mini|Carlos de Gimbernat (1768–1834) Carlos de Gimbernat y Grassot (* 19. September 1768 in Barcelona; † 12. Oktober 1834 in Bagnères-de-Bigorre) war ein spanischer Arzt, Geologe, Naturwissenschaftler und Publizist. Er trug zur geologischen Erforschung der Alpen bei und erstellte eine der ersten geologischen Karte der Schweiz. Zudem befasste er sich mit Vulkanologie, Epidemiologie und Balneologie und stand in Kontakt mit verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften in Europa. 1826 wurde er in Birmenstorf eingebürgert und erhielt das Bürgerrecht des Kantons Aargau.AG 34.331 Akten der Grossratssitzung vom 5. April 1826, 1826.04.05 (Dossier)
Leben Ausbildung und frühe Reisen Carlos de Gimbernat war Sohn des Chirurgen Antonio de Gimbernat y Arbós und von Eulalia Grassot y Ballester. Er erhielt seine erste Ausbildung in Salamanca und studierte anschliessend Medizin und Philosophie am Colegio de Cirugía de San Carlos in Madrid, das auf Initiative seines Vaters gegründet worden war und 1787 provisorisch den Lehrbetrieb aufgenommen hatte. 1791 erhielt er von König Karl IV. ein Stipendium, um seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse in England, Frankreich und im Heiligen Römischen Reich zu vertiefen. Auf seinen Reisen besuchte er unter anderem Schottland, die Universitäten Oxford und Cambridge, den Bergbau in Cornwall sowie verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen und Gesellschaften. Sein Interesse galt dabei Botanik und ihrer Anwendung in der Landwirtschaft, Physik, Chemie und der Naturgeschichte, und er knüpfte Kontakte zu Gelehrten wie William Smith, Déodat Gratet de Dolomieu und Abraham Gottlob Werner.
Im Rahmen der Wissenschaftspolitik der bourbonischen Monarchien stellte Gimbernat naturkundliche Beobachtungen an und legte der spanischen Regierung Berichte zu industriellen und militärischen Fragen vor. 1793 wurde er in die Linnean Society of London aufgenommen, zum Sekretär des spanischen Botschafters in London ernannt und übernahm die Kuratierung des Königlichen Naturhistorischen Kabinetts in Madrid. Nach der Kriegserklärung zwischen England und Spanien im Jahr 1796 verliess er London und setzte seine geologische Ausbildung in Paris fort, wo er Déodat Gratet de Dolomieu kennenlernte.
mini|Carlos de Gimbernat: Mapa Geognóstico de la Suiza Jura Alpes, 1803 Während seines Aufenthalts in Frankreich wurde Gimbernat am 12. April 1798 zum Vizedirektor des Real Gabinete de Historia Natural in Madrid ernannt, der Vorgängerinstitution des heutigen Museo Nacional de Ciencias Naturales. 1801 erhielt er den Auftrag, seine naturwissenschaftlichen Studien in den deutschsprachigen Ländern fortzusetzen. Auf dem Weg dorthin untersuchte er unter anderem Kanonenwerkstätten in Belgien und führte im November 1802 mineralogische Studien in den Tuffsteinhöhlen bei Weimar durch. In den folgenden Jahren erforschte er über mehrere Sommer hinweg die Alpen von Frankreich bis Ungarn und leitete im Auftrag der spanischen Krone die erste systematische geologische Untersuchung des Alpenraums.
Mit Ausbruch des Spanischen Unabhängigkeitskriegs 1808 endete die finanzielle Unterstützung durch die spanische Regierung. Gimbernat erhielt daraufhin Förderung durch den bayerischen König Maximilian I. und setzte seine geologischen Studien in Bayern, Frankreich und Italien fort, wo er sich unter anderem mit der Vulkanologie und den Lavamassen des Vesuvs auseinandersetzte.
In Neapel arbeitete Gimbernat eng mit dem Mineralogen und Sekretär der Königlichen Akademie der Wissenschaften Teodoro Monticelli (1759–1845) zusammen, der den Vesuv zu einem internationalen Forschungszentrum für Naturforscher aus ganz Europa gemacht hatte.Rossella De Ceglie, Carla Petrocelli: Dentro il vulcano. Il viaggio a Napoli di Gimbernat e Babbage nella prima metà dell'Ottocento. Mimesis Edizioni, Mailand 2022, ISBN 978-88-575-8381-5 (italienisch). Gimbernat bestieg den Vesuv insgesamt sechzehn Mal und führte 1819 Kaiser Franz I. von Österreich auf den Gipfel. Seine geologischen Beobachtungen sind eng mit den liberalen politischen Strömungen seiner Zeit verflochten: 1820 erlebte er in Neapel eine Revolution, in deren Folge Ferdinand I., König beider Sizilien, eine an der spanischen Verfassung von Cádiz orientierte Verfassung akzeptieren musste, die im Kontext des beginnenden Trienio Liberal in Spanien stand.
