mini|hochkant=1.2|Ukrainische Gemeinde während der Eröffnungsparade des 26. Nationalen Einwandererfestivals in Oberá (2005) Die Ukrainer in Argentinien () sind eine ethnische Minderheit, die sich aus Personen mit ukrainischen Wurzeln in Argentinien zusammensetzt. Mit einer Zahl von ca. 350.000 bis 450.000 ist die ukrainische Diaspora in Argentinien die zweitgrößte Lateinamerikas und die siebtgrößte der Welt.

Geschichte Erste Einwanderungsphase Die ukrainische Massenauswanderung begann im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, hauptsächlich aufgrund der Überbesiedlung von Ackerland. Im August 1889 kamen mehrere ukrainische Familien, insbesondere aus Kamjanez-Podilskyj, in die Provinz Santa Fe und gründeten die erste jüdische Agrarkolonie, Moisés Ville. Am 27. August 1897 kamen vierzehn Familien aus dem Königreich Galizien und Lodomerien in die ehemalige Jesuitenreduktion Apóstoles. Die Neuankömmlinge aus Galizien waren nicht die ersten Ukrainer in Argentinien, aber ihre Ankunft in Apóstoles markiert den Beginn der offiziellen landwirtschaftlichen Kolonisierung der Provinz Misiones sowie der Geschichte der ukrainischen Masseneinwanderung nach Argentinien.

Die erste Einwanderungsphase von Ukrainern nach Argentinien war von 1897 bis 1914. Zu den Siedlern der ersten Welle gehörten Bauern aus Galizien und der Bukowina, die mit ihren Familien auswanderten. Einige von ihnen wollten in der Landwirtschaft arbeiten, andere, darunter Vertragsarbeiter, waren Gastarbeiter, die hofften, in einigen Jahren nach Europa zurückkehren zu können. Sie hatten die Absicht, sich in den Vereinigten Staaten niederzulassen, wurden von den US-Einwanderungsbehörden in Hamburg aus medizinischen Gründen abgewiesen und von Einwanderungsbeamten überredet, nach Argentinien zu ziehen, das liberale Einreisebestimmungen hatte.

mini|hochkant|Karte der Verbreitung der Ukrainer in Argentinien Sie wurden nach Misiones geschickt, eine fast unbewohnte Region mit subtropischem Wald und Pampa, die kultiviert werden musste. Den neuen Siedlern wurden jeweils 50 Hektar Staatsland mit einem Zahlungsaufschub von zehn Jahren verkauft. Sie bekamen Nahrungsmittel, Saatgut und landwirtschaftliche Geräte zugeteilt und erhielten auch andere Formen der Unterstützung. Ermutigt durch diese Vorteile ließen sich ukrainische Einwanderer nieder, rodeten und erschlossen Neuland und gründeten Bauernhöfe.

Der größte Zustrom ukrainischer Einwanderer nach Argentinien fand in diesem Zeitraum zwischen 1900 und 1903 statt, und bis zum Ersten Weltkrieg belief sich die Zahl der Neuankömmlinge und ihrer Nachkommen auf bis zu 10.000. Ukrainische Einwanderer aus dem Russischen Reich, die nach der Revolution von 1905 kamen, ließen sich meist in den städtischen Zentren der Provinz Buenos Aires nieder. Abgesehen von Saisonarbeit wagten nur wenige, die Region für längere Zeit zu verlassen. Berisso wurde ihr Hauptwohnsitz. Einige galizische Einwanderer ließen sich ebenfalls in dieser Provinz nieder, aber die Mehrheit zog die Möglichkeit vor, im Landesinneren zu erschwinglichen Preisen Land zu erwerben. In Argentinien wurden ukrainische Einwanderer als „Rutenos“ (Ruthenen) bezeichnet. Diese Volksbezeichnung war üblich, bevor sich der Begriff „Ukrainer“ durchsetzte.

Zweite Einwanderungsphase Die zweite Einwanderungswelle von 1922 bis 1939 war vielfältiger. Sie bestand aus Ukrainern aus Galizien, Wolhynien, Polesien, Transkarpatien und der Bukowina sowie politischen Emigranten aus der Zentral- und Ostukraine. Bis zu 70.000 Ukrainer wanderten zwischen 1921 und 1939 nach Argentinien aus. Es kamen vor allem Intellektuelle mit einem hohen Maß an politischem Bewusstsein wie Politiker und Funktionäre der Ukrainischen Volksrepublik und Militärangehörige. Sie waren in wirtschaftlichen und unternehmerischen sowie in wissenschaftlichen und kulturellen Feldern tätig. Während dieser Zeit wuchsen die bestehenden Kolonien in Misiones und Buenos Aires, und neue Gemeinden entstanden in Provinzen wie Chaco, Mendoza, Formosa, Córdoba, Entre Ríos, Santa Fe und Río Negro.

