Omama ist der 2020 erschienene Debütroman der österreichischen Kabarettistin, Poetry-Slammerin und Romanautorin Lisa Eckhart. Kurzbeschreibung Das Buch schildert eingangs das Leben insbesondere der Hauptfigur Helga Brandtner in einer österreichischen Ortschaft nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach Schulabschluss wird Helga in den 1950er Jahren als Tauschmittel im Gegenzug unter anderem für Lebensmittel als Dienstmädchen herumgereicht, ehe sie einem Wirt als Köchin zugesprochen wird. Helga lernt Rudi kennen, den charmanten Sohn des Wirtepaares. Rudi, als Dorfschönling verpflichtet, alle Frauen zu beglücken, wird von seiner Mutter geneckt und macht sich daher an Helga heran, die daraufhin schwanger wird und Rudi heiratet. Die Erzählung springt anschließend in die 1980er Jahre, in denen Helga zur findigen Geschäftsfrau wird, zunächst bei Schmuggelfahrten nach Ungarn, später als Händlerin von wundertätigem „Drachenbalsam“, noch später als neugierige Reinmachefrau. Verrentet, nimmt Helga ihre Enkelin auf ausgedehnte Reisen mit, bleibt später zwar mehr zu Hause, liefert der Enkelin aber weiterhin die Gelegenheit zu Alltagsbeobachtungen. Inhalt Prolog Die Schilderung der Geburt der Ich-Erzählerin mit dem damit einhergehenden Tod einer der beiden Großmütter bietet der Ich-Erzählerin die Gelegenheit zu gedanklichen Abschweifungen über Mutterschaft und Großmutterschaft. Erster Teil Als im Jahr 1945 sowjetische Truppen in die steirische Ortschaft Mautern einrücken, eilt ihnen der Ruf grausamer Übergriffe voraus. „Der Russe bildete […] die strafende Instanz zwischen Gott und Über-Ich. Sei brav, sonst holen dich die Russen! Da spurte jeder“.Lisa Eckhart: Omama. Roman. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2021. ISBN 978-3-423-21968-6, S. 42. In dem Bestreben, die attraktive Inge Brandtner für eine vorteilhafte Verbindung in friedlicheren Zeiten zu bewahren, versteckt deren Mutter sie kurzerhand unter dem Bett – während man die weniger ansprechende Schwester Helga den Soldaten gewissermaßen anbietet. Doch entgegen aller Befürchtungen zeigt sich „der Russe“ überraschend respektvoll und lässt beide Mädchen unbehelligt, bleibt „bis zum Winter. Der Herr Kommandant mitsamt den Soldaten“ nistet sich sogar im Hause Brandtner ein, „ein Segen sondergleichen“: Die Brandtners „lebten fortan wie die Maden im Speck. Denn alles, was der Russe stahl, wurde bei ihnen eingelagert“.Eckhart, Omama, S. 51. Helgas Vater Anton nämlich ist des Nazismus unverdächtig: „Nicht jeder, welcher kein Mitläufer ist, ist darum gleich ein Widerständler. Mancher ist zum Mitlaufen einfach zu müde“, beispielsweise Anton Brandtner, vom bösen Brotberuf.Eckhart, Omama, S. 26. Antons Marillenschnaps spielt eine große Rolle bei der Völkerverständigung. Parallel dazu entfaltet sich das Panorama einer familiären Erziehung, die vor allem durch körperliche Züchtigung geprägt ist: „Die Mutter schmiert sich die Haut, und der Vater schmiert die Kinder. So gehört sich das nämlich.“Eckhart, Omama, S. 59. Außer, wenn Anton mal nicht arbeitslos und „vom Baggerführen abends immer zu erschöpft“ ist; dann macht das die Mutter. Normalerweise. „Sie will die Tochter ja nicht schlagen. Ihr tut das selbst am meisten weh. Sie hat nämlich eine Sehnenscheidenentzündung vom Häkeln.“Eckhart, Omama, S. 33. Die Prügelpädagogik zeigt allerdings wenig bis gar keinen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der beiden heranwachsenden Schwestern. Während Inge, geistig eher schlicht gestrickt, sich bereitwillig auf die Avancen der örtlichen Bauern einlässt, schützt Helga sie vor den kritischen Fragen der Mutter, entwickelt dabei aber eine tiefsitzende Missgunst, die das Verhältnis zwischen den Geschwistern dauerhaft prägt. Mit Ende der Schulzeit werden Helga und Inge „wild herumgereicht. Bald gibt es um Mautern kein Dorf mehr, wo nicht eines der zwei Mädchen Mist geschaufelt, Akten geordnet, Boden gewischt und Kartoffeln geschält hat.