Gimbernat drückte diese Verbindung von Wissenschaft und Politik auf einzigartige Weise aus: Er nutzte flüssige Lava, die er direkt am Vesuv schöpfte, um daraus Gedenkmedaillen zu prägen – darunter eine Lavamedaille, deren Inschrift explizit die konstitutionelle Monarchie und die liberale Revolution von 1820 feierte.In einer Publikation des spanischen Nationalmuseums für Naturwissenschaften (MNCN) zu dieser Lavamedaille wird Gimbernat zu seiner Intention hinter der Prägung wie folgt zitiert: „Auf der einen Seite trägt die Medaille die denkwürdigen Worte, die der König [Ferdinand VII. von Spanien] am 10. März an die Nation gerichtet hat: ‚Ich habe auf diese Verfassung geschworen, nach der ihr euch gesehnt habt, und ich werde immer ihre festeste Stütze sein.‘ Auf der anderen Seite habe ich die ausdrucksstarken Worte des in besagtem Eid geschlossenen heiligen Paktes eingraviert: ‚Die Allianz von Thron und Freiheit, geprägt mit Lava des Vesuvs, im Jahr 1820, von Gimbernat.‘“ Zitiert nach: Aurelio Nieto Codina: Pieza del mes: Medallón conmemorativo de lava, de Carlos de Gimbernat y Grassot (1820). Museo del Romanticismo / Museo Nacional de Ciencias Naturales (MNCN), September 2013 (Online als PDF: cultura.gob.es; abgerufen am 12. März 2026).John Brewer: Volcanic: Vesuvius in the Age of Revolutions. Yale University Press, 2023. ISBN 978-0-300-27266-6 Brewer zufolge geriet Gimbernat wegen der 1820 geschaffenen Lavamedaille mit ihrer prokonstitutionellen Inschrift in politische Schwierigkeiten; er sei den piemontesischen Behörden denunziert, von Verhaftung bedroht und gezwungen gewesen, in die Schweiz zu fliehen. Brewer schreibt, Gimbernats wissenschaftliche Laufbahn sei durch diese Lavamedaille ruiniert worden.
Spätere Jahre, Bedeutung und Tod Nach politischen VerwerfungenMit den „politischen Verwerfungen“ in Spanien um 1800 sind die tiefgreifenden Umbrüche dieser Epoche gemeint: Dazu zählen die napoleonische Invasion 1808, die darauf folgende Abdankung der Bourbonen, die lang anhaltenden Unabhängigkeitskriege, häufig wechselnde Staatsformen und die Konflikte zwischen liberalen und konservativen Kräften wie etwa während des sogenannten Trienio Liberal (1820–1823). Diese Zeit war geprägt von Bürgerkrieg, machtpolitischen Auseinandersetzungen, Unruhen in den Strassen und mehrfachen Regierungswechseln. Viele spanische Intellektuelle und Wissenschaftler, darunter auch Carlos de Gimbernat, verliessen als Folge dieses instabilen Umfelds das Land und setzten ihre Arbeit vorübergehend im Ausland fort. in Spanien blieb Gimbernat vor allem in Bayern und Frankreich tätig und widmete sich seinen geologischen Studien. Besonders seine Arbeiten zum Vesuv trugen zur Diskussion über die Kristallisation plutonischer Gesteine bei.Carlos de Gimbernat untersuchte im Oktober 1818 den Vesuv im Zuge mehrerer wissenschaftlicher Expeditionen. In zeitgenössischen Berichten und eigenen Publikationen dokumentierte er die vielfach wiederholte Besteigung des aktiven Vulkans, die Beobachtung anhaltender Eruptionen und die Entnahme charakteristischer Mineralproben. Seine detaillierten Beschreibungen und Analysen zu Schichtungen sowie zur Kristallisation von Gesteinen sind als früher Beitrag zur Bestätigung der damals neuen Erkenntnisse über die plutonische Gesteinsbildung anerkannt. Vgl. „Il Vesuvio tra scienza, misteri e rivoluzioni: il caso di Carlos de Gimbernat“ (Podcast, Seton Hall University, 2025). Er entwickelte die „Thermographie“ zur Analyse von HeilwässernDie Thermographie im Kontext von Carlos de Gimbernat bezeichnet eine frühe Anwendung thermometrischer