In der zweiten Einwanderungswelle wurde Argentinien zu einem der Hauptempfängerländer ukrainischer Auswanderung. In diesen zwei Jahrzehnten wanderten mehr Ukrainer nach Südamerika als nach Nordamerika aus. Da Argentinien an ihnen interessiert war, stieg ihre Quote ständig an, und so bildeten in den 1930er Jahren ukrainische Neuankömmlinge die Mehrheit der Einwanderer und übertrafen zahlenmäßig die Zahl der Neuzuwanderer aus Italienen und Spanien, die schon immer die traditionelle Quelle der Masseneinwanderung nach Argentinien gewesen waren. In den späten 1930er Jahren war das Verhältnis von Neuankömmlingen zu Geburten in Argentinien höher als in jedem anderen Land Amerikas. Der nördliche Teil von Chaco entwickelte sich zu einem weiteren Kern ukrainischer Siedlungen. Viele der Neuankömmlinge zogen jedoch, dem Beispiel ihrer Vorgänger folgend, die Provinz Buenos Aires vor, stärkten so die Gemeinde in Berisso und gründeten Gemeinden in anderen Gebieten rund um die Bundeshauptstadt.

Die politischen Grenzen der Ukrainer änderten sich durch den Ersten Weltkrieg mehrmals, und es gab eine kurze Zeit der Unabhängigkeit. Im Februar 1921 erkannte Argentinien als einziges Land Lateinamerikas die Ukrainische Volksrepublik an und nahm zu ihr diplomatische Beziehungen auf. Nach dem Krieg wurden die ukrainischen Gebiete auf vier Gerichtsbarkeiten aufgeteilt: Die Sowjetunion, Polen, Rumänien und die Tschechoslowakei. Die ukrainischen Einwanderer der zweiten Welle kamen aus all diesen Ländern und die Mehrheit aus dem ostpolnischen Galizien und Wolhynien. Die Einwanderer dieser Welle, unter ihnen viele Kriegsveteranen, waren stärker politisiert als ihre Vorgänger. Sie gründeten mehrere Organisationen mit unterschiedlichsten politischen Ausrichtungen, mit einem Zentrum in Buenos Aires und mehreren Zweigstellen im ganzen Land. Im gleichen Zeitraum hielten Tausende von Ukrainern, die sich in den Nachbarländern Paraguay und Uruguay niederließen, Verbindungen zu ihren Landsleuten in Argentinien aufrecht.

Dritte Einwanderungsphase mini|Feier des 60. Jahrestags der ukrainischen Besiedlung Argentiniens in Apóstoles Die dritte Phase ukrainischer Einwanderung nach Argentinien (insgesamt etwa 6000 Personen zwischen 1946 und 1950) bestand aus Vertriebenen aus DP-Lagern in Deutschland und Österreich. Die meisten von ihnen waren Teilnehmer der nationalen Befreiungsbewegung in der Ukraine oder sind während der deutschen Besatzung zur Zwangsarbeit aus der Ukraine deportiert worden. Ein großer Prozentsatz von ihnen waren ausgebildete Akademiker und Fachkräfte, die sich hauptsächlich in Buenos Aires und Umgebung niederließen.

Aufgrund der Wirtschaftskrise von 1950 bis 1952 und der daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche in einigen Bereichen wanderten einige dieser Einwanderer nach Nordamerika aus. Ende der 1940er Jahre kam es auch zu einer von der Sowjetunion geförderten Rückkehrbewegung von Mitgliedern der sowjetophilen ukrainischen Gemeinschaft in die Ukrainische SSR. Der daraus resultierende Rückgang der ukrainischen Bevölkerung in Argentinien wurde teilweise durch die Umsiedlung von Ukrainern aus Paraguay und Uruguay sowie durch die Rückkehr einer Reihe desillusionierter Sowjetophiler aus der Ukrainischen SSR ausgeglichen, die die Ausreisegenehmigung von der sowjetischen Regierung zu erhielten.

Vierte Einwanderungsphase Am 5. Dezember 1991 erkannte Argentinien als erstes lateinamerikanisches Land die Unabhängigkeit der Ukraine an. Die Ukraine eröffnete im März 1993 eine Botschaft in Buenos Aires und Argentinien im Mai 1993 in Kiew. Honorarkunsulate der Ukraine wurden in den Provinzen Misiones und Chaco eingerichtet. 1997 feierte die ukrainische Gemeinde in Argentinien ihr 100-jähriges Bestehen. Die Feierlichkeiten fanden im ganzen Land statt, besonders jedoch in Apóstoles am Morgen des Unabhängigkeitstags der Ukraine.

