mini|Opicinus de Canistris: Anthropomorphe Mittelmeerkarte, 1335–1352, Biblioteca Apostolica Vatican, Vat. Lat. 6435fol 79v Figürliche Landkarten stellen Länder oder Kontinente in Form von Menschen (anthropomorphe Landkarte), Tieren (zoomorphe Landkarte) oder Pflanzen (phytomorphe Landkarte) dar.

Da Figürliche Landkarten Figuren darstellen, gehören sie ebenso wie figürliche Himmelskarten zu den „Figurenkarten“. Figürliche Karten, in denen die dargestellten Figuren als Personifikationen zugleich Allegorien sind, gehören zugleich – ebenso wie Darstellungen imaginärer Landkarten zur Darstellung von Abstrakta wie etwa Tugenden und Lastern – zu den „allegorischen Landkarten“.

Die meisten figürlichen Landkarten haben einen geostrategischen und oft tagespolitischen und kriegerischen Inhalt. Wenn figürliche Landkarten ernste Sachverhalte überspitzt, ironisch oder verspielt darstellen, werden sie oft auch als „humoristische“, „satirische“ oder „tragikkomische Karten“ bezeichnet.

Literarische Vorläufer mini|Ebstorfer Weltkarte, ca. 1300, das Original auf Pergament, Durchmesser 350 cm, ehemals Kloster Ebstorf, Original im Oktober 1943 verbrannt, die Abbildung zeigt eine 1950–1953 entstandene Nachbildung Schon im antiken Griechenland wurde der Verlauf der Küstenlinie von Inseln oder Kontinenten mit Formen von Gegenständen oder Körperteilen verglichen. Dem geht in der Mitte des 2. Jahrhunderts vor Christus die literarische Schilderung der Personifikation von Kontinenten in der Erzählung Europa des griechischen Dichter Moschos voraus. Der Königstochter Europa aus Sidon erscheinen dort im Traum die Kontinente Asien und Europa in Frauengestalt und streiten, wer sie besitze (Moschos, Europa 8–15). Im frühen 1. Jahrhundert nach Christus vergleicht dann der griechische Historiograph und Geograph Strabon die Form der Peloponnes mit der eines Platanenblattes.Strabon, Geographie 8,2,1 (online; englische Übersetzung). Der römische Geograph Pomponius Mela formuliert 43/44 nach Christus, dass der Zugang zum Persischen Golf (Straße von Hormus) wie ein Hals aussehe und der Meeresteil dahinter wie ein menschlicher Kopf (Chorographia 3,73). Plinius der Ältere überliefert, dass der griechische Historiker Timaios von Tauromenion die Insel Sardinien wegen der Ähnlichkeit ihres Umrisses mit einer Sandale () „Sandaliotis“ und der griechische Historiker Myrtilus sie wegen der Ähnlichkeit mit einem Fußabdruck „ichnusa“ (altgriechisch ἴχνος [ichnos], deutsch ‚Fußabdruck‘) genannt habe (Naturalis historia 3,85).

