mini|hochkant|alt=Marcus Eli Ravage, 1909|Marcus Eli Ravage (1909) Marcus „Max“ Eli Ravage (auch: Ravitch, geb. Revici; 25. Juni 1884 in Bârlad – 6. Oktober 1965) war ein in Rumänien geborener amerikanischer Schriftsteller und Journalist.

Bekannt wurde er vor allem durch seine Autobiografie An American in the Making (1917), welche die Spannungen zwischen Assimilation und kultureller Identität untersucht und als wegweisend für die Migrationsliteratur der USA gilt. Während der Zwischenkriegszeit schrieb Ravage umfangreich über Einwanderung in den Vereinigten Staaten sowie über politische Entwicklungen in Europa und Amerika.

Seine satirischen Essays über Antisemitismus veröffentlichte Ravage, der selbst Jude war, im Jahr 1928. Sie wurden später von der NS-Propaganda aus dem Kontext gerissen und ideologisch umgedeutet – eine verschwörungstheoretische Verfälschung, die auch in antisemitischen Diskursen der Nachkriegszeit weiterverbreitet wurde.

Zudem schrieb Ravage populäre Biographien über die Familie Rothschild und über Marie-Louise von Österreich, Napoleons zweite Ehefrau. Er war Europakorrespondent für das US-amerikanische Magazin The Nation und verfasste Beiträge für Harper’s Magazine, The New Republic, Current History, The New York Times, The Forward, das Satiremagazin Puck, The Century Magazine, The Saturday Evening Post, die britische Zeitung The Nation sowie für verschiedene europäische Medien (im deutschsprachigen Raum etwa das Neue Wiener Tagblatt).

Biographie

Im Jahr 1884 in Bârlad in Rumänien geboren, wuchs Marcus (oder Marcu) Eli Revici als jüngstes von vier Kindern auf. Sein Vater war Judah Loeb Revici (geb. 1847 in Kischinau), ein wirtschaftlich bedrängter Getreidehändler, seine Mutter war Bella Rosenthal Revici (geb. 1850 in Bârlad).

mini|Alter Bahnhof in Vaslui, von wo aus Ravage seine Reise nach Amerika begann. Als Marcus ein kleines Kind war, zog die Familie nach Vaslui, eine nahegelegene Stadt, welche ca. 12.000 Einwohner im Jahr 1900 hatte, davon 31 % jüdisch (so wie die Revicis).

Im Alter von elf Jahren verlor er seine Schwester Annie. Im Alter von vierzehn Jahren begegnete er einem Verwandten, der zuvor ausgewandert war, sich in Amerika niedergelassen hatte und nun aus New York City auf Heimatbesuch weilte. Das unerwartete Wiederauftauchen des Verwandten in Vaslui, verbunden mit seinen positiven Berichten über Amerika, trug zu örtlichen Diskussionen über Auswanderung bei, einschließlich Ravages eigener.

Zwei Jahre später, im Jahr 1900, schloss sich Ravage schließlich auch den zahlreichen Juden Rumäniens an, die angesichts des zunehmenden Antisemitismus das Land verließen (der Fusgeyer-Bewegung), und wanderte nach Amerika aus. Einem Interview aus 1909 zufolge kam er zunächst in Montreal an, von wo er einige Monate später nach New York weiterzog; von Verwandten bekam er dort ein Zimmer in der Rivington Street auf der Lower East Side zur Verfügung gestellt. Seinen Lebensunterhalt verdiente er durch Gelegenheitsjobs, zunächst als Straßenhändler für Süßwaren und Spielzeug, später als Barkeeper und schließlich in einem Sweatshop als Näher für Hemdsärmel. Parallel dazu besuchte er Abendkurse, um Englisch zu lernen. Seine schulische Ausbildung setzte er in selbstverwalteten Arbeiterbildungsstätten und in privaten Vorbereitungsschulen fort, über die DeWitt Clinton High School ließ er sich für ein staatliches Stipendium qualifizieren.

Im Jahr 1903 erhielt er per Post die Nachricht vom Tod seiner Eltern in Vaslui. Seine Brüder Paul und Harry folgten ihm später nach New York.

mini|links|Marcus Eli Ravage, sitzend in der vorderen Reihe, zweiter von rechts, mit Kommilitonen im Schreib- und Lesekreis Asterisk Club der University of Missouri, 1909. 1906 begann er sein Studium an der University of Missouri in Columbia (Missouri), wo er 1909 seinen Bachelor-Abschluss machte; für das anschließende Masterstudium wechselte er an die University of Illinois. Während seiner Studienzeit war er aktives Mitglied des Cosmopolitan Club, einer multikulturellen Studentenvereinigung, in der er zeitweise die jüdische Gruppe leitete. mini|Marcus Eli Ravage, sitzend am rechten Ende der dritten sichtbaren Reihe (nicht der hintersten Reihe), mit Kommilitoninnen und Kommilitonen im Cosmopolitan Club der University of Missouri, 1909.