Die vierte Einwanderungsphase seit 1993 begann dadurch, dass Argentinien nach dem Zerfall der Sowjetunion begann, Osteuropa als Quelle billiger und vor allem qualifizierter Arbeitskräfte zu betrachten. Bis Januar 2004 erfolgte die Auswanderung aus der Ukraine nach einem speziellen vereinfachten Auswanderungsverfahren für osteuropäische Länder. Danach konnte jeder Ukrainer unter 65 Jahren nach Vorlage entsprechender Unterlagen und Bestehens von Befragungen mit Mitarbeitern der Konsularabteilung der argentinischen Botschaft in der Ukraine ein einjähriges Visum mit Arbeitsberechtigung erhalten, das bei Vorliegen eines offiziellen Arbeitsvertrags jährlich kostenlos verlängert wurde. Nach dreijährigem Aufenthalt in Argentinien konnte eine Person mit einem offiziellen Arbeitsvertrag eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis beantragen und später die argentinische Staatsbürgerschaft erhalten.

Nach Angaben des argentinischen Migrationsamts kamen zwischen 1993 und 2003 etwa 25.000 Ukrainer nach Argentinien. Die überwiegende Mehrheit der neu angekommenen verfügte über eine höhere oder weiterführende Fachausbildung. Eine Analyse der verfügbaren statistischen Daten zeigt, dass der Zustrom ukrainischer Auswanderer nach Argentinien ab 2002 deutlich zurückging. Im Gegensatz dazu stieg die Zahl der Ukrainer, die Argentinien verließen und in die Ukraine zurückkehrten oder nach Nordamerika oder Westeuropa auswanderten, jedes Jahr. Dies ist vor allem auf die Argentinien-Krise zurückzuführen, in deren Folge viele Ukrainer ihre Arbeit und damit ihre finanzielle Absicherung verloren.

Die Mehrheit der ethnischen Ukrainer lebt in der Hauptstadt und Provinz Buenos Aires (über 120.000) und der Provinz Misiones (ca. 170.000). Auch die Provinzen Chaco (50.000), Córdoba (15.000), Mendoza (10.000), Formosa (8.000 bis 10.000), Río Negro (3.000) und Corrientes (3.000) sind Orte mit dichter Besiedlung.

Wirtschaft mini|Ukrainer ernten Mate-Sträucher in Tres Capones (Provinz Misiones, 1920) Die ersten Siedler in Misiones engagierten sich in der Landwirtschaft und Viehzucht, die zunächst nur auf die Deckung des Familienbedarfs ausgerichtet waren. Mit der Zeit entwickelte sich eine eher monokulturelle Form der vor Ort typischen Landwirtschaft. Ukrainische Landwirte in Misiones bauen hauptsächlich Tee, Reis, Orangen und Zitronen sowie in einigen Gebieten Zuckerrohr und Baumwolle an. Die Provinzen Chaco und Formosa produzieren Baumwolle, Sorghumhirse und Mais; auch die Forstwirtschaft spielt dort eine wichtige Rolle. In der Provinz Mendoza sind Weinbau und Obstanbau die wichtigsten landwirtschaftlichen Aktivitäten, in Río Negro Obstanbau, Forstwirtschaft und Hopfenanbau und in den Provinzen Buenos Aires, Santa Fe und Entre Ríos der Anbau von Weizen, Mais und anderen Getreidesorten. Durch die Bewirtschaftung des Neulandes leisteten die ukrainischen Einwanderer einen großen Beitrag zur Entwicklung der argentinischen Volkswirtschaft.

In städtischen Gebieten arbeiteten die Einwanderer zunächst entweder in manuellen Tätigkeiten wie im Eisenbahn-, U-Bahn- und Hafenbau oder als Fabrikarbeiter oder als Hausmeister, Hausangestellte und Saisonarbeiter. Viele von ihnen erwarben die notwendigen Qualifikationen für bessere Arbeitsplätze. Die Zahl der Fachkräfte stieg mit der dritten Einwanderungswelle deutlich an. Ukrainische Industrie- und Handelsunternehmen wurden gegründet, und Dienstleistungsagenturen verschiedener Art entstanden. Viele junge Ukrainer profitierten von der kostenlosen Universitätsausbildung in Argentinien, und die ukrainische Gemeinschaft brachte eine große Anzahl von Absolventen in verschiedenen Berufsfeldern hervor.

Kultur mini|Statue von Taras Schewtschenko auf der ukrainischen Briefmarke „100. Jahrestag der ersten Ansiedlung von Ukrainern in Argentinien“ (1997) Organisationen