Anthropomorphe Landkarten Im Mittelalter entstehen einige wenige anthropomorphe Landkarten. In der Ebstorfer Weltkarte von um 1300 sind Kopf, Hände und Füße Jesu Christi kreuzförmig an den Rändern Radkarte angeordnet. In zwei rätselhaften Manuskripten des Opicinus de Canistris (1296 – um 1353), die sukzessive zwischen 1337 und 1352 entstanden sind, finden sich zahlreiche anthropomorphe Karten des Mittelmeerraumes. Mit wechselnden Geschlechterrollen sind dort ein gutes Europa und ein böses Afrika einander auf beiden Seiten eines diabolischen Mittelmeers als streitendes Paar gegenübergestellt.Anke Bennholdt-Thomsen, Alfredo Guzzoni: Analecta Hölderliana. Zur Hermetik des Spätwerks. Königshausen & Neumann, Würzburg 1999, ISBN 3-8260-1629-7, S. 22–24. mini|Jobst Dennecker (Kupferstecher) nach Johannes Putsch (Entwerfer): Europa Regina (lat. „Die Königin Europa“) mit Widmung und Lamentatio Europae (lat. „Klage der Europa“), kolorierter Holzschnitt und Typendruck. Augsburg 1534. Museum Retz, einziges erhaltenes Exemplar der Erstfassung. Erst der Tiroler Dichter und Mathematiker Johannes Putsch (latinisiert Johannes Bucius Aenicola; 1516–1542) entwarf wieder eine anthropomorphe Landkarte, die der Formschneider und Drucker Jobst Dennecker († vor 1548) 1534 in Augsburg als Holzschnitt druckte. Dargestellt ist darauf erstmals der Kontinent Europa in Frauengestalt. Das Blatt enthält zudem ein Widmungsgedicht und ein auf das Bild bezogenes Klagegedicht der Europa (Lamentatio Europae). Der 1534 als sub forma Europa puellae – „Europa in der Gestalt eines Mädchens“ – beschriebene neue Bildtypus wurde ab 1537 als Europa in forma virginis – „Europa in der Gestalt einer Jungfrau“ und später als Europa regina – „Europa regina“– „Königin Europa“ bezeichnet. Die Erstfassung von 1534 kopiert 1537 ein Holzschnitt des aus den Burgundischen Niederlanden stammenden reformierten Druckers und Buchhändlers Christian Wechel (1495–1554) in Paris graphisch und typographisch grob, aber inhaltlich vollständig. 1587 gab Johann Bussemacher unter dem Namen Europae descriptio (Beschreibung Europas) eine besonders getreu und qualitätvoll im Kupferstich gestaltete Fassung von Putschs Bilderfindung heraus, die Matthias Quad gestochen hatte. Ab 1587 fügte auch Heinrich Bünting seinem Itinerarium sacrae scripturae eine solche Karte Europas in der Gestalt einer Königin hinzu. Ab 1588 erschien eine vereinfachte Nachgestaltung nach Putschs Vorlage zudem in den Ausgaben der Cosmographia des Sebastian Münster. Eine Neuinterpretation des Motivs veröffentlichte Frans Hogenberg im Frontispiz des 1588 erschienenen Kartenwerks De Europae Virginis, Tauro Insidentis, Topographica, Atque Historica Descriptione, Liber von Michael von Aitzing. Unter dem Titel Het Spaens Europa ben ic ghenomt (Das Spanische Europa werd’ ich genannt) gibt auch eine anonyme niederländische Radierung in einer 1598 in Holland erschienenen polemischen antihabsburgischen Flugschrift dem Motiv einen neuen politischen Sinn. Ein weiterer anonymer Tiefdruck schließt sich im selben Jahr unter dem Titel Het Spaens Europa (Das Spanische Europa) an. Sehr eigenständig variiert das Thema des Kontinents Europa in Gestalt der Königin Europa auch eine Landkarte, die Hendrick Kloekhof gestochen und François Bohn (1757–1819) im ersten Band von Arend Fokke Simonsz (1755–1812) Geheimzinnige Toebereidselen tot eene Boertige Reis Door Europa 1794 unter dem Titel Europa. Volgens de nieuwste Verdeeling herausgegeben hat.Anke Bennholdt-Thomsen, Alfredo Guzzoni: Analecta Hölderliana. Zur Hermetik des Spätwerks. Königshausen & Neumann, Würzburg 1999, ISBN 3-8260-1629-7, S. 22–24.

Im Laufe der Jahrhunderte entstanden auch neue anthropomorphe Landkarten unterschiedlicher Regionen und Länder wie etwa Robert Dightons ironische Geography bewitched! or a droll caricature map of Scotland (en. „Verhexte Geographie, oder eine drollige Karikaturlandkarte Schottlands“ von um 1793).

Zoomorphe Landkarten

Direkt an Putschs Erfindung anbindend, stellte Bünting auf den Seiten, die seiner Darstellung des Kontinents Europa als Königin folgen, nach demselben Prinzip Asien zoomorph als Pegasus dar. Die Landkarte der gesamten Habsburgischen Niederlande – in der 1559 zerbrochenen Einheit aller 17 Provinzen – wurde erstmals in einem Kupferstich Frans Hogenbergs zu Michael von Aitzings De Leone Belgico von 1583 als Leo Belgicus in der Figur eines Löwen, des Wappentier Flanderns, veröffentlicht, ein Motiv, das danach mit unterschiedlichen politischen Aussagen vielfältig variiert wurde. Nach einem Konzept Matthias Burgklehners gestalteten David Zigl und Andreas Spängl ab 1609 mehrere Fassung (1620, 1626) einer Landkarte Tirols in der Gestalt eines Adlers, des Tiroler Wappentiers, als Aquila Tirolensis (lat. „der Tiroler Adler“). Um 1700 zeigte Jakob Störcklein nach demselben Prinzip eine Neue geographische Karte des Berner Herrschaftsgebiets, dargestellt im Bild eines Bären (lat. Nova ditionis Bernensis tabula geographica ursi effigie delineata).