Nachdem er sein Masterstudium in Illinois im Jahr 1910 mit einer Arbeit über das Jiddische Theater abgeschlossen hatte, setzte er sein Studium an der Columbia University in New York City fort. (Neuere biographische Quellen variieren hinsichtlich der genauen Studiendauer dort. Zeitgenössische Universitätsquellen führen ihn für 1910 bis 1911 als Graduiertenstudenten der Columbia University. Ein biographisches Lexikon von 1926 gibt an, er habe an studiert; seine Tochter Louise Ravage Tresfort schrieb später ebenfalls, er habe dort von 1910 bis 1913 mit Unterbrechungen – – studiert.)

In diesen Jahren arbeitete Ravage außerdem als Englischdozent am Kansas State Agricultural College. (Manche Quellen datieren seine Lehrtätigkeit in Kansas ausdrücklich auf die Jahre 1911 bis 1912, während andere sie ohne genaue Zeitangabe erwähnen. Der Lehrplan dort umfasste, trotz des damals agrarisch-technischen Namens, auch geisteswissenschaftliche Fächer.) In Kansas war er Berichten zufolge für die örtliche Hochschulgruppe des Cosmopolitan Club verantwortlich, als diese durch Studierende und Lehrende aus einem Dutzend Länder ins Leben gerufen wurde.

Später ließ er sich wieder in New York City nieder, wo er sich aktiv in Programmen der Settlement-Bewegung engagierte, die sich der Integration von Einwanderern widmeten, und schließlich, teilweise daraus resultierend, seine 1917 publizierte Autobiografie verfasste.Louise Ravage Tresfort: , in:

Wenngleich spätere biografische Darstellungen andeuten, dass er seinen amerikanisierten Familiennamen „Ravage“ bereits bei der Einreise am Ellis Island angenommen haben könnte, belegen jedoch archivarische Dokumente seines Bildungswegs, dass er während der ersten Dekade in den Vereinigten Staaten – also zwischen Einwanderung und späterer Einbürgerung – den Nachnamen „Ravitch“ trug, zusammen mit dem Vornamen „Max“. Phonetische Umschriften von Familiennamen, die an die Aussprache des amerikanischen Englisch angepasst waren, waren unter osteuropäischen Einwanderern weit verbreitet. Gemäß seiner Autobiografie drückte Ravages eigene übergangsweise Nutzung des Vornamens „Max“ weniger eine persönliche Präferenz aus als vielmehr allgemeine Muster der Amerikanisierung. Für seine frühen Schritte als Schriftsteller verwendete er auch das Pseudonym „Max the Sleever“ (in Anspielung auf seine damalige Tätigkeit als Textilarbeiter).

Zu Beginn seiner professionellen publizistischen Tätigkeit im Jahr 1917 (mit Beiträgen für Harper’s, Puck und Century sowie der Veröffentlichung von An American in the Making) etablierte er schließlich die Namensschreibweise „Ravage“, gleichzeitig eignete er sich die Verwendung seines Vornamens „Marcus“ zusammen mit seinem hebräischen zweiten Vornamen „Eli“ wieder an.

mini|links|Marcus Eli Ravage mit seiner Tochter Suzanne (ca. 1921) Im November 1912 wurde Marcus Eli Ravage in New York City als US-amerikanischer Staatsbürger eingebürgert.