Messungen zur Untersuchung von Heilwässern, bei der Temperaturunterschiede und Wärmeverteilung als diagnostisches Werkzeug genutzt wurden. Dies stellte eine innovative Methode dar, um physikalische Eigenschaften naturheilkundlicher Quellen systematisch zu analysieren und deren gesundheitliche Effekte besser einzuschätzen. Die wissenschaftliche Methode der Thermographie wird auch in moderner Forschung als Messung der Temperaturverteilung auf Körperoberflächen oder bei natürlichen Quellen verwendet, um physiologische und physikalische Zustände zu analysierenCarlos de Gimbernat war der Initiator und Erbauer der Dampf- und Gasbäder in Baden im Kanton Aargau, wie in der Publikation von 1827 ausführlich beschrieben. Diese Anlagen waren neuartige Einrichtungen zur Nutzung der aus den Quellen aufsteigenden Gasdämpfe, hauptsächlich Schwefelgas, zu Heilzwecken, insbesondere bei Hautkrankheiten. Gimbernats Pionierarbeit in Baden beinhaltete neben der technischen Errichtung auch das medizinisch-balneologische Konzept, das die Wirkung von Gas- und Dampfbädern in der Therapie betonte. Die Badehäuser verfügten über mehrere Reihen von Badekästen mit eigenständiger Wasserzufuhr, getrennt nach Geschlechtern, um hygienische Standards sicherzustellen. Die Publikation von 1827 beschreibt zudem die Geschichte, die technischen Einrichtungen und die chemische Zusammensetzung der Thermalquellen. Bibliografische Angabe: [Beschreibung der Heilbäder der löblichen Eidgenossenschaft]: Über die Dampf- und Gas-Bäder zu Baden mit einigen Notizen über Schinznach im Canton Aargau, [Zürich, 1827]. P. Haberbosch: Von einer seltsamen Mineralquelle. In: Badener Neujahrsblätter 1944, S. 89-91. Diese Quelle ist Grundlage für das Verständnis der innovativen balneologischen Anwendungen Gimbernats und seiner technischen Einführung der Gas- und Dampfbäder in Baden. und entwarf gesundheitliche Richtlinien zur Bekämpfung ansteckender Krankheiten. Bis zu seinem Tod im Jahr 1834 in Bagnères-de-Bigorre war Gimbernat im Bereich von Wissenschaft und Gesundheitspflege aktiv. Gimbernat starb 1834 in Bagnères-de-Bigorre und wurde bis zu seinem Tod von Joseph Lugo fürsorglich begleitet.
Gimbernat war in vielfältigen Bereichen wie Hydrogeologie, Petrografie, Tektonik, Stratigraphie tätig, am bekanntesten ist er allerdings für seine Arbeiten zur geologischen Kartographie. Gimbernat publizierte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, die überwiegend in Fragmenten oder verstreut über verschiedene Publikationen erhalten sind.
Seine Karten der Alpen und Tirols sowie seine Studien zu Thermalquellen und vulkanischen Gasen werden in der neueren Fachliteratur zur Geschichte der Geologie und der Balneologie weiterhin diskutiert.María Dolores Parra del Río: Planos geognósticos de los Alpes, Suiza y Tirol de Carlos de Gimbernat. Doce Calles, Aranjuez 1993, insbes. S. 121–145 (Bibliographie und Würdigung der geologischen Kartographie Gimbernats).Bibliografías Virtuales de España (BVFE): Gimbernat y Grassot, Carlos de (1768–1834). In: BVFE, o. J., abgerufen am 11. März 2026, https://www.bvfe.es/es/component/mtree/autor/9849-gimbernat-y-grassot-carlos-de.html.MCN Biografías: Gimbernat, Carlos de (1768–1834). El geólogo y naturalista que revolucionó las ciencias europeas. In: MCN Biografías, 2025, abgerufen am 11. März 2026, https://mcnbiografias.com/gimbernat-carlos-de.Benno Baumgarten: Carlos de Gimbernat und die erste geologische Karte von Tirol 1808. In: Berichte der Geologischen Bundesanstalt 65, 2007, S. 20–25.
Wirken Geologische Kartographie und balneologische Forschungen