasion ungarischer Schiffe. Venedig war nur eines der Ziele der Invasoren, die in weiten Teilen Europas ihre Raubzüge durchführten. Nach Gina Fasoli erfolgte der hier im Mittelpunkt stehende Raubzug gegen Norditalien in den Jahren 898 bis 900.Vgl. Gina Fasoli: Le incursioni ungare in Europa nel sec. X, G. C. Sansoni, Florenz 1945, S. 91 ff: La grande spedizione in Italia dell’ 898–900.

Der Doge ließ, wie Johannes Diaconus in seiner etwas mehr als ein Jahrhundert später verfassten Istoria Veneticorum ausdrücklich schreibt, im „anno sui ducatus nono“, im ‚9. Jahr seiner Dogenherrschaft‘ (ed. Monticolo, S. 131), eine Mauer zur Abwehr der „Ungrorum pagana et crudelissima gens“ errichten. Diese Mauer reichte von Santa Maria Zobenigo bis Castello (Olivolo). Darüber hinaus wurde der Canal Grande durch eine Kette für Schiffe unpassierbar gemacht. In der Istoria Veneticorum klingen dabei zwei Erklärungsmuster für das Verhalten der Invasoren an, die sich über Jahrhunderte wiederholten, und die auch auf andere Invasoren übertragen wurden, die Ungarn waren nach dem Chronisten eine ‚heidnische und überaus grausame gens‘.

Diese Ungarn, die mit Feuer und Raub bereits Oberitalien entvölkert hatten, drangen entlang des Westrands der Lagune von Venedig südwärts bis nach Chioggia alles zerstörend vor. Dann zogen sie plündernd nach Metamaucum und Pellestrina auf dem Lido; wie Johannes Diaconus (ed. Monticolo, S. 130) schreibt: „primo Civitatem novam fugiente populo igne concremaverunt, deinde Equilum, Finem, Cloiam, Caputargelem incenderunt litoraque maris depopolaverunt“. Sie brannten also zuerst Civitas nova nieder, dann Equilio, Fine, Chioggia, Cavarzere nieder. Die Bevölkerung floh demnach vor den Invasoren, die erst im Juni bei Albiola von der venezianischen Flotte unter Führung des „Petrus dux“ aufgehalten und zurückgeschlagen wurden.

Der byzantinische Kaiser Leo der Weise ehrte den Dogen wegen des Abwehrerfolges im folgenden Jahr mit dem Titel eines Protospatharios. Im Februar 900Marco Pozza: Tribuno, Pietro, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 96 (2019) 767–769, hier: S. 768. berief Tribunus ein Placitum ein, während dessen das Kloster Santo Stefano di Altino Exemtionen erhielt – mit Verweis auf Schäden durch die Ungarn. König Berengar von Friaul, der gegen die Ungarn bereits 15.000 Mann verloren haben soll, wie der Chronist schreibt, konnte sie mit „obsidibus ac donis“ zum Abzug aus Italien bewegen, wobei sie ihre gesamte Beute mitführten.

Schließlich scheiterte der Angriff der Ungarn nach der Istoria Veneticorum also an derselben Stelle, wie der fast ein Jahrhundert zurückliegende Angriff König Pippins, des Sohnes Karls des Großen. Dies stellte nicht nur eine Parallelisierung der beiden Angriffe dar, sondern noch eine Steigerung im Sinne der Verteidigung des Christentums gegen die grausamen Heiden aus dem Osten. Ebenso stellte dieser Erfolg eine weitere Bestätigung für die Richtigkeit der nach Pippins Angriff erfolgten Verlagerung der Residenz des Dogen von Metamaucum (um 810), das bei beiden Angriffen zerstört wurde, nach Rialto dar. Nur dort, mitten in der Lagune, war Venedigs Sicherheit gewährleistet, so lautete die Schlussfolgerung.

Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig mini|Zwischen 887 und 899 geprägter Denar Arnuls und Berengars, Bibliothèque nationale de FranceFotografien der Nationalbibliothek finden sich hier: Gallica. Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der langen Herrschaft Piero Tribunos gab, in mehrererlei Hinsicht von symbolischer Bedeutung. Das Augenmerk der Mitte des 14. Jahrhunderts längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit dem Dogen Andrea Dandolo die Geschichtsschreibung steuerten, galt den Fragen nach der politischen Unabhängigkeit zwischen den Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruchs, vor allem auf die Herrschaft über die Adria. Gegen die Ungarn war Venedig sogar das einzige Staatswesen, dem eine militärische Abwehr gelang, mehr als 50 Jahre vor der Schlacht auf dem Lechfeld. Zudem bereitete sich Venedig durch den Bau einer Mauer und die Schaffung einer Sperrkette für den Canal Grande auf Angriffe vor, was in scharfem Gegensatz zu Dandolos Venedig des 14. Jahrhunderts stand, das als einzige Stadt ohne Stadtmauer auskam.

Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo, schildert den Ungarnangriff auf Italien und Venedig mit einigen Abweichungen.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 40 f. Auch für diesen Chronisten waren die Ungarn „giente perfida et incredulla“. Während jedoch hier König Berengar I. angesichts der ungarischen Macht „volse le spalle“, er der Invasion also gleichgültig zusah und ‚die Achseln zuckte‘, und die Invasoren im Gebiet von Istrien und Treviso jede Stadt zerstörten, sowie Eracliana niederbrannten – hier vermerkt die Chronik ausdrücklich, dass die Stadt nach ihrem Wiederaufbau den Namen „Citanova“ erhielt –, dann „Cloça“ (Chioggia) am Südrand der Lagune eroberten. Weiter zogen sie nach „Malamocco“ (Metamaucum), und, wenn sie es gekonnt hätten, nach „Venesia“. Vor der venezianischen Flotte unter Führung des „Duxe“, des Dogen also, wichen sie jedoch aus und zogen weiter in die Lombardei, wo sie alle „contrade“ zerstörten. Nur mit viel Geld – „grande moneda“ – konnte Berengar sie zum Abzug aus Italien bewegen. Auch berichtet die Chronik von der besagten Mauer und der Kette, die den Canal Grande sperren konnte, wobei erstere von „Castello fino a Sancta Maria Zobenigo“ reichte, letztere über den Canal Grande nach „San Griguol“. Vom „imperadore“, dem Kaiser, erhielt der Doge „grande honor“.

Mit weiteren Abweichungen berichtet Pietro Marcello 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de’prencipi di Vinegia übersetzten Werk.Pietro Marcello: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 28–30 (Digitalisat). Er nennt gleichfalls die Mauer und die Kette zur Abwehr der Invasoren. Er bezeichnet die Ungarn als „Gli Vnni popoli di Scitia“ – womit auf die antike Tradition zurückgegriffen wurde, alle Völker des nomadischen Ostens als ‚Hunnen‘ zu bezeichnen, den Osten selbst als ‚Skythien‘. Diese berittenen Invasoren waren „huomini tanto crudeli, che mangiavano anche carne humana“, sie waren also ‚so grausame Menschen, dass sie auch Menschenfleisch aßen.‘ Nach Marcello eroberten sie zahlreiche Städte und ihre Erfolge machten sie überheblich, so dass sie nun auch den Staat der Venezianer zerstören wollten. Dabei war für ihn „Vinegia“ nicht mehr die Lagune insgesamt, sondern Rialto, das die Ungarn nun attackieren wollten. Die Venezianer wiederum kämpften um ihr bloßes Leben, es kam zu einer mehrtägigen Schlacht an verschiedenen Orten, die Ungarn zogen schließlich ab. Nachdem sie auch bei Marcello „alcuni doni“, ‚einige Geschenke‘, von Berengar erhalten hatten, verließen sie Italien.

Gian Giacomo Caroldos Historie venete dal principio della città fino all’anno 1382Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 66. (online). erzählen, der neue Doge habe im neunten Jahr seiner Herrschaft, demnach im Jahr 897, eine Mauer errichten lassen, die vom „Rio di Castello sin’alla Chiesa di Santa Maria Giubanico“ reichte – gemeint ist Santa Maria Zobenigo –, dazu ließ er „fine del muro una grossa catena che traversava il canale alla Chiesa di San Gregorio, acciò non potesse penetrar nella Città alcuno navilio“ – er ließ also vom Ende der Mauer eine schwere Kette über den Kanal bei der Kirche San Gregorio anbringen – gemeint ist San Giorgio Maggiore –, damit kein Schiff in die Stadt eindringen könne. Die Ungarninvasion erfolgte bei ihm ausdrücklich auf Pferden und in ledernen Booten („barche di cuoio“). Die Invasoren brannten, wie bereits bekannt, „Citta Nova“ nieder, dann folgten „Equilio, Chioza et Cavarzere“. Schließlich versuchten sie über Albiola und „Malamocco“ nach Rialto zu gelangen. Doch unter Führung des Dogen griffen die Venezianer mit zahlreichen Schiffen und Booten („navilij et barche“) die Invasoren an, so dass diese ‚am Tag des hl. Petrus‘ flohen und sich zerstreuten.