Nachdem Ravage in Saranac Lake, New York der Französin Jeanne Louise Suzanne Martin − Archive.org-Schnappschuss vom 20. März 2026. begegnet war, heirateten die beiden im Jahr 1915. Die erste gemeinsame Tochter Suzanne Anna wurde 1916 geboren, zwei Jahre darauf kam Louise Belle zur Welt. In diesen Jahren etablierte sich Ravage als erfolgreicher Schriftsteller, Journalist und Zeitschriftenautor, sein Schwerpunkt lag auf gesellschaftlichen und politischen Themen. Er pflegte Kontakte zu öffentlichen Persönlichkeiten aus Literatur,Zu Ravages damaligem publizistischem Bekanntenkreis gehörte der spätere Pulitzer-Preisträger Hamlin Garland (1860–1940). Siehe etwa: Journalismus, Sozialreform und der Rechtswissenschaft, und engagierte sich im Vorstand der Peoples of America Society, wie auch diverse Briefwechsel dokumentieren, etwa mit der Menschenrechtsaktivistin Lillian D. Wald und der Investigativjournalistin Ida Tarbell.Die „Peoples of America Society“ (41 Union Square, New York) stellte sich als ein interdisziplinäres Netzwerk vor, das sich einer pluralistischen Neudefinition amerikanischer Identitätskonzepte widmete; sie brachte Persönlichkeiten aus feministischer Sozialarbeit, Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegungen, Kinderrechtsbewegung, Wohnungspolitik, Gesundheitsfürsorge, Sozialstaatstheorie, Einwanderungsintegration, Religionsethik und juristischer Reform. Weitere Mitglieder waren Grace Abbott, Jane Addams, Herbert Croly, der spätere Höchstrichter Felix Frankfurter, Frederic C. Howe, Lillian D. Wald; sowie Isaac Aronovich Hourwich, William Morris Leiserson, Bischof Francis John McConnell, Louis Freeland Post, Pfarrer John A. Ryan, Dorothy Payne Whitney Straight (jeweils englischsprachiger Artikel); außerdem Allen T. Burns (Who Was Who-Eintrag) und George L. Bell. Siehe Zeitungsberichten zufolge trat Ravage häufig als öffentlicher Redner auf Konferenzen, Bürgerversammlungen und Veranstaltungen zivilgesellschaftlicher Organisationen auf, wo er Vorträge über Einwanderung und soziale Reform hielt.

Die Familie Ravage zog 1920 nach Paris, wobei Marcus Eli Ravage als Auslandskorrespondent durch Europa reiste – unter anderem nach Italien, Österreich, Jugoslawien und Rumänien. Ein eintägiger Besuch in seiner Heimatstadt Vaslui ist dokumentiert. Im Jahr 1923 kehrte die Familie nach New York City zurück, und im darauffolgenden Jahr kam das dritte Kind, John Mark, auf die Welt.

1927 erfolgte ein erneuter Umzug nach Paris, weitgehend aus finanziellen Gründen. In den folgenden Jahren entfremdete sich Ravage zunehmend von seiner Familie und begann eine außereheliche Liaison mit Denise Montel, einer Bekannten aus dem Verlagswesen, der er 1931 seine Biografie über Marie-Louise von Österreich widmete. Als Jeanne 1933 von der Affäre erfuhr, verließ sie ihn und zog mit den Kindern nach Ithaca, New York; die Quellen gehen dahingehend auseinander, dass spätere biografische Zusammenfassungen alle drei Kinder mitzählen, während Suzanne Ravage in ihrer Publikation 1995 berichtet, dass ihre Schwester Louise ihre Ausbildung in Frankreich fortsetzte. Ravage blieb in Frankreich, ließ sich scheiden und heiratete später Denise Montel.

In dieser Zeit schrieb Ravage gleichzeitig als Europakorrespondent für das US‑Magazin The Nation und für verschiedene europäische Zeitschriften und Zeitungen. Unter anderem berichtete er aus der kemalistischen Türkei, dem faschistischen Italien sowie aus Spanien während des Bürgerkriegs, und führte zudem Interviews mit verschiedenen Politikern Mittel‑ und Osteuropas. Sein Name wurde in damaligen französischen Veröffentlichungen – etwa in Ce soir, Le Petit Parisien, Vendredi und Vu – auch als Mark-Eli Ravage bzw. Marc-Elie Ravage geschrieben, gelegentlich mit Akzent über dem „E“.

Den Großteil des Zweiten Weltkriegs verbrachte Ravage in den Vereinigten Staaten. Danach kehrte er nach Frankreich zurück und ließ sich in Grasse nieder.

Marcus Eli Ravage starb 1965 im Alter von 81 Jahren nach kurzer Krankheit.

Auszeichnungen und Ehrungen

Im Dezember 1933 wurde Ravage von der University of Missouri als Ehrenmitglied in die akademische Gesellschaft Phi Beta Kappa aufgenommen, um seine literarischen Leistungen sowie die Verbindung zu seiner Alma Mater zu würdigen.

Von 1926 bis zumindest 1941 war Ravage durchgehend im Marquis Who’s Who in America verzeichnet. Es handelt sich dabei um ein zweijährlich erscheinendes biographisches Nachschlagewerk mit dem Ziel, jene Persönlichkeiten der USA zu erfassen, die sich durch nützliche und anerkannte Errungenschaften verdient gemacht haben. Die Einträge wurden im Laufe der Jahre entsprechend seiner wachsenden Publikationsliste erweitert.

Rezeption und ideologische Verzerrung

Rezeption in der US-Migrationsliteratur