Phytomorphe Landkarten Eines der wenigen Beispiele phythomorpher Landkarten ist ein Kupferstich Wolfgang Kilians von vor 1663, dem Todesjahr Kilians, mit der Darstellung Böhmens in Gestalt einer aus Wien aufwachsenden und von der zentral liegenden Hauptstadt Prag aus erblühenden Rose. Der Titel des Blattes spricht den militärischen und politischen Zusammenhang an: Bohemiae rosa omnibus saeculis cruenta in qua plura quam 80. magna proelia commissa sunt, nunc primum hac / forma excusa (lateinisch „Die Rose Böhmens, durch alle Jahrhunderte blutig, in der mehr als 80 große Schlachten geschlagen wurden, zum ersten Mal in dieser Form gedruckt.“). Text und Bild erklären gemeinsam, dass Böhmen nach langen Kriegen in Frieden gedeihe, da die Habsburger es seit 1526 als Könige von Böhmen von Wien aus regieren. Der Kupferstich war auch Teil von Bohuslav Balbíns Epitome historica rerum bohemicarum (lateinisch „Historische Übersicht der Ereignisse in Böhmen“) von 1677 eingefügt.

Arcimboldeske Landkarten Eine neue Sonderform figürlicher Landkarten entwickelte sich ab Ende des 18. Jahrhunderts in der Darstellung kartographischer Zusammenhänge zwischen mehreren Ländern, deren Formen sich die bildliche Zusammensetzung einer Figur aus mehreren Lebewesen anpasst. Diese Form wurde später nach Giuseppe Arcimboldo als „arcimboldeske Landkarte“ bezeichnet.

Weite Verbreitung erreichten solche Darstellungen etwa in den verschiedenen Fassungen „allegorischer“ und „tragisch-komischer“ Kriegskarten des Fred W. Rose, in denen die komplexe Konfliktkonstellation von 1877 zwischen den Nationen Europas sowie zu ihren Nachbarn in Menschen- und Tiergestalten interpretiert und kommentiert wird. Die Karte erschien auch in deutschen, dänischen, schwedischen, niederländischen, portugiesischen, spanischen, italienischen, französischen und amerikanischen Ausgaben.

Anthropomorphe Landkarte als literarisches Motiv In der Literatur findet sich eine anthropomorphisierende Vorstellung geographischer Formen schon ein Jahrzehnt nach Putschs Erfindung im dritten Buch des satirischen Romans Pantagruel von François Rabelais von 1546: „Ich seh, das Haar wird dir schon grau auf deinem Kopf; dein Bart schaut aus wie eine Weltkart, nach den Flecken des Grauen, Weissen, Schwarzen und Braunen. Schau, hie ist Asien, hie Euphrat und Tigris, da Afrika, dort die Mondsgebirg. Siehst du die Nil-Sümpf? Hie hüben Europa. Siehst du wohl Thelem? Dieß ganz schneeweisse Büschel hie, das sind die hyperboräischen Berg. Bey meiner Kehl, Freund! wann der Schnee erst auf den Bergen liegt, ich mein auf Haupt und Kinn, dann ist die Hitz im Hosenthal auch nicht mehr groß.“

Literatur Roderick M. Barron: Formatting Europe – Mapping a Continent. Bringing the map to life: European satirical maps 1845–1945 / Cartes satiriques de l’Europe 1845–1945 ou comment donner de la vie aux cartes. In: Belgeo. 3–4, 2008, S. 445–464. Claudia Bruns: Anthropomorphe Europakarten im Übergang zur Frühen Neuzeit. In: Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit. Band 21, 2017, Heft 1/2: Der Körper des Kollektivs, S. 9–43. Katharina N. Piechocki: Cartographic Humanism. The Making of Early Modern Europe. Chicago / London 2019, ISBN 978-0-226-64118-8, S. 107–111. Panagiotis N. Soukakos: Σατιρικοί χάρτες: Ιστορικές & Σατιρικές Απεικονίσεις της Ευρώπης (19ος - 20ός αι.) / 120 Satirical Maps: Historical and Satirical Accounts of Europe (19th - 20th century). Ausstellungskatalog Panayotis Soukakos Map Collection, 7. Mai 2019 – 2. Juni 2019, Athen: Militos, 2015, ISBN 978-960-464-690-6. Elisabeth Zeilinger: Leo Belgicus. Landkarten in anthropomorpher oder zoomorpher Form transportierten neben heraldischen und mythologischen Anspielungen häufig auch politische Hinweise. Österreichische Nationalbibliothek. 5. Juni 2024

Weblinks

Einzelnachweise

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