“Eckhart, Omama, S. 85. Grund: Mutter Brandtner bezahlt „Butter, Milch und Käse sowie jede Menge Schnickschnack“ dadurch, dass sie ihrer Töchter Arbeitskraft verspricht.Eckhart, Omama, S. 86. „Im Jahre 1953 trifft es sich, dass beide Schwestern jeweils von einem Ehepaar als Kindermädchen eingestellt sind“: Helga „lebt im Hause eines Doktors. Die Inge im Hause eines Professors. Der einzig wahre Unterschied ist jener, dass der Herr Professor keine Kinder hat. […] Genau genommen suchte also der Doktor eine Kinderfrau und der Professor eine Kindsfrau“,Eckhart, Omama, S. 92. macht Inge zu seiner Geliebten, während Helga trotz Arbeitszufriedenheit beim Doktor „dem Wirt in Freienstein versprochen“ wird.Eckhart, Omama, S. 102. Zweiter Teil „Es ist 1955. […] Hinter der Theke erstreckt sich der Busen einer keifenden Walküre, die abwechselnd das Personal oder die Wirtshausgäste anbrüllt.“Eckhart, Omama, S. 119. Das ist die Wirtin. Ihr Mann, der Wirt, „hat hier nicht viel zu sagen. Ab und an inspiziert er den Gastraum, um nach Problemen Ausschau zu halten, von welchen er im Traum nicht wüsste, wie er sie jemals lösen könnte.“Eckhart, Omama, S. 128. Lieber aber hält er sich von der Wirtin fern, aus gutem Grund: „Traktiert sie ausschließlich die Gäste, aber niemals ihren Mann, fühlt der sich doch alleingelassen. Und damit womöglich wohl.“Eckhart, Omama, S. 151. Warum soll es Helga, die in die Küche abgeordnet wird, da besser haben? Von dort aus lernt sie, gelegentlich angebrüllt, die örtliche Typengalerie kennen: den Stammgast, den Dorfdeppen, die „Dorfmatratze“ aber auch den Dorfschönling Rudi, zufällig Sohn des Wirtspaars. „Als Dorfschönling weiß er um die Pflichten, die mit seinem Amt einhergehen“, einem verantwortungsvollen Amt: Rudi muss „Verantwortung übernehmen. Er muss jedes der Weiber beglücken. Er darf sich nicht auf einer ausruhen. Er muss in jede Kiste springen, bevor er in die eigene darf“,Eckhart, Omama, S. 181. doch bevor er in den eigenen Sarg fährt, fährt er in den Hafen der Ehe: Weil die Wirtin ihn damit provozierte, eine „Tüchtige wie die Helga wirst du dein Leben lang nicht kriegen“,Eckhart, Omama, S. 186. machte sich Rudi an Helga heran. „Streng genommen will er gar nicht, dass sie aus ihrem Kleiderl fährt, sondern die Mutter aus der Haut.“Eckhart, Omama, S. 189. Schwanger wird Helga trotzdem. Ein Grund zur Heirat. Ein anderer: „Langsam sickert es durch bei den Weibern, dass der Rudi eine hat. Eine Feste. Jetzt werden es immer weniger. Manche spekulieren schon, wer der neue Dorfschönling wird. Der Rudi muss was unternehmen. […] Wenn er mit ihr verheiratet wäre, schwirren die Weiber wieder an.“Eckhart, Omama, S. 207. Andererseits: „Der Dorfschönling mit einem Kind! Was ist das Nächste? Fängt der Dorftrinker Mosttrinken an? Wenn die Schlampen davon Wind kriegen! Dann will ihn doch keine mehr! Oder alle! Und zwar so narrisch wie noch nie! Die beißen ihm das Zumpferl ab und reichen es einmal quer durch die Reihen. Weil sie jetzt alle einen kleinen Rudi wollen.“Eckhart, Omama, S. 208. Außer den Eltern der Brautleute taucht zur ausgelassenen Hochzeitsfeier überraschend auch Helgas Schwester Inge auf, die von der Professorengattin aus dem Haus geworfen wurde, ohne dass der Professor was dagegen unternahm.Eckhart, Omama, S. 221. Der Zweite Teil endet noch vor der Geburt des ersten von mehreren Söhnen etwa im Jahre 1956.Im Zusammenhang mit dem Paneuropäischen Picknick am 19. August 1989 wird erwähnt, dass Helgas ältester Sohn zu jenem Zeitpunkt 33 Jahre alt ist (Eckhart, Omama, S. 242). Dritter Teil „Im dritten Teil wird’s dann etwas versöhnlicher – könnte man meinen, denn Eckhart reiht hier hübsch drapierte Anekdoten aus dem gemeinsamen Leben mit ihrer Großmama aneinander.“ Durch einen glücklichen Zufall wandelt Großmama Helga sich zunächst zur findigen Geschäftsfrau: Sie übernimmt kostengünstig nach einer katastrophal endenden ersten Fahrt nach Ungarn ein „Busimperium, das einen ganzen Bus umfasst“, den bei jeder Fahrt eine „geriatrische Armada“ besteigt, um zollwidrig günstige Waren in Ungarn einzukaufen.Eckhart, Omama, S. 233. „Es war vermutlich der einzige Bus, der weit über fünfzig Verbandkästen barg. Das bedeutete jedoch nicht, dass man im Notfall einen Verletzten großzügig bandagieren hätte können. Schließlich befanden sich in den Kästen weder Pflaster noch Kompressen, sondern ausschließlich Salami.“Eckhart, Omama, S. 234. Helga „versorgt ganz Freienstein mit Blutverdünnern, Büstenhaltern sowie natürlich Tonnen Wildbret“, gibt die Schmuggelfahrten jedoch nach achtjähriger Schmuggeltätigkeit eine Woche vor Geburt der Ich-Erzählerin auf; Helgas Ko-Chefin wirtschaftet das Busunternehmen innerhalb von vier Monaten herunter.Eckhart, Omama, S. 243–245. Jene Ko-Chefin initiiert allerdings auch die nächste Geschäftsidee: den Verkauf von sogenanntem Drachenbalsam, einer angeblich wundertätigen Salbe.Eckhart, Omama, S. 258. Alsbald „riecht es in ganz Freienstein wie in einer Opiumhöhle. Die Freiensteiner frohlocken in einem Taumel imaginierter Verjüngung und Glückseligkeit.“Eckhart, Omama, S. 259. Auch dieses Kleinunternehmen führt die Drachenbalsams-Vertrieblerin Helga zum Erfolg, so die Ich-Erzählerin: „Während meine Altersgenossen im Kindergarten eingesperrt sind, wo sie schmerzlich lernen müssen, dass Kinderscheren nicht so heißen, weil man damit Kinder schneidet, und zum Trost über das Aua einen Uhu-Stick nach dem anderen fressen, tingle ich mit Großmutter einmal quer durch Österreich. Binnen eines Jahres kenne ich sämtliche Messehallen, die dieses Land zu bieten hat.“Eckhart, Omama, S. 273. Nach einem Verkehrsunfall mit einem Streifenwagen, weswegen man Helga „auf Lebenszeit Führerschein und Auto wegnahm“, tut Helga sich „aus Neugier“ als Reinmachefrau umEckhart, Omama, S. 280. und nimmt auch hierbei ihre Enkelin mit sowie auf Reisen nach Russland,Eckhart, Omama, S. 305–307. eine Spitzbergen-Kreuzfahrt samt überdrehtem Slapstick-FinaleEckhart, Omama, S. 312–359. oder, als die Ich-Erzählerin dort studiert, Paris.Eckhart, Omama, S. 308. „Einzig das Reisen kuriert von dem Glauben, die Welt sei größer als der Verstand. Großmutter reist schrecklich gerne. Sie will die Welt sehen. Nicht ergründen, nicht entdecken und erst recht nicht verstehen. Sie will sie nur sehen. Großmutter reist aus den richtigen Gründen. Nämlich aus keinen. Sie reist nicht, um sich selbst zu finden. Sie reist nicht, um sich selbst zu fliehen. Ebenso wie das Internet ist das Selbst eine Erfindung, die Großmutter nicht mehr mitmachen möchte.“Eckhart, Omama, S. 306. Mit den Einschränkungen des Alters dann fliegt Helga „nicht mehr um die Welt, sondern einzig mir um die Ohren“:Eckhart, Omama, S. 360. Das Leben wird „recht hausbacken und unspektakulär, bietet der Enkelin aber reichlich Anlässe für drastisch zugespitzte Schilderungen“ wie über das Telefonieren oder das Schenken. Epilog und Nachruf Der Roman schließt im „Epilog“ mit einem familiären Wiedersehenstreffen im ungarischen Zalakaros und im „Nachruf“ mit der Beerdigung von Helgas langjähriger Ko-Chefin; beides bietet Raum für weitgreifende Reflexionen. Textanalyse